Miami Files

Ricardos Tagebuch: Small Favors 5

17. Dezember, mittags

Alex hat sich eben erst wieder gemeldet, aber Cleo und ihm geht es gut. Also soweit es ihr bei der Herrin der Stürme gutgehen kann, aber ausführlicher konnte er am Telefon erst einmal nicht werden. Aber wir treffen uns gleich, dann wird er hoffentlich erzählen.


Also. Cleo wollte eigentlich sofort los, aber Alex konnte die junge Magierin überzeugen, dass genug Zeit war, um einige Sachen zu packen und sich zu sammeln. Währenddessen erzählte sie ihm, was es mit Tanits Ruf eigentlich auf sich hatte, das schien ihr ein Anliegen zu sein. Tanit hatte ihr geholfen und ihr längere Zeit lang Zuflucht gewährt, als Lafayette duMornes Sohn Justin ihre Mutter und sie gejagt – oder besser einen Outsider hinter ihr hergejagt – hatte, und sich zur Gegenleistung bei Cleos magischer Kraft versprechen lassen, dass Cleo ihr dienen werde, wenn Tanit sie rufe. Cleo sei sich dessen bewusst gewesen, dass die Winterherzogin sie schon seit einer ganzen Weile rufen wolle, aber bisher sei es ihr immer gelungen, die Nachricht nicht entgegennehmen zu müssen. Bis gestern eben. Stimmt, das hatte Richard damals erzählt. Justin duMorne hatte sich mit einem Outsider eingelassen und seine Tochter nur gezeugt, damit er irgendwelche Experimente mit ihr machen konnte, deswegen war Cleos Mutter ja mit ihr geflohen und deswegen war Cleo ja auch so gut im Verstecken und Untertauchen.

Jetzt jedenfalls war es also an der Zeit für Cleo, ihr Versprechen einzuhalten, wenn sie ihre Magie nicht verlieren wollte. Alex begleitete sie nach Hause, damit sie einige Dinge zusammensuchen und zwei Briefe schreiben konnte, einen an Richard, einen an Spencer Declan, die sie Alex zu überbringen bat, dann brachte er sie auf den Cayo Huracán. Tanit empfing Cleo mehr als kühl, weil die ihr so lange ausgewichen war, und schickte sie ziemlich sofort in den Nevernever-Teil ihres Palastes, ohne ihr Zeit für lange Verabschiedungen zu lassen. Aber immerhin gelang es Alex noch, Cleo das vergessene Exemplar von Faerie Storm zurückzugeben, was ihr wohl ziemlich viel bedeutete.
Er versuchte auch, Tanit zu fragen, wie lange Cleo ihre Schuld würde abarbeiten müssen, aber darauf war Tanit nicht bereit zu antworten.

Mierda. Ich hoffe, der Kleinen wird es dort einigermaßen gehen. Ich denke – ich hoffe! – nicht, dass Tanit sie misshandeln wird, aber es ist eine Gefangenschaft, ganz gleich, wie gut man Cleo dort behandelt.

Ach ja, und sagte ich schon, dass das Eidbrechermal bei Totilas in dem Moment verschwand, als Cleo Tanits Botschaft überbrachte? Konnte man sich vermutlich schon denken, aber ja, die Übergabe der Nachricht war ganz klar das, was die Winterherzogin von unserem White Court-Freund verlangt hatte. Als wir ihn hinterher darauf ansprachen, erklärte er, er habe uns nichts sagen können, weil Tanit ja diesen Schweigeschirm um sie gezogen habe und er sich ja beim letzten Mal schon bei ihr in die Nesseln gesetzt habe, weil er etwas verriet, das sie im Vertrauen erzählt habe. Nun ja. Beim letzten Mal hatte er sein Wort gegeben, niemandem etwas zu sagen, und dieses Wort eben gebrochen. Da gibt es schon einen deutlichen Unterschied, es sei denn, Tanit hätte ihm auch diesmal ein ähnliches Versprechen abgenommen. Aber gut. Jetzt ist es so gelaufen, und Tatsache ist tatsächlich, um die Eidbrecheraura loszuwerden, musste Totilas Cleo diese Nachricht überbringen. Dass Totilas’ Rehabilitation die arme Cleo in diese Zwangslage bringen würde, das war natürlich vorher nicht vorherzusehen. Oder vielleicht konnte Totilas sich auch etwas in der Art denken, zog seine Aufgabe aber trotzdem durch. Demonios. Ich kann der Kleinen nur von ganzem Herzen alles Gute und viel Kraft wünschen.

Eigentlich habe ich nach all dem nicht viel Lust, heute abend wie geplant mit Lidia ins Kino zu gehen. Aber ich kann sie jetzt nicht hängen lassen. Verabredet ist verabredet. Okay, Alcazár. Gute Miene machen. Du willst Lidia nicht auch herunterziehen.


Abends.

Wir waren in La La Land, und es war tatsächlich richtig schön. Wir hatten noch überlegt, ob wir lieber La La Land oder den neuen Star Wars-Spinoff schauen sollten, aber ich glaube, das Musical war die richtige Entscheidung. Lidia sagte mir auf den Kopf zu, dass etwas nicht in Ordnung sei, und sie ist ja genug über die Magie und dergleichen im Bilde, dass ich ihr ungefähr erzählen konnte, um was es ging. Nicht in allen Details, aber genug über das grundlegende Dilemma.
Und der Film war tatsächlich sehr nett. Einfach rundum erfreulich, und das, obwohl ich mit Musicals normalerweise nicht so viel anfangen kann.

Und ich habe mit Lidia verabredet, dass Monica und sie an Weihnachten zu uns kommen. Jandra und Monica hätten sich ohnehin zum Spielen getroffen, da können wir auch gleich gemeinsam feiern.


19. Dezember

Ich habe Pan nach den Ankerinseln gefragt. Wie er es erzählte, gehörten die Ankerinseln einst alle drei dem Sommer, aber die Insel der Tränen schenkte Pan dem Winter, weil er fand, Trauer und Sommer passten nicht zusammen, und die Insel der Jugend habe er vor einigen Jahren bei einem Kartenspiel an Sergeant Book verloren. Was nun die Insel der Stürme angehe, so sei das ein strittiger Punkt mit Tanit. Die Winterherzogin habe behauptet, sie sei ja die Herrin der Stürme, also sollte die Insel viel eher ihr – und damit dem Winter – gehören. Und in diesem Streit habe er ihr versprochen, er werde ihr die Insel schenken, wenn sie sie so gerne haben wolle – als Hochzeitsgeschenk. Aber da Tanit sich ja weigere, ihn zu heiraten, war es das eben bisher mit der Inselübergabe. Wenn sie denn doch mal irgendwann heiraten würden, dann gerne. Tanit allerdings behaupte, er habe ihr die Insel ohne Heiratsbedingung, sondern einfach so zum Geschenk gemacht, und damit gehöre sie schon dem Winter.

Ooookay. Das ist, glaube ich, ein Thema, bei dem ich mich heraushalte. Sollen das die beiden mal schön untereinander klären, dazu brauchen sie ihre Ritter nicht. Wobei ich persönlich ja der Ansicht bin, eine Insel pro Feenfraktion ist nur fair. Der Gedanke, die Insel der Stürme an den Winter abzugeben, gefällt mir also nicht so recht. Aber das ist ziemlich sicher der Sommermantel, der da spricht, glaube ich.


24. Dezember, morgens

Heute werde ich nicht viel zum Schreiben kommen – Baum schmücken, kochen, Alejandra beschäftigen… Aber ich freue mich auf die Feiertage, muss ich sagen.


25. Dezember, morgens

¡Feliz Navidad, allerseits! Das war schön gestern. Gut zu Abend gegessen, Alejandra und Monica durften mit in die Christmette – das ist immer wieder etwas Besonderes, um kurz vor Mitternacht noch raus zu dürfen – und haben dann Pyjamaparty halten dürfen. Lidia hat im Gästezimmer übernachtet, bevor hier Ideen aufkommen, Römer und Patrioten. Aber ja. Es gab einen Kuss. Jetzt zufrieden?

Außer mir schläft alles noch. ich habe gerade aufgeräumt und klar Schiff gemacht, und vielleicht habe ich gleich noch ein bisschen Zeit, bevor es hier wieder rund geht. Ich muss – möchte, vor allem, aber muss auch, wenn ich ehrlich bin – endlich mal anfangen, meine Outline-Gedanken in erste Romanseiten zu gießen. Und, wenn ich noch einmal ehrlich bin, mich auch ein bisschen ablenken. Da ist dieser Kuss, der mir die ganze Zeit im Kopf herumschwirrt.


25. Dezember, abends

Natürlich hatte ich keine Zeit. Nicht viel später wachten alle auf, und dann begann die übliche Weihnachtshektik. Die Mädchen, die am liebsten den ganzen Tag miteinander verbracht hätten, waren ein bisschen traurig, dass sie sich mittags trennen mussten, weil wir zu unseren jeweiligen Familien fuhren, aber das gemeinsame Spielen läuft ja nicht weg.
Und Lidia und ich haben beschlossen, auch Silvester gemeinsam zu feiern.


28. Dezember

Irgendwer hat gepetzt. Entweder war es Alejandra, oder Yolanda hat sich einen Spaß daraus gemacht, mich reinzureiten. Mamá wollte heute wissen, wann ich ihnen denn meine neue Freundin vorstellen würde. Ach seufz. Da ist doch noch gar nichts spruchreif. Wir waren auf einigen Dates, zugegeben. Wir haben uns geküsst, auch zugegeben. Aber ich würde die weitere Entwicklung gerne ohne die neugierigen Augen meiner Eltern geschehen lassen, wenn das irgendwie möglich ist, herzlichen Dank.


01. Januar, abends

¡Feliz Año Nuevo, Römer und Patrioten!

Das Eltern-Vorstell-Problem haben wir gelöst, weil Mamá und Papá so nett waren, nicht nur auf Alejandra, sondern auch auf Monica aufzupassen, damit Lidia und ich ausgehen konnten. Yolanda war für Silvester ohnehin nicht verfügbar – ich tippe auf Marshall Raith, so sehr, wie mein Schwesterchen herumgedruckst hat und nicht mit der Sprache herausrücken wollte, wo ich doch eigentlich überhaupt nicht in sie gedrungen war. Oder zumindest finde ich, mein „Viel Spaß an Silvester; was machst du eigentlich?“ war eine ganz gewöhnliche Frage, wie man sie auch einem Arbeitskollegen hätte stellen können. Das ich darauf ein „Also, ähhm, also, weißt du, ja…“ bekommen würde, was eigentlich sonst überhaupt nicht Yolandas Art ist, lässt mich zwei Dinge vermuten. Entweder, ich habe sie wirklich auf dem falschen Fuß erwischt, oder das war reine Absicht, um mich aus dem Konzept zu bringen. Also wirklich.

Jedenfalls brachten wir die Mädchen bei meinen Eltern vorbei, und ich möchte schwören, sie stubsten einander in die Seiten wie Teenager, als sie Lidia erklärten, es sei eine große Freude, sie kennenzulernen, und uns dann einen schönen Abend und eine schöne Party wünschten. Und nein, nein, es sei gar kein Problem, auf die Kinder aufzupassen, sie hätten ohnehin nicht groß etwas geplant, vielleicht mit den Nachbarn anstoßen, alles gar kein Ding, und natürlich würden die Mädchen bei ihnen übernachten, es sei uns und ihnen doch nicht zuzumuten, sie nachts wieder abzuholen… Aha. Verstehe schon. Es war mir gelinde peinlich, aber Lidia nahm es mit Humor.

Und ja, nach der Party blieb sie tatsächlich über Nacht. Und zwar nicht im Gästezimmer. Und dann auch noch den Rest des Tages. Wir haben die Mädchen erst am frühen Nachmittag abgeholt und waren dann noch eislaufen mit ihnen. Seltsam, wie ich das hier so aufschreibe, klingt es ganz fürchterlich bieder und langweilig, aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Bis auf die kleine Tatsache, dass es das erste Mal war, dass ich mich im Schlittschuhlaufen versucht habe, seit ich Pans Ritter bin – und dass mir diese große Eisfläche diesmal deutlich unsympathischer war als früher immer. Aber da musste der Sommerrittermantel jetzt durch – hier ging es um Spaß mit der, traue ich mich, es zu sagen? Familie.


[es folgen diverse weitere Einträge privater Natur]


18. März

Heute hat mich Saltanda, die Nymphe angesprochen, als ich bei Pan im Palast war. Sie war ganz aufgeregt, denn sie ist schwanger. Das ist bei ihr nun nichts Neues; sie erklärte, von Satyren sei sie schon sehr oft schwanger gewesen, aber diesmal fühle es sich anders an, und es gehe auch viel langsamer und alles.
Langer Rede kurzer Sinn: Das dürfte wohl das Ergebnis von Totilas’ ‘Ablenkung’ bei dem Reinigungsritual im Dezember gewesen sein. Sieh an, unser White Court-Kumpel wird Vater.


18. März, später.

Jahaaa. Denkste. Als ich Totilas die Mitteilung machen wollte, stellte sich heraus, dass er tatsächlich nicht der einzige ist, der als Vater in Frage kommt. Es war ein tantrisches Reinigungsritual, Römer und Patrioten, und wie es sich herausstellte, haben weder Edward und Roberto sich mit Ritualwirken begnügt. Oder besser gesagt, das Ritualwirken nahm eben entsprechende Formen an.

Natürlich wollten die drei nun Gewissheit haben, wer von ihnen denn nun der Vater sei, also führte Edward ein Ritual zur Bestimmung heraus. Natürlich – Edward nutzt ja jede Gelegenheit, die er nur bekommen kann, um irgendwelche Rituale zu ziehen. Aber zugegeben: Es ist ja auch die Frage, ob und inwieweit ein schnöder Gentest bei einer Nymphe von Erfolg gekrönt wäre.

Ein Ergebnis jedenfalls hatten sie relativ schnell: Roberto ist der Vater des Kindes. Oh-hah. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dee das gefallen wird. Falls sie es erfährt, versteht sich. Von mir aber jedenfalls nicht. Das würde, auch wenn ich dank Lidia über Dee endlich hinweg bin, viel zu sehr wie billiges Rachenehmen an Roberto wirken, auch und gerade, weil wieder Saltanda involviert ist.


22. März

Von mir hat Dee es zwar nicht erfahren, aber erfahren hat sie es. Roberto selbst hat es ihr erzählt – und so dreckig, wie es ihm jetzt geht, hat es ihr genausowenig gefallen, wie ich dachte, dass es das würde.

Ich habe nicht so ganz in jedem letzten Detail mitbekommen, wie das genau ablief, aber aus dem, was Alex, der seine Schwester besänftigen musste, angedeutet hat, reime ich mir folgendes zusammen:
Roberto war tatsächlich sehr glücklich darüber, dass er Vater werden würde, und er muss in dieser Stimmung und völlig aufgeräumt wohl Dee diese Eröffnung gemacht haben. Bei einem romantischen Abendessen zur Feier des Anlasses, wohlgemerkt. Das hat Dee wohl gar nicht gut aufgenommen, und entweder, sie hat gleich mit ihm Schluss gemacht, oder sie hat ihm das Ultimatum gestellt, falls er wirklich bisher nicht verstanden habe, dass sie monogam veranlagt sei, dann solle er es bitte jetzt verstehen und sich jetzt darauf einlassen. Das konnte oder wollte Roberto aber nicht, also war es das.
Mit Edward hat Roberto sich deswegen auch auf’s Heftigste gestritten, nachdem er sich betrunken hatte und dann mit Edward reden wollte. Edward wurde so wütend, dass er Roberto aus seinem Haus warf, aber er sagte wenigstens noch Totilas bescheid, dass der ihn einsammeln und auf ihn aufpassen sollte.

Tío.


23. März

Ich hatte ein langes Gespräch mit Edward. Der sagte, die ganze Sache sei ihm wegen Cherie so nahe gegangen. Bei ihr habe er gewusst, dass sie mit anderen Männern schlafen muss, um am Leben zu bleiben, und das habe Edward ja auch gewusst und akzeptiert, aber trotzdem habe es ihm verdammt wehgetan, und Cherie habe verstanden, dass ihm das verdammt wehgetan habe.
Dass Roberto jetzt so überhaupt nicht verstehen wollte oder konnte, dass es sehr wohl einen Zusammenhang dazwischen gibt, ob man einerseits fest mit jemandem zusammen ist und andererseits mit anderen Leuten schläft, das machte Edward schlicht fuchsig. Aber tatsächlich hatte er sich deutlich besser unter Kontrolle als noch vor einem Jahr. Da hätte er sich vielleicht nicht beherrschen können und Roberto eine runtergehauen statt ihn nur rauszuwerfen.


24. März

Heute habe ich auch mit Roberto geredet; das war mir wichtig. Nicht, um schadenfroh zu sein, sondern weil ich ihm einfach etwas sagen wollte. Und zwar, dass es mir wirklich leid täte und dass ich es ihm wirklich gewünscht hätte, dass das mit ihm und Dee hält. Ich gab auch zu, dass das vor einem Jahr noch anders gewesen wäre, aber jetzt eben nicht mehr.
Und das war die reine Wahrheit. Vor einem Jahr war ich über Dee noch nicht hinweg. Nein, vielleicht war ich sogar vor einem halben Jahr noch nicht komplett über Dee hinweg. Vor einem Jahr oder einem halben Jahr hätte ich vermutlich versucht, Dee zurückzugewinnen, nachdem sie mit Roberto Schluss gemacht hätte. Aber inzwischen sind die Dinge tatsächlich anders, und deswegen hätte ich mir tatsächlich gewünscht, dass das zwischen Dee und Roberto geklappt hätte, denn Roberto ist mein Freund, und Dee hat mir nie etwas vorgemacht, und beiden wünsche ich, dass sie glücklich werden.

Roberto dankte mir mit ernster Miene, und ich konnte ihm ansehen, dass er erkennen konnte, dass ich es ehrlich meinte. Aber ich glaube, Roberto ist tatsächlich nicht der Typ für eine monogame Beziehung, oder zumindest jetzt nicht. Wenn er sich binden soll, dann muss das jemand sein, der oder die ähnlich offen denkt wie er. Ich weiß nicht, ob er jemals so jemanden finden wird. Aber wünschen würde ich es ihm.

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Turncoat, Teil 1 - Mitschrieb

White-Eagle-Jack möchte seinen Namen ändern. Das ist ihm zu verwirrend mit Luftballon-Jack, außerdem hat er das schon länger nicht mehr gemacht. Dafür gibt es eine Party, auf der er Namensvorschläge annimmt. Direkt abgelehnt ist Jacky McJackface; aber auch Präsidentennamen (oder -spitznamen), John Doe (war er schon mal), Timmy und Kenny (zu viele dumme Wortspiele), Bob (Verwechslungsgefahr) oder Dick will er nicht. Auch keine Namen, bei denen im Namenslexikon “indianisch” dransteht.

Zur Auswahl stehen dann:
- Alan
- Jeremy
- Cannabis Jones
- Anthony
- Tom
- Hazel
- Steve
- Trent
- Kenneth
- Leonard
- Alwin Simon Theodore
- Alexander
- Byron

Auf der Namensparty: Junge blonde Frau bei Lila und Danny. Humpelt leicht. Mittendrin tauchen drei Leute (zwei Männer, eine Frau) in schwarzen Dustern mit langen Stäben auf. Weißer Rat. Sie suchen Enid Campbell, die junge blonde Frau. Ist angeblich ein Warlock und hat ihnen etwas gestohlen.
Aus spontaner Antipathie mit den arroganten Typen hilft Edward Enid, Lila und Danny erst mal, wegzukommen. Derweil lenken Cardo und Roberto die drei Ratshampel ab.

Im Auto erfährt Edward von Enid, dass sie auch eine Ratsmagierin ist. Sie hat zusammen mit den drei anderen eine Einheit gebildet, die Rotvampire und Warlocks bekämpft und generell Warden-Aufgaben übernimmt. Das wurde ihr vor kurzem alles zu viel, und als die Gruppe eine Art “Schloss” eines Warlocks ausräucherte, der die normalen Leute als Sklaven unterjochte, fand sie ein paar Noten: Die Sinfonía de la Tranquilidad. Ruhe und Frieden klang sehr gut für sie, also nahm sie die Noten und machte sich aus dem Staub, verfolgt von ihren ehemaligen Kameraden.

Da die drei anderen den Wahren Namen der Magierin kennen, wird sie erst mal auf ein Boot gebracht. Bei den Sunny Places ist mittlerweile Spencer Declan aufgetaucht und hat die drei anderen Ratsleute mitgenommen. Immerhin ist er Warden und sie nicht, also haben die aufgehört, sich aufzuplustern, und sind brav mitgegangen. Für irgendwas müssen die Steuern ja gut sein.

Auf dem Schiff gibt Enid zu, dass sie möglicherweise ein Warlock ist. Die anderen vielleicht aber auch, das ist im Kampf schwer zu sagen – Kollateralschaden und so. Bei der Auseinandersetzung mit dem Schlossherrn hat sie jedenfalls am Geist der beeinflussten Leute herumgeschraubt, aber die waren doch ohnehin schon kaputt, und sie zu erschießen ist ja nun auch nicht besser. Sie beklagt sich darüber, immer so viele Geräusche im Kopf zu haben – Schüsse, Explosionen, Schreie – und keine Musik mehr zu hören, dabei war sie vor den ganzen Kämpfen sehr musikalisch.
Allerdings summt sie kurz etwas vor sich hin, und die Jungs haben den Eindruck, als würden alle anderen Geräusche neben dem Lied verblassen oder zumindest leiser werden.

Aber mit der Sight kann Roberto nichts Magisches an den Noten finden. Die Sinfonía wurde von Carmen Sosiego geschrieben, einer Ratsmagierin. Viel ist über sie erstmal nicht herauszufinden: Ein paar alte Konzertankündigen aus den 20ern des letzten Jahrhunderts, wo sie wohl Klavier gespielt hat. Auch die Sinfonía ist nur für die Orgel geschrieben (streng genommen also keine Symphonie).
Nach kurzer Diskussion lassen die Ritter Enid wieder gehen, die möchte nämlich weiter. Sie meint, wenn sie sich viel auf dem Wasser aufhält, würden die anderen irgendwann vielleicht die Lust verlieren oder ein besseres Ziel finden.

Nachdem sie sich getrennt haben, bittet Edward noch Vanessa Gruber, dass sie die Ritter kontaktieren möge. Zurück auf der Party erfahren sie, dass Ex-Jack jetzt Byron heißt. Oder Lord Byron. Oder Byron Lord.

Vanessa meldet sich am nächsten Tag. Sie hat von Sosiego gehört: Eine exzentrische Ratsmagierin, die versucht hat, an den Grenzen der Magie herumzuschrauben. Sie ist in den 20ern gestorben oder verschwunden, ganz sicher war Vanessa nicht – aber als Warden hat sie die Order, alle Schriften von Sosiego sofort zu zerstören. Genauso wie die Schriften von Kemmler (einem Nazi-Nekromanten) und noch ein paar anderen Gesellen. Warum, weiß sie aber auch nicht genau (gut, bei dem Nazi-Nekromanten schon).
Danach warnt sie noch vor dem Warden Donald Morgan – falls die Ritter von ihm hören, sollen sie ihm aus dem Weg bleiben und Vanessa Bescheid geben, und Declan natürlich auch.

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Mitschrieb - zwischen Small Favors und Turncoat

Diskussion darüber, ob Cardo auch Lord Fire werden kann – dafür muss aber erst mal Lord Frost eine Lady Frost werden… ist per Ritual doch sicher möglich.
Cardo: “Okay, dann ist Roberto für die Trans-Teile zuständig”
Roberto: “Und Edward für die Cis-Teile.”
Edward: “Sith-Teile heißt das!”

Bei Tanit. Höflicher, offizieller Empfang. Cardo erzählt von der Insel der Jugend und dem Plan. Alles klar, findet sie ganz gut. Schlägt vor, drei Tore: Sommer, Winter, Wyld. Müsste man besprechen. Die Insel der Trauer gehört zum Winter, Insel der Stürme… na, eigentlich zum Sommer, aber … lange Story. Sollte Cardo vielleicht mal mit

Totilas bittet Tanit um Verzeihung. Sie sagt, der Winter ist nicht gnädig, aber er wirft auch ein Instrument nicht weg, das noch Nutzen hat. Sie sagt ihm, er solle in die Stadt gehen, Cleo duMorne und ihr sagen, dass die Zeit gekommen sei und sie zur ihr kommen soll.

Drei Tore. Für das Wyld-Tor (das ist das letzte) muss Book bzw. der Hüter der Insel einverstanden sein, dass derjenige die Insel betritt. Für das Sommer-Tor muss man sich vorbeugen, Hörnchen mit den Fingern machen und meckernd auf das Tor zustürmen. Nee, Spaß. Es muss ein bestimmtes Gedicht rezitiert werden (ein langes Gedicht, aber es reicht eigentlich ein kurzer Ein- oder Zweizeiler). Das Tor selbst ist ein Kreis im Boden, auf einer sonnigen Insel, an einem Fels, in den ein Kreis aus Muscheln eingelassen ist.
Das Wintertor ist auf einer sturmumtosten Insel, in der Seite eines Felsen. Daneben ist ein kleiner Brunnen / Wasserbecken, aus dem man einen Eisschlüssel fischen muss – dafür braucht man eine lebende, nicht aufgeheizte Hand, und man sieht den Schlüssel natürlich nicht.
Das Wyld-Tor ist ein abgedunkelter Raum, in dem man ein Formular vor sich hat und eine Glocke. Die kann man läuten, und wenn der Hüter akzeptiert, dann geht eine Tür auf, durch die man zur Insel kommt. Wenn nicht, dann schläft derjenige schnell ein und landet wieder auf der ersten Insel.

Pan: “Ich habe etwas von einer Vagina gehört?”
Roberto: “Ja, für das magische Tor muss du mit Hörnern voran durch eine Vagina stürmen!”
Edward: “…ich geh wieder.”

“Kastrationsgespräche mit Pan”

Danach: Sir Diarmuid. Der kann immer noch lügen. Also, Bestrafung – aber was? Hin und her, schließlich fragt Totilas, ob es hier um Schutz für dem Einfluss oder um Rache geht. Okay, um Schutz. Also hinrichten, aber erst noch mal mit Jack White Eagle reden, ob man das was beachten muss. Ja, meint der, vielleicht besser Hinrichtung und dann Reinigungsritual. Längeres Palaver, aber generell sind da zu viele Outsider unterwegs. Justin duMorne kannte sich ja damit aus, aber der wurde angeblich von seinem Lehrling zu Tode selbstverteidigt. Er kam in einem brennenden Haus ums Leben. Sagt man. Nein, Jack glaubt das auch nicht.
Und der Rat hat ja angeblich auch die Möglichkeit, die Gesetze der Magie zu umgehen, siehe die Geschichte mit dem Satelliten in Südamerika.

Okay, das wird gemacht. Danach noch mal alle angucken, die Kontakt zu Diarmuid hatten. Eine Nymphe hat so eine Art Mutterkorn in der Sight, also lieber reinigen. Aber die Nymphe hält nicht so recht still, also muss es ein tantrisches Reinigungsritual sein, eins mit Totilas und Roberto und Edward. Alex und Cardo halten draußen Wache.
Danach ist die Nymphe gereinigt und möglicherweise schwanger. Von Totilas. Oder einem der anderen beiden. Das war übrigens Saltanda, die ist ja eh relativ neugierig.

Danach regt Totilas ein Treffen mit Cleo duMorne an. Wegen der Outsider, natürlich. Okay, Cleo kommt. Ja, Outsider sind schlecht, heimtückisch. Man merkt den Einfluss kaum, hauptsächlich dadurch, dass widersinnige Dinge passieren. Ihr Vater hat ihr und ihrer Mutter einen Outsider hinterhergeschickt, als sie abgehauen sind, und den… na, sie ist ihn losgeworden, aber leicht war es nicht. Jedenfalls, wenn man Bücher darüber liest oder sich anderweitig damit beschäftigt, kann es halt passieren, kann es halt passieren, dass man sich mit dem Zeug infiziert.
Mehr kann sie auch nicht sagen, daher richtet Totilas ihr die Anweisung von Tanit aus. Das macht sie nicht sehr glücklich – sie hat lange versucht, dieser Nachricht aus dem Weg zu gehen. Tanit hat ihr gegen den Outsider geholfen, damals, und Cleo hat bei ihrer Macht versprochen, dafür etwas zu tun. Dann muss sie wohl jetzt los. Begeistert ist sie davon nicht, aber sie trottet los. Alex folgt ihr und fährt sie zu Tanit. Sie schreibt unterwegs noch zwei Briefe, einen an Richard und einen an Spencer Declan. Die liefert Alex dann auch ab, zumindest gibt er den an Richard an dessen Sohn.

Diskussion zwischen Pan und seinem Ritter:
Pan: “Also sogar Edward gibt zu, dass ich besser küsse als Totilas.”
Cardo: “Diese Straße gehen wir nicht entlang.”
Pan: “Wobei – wenn du einen von denen küssen willst, würde ich eher Totilas empfehlen als Edward.”
Edward: off-screen “…ja, aber das könnte man mit einem Ritual steigern.”

Totilas hat dann noch ein Ernährungstechtelmechtel mit einem Red Court in der Oper, aber das ist für den Dämon nicht so richtig toll. Aufgewärmte Lebensenergie ist nicht so geil für den Dämon.

- Enrique und Alejandra haben E-Mail-Kontakt
- Richard bekommt Cleos Brief und ist depressiv, weil sie ihm darin ihre Liebe gesteht
- Cardo datet Lidia
- Das Reinigungsritual hatte Folgen: Saltanda ist schwanger!

Ein paar Wochen später kommt Saltanda zu Cardo und erzählt, dass sie schon ziemlich lange schwanger ist. Komisch. Normalerweise geht das schneller? Offenbar ein halber Mensch, vermutlich eine Spätfolge des Reinigungsrituals. Hui. Die Jungs machen ein Ritual und stellen fest, dass Roberto der Vater ist.

Er erzählt das freudestrahlend Dee, die zu seiner großen Überraschung nicht so begeistert ist. Offenbar hat sie irgendwie erwartet, dass er nicht mit anderen Frauen schläft, wenn er mit ihr zusammen ist – das überrascht ihn nun wieder, das hat doch nichts miteinander zu tun? Dee macht Schluss und besäuft sich, während Alex auf sie aufpasst.
Roberto geht noch mal zu Edward, aber der findet sein Verhalten auch nicht so prall. Schließlich wird er von Totilas eingesammelt – währenddessen spricht Edward noch mit Cardo über die ganze Geschichte …

Dee fährt erst mal zu ihrer Familie, danach noch mal ein Treffen mit Roberto, aber das geht auch nicht gut aus, weil “mit anderen schlafen” ist für sie ein No-Go. Wäre es immer gewesen.

Kommentar Edward: “Awww, nie wieder Deeberto.”

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Ricardos Tagebuch: Small Favors 4

Später. Gefüttert, getränkt, Hausaufgaben angeschaut. Kaffeebecher neben mir. Keine Ausreden mehr, Alcazár.

Während wir mit unseren jeweiligen Gegnern beschäftigt gewesen waren, hatten Lady Fire und Lord Frost allmählich aufgedreht, und als wir jetzt Zeit hatten, hinzusehen, fiel uns erst so richtig auf, wie sehr. Sie beharkten einander immer stärker, und das tat der Insel überhaupt nicht gut. Von der Hitze ihrer Feuerwalzen verglaste der Sand, und von der Kälte seiner Eiswellen knackte der Boden. Wenn das so weiterginge, bliebe von der Insel nichts, rein gar nichts, mehr übrig, das als Anker dienen könnte. Wir mussten die beiden von der Insel herunterholen, irgendwie. Nur wie?

Während des Kampfes hatte Lady Fire sich vom direkten Ufer weg und auf die Klippen ein Stückchen landeinwärts zubewegt. Jetzt machte sie Anstalten, dort hinaufzusteigen – und zwar nicht etwa kletternd die Felsen hoch, wie man das erwarten würde. Nein, wir reden von Lady Fire: Sie erhitzte einfach die Luft unter sich und schwebte auf diesem Polster nach oben.
Totilas warf seine übermenschliche Schnelligkeit an, um vor der Lady oben auf der Klippe zu sein, und dank Supermond war Edward nur knapp hinter ihm. So, wie sie sich oben positionierten, wollten sie Lady Fire von der Insel bugsieren, also rief ich von unten einen Sommerwind, der von der Insel weg in Richtung Meer wehte und den Totilas und Edward nutzen konnten, als die Lady oben ankam und die beiden sie mit einem kräftigen Tritt seitens Totilas und einem mächtigen Fausthieb seines Edwards gen Ufer trieben. Tatsächlich landete die Lady zwischen Lord Frost und dem Meer, und im weiteren Verlauf des Kampfes gewann Lord Frost immer mehr die Oberhand. Die Lady bewegte sich in einem Rückzugsmanöver seitwärts am Ufer entlang – denn vor sich der Winterfae, hinter sich das Meer, das konnte ihr beides nicht gefallen, und es wurde mehr als deutlich, dass sie nicht bereit war, das Wasser zu betreten.

Vanguard rief irgendwas von wegen, es sei keine Zeit mehr, und eilte mit Edward und Totilas los in Richtung Ritualplatz. Ich hingegen war immer noch der festen Überzeugung, dass die beiden Kämpfer von der Insel herunter mussten, also folgte ich stattdessen den beiden Fae. Sie mussten von der Insel runter, und… Und vielleicht gab es ja doch noch eine Chance. Einen allerletzten Versuch musste ich wagen. „Ich wollte doch das alles nie!“ rief ich ihr zu. „Können wir das nicht doch noch irgendwie klären?“ Kurz hielt Lady Fire inne und drehte sich zu mir. „Du hast mir das Herz gebrochen!“

Und dann…

Mierda. Ich brauche noch einen Kaffee, glaube ich. Oder einen Schnaps. Egal, dass es Nachmittag ist. Gleich wieder da.

Auf, Alcazár. Führt ja kein Weg daran vorbei.

„Du hast mir das Herz gebrochen“, rief Lady Fire und starrte mich dabei wutentbrannt an. Und dann…
„Technisch gesehen war ich das“, sagte Lord Frost ungerührt und…
…und durchbohrte sie mit einer Eislanze.

Lady Fire brach zusammen. Ich rannte zu ihr, fiel neben ihr auf die Knie. Unter der braunen Haut war sie bleich geworden, trüb die Flammen ihrer Augen. Die Eislanze in ihrer Brust war ein entsetzlicher, unendlich falscher Fremdkörper. „Es tut mir so leid“, stammelte ich, „das wollte ich alles nicht…“ „Ich hätte das alles nicht tun können, wenn du mir nichts bedeuten würdest“, wisperte Lady Fire. „Aber…“ – meine Stimme war auch nicht lauter als ihre – „warum?“ “Du hast mir das Herz gebrochen, und dann bin ich meinen Weg gegangen, und jetzt sind wir beide hier…” Ich bekam kein Wort heraus, fasste nur nach ihrer Hand. “Erzähl mir eine Geschichte…” Ich hielt ihre Hand fester, und meine Stimme war so erstickt, man sie kaum verstehen konnte. Aber doch laut genug. Laut genug für sie und für mich. “Es war einmal… eine wunderschöne Feenlady…”

Ich weiß nicht, wie lange ich dort neben ihr im Sand kniete, sie in den Armen hielt hielt und mit Tränen in den Augen meine Geschichte für sie spann. Ich saß auch weiter da und hielt sie fest, als das Leben schon längst aus ihr entwichen war. Hielt sie fest, bis ihr Körper irgendwann in meinen Armen zu Asche zerfiel.
Auch nachdem Lady Fire nicht mehr war, saß ich noch lange reglos dort. Lord Frost hatte sich zurückgezogen, schon ganz am Anfang, gleich nach dem tödlichen Schlag. Aber das hatte ich kaum registriert.
Ich habe auch keinerlei Erinnerungen mehr daran, was ich ihr eigentlich erzählt habe. Das will ich auch gar nicht. Diese Geschichte war für Lady Fire, und für Lady Fire allein, und dass die Worte mit ihr vergangen sind, das fühlt sich seltsam passend an.

Irgendwann, ich weiß nicht, wieviel später, rappelte ich mich auf und stolperte los, um die anderen zu suchen. Am Landeplatz der Schiffe stieß ich auf Edward und seine Mutter, die gleichzeitig völlig erschöpft, verwirrt und aufgedreht wirkte. Und täuschte ich mich, oder zuckten Flammen in Marie Parsens Augen? Tatsächlich täuschte ich mich nicht. Mit Lady Fires Tod war das Amt der Lady auf den nächsten passenden weiblichen Menschen übergegangen, und das war Marie. Ihre so plötzlich erworbenen neuen Fähigkeiten überwältigten und überforderten Mrs. Parsen vollkommen, und sie musste sie herauslassen, und zwar gleich, aber eben nicht hier, nicht auf der Insel der Jugend. Also wollte Edward seine Mutter auf die nächstgelegene Insel bringen, auf die von Alex so treffend benannte “Kollateralschadeninsel”, wo Lady Fire – die vorige Lady Fire, meine Lady Fire – beim letzten Mal auch schon größere Teile des Bewuchses in Brand gesteckt hatte – damit sie dort in Ruhe ihren Ausbruch haben konnte.

Am Ufer sah Mrs. Parsen ganz erstaunt auf das Meer hinaus und zischte etwas davon, dass das Wasser ihr auf einmal so unsympathisch sei. Ein Schiff entfernte sich gerade; an Deck stand Lord Frost und winkte seiner neuen Konkurrentin ganz leger zu – offensichtlich gibt es eine gewisse Zeit der Ruhepause oder Waffenstillstand oder wie man es nennen will nach einem Wechsel des Lords oder der Lady. Aber er war Marie jedenfalls auch auf Anhieb unsympathisch, was sie wunderte, weil sie den Mann ja noch nie im Leben gesehen hatte. Also verbrachten wir die Überfahrt zur Kollateralschadeninsel damit, sie so gut wie möglich über ihre neuen Umstände aufzuklären. Dank ihrer Beziehung zu Antoine und ihrem Wissen um das Übernatürliche war es weniger ein Problem, sie dazu zu bringen, dass sie es glaubte – aber überwältigend war das Wissen um die Tatsache, dass sie nun eine mächtige Sommerfee ist, die sich einen ewigen Kampf mit ihrem Gegenpart von Winter liefern muss und irgendwann von ihm umgebracht werden wird, wenn sie ihm nicht zuvorkommt, natürlich dennoch.

Während Mrs. Parsen im Inneren der Kollateralschadeninsel versuchte, mit ihren neuen Kräften klarzukommen, erzählte Edward mir, was am Ritualplatz geschehen war. Bei ihrer Ankunft hatten Alex und Roberto dort Sergeant Book brennend und in einer Feuersäule schwebend vorgefunden; Marie, Antoine und Jugend (der sehr kindlich und schwach aussah) lagen gefesselt am Boden. Zwei von Vanguards Leuten waren bei einem in die Erde gebrannten Bannkreis dabei, Dinge für das Ritual zurechtzulegen. Obgleich die Lykanthropen nicht bereit waren, ihre Gefangenen freizugeben, konnten die Jungs sich mit ihnen doch friedlich einigen, und gemeinsam bereiteten sie das Ritual weiter vor. Als Edward, Totilas und Vanguard dann dazukamen, untersuchte Edward erst einmal den Aufbau des Rituals, ob Lady Fire vielleicht eine geheime Agenda eingebaut hatte. Das hatte sie tatsächlich: Der Zauber würde zwar tun, was er tun sollte, und zwar das Biest unter Kontrolle bringen, aber diese Kontrolle sollte auf Lady Fire übergehen, nicht auf James Vanguard. Die Veränderungen am Ritualaufbau konnte Edward aber immerhin nutzen, um Vanguard bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Allerdings brauchte er Roberto dazu, der ihm, wie bei dem Ritual am Lochan Dubh nan Geodh für Gerald, seelisch-magischen Beistand leistete. Als das Biest im Kreis – und zwar durch Alex hindurch, der gewissermaßen als lebendes Portal diente – erschien, erhielt Vanguard denselben seelisch-magischen Beistand von Edward, wie der ihn von Roberto bekam, wodurch er trotz aller Lykanthropenwut seinen menschlichen Intellekt weiterhin nutzen konnte und das Biest somit besiegte. Totilas fing indessen Sergeant Book ab, der mit Lady Fires Tod aus seiner Feuersäule freikam und der ansonsten ohne weitere Umstände auf den gerade kämpfenden Vanguard losgegangen wäre.

Tatsächlich siegte Vanguard und konnte den Zorngeist des Wolfs unter seine Kontrolle zwingen. Sein Erfolg blieb nicht unbemerkt – das wilde Freudengeheul seines Rudels hatte ich sogar in meiner Betäubung unten am Strand undeutlich mitbekommen.

Totilas bekam auch heraus – Edward sagte nicht, wie, aber wenn Totilas auf diese Weise einfach so über eine Information verfügt, dann meistens, weil er sie von seinem Dämon bekommen hat, das weiß Edward ebenso gut wie ich -, dass ein Outsider-Dämon, und zwar die Lady der Verschlungenen Wege, die Begleiterin von Luftballon-Jack, die beim letzten Mal auch auf der Insel war, sich wieder dort aufhielt, und zwar am Jungbrunnen selbst. Das war der Moment, als die Jungs sich trennten und Edward seine Mutter zum Strand brachte, nachdem sie die Gefangenen befreit hatten, während die anderen zum Jungbrunnen gingen. Das heißt, das, was jetzt kommt, habe ich hinterher von den Jungs erzählt bekommen.

Am Brunnen stellte Alex fest, dass irgendwie falsch anmutendes Wasser aus einem, hm, ich nenne es mal Netherriss (ja, ich habe zu viel Arcanos gespielt, dass mir diese Assoziation kommt) floss, der so geschickt im herabbplätschernden normalen Wasser versteckt war, dass man ihn ohne Alex’ besonderes Talent in dieser Richtung wohl kaum hätte bemerken können. Auf der Ummauerung des Brunnens stand für jeden ein Teller mit Kuchen – den rührte aber natürlich niemand an. Während Totilas das falsche Wasser auffing und Alex den Netherriss verschloss, nutzte Roberto einen seiner beiden Schleiertränke, um sich damit einmal umzuschauen. Und tatsächlich konnte er auf diese Weise die Lady der Verschlungenen Wege sehen, die sich im Gebüsch versteckt hatte. Als sie erkannte, dass sie bemerkt worden war, grinste sie Roberto zu und machte eine fragende Geste in Richtung der Kuchenteller. Da niemand reagierte, nahm sie die Kuchenstücke und schob sie sich samt Tellern in den Mund, ließ ein Stück aber draußen, um es Roberto gesondert hinzuhalten. Der schlug ihre Hand weg, und der Kuchen klatschte auf die Erde – wobei er für die anderen mitten aus dem Nichts erschien, weil die ja von der Lady nichts sehen konnten. Nur für Roberto zu erkennen, grinste diese noch einmal und verschwand dann spurlos.
Sowohl das falsche Wasser als auch der zu Boden gefallene Kuchen gingen an Sergeant Book zum Entsorgen. Jugend und seine Insel waren – sind – sehr geschwächt. Book meinte, sie würden sich vielleicht regenerieren, wenn die nächsten 100 Jahre niemand, aber auch wirklich niemand außer ihrem Hüter, die Insel betrete. Aber falls die menschliche Magie irgendetwas hergebe, was beim Stärken der Insel helfen könne, nur zu.
Book war zunehmend gereizt wegen des Wutmondes. Um dessen Wirkung etwas abzuschwächen, wirkte er einen Zauber, der Wolken vor den Mond rief und ein lokal begrenztes Gewitter auslöste.

Diese Verdunkelung des Himmels und das Gewitter drüben über der Insel der Jugend sahen wir auf der Kollateralschadeninsel natürlich auch, während wir darauf warteten, dass Edwards Mutter sich austobte. “Irgendwie romantisch, diese Gewitterstimmung da drüben”, meinte Edward versonnen, aber ‘romantisch’ war das allerletzte Wort auf Erden, das ich in diesem Moment hören wollte. Ich antwortete nicht, sondern grübelte weiter, und so warteten wir schweigend, bis Marie zu uns zurückkehrte.

Wieder zurück auf der Insel der Jugend stellten wir fest, dass George in der Zwischenzeit die Kämpfer des Winters schon wieder nach Hause gebracht hatte. Der Ritter ohne das Eidbrecher-Zeichen, den ich besiegt hatte, war von Hurricane in Gewahrsam genommen und ebenfalls abtransportiert worden. Es lag auch nur noch eines der beiden Feuerschiffe vor Anker; das andere hatten wohl die überlebenden Eidbrecher-Sidhe genommen, Sir Kieran eingeschlossen. Colins Ventilator-Motorboot, das von dieser seltsamen, unguten Magie angetrieben wurde, war ebenfalls verschwunden – das hätten wir uns ja denken können, dass der sich absetzen würde.

Weil Marie Parsen und ihre Feuerwichtel den übriggebliebenen Sommersegler nahmen wollten, brachte George die Vanguard-Leute und uns zurück nach Miami, und auch die reuigen Ritter schlossen sich uns an.
Auf dem Rückweg bat ich George außerdem, er solle in Zukunft die Lady Fire-Träume nicht mehr komplett auffressen. Ja, es mögen Alpträume gewesen sein, und ja, eigentlich war und bin ich meinem kleinen Traumfresserkumpel ja auch dankbar, dass er sie mir die ganze Zeit über erspart hat, aber… Aber. Irgendwie bin ich es ihr und ihrem Andenken schuldig, die Träume ab jetzt zu nehmen, wie sie kommen, und nicht den billigen Ausweg über George zu wählen.

Unsere Wunden waren glücklicherweise alle nicht lebensbedrohlich. Zum Teil hatte es uns schon ziemlich gebeutelt, aber gracias a Dios ging es bei uns allen einigermaßen.

Wie gestern vor dem Schlafengehen schon kurz geschrieben, kamen wir irgendwann mitten in der Nacht wieder in Miami an. Es war tatsächlich der 16. November, hier draußen in unserer Welt waren also einige Tage vergangen, während es im Nevernever nur ungefähr einer gewesen war. Aber wie vorhin auch schon kurz geschrieben, ist damit wenigstens der Supermond vorbei.


17. November

Heute haben wir hin- und herüberlegt, welche Buße Sir Aiden und Sir Fingal, die beiden reumütigen Ritter, wohl tun könnten, damit sie es verdienen, wieder an Pans Hof aufgenommen zu werden.
Wie ich es erwartet hatte, war Pan durchaus damit einverstanden, sie wieder in seine Gegenwart zu lassen, und wenn es nach Pan ginge, dann hätte er sie als Strafe einfach Bier holen geschickt. Der Herzog ist nunmal absolut kein nachtragender Typ. Aber nein. Es muss eine angemessene Sühne sein. Genau das war ja das Problem. Die Sidhe-Ritter hatten, haben, keinerlei Respekt für Pans Hof, genau deswegen ließen sie sich ja von Lady Fire verleiten, ihr zu folgen und Pan zu verraten. Sie haben keinen Respekt für Pans Hof, und genau den muss Pan sich verschaffen – oder besser, ich muss ihn ihm verschaffen, denn ich bin sein Erster Ritter, und der Erste Ritter trägt eine Verantwortung dafür, wie die anderen Ritter bei Hofe ihren Herzog sehen. Weder Colin, noch der cabrón, noch Sir Hortie sind dieser Verantwortung nachgekommen, und um so mehr liegt es jetzt an mir, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Totilas schlug vor, den beiden Reumütigen etwas aufzuerlegen, das eine echte Strafe und eine echte Demütigung wäre, aber nein. Es soll eine Strafe sein, ja, aber nichts, das sie entwürdigt. Es sind immer noch Ritter, und Hohe Sidhe dazu. Und nein, ich werde sie auch garantiert nicht beauftragen, den Babysitter für Edwina Ricarda zu machen. Ihnen die Tochter ihres Herzogs anvertrauen, den sie verraten haben? Oh nein. Dieses Vertrauen müssen sie sich erst wieder verdienen. Eine Queste. Wir brauchten eine echte, anspruchsvolle und eines Ritters würdige, aber dennoch durchaus als Strafe zu sehende Queste.

Gemeinsam (ich sage deswegen gemeinsam, weil ich beim besten Willen nicht mehr weiß, von wem der Vorschlag tatsächlich stammte) kamen wir schließlich auf eine Idee, die all das beinhaltet, was ich erreichen will. Einer der Jungs machte den Vorschlag, und gemeinsam arbeiteten wir die Idee dann genauer aus. Turniere. Wir schicken sie auf die Turniere der anderen Sommerhöfe, wobei sie grau grau tragen müssen – sie dürfen weder in ihren eigenen noch in Pans Farben antreten. Auf diesen Turnieren müssen sie Pans Hof vertreten und jederzeit mit Respekt von ihm sprechen, ohne sich zu abfälligen Bemerkungen hinreißen zu lassen. Auch Pan selbst müssen sie natürlich jederzeit Respekt erweisen. Und wenn jeder von ihnen eine bestimmte Anzahl Turniere gewonnen hat (wieviele genau, das muss ich mir noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen), dann dürfen sie an Pans Hof zurückkehren.


Eben hat Cicerón Linares angerufen. Enrique und die anderen Flüchtigen sind tatsächlich derzeit auf den Hanffeldern der Santo Shango, aber dort können sie ja nicht ewig bleiben. Linares wollte wissen, wie es jetzt weitergehen solle, also verabredeten wir ein Treffen. In drei Stunden an der Way Station. Selva Elder wird begeistert sein.


Was soll ich sagen: Selva Elder war begeistert. „Ihr schon wieder“, begrüßte sie uns, und dann wurde ihre Miene noch ein wenig abweisender, weil sich in Cicerón Linares’ Begleitung auch Ilyana Elder befand, und deren Überlaufen zu den Santo Shango nimmt ihr ihre Familie offenbar immer noch übel. Aber es blieb bei Blicken – anscheinend haben sie sich doch irgendwie arrangiert.

Das Gespräch mit Linares verlief soweit völlig zivilisiert. Wir waren uns darüber einig, dass ein Unterschlupf auf den Hanffeldern kein Dauerzustand für Enrique und seine Begleiter sein kann, und dass eine Flucht nach Kuba vielleicht eine Lösung wäre. Ich werde mit Enrique reden – das hatte ich ja ohnehin vor – und Linares dann bescheid geben.

Cicerón bot an, er könne meinem Bruder und seinen Leuten auch einen Job in seiner Organisation anbieten – er könne Enrique gut gebrauchen. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Tonfall ziemlich misstrauisch herauskam, als ich fragte: „Als was?“ „Naja, gute Leute werden immer gebraucht“, wich der Gangsterboss der Frage aus. Es müsse ja auch nicht unbedingt in Miami sein, es gäbe ja auch andere Möglichkeiten, in Kuba zum Beispiel. „Ja“, antwortete ich in extrem vorsichtigem Tonfall, bevor Linares weitersprach: Enrique habe ja auch Erfahrung in dem Geschäft – eine Aussage, die ich mit einem genaus reservierten „Ja“ wie das erste quittierte. Das blieb Linares natürlich nicht verborgen. „Ricardo, ich spüre da gewisse… moralische Bedenken?“ Dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten: Er bekam noch ein „Ja“ von mir, wieder in genau demselben Ton. Linares’ Antwort erfolgte nicht in Worten, sondern er warf lediglich mit hochgezogener Augenbraue einen Blick zu Totilas. Ja, por demonios, ich weiß, dass einer meiner Freunde nicht nur ein Vampir ist, sondern ein verdammter Crime Lord dazu. Also machte ich eine wiegende Handbewegung. „Moralische Bedenken… hindern einen unter gewissen Umständen nicht daran, sich zu… arrangieren.“

Diese Einstellung gefiel dem Santo Shango. War ja klar. Und er finde es ohnehin ziemlich gut, erklärte er dann, dass wir uns mal treffen würden, so ganz allgemein; immerhin läge das Wohl der Stadt ja uns allen am Herzen. Najaaaa. Was ein Cicerón Linares so „Wohl der Stadt“ nennt. Also bekam er noch ein sehr vorsichtiges, sehr verhaltenes „Ja“ von mir. „Und für das Wohl der Stadt kann man sich doch sicherlich…“ – er sah mich an, während er den von mir gewählten Begriff wieder aufgriff – „… arrangieren.“ Er hob sein Glas. „Salud.“ „Salud“ erwiderte ich und hob mein Glas ebenfalls leicht, während Totilas mit Linares anstieß. Und das erregte in der Waystation tatsächlich ein bisschen Aufmerksamkeit, Römer und Patrioten, denn immerhin sind die Santo Shango und der White Court ja eigentlich harte Konkurrenten.

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Ricardos Tagebuch: Small Favors 3

12. November

Heute nacht habe ich mit George gesprochen. Also nicht einfach nur gesprochen, sondern ich hatte ein Anliegen an ihn. Denn Hurricane sagte gestern bei dem Gespräch, er könne zwar ein Schiff besorgen, auf das alle Streiter passen, aber das sei nicht in der Lage, rückwärts gegen den Wind zu kreuzen, wie es das muss, um die Insel der Jugend zu erreichen. Dafür braucht es ein anderes Schiff. Dazu muss also wieder George ran, und darum habe ich ihn heute nacht im Traum eben gebeten. George erklärte, das könne er arrangieren, aber nur gegen einen Gefallen. Tssss. Aber gut. Schulde ich meinem Traumfresser-Freund eben einen Gefallen. Wenn ich das mal nicht bereuen werde.

Hurricane sagte gestern auch, er werde sich melden, sobald er alles organisiert habe. Er stellte aber auch schon in Aussicht, dass das heute mindestens den größten Teil des Tages dauern könnte.
Also hatte ich genug Zeit, um Alejandra über das Wochenende zu meinen Eltern zu bringen und Yolanda wegen Enrique einzuweihen. Also nicht nur, dass er ein Kojanthrop ist, sondern auch, dass er Jandra vielleicht holen kommen wollen könnte. Sie versprach, die Situation im Auge zu behalten und falls Enrique auftauchen sollte, die Dinge zumindest so weit zu verzögern, bis ich wiederkomme und das selbst mit ihm klären kann.

Ansonsten bereiteten Edward und ich einige Feuerschutztränke zu. Edward ist ja ohnehin ziemlich gut in Alchimie; ich selbst habe da ja nicht so viel Erfahrung, aber Eileen konnte mir ein bisschen unter die Arme greifen, wie ich die Sommermagie in mir auch für diesen Zweck nutzen kann. Ich glaube zwar trotzdem, dass Edwards Tränke wirkungsvoller sind, aber jedes bisschen hilft, wenn es gegen Lady Fire geht, wenn ihr mich fragt. Edward gab einen seiner beiden Tränke an Totilas weiter; ich selbst teilte meine Ausbeute mit Roberto. Der wiederum braute in der Zeit zwei Tränke, mit denen man Veils und sonstige Maskierungen durchschauen kann. Das kann sicherlich auch nichts schaden.


Eben hat Hurricane angerufen und den Startschuss gegeben. Treffen in einer Stunde am Hafen. Und los geht’s.


Irgendwann nachts.

Wir sind zurück. Wir sind am Leben.

In der Stadt hat eine Leuchtanzeige behauptet, es sei der 16. November. Das kann eigentlich nicht sein – wir waren doch keine vier Tage weg? Aber ich kann und mag darüber jetzt nicht nachdenken, sondern ich muss erstmal schlafen. Vier Tage waren es zwar nicht, aber trotzdem lang, und… puh. Mag jetzt nicht drüber nachdenken.

Muss schlafen.


16. November

Es ist tatsächlich der 16. November. Irgendwie ist uns im Nevernever die Zeit durcheinander gekommen. So ungewöhnlich ist das ja nun tatsächlich nicht. Und wenigstens ist dadurch jetzt der Supermond vorüber. Jetzt nur noch die letzten Auswirkungen bis zum nächsten Vollmond aushalten, aber zumindest das Schlimmste dürfte vorbei sein.

Dann kann ich ja jetzt aufschreiben, was alles passiert ist. Für den Rest des Tages habe ich ja nichts groß vor.

Wir trafen uns am Hafen, an einem Pier, das es eigentlich gar nicht geben dürfte und zu dem man nur mit einer etwas verqueren Wegfindung kam. Dort wartete Hurricane mit einem alten Segelschiff, auf dem bereits Lord Frost und zwei Sturmriesen warteten. Die ebenfalls versprochenen Kelpies schwammen um das Schiff herum. Totilas machte ein erschreckend interessiertes Gesicht bei dem Anblick der pferdeartigen Fae – den musste ich erstmal an sein Versprechen erinnern. Oder besser: an mein Versprechen. Denn ein Sommerritter mit Eidbrecheraura wäre wirklich nicht gut. „Ich werde deinen Eid achten“, gestand mir Totilas beinahe huldvoll zu, als ich ihn daran einnerte, was mir ein etwas sarkastisches „Danke“ entlockte.

Die zwei Sturmriesen, die auf die völlig un-sturmriesischen Namen Juan (der mit den Haaren) und Pepe (der ohne) hörten, waren allergisch auf Sommer und mussten ständig niesen, wenn ich in ihre Nähe kam. Außerdem fanden sie, ich röche komisch. Also hielt ich mich lieber von den beiden fern, während Edward kurz mit ihnen redete. Die Quintessenz aus dem Gespräch war, dass Edward meinte, er wolle sich lieber nicht mit den beiden anlegen, woraufhin die ihn als „vernünftigen Mann“ betitelten.

Vom Pier aus fuhren wir ins Nevernever, wo wir George trafen. Er hatte ein passendes Schiff aufgetan, auf das wir jetzt alle umstiegen, auch die Kelpies (die den Laderaum besetzten).
Unterwegs erzählte Lord Frost uns auch ein bisschen was über das Verhältnis zwischen ihm und Lady Fire. Wie die meisten hohen Fae, oder besser, wie diejenigen, die eher einen Titel als einen eigenen Namen tragen, waren beide früher einmal Menschen, und beide sind auch nicht die ersten Träger ihres jeweiligen Amtes. Denn früher oder später kommt es zwischen diesen beiden Gegenpolen zum Kampf, und während die Konfrontationen zwar nicht immer tödlich ausgehen, ist das doch durchaus keine Seltenheit. Und wenn einer der beiden stirbt, dann geht das Amt auf denjenigen vom Temperament her passenden Menschen über, der sich am nächsten befindet. Das Paar ist immer ein Lord und eine Lady, aber nicht notwendigerweise immer Lady Fire und Lord Frost. Das Verhältnis kann sich aber nur umkehren, wenn sich in ihrem Kampf beide gegenseitig töten, was im Laufe der Zeit auch schon gelegentlich vorgekommen ist.

Auf dem Weg zur Insel der Jugend überlegten wir, wie wir mit Lady Fire und Vanguard umgehen würden, wenn wir sie dort trafen. Lady Fire müssten wir natürlich aufhalten, aber Vanguard auch? Wenn wir uns ihm aktiv in den Weg stellen würden, dann hieße das, uns aktiv und sehenden Auges James Vanguard als Gegner aufzuhalsen. Wollten wir das? War das, was er plante, so schlimm? Oder anders herum, was bedeutete es, ganz neutral betrachtet?
Eigentlich wäre es nicht so schlimm, befanden wir. Eigentlich steht Vanguard, wie wir auch, für Sicherheit und Stabilität in Miami. Und er und seine Leute sind keine Verbrecher. Eigentlich verfolgen wir dieselben Ziele, und wir hätten ihn eher ungern als Gegner. Deswegen beschlossen wir, ihm durchaus zu helfen – oder ihn zumindest nicht aktiv behindern.

Als wir uns langsam der Insel näherten, uns aber noch außer Reichweite befanden, erklärte Lord Frost, er könne Lady Fire spüren – sie befinde sich nicht direkt am Strand, wo wir einiges an Bewegung sahen, sondern weiter hinten auf der Insel, und als er den Ort beschrieb, erkannten wir ihn als den Ritualplatz, wo sie beim letzten Mal auch schon ihr Ritual hatte abhalten wollen.
Vielleicht wäre es also sinnvoll, wenn wir nicht am großen Strand anlegen würden, wo wir das letzte Mal geankert hatten, sondern gleich zu einer der Buchten auf der anderen Seite der Insel segeln würden? Dann wären wir näher an dem Ort, wo wir hinwollten, und müssten uns außerdem nicht durch die potentiellen Gegner am Hauptstrand kämpfen.

Wir waren noch dabei, das zu besprechen und zu überlegen, wie wir überhaupt vorgehen wollten, da schaltete Lord Frost sich ein.
„Seid ihr sicher, dass es eine gute Idee ist, wenn wir hier kämpfen? Das würde der Insel alles andere als guttun.“
Nein. Natürlich war es keine gute Idee, das war uns auch klar. Wenn diese beiden Urgewalten ihre Kräfte hier aufeinander losließen, dann würde das die Insel noch viel mehr belasten, als sie das ohnehin schon war. Am besten wäre es also, wenn Lord und Lady ihren Konflikt entweder anderswo austragen könnten – oder wenn es vielleicht gar nicht zum offenen Ausbruch von Feindseligkeiten käme. Vielleicht konnten wir die Sache ja tatsächlich doch irgendwie mit Reden beilegen; zumindest solange, bis wir von der Insel herunter waren.
Als wir das beschlossen hatten, war auch klar, dass wir eigentlich auch offen hinsegeln und am Hauptstrand anlegen konnten, statt irgendwie zu versuchen, uns unbemerkt anzuschleichen.

Dort am Strand lagen auch jetzt einige Schiffe vor Anker. Zwei Segler trugen das Emblem von Lady Fire, eine stilisierte Flamme, während das dritte ein Motorboot war, an dem man irgendwie ein Segel und einen Ventilator angebracht hatte. Sommerritter hin, Sommerritter her, mit konventioneller Magie kenne ich mich ja immer noch nicht so richtig aus, aber sogar ich konnte sehen, dass da richtig viel Magie hineingepumpt worden sein musste, weil dieses Konstrukt anderenfalls nie funktioniert hätte, um das Schiff rückwärts gegen den Wind kreuzen zu lassen, auch im Nevernever nicht. Normalerweise hätte das nie so funktioniert. Und tatsächlich erklärte Alex, für ihn fühle die Konstruktion sich richtig falsch und ungut an.

Da wir es ja erst einmal mit Diplomatie versuchen wollten, ließen wir die Kräfte des Winters vorläufig an Bord unseres Schiffes und beauftragten sie, nur dann einzugreifen, wenn es Ärger gäbe oder wir sie rufen würden. Hurricane wirkte fast ein bisschen enttäuscht und erklärte, die drei Gefallen der Jungs seien damit aber trotzdem eingelöst, auch wenn es nicht zu einer Auseinandersetzung kommen würde. Natürlich seien sie das, versicherte ich ihm – und überdies war es auch durchaus möglich, dass die Situation schneller eskalieren würde, als man sich umsehen konnte, und doch noch in einen Kampf münden würde.
Als wir von Bord gingen, wurden wir von Robertos altem Freund Sir Kieran, einem weiteren Sidhe-Ritter und drei Feuerwichteln empfangen. Auch Colin, mein Vorgänger, der Lebenswasserdieb, war anwesend, hielt sich allerdings auffällig im Hintergrund. Sir Kieran sah verbraucht aus, ausgemergelt und hager, mit stumpfen Haaren und den Augen tief in den Höhlen. Ich war mir nicht ganz sicher, woran das wohl liegen mochte – entweder, jemand hatte ihm die Lebenskraft abgezogen, oder vielleicht wurde auch sein Eidbrecherstatus auf diese Weise sichtbar.
„Was wollt ihr?“ herrschte Sir Kieran uns an, und irgendwie ergab es sich, dass ich doch wieder das Reden übernahm.
„Wir wollen mit Lady Fire und mit James Vanguard sprechen.“
„Wer seid ihr denn?“ wollte der fremde Sidhe wissen.
„Das sind die schönen Männer“, spottete Sir Kieran, was mich seufzen ließ. „Wir sind die Ritter von Miami.“
Sir Kieran starrte uns finster an. „Kommt ihr in Frieden oder was?“
„Sieh es mal so“, antwortete ich. „Wir haben Winter fürs Erste an Bord gelassen. Erst einmal sind wir hier, um zu reden. Ob und inwieweit sich das ändert, wird davon abhängen, mit welchen Reaktionen wir hier empfangen werden.“
„Also was wollt ihr?“
Ich seufzte wieder. „Wir wollen mit Lady Fire und mit James Vanguard sprechen.“

Sir Kieran schickte einen der Wichtel los, er solle ‘der Herrin’ die Nachricht überbringen. Ob sie daraufhin tatsächlich kommen werde, müsse sie selbst entscheiden.
Aber sie kamen, sowohl sie als auch Vanguard, in Begleitung einer ganzen Entourage von Sidhe-Rittern, und wieder war ich es, der für unsere Gruppe das Wort ergriff, sobald die beiden vor uns standen. Ich sprach vor allem zu Vanguard, erklärte ihm, dass wir ihn nicht hindern wollten, im Gegenteil, ihm sogar sogar helfen würden, er solle sein Ritual nur bitte, bitte nicht hier abhalten, weil das die Insel nur weiter schwächen würde und die Insel weitere Schwächung so gar nicht brauchen könne.
Als ich meinen kleinen Vortrag gehalten hatte, wandte Lady Fire sich zu Vanguard und sagte mit zuckersüßer Stimme: “Glaub ihm nicht, James, er lügt. Er will nur seine eigene Macht verstärken, will die Macht der Insel für sich selbst nutzen.”
“Das will ich nicht”, warf ich ein, und auch Edward wandte sich an Vanguard. “Von Lykanthrop zu Lykanthrop: Haben wir dich je über den Tisch gezogen?”
“Er lügt”, wiederholte Lady Fire, und ich schüttelte wieder den Kopf.
“Ich lüge nicht”, erklärte ich ihr eindringlich. “Wie kann ich dich nur davon überzeugen?”

Aber während ich es noch aussprach, erkannte ich, dass Lady Fire ganz genau wusste, dass ich die Wahrheit sagte. Mit ihrer Behauptung, ich wolle meine Macht vergrößern, log sie also wissentlich selbst. Und das war eine verdammt spannende Frage. ¿Por qué demonios konnte sie als Fee lügen? Sie trug auch das Eidbrecherzeichen nicht mehr, fiel mir auf, genausowenig wie zwei ihrer Ritter. Diese beiden sahen auch nicht so verlebt und angeschlagen aus wie Sir Kieran.

Sobald ich wusste, dass Lady Fire log, wusste ich auch, dass ich gar nicht versuchen musste, sie zu überzeugen. Also konzentrierte ich mich lieber auf James Vanguard und versuchte weiter, ihn dazu zu bringen, sein Ritual nicht auf der Insel durchzuführen, auch wenn Lady Fire zischte, wir seien ihr immer in die Quere gekommen, hätten immer ihre Pläne vereitelt, und auch wenn sie nochmals wiederholte, wir wollten doch nur mehr Macht für uns.
Ich legte mich mächtig ins Zeug, und tatsächlich sah Vanguard so aus, als sei ich zu ihm durchgedrugnen und als fange er an zu zweifeln, aber dann erklärte er, er habe mit Lady Fire eine Vereinbarung getroffen, den könne er nicht einfach brechen. Er habe jetzt schon angefangen, seinen Teil der Abmachung zu leisten, als Preis für Lady Fires Hilfe ihr ebenfalls zu helfen, und er könne da jetzt nicht mehr raus.
Was für eine Hilfe Vanguard leiste, wollte ich wissen, und der Security-Mann grinste. “Den schönen Männern Ärger machen.” “Oho?” Ja, führte Vanguard aus, oder ob uns etwa noch nicht aufgefallen sei, dass da plötzlich ein Bruder aufgetaucht sei? Ein Bruder plötzlich ausgebrochen?
“Ach, das waren Probleme?” sagte Edward leichthin, woraufhin Lady Fire ihn wütend anfunkelte. Das kümmerte Edward nur wenig. “Wobei eigentlich helfen?” fragte er Vanguard, und der grinste wieder knapp. “Na bei meinem Plan.” “Klar bei deinem Plan”, knurrte Edward, “aber was für ein Plan ist das genau?”
Sehr offen bestätigte der Security-Mann daraufhin genau das, was wir uns beinahe schon gedacht hatten: Dass er das Biest rufen und besiegen wolle, damit er es ab dem Moment kontrolliere statt anders herum. Dann werde er sich an Vollmond besser unter Kontrolle haben und seine Kräfte auch außerhalb des Vollmonds einsetzen können.

Wie gesagt, das hatten wir uns ja schon ungefähr so gedacht. Und grundsätzlich war es ja auch eigentlich gar keine schlechte Idee, das Ritual auf der Insel der Jugend abzuhalten, weil die Insel ja als Anker und der Stabilisierung dient und das, was Vanguard vorhatte, ja sein Biest stabilisieren oder besser: Vanguards Kontrolle über sein Biest stabilisieren sollte. Wenn nur dieses grobe Missverhältnis durch die Anwesenheit des Sommers nicht wäre. Diese fortwährende Schwächung der Insel.

“Okay”, lenkte ich ein, “dann brechen Sie Ihre Abmachung mit Lady Fire eben nicht, verdammt. Ich sehe ja ein, dass es ein Deal ist und gehalten werden muss. Aber machen Sie das Ritual bitte, bitte nicht hier!”
Tatsächlich sah es so aus, als überlege Vanguard noch einmal, und ich dachte schon, ich hätte es geschafft, aber das war der Moment, in dem Lady Fire “Das muss aufhören!!” schrie und ein flammendes Inferno auf uns herabrief.

Na gut. Das war übertrieben. Nennt es künstlerische Freiheit, Römer und Patrioten. Was Lady Fire auf uns losließ, war kein Inferno. Aber es war auch nicht einfach ein Feuerball, wie Feu Buca sie verschossen hatte. Es war eine Flammenwalze, und wenn wir nicht hätten ausweichen können, dann hätten uns vermutlich nur unsere Feuerschutztränke gerettet, wenn überhaupt. Aber wir konnten ausweichen, auch James Vanguard, der seiner Verbündeten offensichtlich in diesem Moment völlig gleichgültig war – nur Totilas, der am ungünstigsten stand, wurde ein bisschen angesengt, aber glücklicherweise ist er derjenige von uns, der so etwas am ehesten vertragen kann.

Lady Fires Angriff war das Zeichen für den Kampfbeginn ganz allgemein. Unsere Winterkräfte kamen vom Schiff – Lord Frost ganz stilsicher mit einer Eisbrücke, die er vom Deck zum Ufer formte, während die Sturmriesen einfach über die Reling stiegen und die Kelpies aus dem Laderaum strömten. Am Ufer ging Lord Frost natürlich sofort in den Zweikampf mit Lady Fire. Juan und Pepe nahmen es mit den Feuerwichteln auf, und die Kelpies stellten sich den Sidhe in den Weg, während die beiden Ritter ohne Eidbrecherzeichen sich auf Edward und mich stürzten.

Sir Kieran wollte sich auf Roberto werfen, aber Totilas ging dazwischen – und dann verfiel er für ein paar Sekunden in eine Art Starre, als horche er nach innen und sei komplett abgelenkt. Ich kannte das: So sieht Totilas aus, wenn er mit seinem Dämon redet. Ich war selbst zu beschäftigt, um es genau zu verfolgen, aber ich glaube, dieses kurze Zögern reichte aus, damit unser White Court-Freund ein paar Schnittwunden abbekam, die ihn dann allerdings auch wieder aus seiner Starre rissen.

Während sein Gegner noch auf ihn zustürmte, versuchte Edward, Lady Fire ins Wasser zu werfen, aber so einfach war das natürlich nicht. Für ein so zierliches Persönchen – aber ja, natürlich, übernatürliche Feenkräfte in der zarten Gestalt – konnte sie erstaunlich gut dagegenhalten und blieb am Strand.

Alex, der sich vermutlich dachte, er könne hier im Kampf ohnehin nichts ausrichteh, zog sich in Richtung Ritualplatz zurück, gefolgt von Colin, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Colin hätte ich am liebsten aufgehalten, aber das musste warten. Denn vielleicht konnte ich die Chancen ein klein bisschen zu unseren Gunsten verbessern.

Ich war ja ohnehin schon dabei, Jade zu ziehen, weil dieser Ritter auf mich zugestürmt kam. Jetzt erhob ich die Sommerklinge, so dass alle sie gut sehen konnten, und rief: “Haltet ein!” Und, Wunder über Wunder, für einen Moment stoppten sie tatsächlich, zumindest die Ritter. “Haltet ein!” wiederholte ich. “Wenn ihr an Pans Hof zurückkehren wollt, dann legt die Waffen nieder!”
Den beiden Sidhe, die kein Eidbrecherzeichen mehr trugen und die gerade auf Edward und mich zustürmten, war das Angebot herzlich egal. Aber die anderen Ritter brachte es kurz zum Nachdenken, und immerhin streckten zwei von ihnen tatsächlich die Waffen. Sie zogen sich zurück und hielten sich aus dem Kampf heraus, während die anderen sich nach dem kurzen Moment des Innehaltens nun doch ins Getümmel stürzten. Und irgendwie gelang es mir sogar, den Kelpies klar zu machen, dass sie die beiden Zögerer bitte in Ruhe lassen sollten, bevor mein Gegner mich erreicht hatte und ich zum ersten Mal ernsthaft zeigen konnte, was die ganzen Schwertkampfübungen mit Elaine des letzten Jahres so gebracht haben.

Da ich noch am Leben bin, um das hier aufzuschreiben: gar nicht so wenig. Ich konnte mich meines Feenritterss tatsächlich einigermaßen erwehren und ihn sogar besiegen, auch wenn ich einen eher unschönen Schwerthieb quer über die Hüfte abbekam, als dazu einen vernachlässigbaren Kratzer am Arm. Edward ging es ganz ähnlich: Er wurde verwundet, konnte seinen Gegner aber ausschalten, während Totilas Sir Kieran niederschlug.

Und jetzt… brauche ich eine kleine Pause, glaube ich. Ich könnte mir etwas zu essen machen. Oder Kaffee kochen. Oh, und ‘Jandras Hausaufgaben mit ihr durchgehen. Genau. Guter Plan. Weiterschreiben… Nachher. Wenn ich ein bisschen Mut gesammelt habe.

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Small Favors (Teil 3) - Mitschrieb

Okay, noch ein bisschen Vorbereitung mit Tränken und so. Schließlich Anruf Hurricane am 13.11. – es kann losgehen, und zwar an Pier 4711 (oder so). Dort: Schiff (altes Segelschiff), zwei Sturmriesen (Juan & Pepe)

Brbr: “Die Namen der Sturmriesen kann man sich gut merken… Juan enthält ein “H”…”
Esther: “Und Pepe wie Platzpopf?” (Pepe hat eine Glatze)

Pepe hat goldene Ohrringe. Juan hat einen großen Hammer.

Diskussion: Wie gehen wir denn vor? Lady Fire und Lord Frost sollten vielleicht nicht direkt auf der Insel ein Duell abhalten, weil das sehr viel Zerstörung bringt. Weglocken? Auf die Kollateralschaden-Insel? Hm. Wenn einer von beiden stirbt, wird es eine neue Lady Fire geben. Ja, Fire und Frost waren beide mal Menschen, und Titania und Pan auch. Irgendwann mal früher. Eine neue Lady Fire hätte die Erinnerung der alten, aber zumindest zum Teil ihre eigene Persönlichkeit.
Alternativ, meint Lord Frost, ginge auch eine Stellvertreterduell. Könnte Lady Fire dann vielleicht Cardo als ihren Kämpfer wählen, damit er stirbt? Wäre etwas kontraproduktiv, aber rational ist LF ja nicht grad.

Was ist mit Vanguard? Was will der eigentlich mit dem Biest? Sollte man dem vielleicht sogar helfen? Wenn er das kontrolliert… oder will er nur die Verbindung kontrollieren?

Am Strand: Zwei Feuerschiffe und ein Motorboot mit Segel und Ventilator. Auf dem Feuerschiff ist ein Feuerwichtel, am Strand zwei Sidhe. Einer davon Sir Kieran. Cardo erklärt, sie wollten nur reden. Kieran ist nicht begeistert, schickt aber einen Feuerwichtel, um Lady Fire und Vanguard zu holen.
Die tauchen auf. Cardo versucht, ihnen zu erklären, dass die ganze Sache der Insel nicht gut tut und sie ein wichtiger Anker ist, der lieber da bleiben sollte. Lady Fire behauptet, dass er lügt oder angelogen worden ist – jedenfalls ist das Blödsinn. Cardo merkt aber, dass sie weiß, dass er recht hat, es ist ihr nur egal. Die meisten der Sidhe-Ritter sind als Eidbrecher zu erkennen, aber zwei nicht, und LF auch nicht. Colin ist auch da, hält sich aber im Hintergrund.
Vanguard erklärt seinen Plan: Er will das Biest konfrontieren und im Kampf unterwerfen, damit es ihm hilft, ohne ihn zu übernehmen, und zwar möglichst unabhängig vom Vollmond. Da er das aber vermutlich alleine nicht schafft, hat er sich mit Lady Fire verbündet.
Edward appelliert an Vanguard, sich doch lieber von ihm helfen zu lassen, und Cardo schafft es, Zweifel an LFs Motiven zu sehen. Als die Fee ihre Felle davonschwimmen sieht, reagiert sie hitzig und wirft eine Flammenwalze nach den Rittern. Die schaffen es, auszuweichen, aber die Winterfeen springen vom Boot. Es kommt zum Kampf.
Cardo schafft es, ein paar der Sidhe-Ritter zum Zögern zu bringen, als er erklärt, sie könnten doch bei Pan Abbitte leisten. Sir Kieran auch, aber nur kurz. Sir Kieren wird von Totilas umgehauen, Cardo schlägt auch einen der nicht-Eidbrecher nieder, Edward wird von dem anderen zu Boden geschlagen. Es gelingt ihnen zunächst nicht, Lady Fire und Lord Frost, auseinander zu halten oder Lady Fire in Richtung Meer zu treiben. Aber als sich der Kampf in Richtung Hang bewegt, schaffen es Totilas mit einem wilden Sprung, Edward mit seinem Handschuh (hier hat er sich von der Insel helfen lassen, hat dabei aber eine Verbindung geschaffen) und Cardo mit einer freundlichen Sommerbrise, Lady Fire (die gerade fliegt) zwischen Lord Frost und das Meer zu positionieren. Das bringt sie in Bedrängnis, und sie flieht. Frost hinterher, Cardo hinterher.

Schließlich schafft es Cardo, ihr etwas Versöhnliches zuzurufen. Sie wird abgelenkt, meint, er hätte ihr Herz gebrochen. Lord Frost trifft sie tödlich mit einer Eislanze – natürlich durchs Herz. Sie stirbt in Cardos Armen, während er ihr eine Geschichte erzählt.

Derweil haben sind Alex und Roberto mit Noah (einem Vanguard-Lykanthropen) losgegangen, um Book und Jugend zu suchen. Die sind auf dem alten Ritualplatz vom letzten Mal, jetzt neu aufgebaut für ein neues Ritual. Book steht brennend auf der Lichtung herum, Maria und Antoine sind etwas verbeult und angebunden. Jugend liegt reglos bei den beiden. Alex weiß, dass hier das Biest durchkommen wird, und macht sich bereit, selbst das Tor zu sein.

Als der Mond aufgeht, kommen auch Vanguard, Edward, Totilas und Roberto am Ritualplatz an. Vanguard entkleidet sich und befestigt Messerklingen an seinen Armen. Edward untersucht das Ritual und stellt fest, dass Lady Fire wohl vorhatte, das Biest selbst zu übernehmen und für ihre Zwecke zu unterwerfen. Okay, das kann er auch benutzen, um Vanguard zu helfen.
Alex öffnet das Tor, Roberto stabilisiert Edward, der schleust Kraft in Vanguard. Das Biest erscheint, es gibt einen heftigen Kampf zwischen ihm und Vanguard, aber der Lykanthrop agiert überlegt und nicht blindwütig. Das verschafft ihm den Vorteil, den er braucht, und er unterwirft das Biest. Dann schickt er es wieder davon.

Totilas macht einen Handel mit seinem Dämon – er will wissen, ob hier noch ein anderer Dämon ist. Aber sein Dämon möchte dafür, dass er mal einen Red Court probiert. Totilas weigert sich erst, aber als das Ritual beginnt, nimmt er an. Ja, die Herrin der Verschlungenen Pfade ist hier. Totilas ruft laut ihren Namen, um die anderen zu warnen, aber dann fällt ihm ein, dass das vielleicht keine so gute Idee war.

Mittlerweile ist das Feuer um Book mit Lady Fires Tod erloschen, und der Kobold will blindwütig auf Vanguard losstürmen. Totilas hält ihn fest und überzeugt ihn, dass das jetzt das falsche Ziel ist.

Okay, Ritual hat geklappt, Vanguard und sein Rudel stimmen ein Triumphgeheul an. Edward macht nicht mit.
Roberto schaut nach Antoine und Maria und sieht, wie Flammen Marias Hände umspielen. Auch ihre Augen sind voller Flammen. Sie ist die neue Lady Fire und ziemlich verwirrt von der Veränderung.

Damit sie mit ihren neuen Kräften keinen Schaden auf der Insel der Jugend anrichtet, bringen Edward und Cardo sie erstmal auf die Kollateralschadeninsel. Währenddessen verlässt der Winter auf Georges Schiff die Insel ebenfalls (Cardo schuldet George einen Gefallen für das Hin- und Hergeschippere), verspricht aber, wieder zu kommen.
Nach LFs Tod haben die Winterfeen die Sommerwesen vertrieben. Die sind mit einem der Feuerschiffe abgefahren, das zweite ist noch da. Auch das Ventilatorboot ist weg.

Auf der Kollateralschadeninsel erfährt Maria, was eigentlich passiert ist. Sie meint, sie hätte das Gefühl, sie müsste in Bewegung bleiben – vielleicht wegen Lord Frost? Den fand sie sehr unsympathisch. Dann geht sie los, um mit ihren neuen Kräften herumzuprobieren, während Cardo und Edward am Strand auf sie warten.

Auf der Insel der Jugend machen sich Book, Alex, Roberto und Totilas auf zum Jungbrunnen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Alex entdeckt einen schmalen Riss in der Welt, durch die Wasser tröpfelt. Die anderen sehen fünf Kuchenstücke, die auf dem Brunnenrand liegen. Während Alex mit Books Unterstützung den Riss flickt, benutzt Roberto einen Trank, der ihn Schleier durchschauen lässt, und entdeckt tatsächlich die Herrin der Verschlungenen Wege, die zuschaut und langsam den Kuchen wieder verschwinden lässt. Als er auf sie zuschlendert (auf einem wie zufällig gewählten Weg), bietet sie ihm ein Stück Kuchen an, aber er schlägt es weg. Book lässt noch ein Gewitter aufziehen, weil ihn der Mond nervt.

Dann verscheucht Book die ganzen Fremden von der Insel. Ja, vielleicht heilt sie wieder. Weiß er nicht genau. Hilfe könnte er schon brauchen, wenn ihnen etwas einfällt.

Erst mal zurück nach Miami, zusammen mit zwei der Sidhe-Ritter, denen Cardo Pans Vergebung angeboten hat. Vanguard gibt zu, dass er einen Deal mit LF hatte, dass er den Schönen Männern an den Karren fährt. Er hat dafür gesorgt, dass Cassius und Lewis in Miami auftauchen – er wusste schon länger von denen, und hatte auch über Imana schon länger Kontakt zu Cassius. Von den Coyanthropen wusste er auch, und er hat Carlos angestachelt, Enrique beim Ausbruch zu helfen.

Roberto: “Wie es immer so schön heißt: Lesen korrumpiert.”

Cardo zu LF: “Es tut mir leid, ich wollte nicht, dass das so endet. Können wir das nicht irgendwie regeln?”
LF schaut zu ihm: “Du hast mir das Herz gebrochen!”
Lord Frost durchbohrt sie mit einer Frostlanze: “Technisch gesehen war ich das.”

Edward: “Cardo – ist das nicht romantisch? Hinter uns eine brennende Insel, wir am Strand, und ein Gewitter ist auch noch!”

So. Noch ein paar Probleme: Toti muss einen Red Court beißen. Er will aber keinen Krieg anzetteln. Na, kann er ja offiziell mal anfragen, ob nicht einer von denen Bock hat. Nein, abhängig wird man davon nicht so schnell. Toti sowieso nicht, meint der Dämon. Der ist zu stur.

Die beiden Sidhe-Ritter (Sir Aidan, Sir Fingal) leisten bei Pan Abbitte. Der will ihnen eine Buße auferlegen… vielleicht eine Bierqueste oder so? Cardo findet das lahm, und zack! darf er das entscheiden. Nach längerer Diskussion kommen sie auf die Idee, dass die beiden Ritter in grauen Gewändern durchs Land ziehen und Turniere zu Ehren Pans gewinnen sollen. Pan braucht mal einen Publicity-Boost, damit er von den edlen Feen ernst genommen wird.

Der Sidhe-Ritter, der kein Eidbrecher-Mal hat, ist von Hurricane und den anderen mitgeschleift worden. Den können Cardo und die anderen jetzt befragen.

Erst mal Treffen mit Linares wegen Enrique: Ja, der ist auf den Feldern. Aber er sollte nicht auf Dauer dableiben. Ja, gut, Cardo will mit seinem Bruder reden, und Yolanda sollte auch mit. Linares meint, er hätte eventuell Verwendung für Enrique. Cardo verzieht das Gesicht, und Linares weist ihn darauf hin, dass auch Totilas im gleichen Geschäft tätig ist.
Außerdem meint Linares, dass er vielleicht mal Edwards Expertise bei einem Ritual braucht. Will aber noch nicht sagen, worum es geht.

Treffen mit Enrique läuft nicht so gut – erst freut der Flüchtige sich noch, seinen Bruder zu sehen. Aber dann geht es um Alejandra, die Enrique ja nach Kuba mitnehmen will. Es kommt zum Streit, Enrique schlägt Cardo nieder und will los, um die Kleine zu holen.
Robert gibt Alex Bescheid, die Polizei wird verständigt. Alex lockt ein paar Bullen auf Enriques Spur, ruft dann Cardo an, ob er der Gruppe helfen soll, nach Kuba zu entkommen, oder ob er schauen soll, dass sie verhaftet werden? Cardo meint, er soll denen helfen beim Abhauen. Roberto verständigt Ximena, die die Coyos ja eh nach Kuba bringen wollte, Alex aktiviert seine Bekannten, damit die Polizisten verzögert werden (Busse, bescheuerte Fahrer, eine Ziegenherde). Enrique, Carlos und die anderen schippern mit Ximena dann erst mal nach Kuba.

Auch auf dem Weg nach Kuba ist Cassius. Der wollte sich eigentlich nur auf dem Schiff verstecken, wurde aber auf See erwischt und muss jetzt in Kuba gucken. Edward stimmt zu, dass er als Kontaktperson angegeben wurde. Ximena holt ihn auf dem Rückweg von Kuba ab und kauft noch ein bisschen ein.

Lewis will sich noch mal mit Edward treffen. Erklärt, wenn Cassius heim will, kann er gern kommen. Die beiden reden ein bisschen, über Maria (“jetzt eine Fee”), über Harry Dresden (“gefährliches Arschloch”), über Cassius (“soll auf die High School”, “ist ein Pazifist”). Tauschen Telefonnummern aus.

Schließlich Gespräch mit Sir Diarmuid, dem nicht-mehr-Eidbrecher. Der behauptet, er hätte Pan nie einen Eid geschworen. Pan hätte das halt irgendwie verpennt. Und warum hat Lady Fire das Mal nicht? Keine Ahnung. Hatte sie nicht? Ist ihm nicht aufgefallen. Ja, das ist klar gelogen, und Sidhe können nicht lügen. Was hat er denn mit Lady Fire gemacht, nachdem sie von Pan verbannt worden ist? Sagt er nicht. Cardo bedroht ihn, er würde eine Strafe finden, die schlimmer ist als der Tod – dann wird Diarmuid erstmal in Pans Palast eingesperrt.

Debatte: Was ist denn da passiert? Dämonischer Einfluss? Herrin der Verschlungenen Wege? Seelen? Jedenfalls kriegt die Herrin erstmal den Codenamen “Fräulein Rottenmeier”.

Schließlich zurück zu Jack (White-Eagle-Jack), um alles mit dem zu besprechen. Der ist aber auch relativ ratlos re lügender Feen – auf jeden Fall ist etwas Größeres im Gange, meint er. Ja, die Outsider wären auch seine ersten Verdächtigen.

Dann geht es darum, wie man der Insel der Jugend am besten hilft. Ganz abschotten ist schlecht, sie ist ja ein wichtiger Anker, und ganz ohne Verbindung geht das nicht. Okay. Verschlungene Wege sind keine Option, die kann FR ja vermutlich finden. Aber Türen? Ist ja nicht die Herrin irgendwelcher Türen. Die müssten dann halt auf verschiedenen Inseln aufgestellt werden. Gute Idee, meint Jack, aber dafür sollte man doch lieber noch mal mit Tanit reden – viele der Inseln gehören ihr, und es gibt mehr als eine Ankerinsel, soweit er weiß.

Okay, also mit Tanit reden gehen. Da kann Totilas gleich um Verzeihung bitten.

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Ricardos Tagebuch: Small Favors 2

09. November

Das war eine seltsame Woche. Eigentlich relativ ruhig, aber es sind doch immer mal hier Vorfälle und dort Vorfälle aufgeflammt. Glücklicherweise gingen alle Konfrontationen relativ glimpflich ab, keine ausgeflippten Hulks mehr, aber trotzdem. Die Stimmung in der Stadt wird zunehmend nervös.

Alex ist immer noch dabei, sich auszukurieren. Den haben die Anstrengungen an Halloween doch ziemlich fertig gemacht, also lässt er es langsam angehen.


11. November

Mierda. ¡Mierda y cólera!
Wir hätten es echt wissen müssen, dass Lady Fire was plant, verdammt!

Jetzt sitze ich gerade hier und warte, dass sie Edward entlassen, und damit ich keine Furchen in den Krankenhausboden laufe, schreibe ich lieber auf, was passiert ist. ¡Mierda y cólera!

Also. Als wir uns heute bei Edward trafen, hatte der Besuch. Eigentlich sogar mehr als Besuch: Cassius nämlich, der bei Vanguard abgehauen war, weil sein Vater plötzlich dort aufgetaucht sei und seinen Sohn wieder habe einsammeln wollen. Vanguard habe sich geweigert, weil Cassius jetzt zu seinem Rudel gehöre, aber Louis habe gemeint, das gehe gar nicht, man könne sein Rudel nicht einfach so wechseln, und dann sei es hin und her gegangen, und dann sei Cassius abgehauen. Jetzt wollte er gerne bei Edward bleiben und zu dessen Rudel gehören. Als wir ankamen, waren die beiden offenbar gerade in ein längeres Gespräch darüber vertieft gewesen, was es heißt, als Lykanthrop ein Rudel zu haben beziehungsweise eben nicht, und das Gespräch ging noch ein bisschen weiter, als wir da waren, auch wenn wir nicht so richtig viel dazu beitragen konnten – außer vielleicht zu bestätigen, dass wir irgendwie Edwards Rudel darstellen, wenn das das richtige Wort ist.

Wir waren noch gar nicht so lange dort, da fuhren zur exakt selben Zeit von zwei Seiten einige Autos vor: Vanguard und sein Rudel von links und Louis Parsen und sein Rudel von rechts. Natürlich waren beide Gruppen auf der Suche nach Cassius. Sie trafen sich vor dem Haus, und auch Edward ging hinaus, wo er von seinem Vater angeherrscht wurde, er solle aus dem Weg gehen. Ich bin mir nicht sicher, aber aus seiner Wortwahl hatte ich fast den Eindruck, er wusste gar nicht, dass sein Sohn ebenfalls ein Lykanthrop ist. Edward hatte sich auch tatsächlich extrem gut unter Kontrolle, muss ich sagen, was Louis Parsen ihm allerdings sichtlich als Schwäche auslegte. „Geh einfach aus dem Weg und rück den Jungen raus!“ Das zu tun, weigerte Edward sich allerdings auch. „Hol ihn doch“, sagte er kühl, und machte Anstalten ins Haus zurückzugehen, während er sich seinen magischen Handschuh überzog, der seine Faustschläge verstärkt. Als Edward ihm den Rücken zugedreht hatte, warf Parsen Senior sich auf seinen Sohn, aber dem ersten Angriff konnte Edward ausweichen, bevor er selbst mit seinem Handschuh zuschlug und Louis damit völlig überraschte. Der Schlag traf Parsen Senior schwer, beinahe tödlich, aber ab dem Moment war es das mit der Überraschung. Während die beiden sich weiter prügelten, hielten wir anderen uns aus der Sache heraus – das war zu eindeutig ein Zweikampf. Aber wir machten uns bereit, einzugreifen, falls Rudelmitglieder von einer der beiden Seiten den Zweikampf stören wollen sollten. Ich bin nicht sicher, was Roberto und Totilas genau vorhatten, aber ich hörte ein: „Lasst euch nicht von dem Vampir anfassen!“ Ich selbst jedenfalls stand innen am offenen Fenster und hielt einen Zauber bereit, aber zumindest auf Vanguard und seine Leute musste ich ihn nicht anwenden, denn die traten allesamt den Rückzug an, als die Prügelei zwischen Edward und seinem Vater begann. Parsens Rudel sah so aus, als würden sie sich nur mit Mühe zurückhalten, aber auch sie beherrschten sich.

Jetzt, wo Edward das Überraschungsmoment verloren hatte, wurde nur allzu deutlich, dass er trotz allem seinen Vater nicht wirklich lebensgefährlich verletzen wollte. Am Ende war es Edward, der zu Boden ging, gab aber nicht auf, auch wenn Parsen Senior ihn anschrie, er solle sich unterwerfen. Für einen Moment sah es so aus, als wolle Louis seinen Sohn zerreißen, so wie er über ihm stand, und ich war schon drauf und dran, meinen bereitgehaltenen Zauber auf ihn zu werfen. Aber mit einem wütenden Knurren riss Parsen Senior sich zusammen und knurrte statt dessen mich an. „Rück den Jungen raus.“
„Der ist schon weg“, antwortete ich, denn tatsächlich war Cassius durch die Hintertür abgehauen, als es vorne brenzlig wurde.
Wütend trat Louis die Tür ein und kam ins Haus gestürmt. Das war der Moment, in dem ich mich durch das Fenster nach draußen verschwand, denn mit Louis Parsen musste ich mich nicht unbedingt im selben Raum befinden. Von draußen konnte ich sehen, wie Louis und sein Rudel an der Hintertür Cassius’ Geruch aufnahmen und abzogen.

Wir brachten Edward ins Krankenhaus, wo sie ihn erst einmal dabehielten, weil er eine üble Gehirnerschütterung hatte und ansonsten auch relativ mitgenommen aussah. Sein Handy hatte ich währenddessen an mich genommen, damit es im Krankenhaus nicht abhanden kam, und irgendwann, als wir gerade bei mir zuhause zusammen saßen und überlegten, ob es irgendwas gäbe, was wir wegen dieses blöden Supermondes im Moment noch tun konnten, klingelte es, also ging ich dran. Marie Parsen war am Apparat, und sie klang schwer besorgt. Mit der Insel der Jugend stimme etwas nicht, sagte sie. Lady Fire sei auf der Insel aufgetaucht, zusammen mit James Vanguard, Colin und einigen Sidhe, dazu einige Feuerwesen. Die Lady habe Sergeant Book festgesetzt und irgendetwas mit ihm gemacht, woraufhin er jetzt gelähmt dastehe und brenne, und sie hätte vor, beim Supermond dort irgendein Ritual durchzuführen.

Mierda.

Wir verabredeten uns im Behind the Cover, dann fuhren wir Edward bescheid geben, und jetzt ist Edward gerade dabei, sich selbst zu entlassen, Lykanthropen-Heilungskräften sei Dank. Was wie gesagt der Grund ist, warum ich mich gerade mit Schreiben ablenke. Aber jetzt müsste er langsam doch mal fertig sein. Wie lange kann so ein blöder Papierkram denn dauern?


Marie Parsen wartete schon auf uns, als wir im Buchladen ankamen. Sie erzählte uns noch einmal genauer, was sie am Telefon nur angerissen hatte: Dass James Vanguard beim Supermond auf der Insel der Jugend wohl den Wolf rufen und dessen Kraft in sich aufnehmen will. Das Ritual ausgerechnet auf der Insel der Jugend abzuhalten, sei wohl Lady Fires Idee gewesen. Okay, Römer und Patrioten, woher zum Geier kennt Vanguard Lady Fire?!

Eines war klar: Was auch immer Lady Fire vorhat, sie wird es tun wollen, um sich an uns zu rächen. An mir. An ganz Miami. Ich gebe zu, ich reagierte nicht gerade gelassen auf diese Enthüllung, sondern fuhr ein bisschen aus der Haut, um es mal ganz offen zu sagen.
„Na jetzt nimm ihn schon in den Arm“, stubste Mrs. Parsen daraufhin ihren Sohn an, was bei Edward ein verständnisloses „Hä? Was? Warum?“ auslöste. „Seid ihr etwa nicht zusammen?“ soufflierte seine Mutter, woraufhin sowohl er als auch ich wie aus einem Mund mit einem ziemlich gereizten „Nein!“ reagierten. „Ach so“, machte Marie, noch immer nicht überzeugt, „ich dachte, weil er dein Telefon hat und alles.“ Grrrrrr. „NEIN!!!“

Mit etwas Mühe riss ich mich zusammen, immerhin bringt es niemandem was, wenn ich ganz ohne äußere Einwirkung dieses blöde Koyanthropen-Gen aktiviere, nur weil ich hier einen auf Dr. Bruce Banner mache. Und so richtig zielführend war das Geschimpfe auch nicht, selbst wenn es irgendwie gut tat. Nachdem ich ein paarmal durchgeatmet hatte, warf ich in den Raum, dass die Kombination aus Lady Fire und Vanguards Leuten zu viel für uns fünf sein dürfte. Aber wen könnten uns als Unterstützung dazuholen? Ximena vielleicht?

Wir waren gerade noch am Durchgehen unserer Verbündeten, da klingelte Edwards Handy schon wieder. Und diesmal konnte er selbst drangehen, weil ich es ihm natürlich wiedergegeben hatte, als er aus dem Krankenhaus kam. Nur damit hier keine falschen Vorstellungen aufkommen. Es war Henry Smith, der seinem Lieutenant mitteilte, dass es in den Everglades einen Gefängnisausbruch gegeben hätte, mit Feuer und Illusionen. Und, ja natürlich: Enrique und seine Leute sind ausgebrochen. Überraschung.

Habe ich gerade vorhin geschrieben, ich fuhr ein bisschen aus der Haut? Falsch. Jetzt fuhr ich ein bisschen aus der Haut. Das war doch garantiert Ximena, war mein erster Gedanke, aber Totilas und Edward hatten noch einen viel beunruhigenderen. Was, wenn Lady Fire dahinter steckte, die Enrique entführt hatte, um Rache zu nehmen oder weil sie eine Geisel wollte? Oh, mierda. Mierda, mierda, ¡mierda!

Mit noch etwas mehr Mühe als zuvor riss ich mich ein weiteres Mal zusammen. Spekulationen brachten uns nicht weiter, also rief ich kurzerhand bei Ximena an. Die war am Telefon zu keinerlei Aussage zu bewegen, nur dass sie natürlich nichts mit der Sache zu tun habe (natürlich!), aber gerade auch überhaupt nicht abkömmlich sei, wo sie gerade sei, und einen Kollegen zu uns schicken werde.

Grrrrrr. Ich fand das nicht lustig. Also so gar nicht. Denn aus Ximenas Tonfall war nur allzu deutlich zu entnehmen, dass sie eben doch ganz genau wusste, von was ich sprach.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Ximenas Kollege – dieser blonde isländische Slacker-Jüngling namens Bjarki irgendwas – im Buchladen auftauchte und uns im Vertrauen bestätigte: Ja, der Ausbruch ging tatsächlich auf seine und Ximenas Kappe. Carlos hatte seine Cousine darum gebeten. Sie hätten sich bemüht, die ganze Aktion so gewaltlos wie möglich über die Bühne zu bringen, nur mit Illusionen und ohne Verletzte. Jetzt halte Ximena sich mit den Flüchtigen an einem passenden Ort in den Glades versteckt – noch ohne Polizei auf den Fersen, nicht direkt jedenfalls. Aber vermutlich sei das nur eine Frage der Zeit, und auf Dauer sicher sei das Versteck nicht.

Verdammt. Aber wir hatten gerade zu viel um die Ohren, mit diesem Problem mussten Ximena und Bjarki erst einmal alleine klarkommen. Vielleicht könnten sie sich auf Linares’ Marijuana-Feldern verstecken, meinte Totilas. Die kann wegen ihres magischen Schutzes immerhin niemand finden. Wenn wir Linares darum bäten und ihm erklärten, dass ich meinem Bruder gerade nicht helfen könne, weil wir ja mit dem Biest beschäftigt seien, dann würde er den Flüchtigen ja vielleicht den Weg auf die Felder zeigen.

Und dann, wenn der Alarm ein bisschen abgeebbt war, könnten die Geflüchteten ja vielleicht nach Kuba weiter, schlug Roberto vor. Vielleicht, erwiderte Bjarki, aber Enrique wolle seine Tochter.
GRRRRRR. Falsche Antwort. Ganz falsche Antwort. Ich merkte gar nicht so richtig, wie ich mit den Zähnen knirschte und die Fäuste ballte, während mir immer groteskere Bilder von einem Kojanthropen-Enrique, der eine haltlos weinende ‘Jandra mit sich zerrte, vor den Augen herumtanzten. Es war Totilas, der mir die Hand auf den Arm legte und beruhigend auf mich einsprach. Das half. Ich atmete tief durch und tröstete mich wenigstens ein bisschen mit der guten Nachricht, dass Enrique immerhin nicht von Lady Fire als Geisel genommen worden war.

Also gut. Auch das brachte niemandem was, wenn ich jetzt hier herumtobte. Nach dem Supermond muss ich mit Enrique reden, aber erstmal müssen wir den Supermond einigermaßen unbeschadet hinter uns bringen.
Jetzt war erst einmal die Frage: Was machen wir wegen der Insel? Wie gehen wir gegen die kombinierten Kräfte aus Lady Fire, Vanguard und Lebenswasser-Colin vor? Wir überlegten eine Weile relativ fruchtlos hin und her, bis ich auf die Idee kam, dass ich am besten mal mit George reden sollte. Immerhin ist er der Vertreter des Wyld hier in der Gegend, und die Insel der Jugend gehört nun einmal zu Wyld.

Also versuchte ich kleines Nachmittagsschläfchen. Ja, mitten im Buchladen. Augen schließen, tief atmen, meditieren. Erledigt genug war ich nach den bisherigen Anstrengungen des Tages tatsächlich.

Der Traum setzte in einem Auto ein (meines? ein anderes? schwer zu sagen), mitten in einer rasanten Verfolgungsjagd. George saß am Steuer und lenkte das Gefährt hektisch durch den widerspenstigen Verkehr. Während wir fuhren, unterhielten wir uns. Ich fragte George, ob er die Auswirkungen des derzeitigen Mondes auch schon mitbekommen habe. Ja, sagte er, er fühle sich irgendwie aggressiv, und die Träume der Leute schmeckten alle so komisch.
Als George sagte, er fühle sich aggressiv, saßen wir plötzlich nicht mehr im Auto, sondern standen uns in einem Boxring gegenüber, und mein kleiner Wyldfae-Freund tänzelte mit schwingenden Fäusten um mich herum, griff mich aber nicht an. Ob er auch schon mitbekommen habe, was auf der Insel der Jugend los sei, wollte ich dann wissen. Da befanden wir uns mit einem Mal auf rauer See, aber nicht in einem Boot, sondern auf einer aufblasbaren Gummiinsel mit Palme. Ja, sagte George, und was da gerade geschehe, sei gar nicht gut. Zu viel Sommer da, gerade. Lady Fire und alles.

Von Lady Fire würde ich übrigens sehr oft träumen, warf George dann ein. „Hah“, machte ich nur. Das wollte ich eigentlich gar nicht wissen, und daran erinnern kann ich mich ja dank Georges kleiner Mitternachtshappen zum Glück meist auch nicht. Mein kleiner Oneirophagenkumpel wollte auch gleich wissen, ob er die Lady-Fire-Träume weiter fressen solle, das wollte ich ihm aber nicht vorschreiben, weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Sei es denn dann in Ordnung, wenn ich Pans Einherjar mit auf die Insel nehme, fragte ich weiter. Ja, das sei schon okay: Wenn ich das okay fände, dann sei es bestimmt in Ordnung. Grrrrr. Nicht das, was ich gefragt hatte, und nicht das, was ich hören wollte. Was Georges eigene Meinung sei, hakte ich nach. Naja, es sei eben sehr viel Sommer gerade auf der Insel. Vielleicht wäre ein Ausgleich gut.

Hmmmm. Ausgleich. Also Winter. Hmmmmmmm. Ich dankte George aufrichtig für seinen Rat, und der Kleine freute sich sichtlich. Und dann wurde er creepy. Richtig gruselig, irgendwie. In schneller Abfolge zeigte er mir lauter Bilder von meinen Verwandten und Freunden. Die Jungs. Mamá und Papá, Yolanda und Alejandra, Lidia und Monica. Dee. „Soll ich die auch fressen?“ fragte er dann in einem ganz seltsamen Tonfall. Erm. „Nein!“ „Okay“, machte George, und ich hoffe schwer, das lässt er wirklich.
Hmmm. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, was das macht, wenn er diese Träume frisst. Also außer, dass ich mich dann an diese Träume nicht mehr erinnern kann, versteht sich. Aber ob noch irgendwas anderes.

Dann kam ich wieder zu mir und erzählte den anderen, was George gesagt hatte. Also das mit dem Sommer-Überschuss auf der Insel und dass ein Ausgleich ganz gut wäre. Das mit dem Vorschlag, die Träume von meinen Freunden zu fressen, nicht.

Unser erster Gedanke bei „Winter“ war angesichts der Tatsache, dass Lady Fire sich auf der Insel aufhält, natürlich erst einmal Lord Frost. „Kannst du denn mit Lord Frost, Cardo?“ fragte mich Totilas, worüber ich erst einmal kurz nachdachte, dann aber mit einem „Geht schon“ antwortete. Immerhin ist Lord Frost der erklärte Gegenspieler von Lady Fire, und im Schwimmbad ging es ja auch einigermaßen. Aber bei Lord Frost wissen wir ja gar nicht, wie wir ihn erreichen können, also musste eine solche Aktion ohnehin über Hurricane laufen.

Wir fanden den Boxer am Hafen, in einer Bodega, die von lauter Winterfeen in menschlichem Glamour besucht wurde. Da mussten wir – musste vor allem ich – nicht unbedingt rein, also redeten wir draußen vor der Tür. Also… ich redete, weil von den anderen keiner Anstalten machte, das zu übernehmen. Wahrscheinlich ist in denen noch zu sehr die Rollenverteilung ‘Cardo übernimmt das Reden’ gespeichert. Was ja grundsätzlich auch stimmt. Nur dass ich Hurricane gegenüber fürchterlich herumdruckste. „Wir sind hier, weil, ähm…“
Allerdings muss man sagen, dass Hurricane es mir auch nicht gerade leichter machte. „Was?“ feixte er. „Ich verstehe dich nicht!“ „Weil… ähm…“ „Es fällt ihm als Vertreter des Sommers gerade etwas schwer, eine offizielle Bitte an Winter zu richten“, erklärte Edward, aber Hurricane schnaubte nur. „Warum macht er es dann?“
Weil… siehe oben.
Aber jetzt übernahmen die anderen dankenswerterweise dann doch und erzählten Hurricane von den Vorgängen auf der Insel der Jugend und dass wir Hilfe bräuchten. Dass die anderen dafür ihre bei Tanit noch offenen Gefallen einfordern wollten.

Während die Jungs erklärten, tigerte ich unruhig und noch immer ziemlich gereizt vor mich hingrummelnd auf und ab und ließ sie machen. Irgendwann merkte ich allerdings, dass Hurricane mich sehr ungehalten anstarrte. „Du zeigst keinen Respekt“, knurrte er.
Verdammt. Da hatte er nicht unrecht. Ich habe ja eigentlich nichts gegen Hurricane, und mein Ärger richtete sich ja noch nicht einmal gegen ihn. „Es tut mir leid“, gab ich hochformell zu. „Ich bin etwas… angespannt derzeit, und ich habe das an dir ausgelassen, was ich nicht wollte. Das zeugte wirklich nicht von Respekt. Bitte entschuldige.“
„Ich akzeptiere deine Entschuldigung“, erwiderte Hurricane, und damit war es dann zum Glück auch okay.

Hurricane erklärte, er werde Lord Frost über Lady Fires Aktionen informieren. Dies werde den Winterlord sicherlich dazu veranlassen, auf der Insel der Jugend für das Gleichgewicht sorgen zu wollen, dies bedeute also noch keinen Gefallen der Jungs bei Tanit. Für die drei offenen Gefallen hingegen versprach er seine eigene Unterstützung sowie die Hilfe von zwei Frostriesen und einer Kompanie Kelpies.

In dem Gespräch erwähnte ich schließlich auch Mr. Dahl und die Heinzelmännchen, und während ich Hurricane im Auge behielt, erklärte ich auch, dass es Colin Mendoza gewesen sei, der Dahl auf die Gesetzeslücke mit dem Teichgelände aufmerksam gemacht hatte. Und als hätte ich es nicht schon geahnt: Hurricane wirkte kein Stückchen überrascht.
Da ich ja weiß, dass die beiden gut befreundet sind, fragte ich daraufhin, ob diese Freundschaft nicht ein Problem für Hurricane darstellen werde, wenn er uns jetzt doch gegen Colin beistehen würde, aber der Winterfae verneinte. Er habe sein Wort gegeben, und es gelte, einen Gefallen einzulösen, den seine Mutter uns schulde. Er werde Colin nicht aktiv umbringen, aber es gehe um sein Wort. Okay, sagte ich, denn das nahm ich ihm auch ganz genau so ab.

„Ich brauche auch ein Versprechen“, ergänzte Hurricane noch. „Ich will euer Wort, dass der Vampir keine Hand an die Winterkrieger legt.“ „Nur, soweit uns das nicht in Gefahr bringt“, versuchte Totilas abzuwiegeln, aber der Boxer starrte ihn einigermaßen finster an und schoss zurück: „Das Versprechen will ich nicht von dir.“
Seufz. Es wird wirklich Zeit, das Totilas diese Eidbrecheraura endlich los wird.
„Ich verspreche es für ihn“, sagte ich stattdessen. „Totilas wird in diesem Kampf seine Vampirkräfte nicht gegen die Streiter des Winters einsetzen.“ Das mochte unserem White Court-Freund zwar nicht gefallen, aber ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass die Winterfeen uns bei der Erfüllung eines Gefallens verraten werden und er in die Verlegenheit kommen könnte, mein Versprechen brechen zu wollen. Und wenn doch, muss ich ihn eben davon abhalten.

Nachdem das also geklärt war, trennten wir uns. Alles Weitere muss bis morgen warten, denn es war ein langer Tag, und wir sind alle ziemlich erledigt. Vielleicht hätte ich den ganzen Kram nicht auch noch aufschreiben und stattdessen gleich ins Bett gehen sollen, aber wer weiß, wie ich morgen dazu komme.

Nur mit Yolanda habe ich vorhin noch kurz telefoniert und ihr endlich mal erzählt, was mit Enrique los ist. Dass Jandra und ich den Kojanthropen-Marker mit Sicherheit in uns tragen, was bedeutet, dass Mom und Dad und sie selbst den Marker höchstvermutlich auch aufweisen. Sie war nicht sonderlich begeistert von der Vorstellung, trug es aber mit Fassung. Mehr Fassung als ich, wenn ich ehrlich bin.

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Small Favors (Teil 2) - Mitschrieb
Als Gedächtnisstütze

Alex taucht auf. Der war im Nimmernie unterwegs und hat Fußspuren vom Biest gefunden – nicht sehr viele, eher einzelne.
Danach ruft Cynthia bei Edward an, die würde Cassius gern abholen. Stabilität des Rudels und so. Edward meint, Cassius sollte das selbst entscheiden. Cynthia und Imana tauchen auf, Cassius schaut Schneeball an und geht dann lieber mal mit.

Planung: Mal mit den Coral Guardians reden, Ritual machen, um einen Ruf zu entdecken – wird das Biest angelockt?
- Aspekte: Hilfe vom Checker (), Schwachpunkte schon bekannt (), Fell eines Loup Garou ( O) (Cardo hat Oliver eine kostenlose Lesung versprochen)

SMS von Dee, Typ + Paco zum Schwimmbad. Roberto erkennt Lord Frost und schreibt zurück, dass er Adliger vom Winterhof ist.
Dann doch mal los zum Schwimmbad. Dort ist die Tür zugeeist, und Edward rutscht erst mal aus und landet auf dem Hintern. Schuss fällt. Cardo taut die Tür auf, alle rein. Drin: Schwimmbad, leuchtet, voller Eis. Dampf, weil das Wasser so kalt ist.

Am hinteren Ende steht Paco mit einer Pistole, ein Stück von ihm entfernt Lord Frost. Dee hat sich gerade in Deckung begeben und blutet aus dem Arm. Edward ruft “Polizei” , Paco hält die Pistole schräg und schießt. Trifft. Durchschuss. Aber wie hat der getroffen?
Totilas stürmt los, Cardo blendet Paco mit einem Sonnenstrahl. Es kommt zu einem Handgemenge, Totilas wird auch noch angeschossen, kann Paco aber die Pistole wegnehmen. Deren Lauf hat rot geglüht, mit Symbolen versehen. Normal ist die nicht.
Cardo versucht zwischendurch, das Wasser aufzuwärmen, aber er kann nur wenig Hitze hineinleiten. Immerhin sieht er, dass dort ein Körper schwimmt.
Lord Frost hat sich das angeschaut. Alex spricht ihn an, was er hier eigentlich macht, und er meint: “Aufräumen”. Dann wirft er einen Eissturm nach Paco und friert den Jungen ein. Totilas stürmt wütend auf ihn zu, aber Lord Frost schleudert ihn nur davon, mitten ins Eiswasser. Dann geht er.

Cardo läuft zu Paco, um ihn aufzutauen. Aber das traut er sich dann doch nicht zu.
Dee erzählt, dass sich beim Jugendzentrum ein paar Dinge tun – Jugendliche sind verschwunden. Die waren mit Paco in einer Jugendgang. Die wurden unter anderem von Pater Donovan betreut.
Da schon ein paar Leute weg waren, hat Dee ein Ward um das Jugendzentrum gezogen, das heute durchbrochen wurde. Als sie ankam, um nachzusehen, sah sie Paco mit einem älteren Mann – Lord Frost – weggehen. Sah freiwilig aus. Die beiden gingen in das Schwimmbad, dann zog Paco seine Pistole und richtete sie auf den Mann, Dee gab sich zu erkennen und wurde von ihm beschossen und getroffen.

Cardo: “Sindri ist ja auch wieder so eine Fee.”
SL: “Nee. Sie ist die Tochter eines Sterblichen und eines nordischen Gottes. Also ein Halbgott.”

Paco: Geblendet

Railroad Club

Polizei taucht auf, also Henry und Suki. Im Schwimmbecken werden noch vier Leichen gefunden: Drei weitere Teenager und ein älterer Mann. Der eingefrorene Paco ist auch tot. Totilas’ und Edwards Wunden heilen ab, aber Dee muss ins Krankenhaus. Alex entfernt noch die Kugel aus Totilas, weil dessen Dämon herumquengelt.

Als nächstes ins Jugendzentrum. Dort reden sie erst mit Dallas, die erzählt, dass erst die Klimaanlage durchgedreht ist und es sehr kalt wurde, und dann – nachdem sie da nachgeschaut hat – Paco sich mit Lord Frost unterhalten bzw. herumgestritten hat. Der Alte meinte dann “Lass uns rausgehen und das klären”, und Paco ging mit. Der war ohnehin ein ziemliches Ekelpaket, dass dauernd Leute quer angemacht hat.
Lisa (oder Linda), eine Ex von Paco, erzählt, dass Paco sogar mal der netten Marshal Martin seinen Schniedel gezeigt hätte. Die hätte ihn aber nur ausgelacht. Jedenfalls hat er mit ein paar anderen Typen so Rituale gemacht, vermutlich nur Ringelwichsen, aber einmal hat sie Paco erwischt, wie er gebrauchte Tampon von ihr aus dem Mülleimer holte – Blut fürs Ritual. Sie hat ihn dann rausgeschmissen. Ekliger Typ. Danach hatte er dann was mit Monica, die im Railroad Club herumhängt.

Auf zum Railroad Club, einem ehemaligen Speakeasy. Im Vorraum muss man die Waffen abgeben (Jade bleibt im Auto) und einen Drink kaufen, danach einen kurzen Tunnel mit Eisenbahnschwellen entlang, dann ein Raum, in dem man sich treffen und kennenlernen kann. Und tanzen. In der Mitte ist eine Plattform, auf der zwei halbnackte Frauen und ein halbnackter Mann tanzen, um die Leute in Stimmung zu bringen.
Totilas entdeckt seinen Cousin Hank, der gerade eine Frau mit seiner Bro-Masche vergrault. Er fragt ihn nach Monica, und der kennt sie tatsächlich – eines der tanzenden Mädchen. Toti verspricht ihm, sie zu ihm zu schicken, wenn er mit ihr gesprochen hat.

Mit Monica stimmt etwas nicht. Gar nicht. Sie ist abwesend, wie bedröhnt. Als sie von den Ritualen spricht, sagt sie zwar, dass es “so schön” war, aber sie zittert vor Abscheu oder Kälte. Alex schaut sich im Raum um und sieht an Monicas Hals ein schattenhaftes Halsband, wie von Adlene. Oder Jack. Ein paar andere Leute im Raum haben das auch.

Monica zeigt Totilas einen weiteren Bekannten von Paco, Diego. Der geht gerade mit drei Mädels raus. Die Jungs hinterher (Toti schickt Monica noch zu Hank).
Außerhalb der Stadt verziehen sich Diego und die drei Frauen ins Gebüsch und haben erstmal Sex zu Rap-Klängen. Aber als die Töne sich verändern und ritualiger werden, greifen die Schönen Männer doch ein: Roberto geht mit dem Messer auf Diego und die Frauen zu. Die Mädels – nackt – bauen sich als Schutzschild vor Diego auf, aber das hilft nicht viel: Totilas schlägt dem Kultisten den Kelch mit dem Blut aus der Hand, bevor der trinken oder sonstwas machen kann, und die Frauen fallen ohnmächtig um.

Danach längere Diskussion: Was jetzt? Die Frauen dürfen gehen (die sagen nicht viel, weil sie keine Cops mögen), Diego verhaftet und mitgenommen. Er hatte eine Schusswaffe dabei, auf der ähnliche Runen sind wie auf Pacos, und er hat eine Tätowierung, die als Anfang eines Dämonenpakts dienen sollte. Die könnte man zwar weglasern, oder wegsommern, aber das machen sie erst mal nicht.

Edward: “Ich habe die Wahl: Ich könnte ihn umbringen – was zugegebenermaßen nicht ganz legal ist…”

Cardos Zitat der Runde: “Ich hab Kopfschmerzen.”

Cardo will mal Yolanda fragen, wie man so eine Eidbrecher-Geschichte loswerden kann (wegen Totilas).

Der Anwalt von Diego taucht auf, schaut angekotzt und erklärt Edward, er würde jetzt gefälligst seinen Mandanten gehen lassen, sonst würde er Anklage wegen Körperverletzung erheben – schließlich ist Diego letzte Nacht angegriffen worden. Die Waffe? Nicht seine. Beweiskette unklar.

Gut, Edward hat Diego die Bilder der toten Kultanhänger (Paco & Co.) gezeigt. Vielleicht verlässt der die Stadt ja.

Totilas: “Ich bin ein reicher Bürger…”
Cardo: “Ein reicher, übernatürlicher Crime-Lord-Bürger.”

Marshall ist im Urlaub, Skifahren in Vermont. Yolanda auch. War vielleicht reiner Zufall. Klaaaar.

“Was hast du mitgebracht?”
“Vibratorsalat.”
“Ws?!?”
“Ja, die Gurke war alle.”

Edward: “Ich könnte noch ein Ward um den Kühlschrank…”
SL: “So ein Schnellschuss-Ward?”
Edward: “Quasi ein Ed-Ward?”

Kuchenstück taucht bei Edward auf. Landet erstmal im Kühlschrankes, der wird dann per Ritual mit Ward versehen (dabei stirbt der Kühlschrank).

Treffen mit Linares. Ritual am Coral Castle, und er braucht Unterstützung, weil das Biest noch herumeiert – er macht sich Sorgen, dass das am Dia de los Muertes versucht, rauszukommen. Wäre schlecht für Miami. Cardo ist misstrauisch. Will Linares sie verarschen? Nein, sagt er. Gemeinsames Problem. Warum sie? Vanguard ist beschäftigt, behauptet er. Orunmila muss in die Sümpfe. Declan? Lieber nicht. Der Rote Hof ist auch keine Option. Also gut. Ist jedenfalls das Koyotenbiest, das vor Jahren schon hierher gerufen wurde. Diesmal: Supermond + Grenzen dünn. Wäre schlecht, wenn es im Coral Castle auftaucht, die sind schon geschwächt genug.
Gut, für Miami arbeitet man zusammen.

Treffen mit Vanguard. Warnung vor dem Koyotenbiest. Info über den Ruf. Steinerne Mine, freundliches Nicken. Ja, Vanguard schaut mal, was mit dem Ruf ist, aber das ist klar gelogen.

Diskussion. Biester, zwei davon? Wolf und Koyote? Was ist denn nun los? Lord Frost ansprechen? Kann man die Biester gegen Dämonen einsetzen? Kann man Lord Frost gegen Dämonen einsetzen? Hui, was ist mit Lady Fire?

“Ortego war nicht verzweifelt! Vergewaltigen! Morden! Pläne schmieden!”

Dann kommt Internal Affairs dazwischen. Die stellen Fragen wegen dem toten -anthropen und lassen nebenher fallen, dass sie die Beziehung zwischen Edward und Totilas fragwürdig finden und er sich mal entscheiden müsste, auf welcher Seite er steht.
Henry meint, es gäbe bereits Untersuchungen re Edward. Vielleicht kann er das aushebeln, aber er braucht ein bisschen freie Hand? Ja, kann er haben. Soll machen.

Zu Fable: Der erzählt ein bisschen was über die Herkunft der Biester, weiß aber sonst wenig. Meint, der Marker wäre genetisch – könnte man mit einem Ritual feststellen. Machen sie dann später: Cardo hat den Marker, und Alejandra auch. Der Kuchen hätte auch untersucht werden sollen, aber der ist weg.
Catalinas und Sanchez’ Unterlagen ergeben nicht so viel: Sanchez wollte das Biest beschwören, um damit Vanguard umzukacheln. Sollte nach dem Vollmond wieder verschwinden (war die Annahme).

Halloween-Party bei Raiths: Alien-Thema (Roberto = Frank N. Furter, Dee = Magenta, Cherie = russische Militärtante, Cardo = Klingone, Totilas = Captain Kirk, Alex = Riffraff, Edward = Stormtrooper)

Roberto macht ein Ritual, um festzustellen, ob Koyote oder Wolf in der Nähe sind und wenn ja, wie stark. Das ist einigermaßen schwierig, und es geht ihm danach nicht mehr so gut, aber er hat herausgefunden, dass Koyote ziemlich direkt da ist und Wolf maximal in der Nähe.
Pläne für Koyote: Ablenken. Nicht im Kreis einfangen. Auf einer einsamen Insel, die Alex findet.
Totilas besorgt ein paar Kaninchen (leider nur gefrorene) und hat nach Koyoten geforscht (O), Roberto ein paar “Kräuter”, die bei der Konzentration helfen (OO), Cardo schreibt ein nettes Märchen über den Koyoten (O), Alex öffnet schon mal ein Loch ins Nimmernie (O).

Am 31.03. geht morgens in der Aventura Mall der Punk ab: Ein Lykanthropen-Rudel, und einer ist ausgetickt. Außerdem sind Schüsse gefallen.
Dort stehen auf dem Parkplatz Autos aus Chicago. Drinnen ein junger Schwarzer, den Edward festhält, dann eine ältere Schwarze, die Edward beschimpft. Kampf! Edward wird zusammengeschlagen, außerdem rennen da noch besorgte Bürger mit Schusswaffen herum und andere Bürger, die beschossen wurden und das nicht so toll fanden. Überdies kreuzt dann noch Edwards Vater auf, pfeift die ältere Frau – Allison – zurück. Die Lykos verziehen sich, Alex gibt Lewis noch seine Karte.

Party ist ganz okay, um elf verziehen sich die Jungs. Auf die Insel, Totilas, Roberto und Cardo bleiben auf dem Boot, Alex wartet, Edward ritualt. Funktioniert auch, Biest ist in Alex. Greift Edward blitzschnell an, der entgeht dem Angriff. Springt ins Wasser. Alex tobt über die Insel, 24 Stunden lang. Schafft es, dem Biest immer wieder die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Bricht dann zusammen. Roberto schaut ihn mit der Sight an, die anderen auch. Edward hatte ein Stück Kuchen in der Hand? Was? Na, egal. Er ist erstmal fertig.

Vampire im Sonnenlicht: “Die roten platzen, die weißen glitzern, die schwarzen zerfallen.”
Dean Carter: Bruder von Allison Parsen, war bis vor zwei Jahren Alpha (dann hat Lewis ihn besiegt).
Washington: Lyko aus Parsens Rudel

Vor Edwards Haus taucht Cassius auf. Sein Vater ist in der Stadt, und der will ihn zurück. Vanguard will ihn nicht hergeben. Er ist abgehauen. Kann er nicht in Edwards Rudel? Der kennt sich nicht damit aus.
Dann tauchen die beiden Sonnenscheinchen auf und fangen an, sich im Vorgarten zu prügeln. Roberto schreckt sie auf. Vanguard versucht, Edward zu provozieren, aber das klappt erst, als Lewis ins Haus will, um den Kleinen zu holen. Es gibt eine Schlägerei, Edward fügt Lewis schwere innere Verletzungen zu, aber Lewis schlägt ihn zusammen, bis Edward mit einer Gehirnerschütterung zu Boden geht.

Weil das nicht genug Probleme sind, taucht Maria Parsen auf. Die braucht mal Edward und die anderen. Treffen im Behind the Cover. Maria erzählt, dass Lady Fire auf der Insel aufgetaucht ist, mit Hofstaat und Colin. Sie hat Book angezündet (der brennt auch noch) und plant jetzt mit Vanguard ein Ritual zum Supermond. Vermutlich wollen sie den Wolf rufen, Vanguard soll ihn besiegen und seine Kraft in sich aufnehmen. Groß-artig.

Damit das nicht zu einfach wird, ruft Henry an und erzählt etwas von einem Gefängnisausbruch – es gab einen Zwischenfall mit illusionärem Feuer, ein Oberwächter hat unsinnige Befehle gegeben, und dann waren nach all dem Chaos Enrique und seine Jungs weg.
Cardo regt sich auf. Roberto kontaktiert Ximena, aber die ist grad irgendwo weg. Schickt ihren Kollegen. Der taucht dann auch auf, erzählt, dass Carlos seine Cousine um Hilfe gebeten hat re Ausbruch. Jetzt sitzt Ximena mit den Flüchtlingen in den Glades und Enrique will seine Tochter wiederhaben. Cardo regt sich wieder auf.
Okay. Egal. Die werden in den Sümpfen irgendwie klar kommen. Vielleicht sollten sie zu Linares’ Hanffeldern, damit die Polizisten sie nicht finden. Bjarki kann ja mal mit Linares reden – es geht immerhin um Cardos Bruder.

Planung. Da LF ja mehrere Sidhe-Ritter und etliche Feuerwichtel dabei hat, brauchen sie Unterstützung. Einherjar? Pan? George fragen. Der taucht im Traum auf, findet alles prima, sie sollen halt gehen und die Insel beschützen. Vielleicht ein bisschen viel Sommer da grad – Winter als Gegengewicht wäre gar nicht schlecht.

Also zu Hurricane. Der ist gern bereit – gegen die drei offenen Gefallen. Für einen bekommen sie Lord Frost, für den zweiten bekommen sie zwei Sturmriesen und für den dritten bekommen sie Hurricane und eine Gruppe Kelpies. Die Ritter von Miami versprechen, dass Totilas den Kriegern des Winters nichts tut (kein Einfluss, keine Ernährung). Nächster Morgen geht es los.

Dann noch mal ein Gespräch mit Yolanda, die über Enrique und Coyanthropen aufgeklärt wird.

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Ricardos Tagebuch: Small Favors 1

18. Oktober
Oho. Robertos Bruder Carlos ist frei. Aber klar, er hatte ja keine zehn Jahre bekommen wie Enrique, und von den sechs Jahren, zu denen er verurteilt war, haben sie ihm zwei wegen guter Führung erlassen. Roberto hat ihn abgeholt, und als er sich hinterher mit uns traf, hatte er beunruhigende Dinge zu berichten.

Mitte des Monats soll doch dieser Supermond sein: der Vollmond, der so nah an die Erde herankommt wie seit 70 Jahren nicht. Und Carlos macht sich große Sorgen um Enrique und die drei anderen Koyanthropen, die noch im Gefängnis sind, weil sie dort natürlich auf engstem Raum zusammenhocken und sich bei einem Supermond vermutlich noch viel schlechter unter Kontrolle hätten als bei einem normalen Vollmond ohnehin schon. Carlos hat ernsthaft Angst, dass sie dort drin austicken und jemanden umbringen könnten, sagte Roberto.

Edward hat auch schon gemerkt, dass der Supermond seine Schatten vorauswirft. Er ist
noch gereizter als sonst und hat eine noch kürzere Lunte. Er hat sich auch schon darüber informiert, was so ein Supermond in magischer Hinsicht bedeutet, und eines ist sicher: Das ist mal richtig gefährlich. Mierda.


19. Oktober

Ich war bei Oliver im Laden und habe ein bisschen nachgeforscht. Beim letzten Supermond vor 70 Jahren sind die Verbrechensrate und die Anzahl der Gewaltdelikte massiv nach oben geschossen. Wobei ich für diese Info natürlich nicht zu Oliver in den Laden musste, die war im Internet frei verfügbar. Aber was ich im Behind the Cover fand, war die Information, dass dieser Kanal, diese Verbindung zu ihrem Wutdämon – oder was auch immer es genau ist, was die Lykanthropen bei Vollmond so ausrasten lässt – beim letzten Supermond einen ganzen Monat lang offen blieb, sich nach dem vorigen Vollmond gar nicht erst richtig schloss. Oh oh. Dios, ayudame! o, mejor dicho, ayuda Edward. Wenn das wirklich so ist, dann wird das kein Spaß. Aber Edward hat ja schon gesagt, er merkt einen Unterschied. Das wird wohl auch diesmal wirklich so sein. Mierda.


Wieder zuhause. Wir haben überlegt, was wir machen können, um Enrique und den anderen im Gefängnis zu helfen, aber so eine richtig zündende Idee hatten wir noch nicht. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn die vier während des Vollmonds nicht zu vielen Leuten zusammengepfercht wären, aber Einzelhaft für alle vier zu arrangieren, wäre so gut wie unmöglich. Dazu müssten sie so viel Ärger machen, dass sie in Einzelhaft gesperrt werden, und das entsprechend abzupassen, gerade genug für Einzelhaft, aber nicht so viel, dass sie austicken und wen umbringen, und das während des Supermonds? Das wäre viel zu riskant. Das würde nicht gutgehen. Beruhigungsmittel könnte man auch nicht mit der gebotenen Sicherheit einschleusen, oder besser: Für Beruhigungsmittel müsste man den Gefängnisarzt dazu bringen, dass er sie verschreibt, und dazu bräuchte es einen validen Grund. Und „Ihre Insassen sind Kojanthropen, Herr Doktor“ wäre mit ziemlicher Sicherheit keiner. In Quarantäne packen, weil sie eine ansteckende Krankheit haben? Auch kein guter Plan. Denn erstens müsste auch die vom Gefängnisarzt diagnostiziert werden, und selbst wenn es etwas zu diagnostizieren gäbe, weil man sie irgendwie damit infiziert bekäme, hieße das immer noch, dass sie dann krank wären: krank und geschwächt und mit potentiell noch weniger Kontrolle als ohnehin schon, und das auf der Quarantänestation mit eventuellen anderen Kranken und Geschwächten, also Beute? Keine gute Idee, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten. Die vier entführen, um sie über die Zeit des Vollmonds irgendwo sicher unterzubringen? Jahaaaa. Y una leche. Das wäre eine schwerwiegende Straftat, und was, wenn der Vollmond vorbei ist? Die vier einfach wieder im Gefängnis abliefern? Sie für den Rest ihres Lebens untertauchen lassen? Ich wiederhole mich, aber: Y una leche. Aber irgendwie beruhigt werden müssen sie da drin, da geht kein Weg daran vorbei.

Da wir uns bei der Diskussion irgendwann nur noch im Kreis drehten, beschlossen wir, mit James Vanguard zu reden. Immerhin ist er, von Edward mal abgesehen, unser Kontakt in Sachen Lykanthropie.


Vanguard erklärte sich bereit, uns zu treffen, was angesichts der derzeitig herrschenden Nervosität gar nicht so selbstverständlich war. Tatsächlich war die Stimmung zwischen Edward und ihm noch angespannter als sonst, aber beide konnten sich beherrschen. Vanguard erklärte, dass Enrique und die anderen Kojanthropen seien, keine Lykanthropen, mache es etwas schwierig für ihn, Vorhersagen abzugeben, weil er mit denen immer noch nicht so viel Erfahrung bzw. Berührungspunkte habe, auch wenn ihre Erschaffung (was für ein Wort, aber genau das war es ja nun mal) ja nun schon einige Jahre her ist. Aber was er uns sagen konnte, war folgendes:
Kojanthropen sind schneller als Lykanthropen, aber ihre Stärke trotzdem nicht zu unterschätzen. Und sie verhalten sich weniger wölfisch als Lykanthropen, bilden keine so stark miteinander verbundenen Rudel. Aber obwohl ihr Rudelverband nicht so fest sei, könnten vier Mitglieder einander vermutlich schon helfen, einander gegenseitig Stabilität geben. Und Ginseng-Tee. Ginseng-Tee helfe enorm.

Ich glaube, ich muss mal wieder meinen Bruder im Gefängnis besuchen gehen. Ich war ja auch tatsächlich schon eine ganze Weile nicht mehr dort, Schande über mich.


20. Oktober

Ja. Jahaaaaa. Das hätte ich mir ja fast denken können. Enrique war ziemlich aggressiv drauf, Stichwort: Traust du mir etwa nicht zu, dass ich selbst auf mich aufpassen kann, hältst du mich etwa für eine Pussy, weißt du mal wieder alles besser, rah rah rah. Jahaaaaa, Enrique, du bist mein Bruder, und ich liebe dich, aber du bist auch echt anstrengend, weißt du das? Ich will doch nur nicht, dass du in noch größere Schwierigkeiten kommst, ¡carajo!.

Naja. Der Besuch war also etwas anstrengend, gelinde gesagt, aber nachdem wir den ganzen Spaß mit „ja, Enrique, ich weiß, was du bist, und ja, Enrique, ich glaube an den ganzen übernatürlichen Scheiß, wir können also offen reden“ hinter uns hatten, habe ich dann doch irgendwie in Enriques Schädel reinbekommen, dass seine Leute und er unbedingt auf Sandsäcke boxen müssen statt auf ihre Mitgefangenen und dass sie einander wieder runterziehen sollen, falls einer von ihnen auszurasten droht. Mehr konnte ich in dem Moment dann auch nicht tun, leider.


21. Oktober

Ha, aber Edward hatte vorhin eine Idee! Eine richtig, richtig gute Idee. Hilary Elfenbein und ihr spezieller White Court-Hunger! Ein Aggressionsbewältigungsprogramm unter den Insassen, das wäre es doch! Totilas rief gleich bei Hilary an, und das Ende vom Lied war, dass es zwar nicht leicht wird, aber das sich hoffentlich etwas machen lässt. Ms. Elfenbein wird ein Projekt zur Aggressionsbewältigung unter Gefängnisinsassen planen und ich werde meine Kontakte ins Bürgemeisteramt spielen lassen, damit sie ihr Projekt dann auch in der Everglades Correctional Facility umsetzen kann.
Derzeit ist der Plan, dass erst irgendwann eine Vor-Sichtung der Kandidaten für die Studie stattfinden soll, bei der natürlich dann unter anderem Enrique und seine Leute dafür ausgewählt werden, und dass die eigentliche Behandlung dann während des Supermondes selbst passiert. Nicht ideal, aber besser bekommen wir das nicht hin, glaube ich. Drückt bloß die Daumen, dass das klappt, Römer und Patrioten.


22. Oktober

Mit Selva Elder haben wir auch geredet. Sie war allerdings nicht sehr begeistert, uns in der Way Station zu sehen – irgendwie passieren zu oft unschöne Dinge, wenn wir dort sind – und hielt sich entsprechend bedeckt. Sie wollte nicht sagen, ob von ihren Leuten jemand als Wächter im Gefängnis Dienst tut, aber sie meinte immerhin, wenn sie etwas hört, sagt sie bescheid.


26. Oktober

Oho? Jack White Eagle möchte uns treffen. Er hat uns eben alle kontaktiert und uns zu einem Treffen ins Dora’s gebeten. Ob es irgendwas mit der Sache zu tun hat, über die er letztes Jahr nicht sprechen wollte?


Hatte es nicht. Oder nur sehr, sehr indirekt. Indirekt insofern, als dass Jack uns bei der Gelegenheit – und bei vielen anderen Gelegenheiten vorher auch schon – geholfen hat und wir uns jetzt endlich mal revanchieren können. Also vielleicht. Hoffentlich. Zumindest werden wir es versuchen.

Die Sache ist folgende: Es geht um Feen, denen Jack selbst bereits zweimal einen Gefallen getan hat. Beim dritten Mal wären sie ihm verpflichtet, und jemand anderem etwas schulden, das ist etwas, das keine Fee so gut ertragen kann, also kann Jack ihnen kein weiteres Mal helfen.
Die Feen um die es geht, sind Heinzelmännchen, also Brownies deutscher Herkunft gewissermaßen. Wenn sie jemanden mögen, kommen sie nachts und räumen bei dem auf, weil sie einfach gerne putzen und saubermachen, aber man darf sie dabei nicht beobachten wollen, sonst sind sie weg und kommen nie wieder. Sie wohnen tatsächlich ganz offen im deutschen Viertel der Stadt, sagte Jack, und betreiben dort deutsche Restaurants und Bäckereien und dergleichen. Und einer von ihnen sei wegen seines Karpfenteichs von Winterfeen unter Druck gesetzt worden, sie wollten aber wie gesagt auf gar keinen Fall Hilfe von White Eagle annehmen, weil das sonst der dritte Gefallen wäre, den er ihnen täte. Johannes Bonifer heißt der Bürgermeister der kleinen Feengemeinschaft, sagte Jack noch.

Na gut. Jack White Eagle kann ihnen also nicht helfen, aber wir. Ich meine, sie sind zwar streng genommen Wyldfae und gehören nicht zum Sommer, aber es sind Feen, und Winter hatte seine Finger im Spiel. Das kann sich der Ritter des Sommerherzogs dieser Stadt ja mal ansehen gehen. Ich habe schon ewig keinen guten Karpfen mehr gegessen.


Ich vermelde: Der Karpfen war ganz ausgezeichnet. Das Problem der Heinzelmännchen… nicht so. Aber mal sehen, ob wir nicht vielleicht trotzdem was tun können.

Das deutsche Viertel besteht aus ein paar Straßen, wo Tafeln mit deutschen Namen unter die amerikanischen Straßenschilder gehängt wurden. Das entspricht nicht gerade der städtischen Beschilderungsordnung, glaube ich, aber bisher scheint das niemanden gestört zu haben, oder die Schilder würden da nicht mehr hängen. Jedenfalls sah die ganze Gegend auch sehr danach aus, wie man sich einen deutschen Straßenzug in einem kleinen Städtchen so vorstellt: Die Häuser waren tatsächlich aus Stein gebaut, nicht aus Holz, und auch von der Form und Größe her eher deutsch als amerikanisch. Das Ganze wirkte auch nicht zuckrig-kitschig – okay, ein klein bisschen vielleicht, aber nicht sehr. Ziemlich viele Märchenmotive waren zu sehen, zum Beispiel eine ‘König-Drosselbart-Straße’ und ein Restaurant ‘zur Krone’. Unser eigenes Ziel, dessen Namen Jack White Eagle uns genannt hatte, war das Restaurant ‘zum Hirsch’: klassisch deutsch anmutend, mit klassischen deutschen Gerichten auf der Speisekarte. Die Kellnerin eine hübsche junge Frau mit blonden Schneckenzöpfen und in einem Dirndl, das ihre kurvigen Formen ziemlich ideal zur Geltung brachte.

Wir würden gerne mit Bürgermeister Bonifer sprechen, erklärte ich. „Ah, Bonny“, meinte die Kellnerin, und „ja, ich habe schon von euch gehört. Ihr seid die schönen Männer, oder?“ Grrrrr. „Ihr seid nett, habe ich gehört“, fuhr sie dann fort. Na wenigstens etwas. „Um was geht es denn?“ „Stichwort Karpfen“, sagte Roberto, und das zeigte Wirkung. Das Mädchen verschwand sofort.

Es dauerte eine Weile, aber dann kam ein kleiner, rundlicher Mann hereingewuselt. Für seine Fortbewegungsweise kann ich kein anderes Wort verwenden. Er kam gleich zu uns an den Tisch, strahlte uns an und fühlte sich ganz furchtbar geehrt, dass wir ihn aufsuchten. Auch er hatte von uns schon gehört, oder besser von mir. Oder noch besser von Pans neuem ersten Ritter.

Als ich ihn darauf ansprach, dass ich gehört hätte, es gebe hier Probleme, wollte er erst abwiegeln, weil er unter keinen Umständen einen Gefallen annehmen wollte, aber ich erklärte, als Ritter sei es doch meine Aufgabe, für Ordnung zu sorgen. Aber sie seien doch nur Wyldfae, nicht dem Sommer angeschlossen, erwiderte Bonifer. Egal, erklärte ich, es sei mir zu Ohren gekommen, dass der Ärger mit dem Winterhof bestehe, also sehe ich es als meine Aufgabe an, da ausgleichend einzuschreiten. Von diesem Argument ließ Bonifer sich überzeugen, und außerdem habe er ja schon gehört, dass Pans derzeitiger Ritter sehr ehrenhaft sei und sich gegen Unrecht auf allen Seiten wende. Tío. Ich wäre fast rot geworden bei dem Gebauchpinsel. Aber okay, stimmt schon, ich versuche es zumindest.

Jedenfalls lenkte ich ihn dann vorsichtig darauf, dass er doch mal erzählen solle, was überhaupt los sei.
Mr Bonifer – Bonny – überschlug sich etwas bei seiner Darstellung, und wir mussten ein bisschen nachhaken, aber schließlich kam folgendes heraus:

Ein Teil des zum Restaurant gehörigen Karpfenteichs ist eingefroren. Als Gustav (wer auch immer Gustav sein mag) das Eis wegbrach, kroch ein Tier auf seine Hand, die daraufhin ganz blau wurde. Das Tier war ein Frostegel, und die Frostegel gehörten Mr. Dahl, einem Svartalf. Der habe erklärt, die Heinzelmännchen dürften seinetwegen ihre Karpfen weiterhin in seinem Egelteich halten, und als die Heinzelmännchen protestierten, das sei ihr Karpfenteich, nicht Dahls Egelteich, legte der Svartalf Dokumente hervor, aus denen hervorging, dass der Teich jetzt ihm gehörte. Und Liesel habe sich auch schon verkühlt, als sie einen Karpfen herausziehen wollte!

Dahl komme einmal im Monat, immer zur Mitte des Monats, vorbei und hole einige Frostegel aus dem Teich. Die Egel vermehrten sich ziemlich schnell, sagte Bonny, und die Kälte tue den Karpfen gar nicht gut!

Erst einmal tranken wir Kaffee aus hauchdünnem Meißner Porzellan, dann sahen wir uns diesen Karpfenteich einmal an. Der war auf den zweiten Blick größer als auf den ersten, weil er sich auch ins Nevernever erstreckte, und im Nevernever stand er in einer idyllischen Landschaft an einer ebenso idyllischen Windmühle. An einer Stelle allerdings war der See völlig zugefroren, und die Bäume, die auf dieser Seite des Gewässers standen, waren von Rauhreif bedeckt.

Ja, es ist November und für Miami-Verhältnisse relativ frisch in der Stadt, aber zufrierende Gewässer sind in Miami auch für November nicht unbedingt normal. Als es in Miami das letzte Mal geschneit hat, war ich noch nicht mal geboren.
Im Nevernever sei das Wetter zwar etwas „klassischer“ winterlich, aber auch hier im Nevernever friere der See normalerweise erst Ende Dezember oder im Januar zu, erfuhren wir. Die Windmühle gehöre den Heinzelmännchen, erfuhren wir, die bräuchten sie ja für ihr Mehl zum Brotbacken.

Wir erkundigten uns noch ein bisschen ausführlicher über die Umstände. Die Gruppe lebt schon seit mehreren Generationen hier, aber es gibt keinerlei Dokumente, die belegen können, dass sie eingewandert sind oder offiziell hier wohnen. Als sie ins Land kamen, siedelten sie einfach auf dem Gelände und rissen die unbewohnten Bruchbuden ab, die stattdessen bis dahin dort standen. Sie bauten ihre Häuser und fingen an zu leben, und niemand wollte je etwas von ihnen wissen. Steuern zahlten sie auch, sagte Bonny. Einen Gefallen wollte er noch immer auf gar keinen Fall akzeptieren, aber wenn wir ihnen helfen würden, das Problem zu lösen, dürften wir 300 Jahre lang hier umsonst Karpfen essen, so viel und so oft wir wollten. Das war doch ein Handel, auf den wir uns gerne einließen.

Totilas machte den Vorschlag, doch einfach einen zweiten Teich zu graben und die Karpfen umzusiedeln, aber davon wollte Bonny nichts wissen. „Aber das ist doch unser Teich“, stammelte er entgeistert, „und außerdem geht das doch gar nicht, da ist doch überall Wiese!“

Tío. Feen. Dann werden wir wohl keinen neuen Teich graben.
Totilas griff in das Wasser und holte einen dieser Frostegel heraus. Von der Berührung wurde seine Hand blau und eiskalt, und er spürte darin nichts mehr, sagte er. Der Egel zog ihm Blut ab und veränderte selbst auch die Farbe: Er wurde silbrig und auf einmal erstaunlich… das ist ein so völlig falsches Wort in Bezug auf einen Blutegel, aber ich kann es tatsächlich nicht anders beschreiben, attraktiv. Was nur wieder einmal zeigte, wie stark Raith-Blut ist, wenn es sich sogar auf einen hässlichen Wurm auswirkt.

Mr Dahl hatte Bürgermeister Bonifer seine Karte gegeben. Sie war in exklusivem, elegantem Design gehalten und trug die Aufschrift „Dahl. Antiquitäten und Kunsthandwerk“ neben einer Adresse nahe der Lincoln Street und einer Telefonnummer.

Ebenso exkusiv und vornehm war auch sein Antiquariat, den wir als nächstes aufsuchten, und sein Besitzer hager und mit markantem Gesicht in tadellosem Maßanzug. Er begrüßte uns, mich vor allem, mit kühler Höflichkeit, was mich nicht weiter wunderte, denn ich selbst hielt es ja bei meiner Begrüßung nicht anders. Immerhin gehören Svartalfar zu Winter. Entsprechend vorsichtig brachte ich das Thema auf den Karpfenteich.

Er habe das Gelände mit dem Teich im August von der Stadt erworben, sagte Dahl. „Interessant“, kommentierte ich. „Das fand ich auch“, erwiderte Dahl. Ach? Sieh an? Sagen, ob er den Kauf selbst angestoßen habe oder ob er von jemandem dazu angeregt worden sei, wollte er aber nicht. Überhaupt wollte er nicht mehr zu der Sache sagen, denn was gehe es uns an?
Der Fall sei mir zu Ohren gekommen, erwiderte ich, und ich wolle mich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit damit habe. „Ah, ein nobles Unterfangen“, entgegnete Dahl mit nur dem geringsten Hauch von Spott und bot mir dann einen Schreibtisch an, der einmal einem Schriftsteller gehört habe und der angeblich die Kreativität beflügele. Ich sagte, ich werde es mir überlegen; auch wenn er keinerlei magische Eigenschaften haben sollte, ist der Tisch ziemlich hübsch, aber eigentlich bin ich versorgt, und eigentlich passt er vom Stil nicht so ganz in mein Arbeitszimmer. Roberto äußerte sich sich ähnlich höflich und ähnlich ausweichend bezüglich eines Original-Ikea-Schranks von 1977, von dem insgesamt nur fünf Exemplare existierten, und dann waren der Formalitäten Genüge getan, und wir zogen weiter ins Katasteramt.


Das wiederum war ein Griff in das sprichwörtliche Waschbecken. Also, nein, wir fanden schon heraus, was wir suchten. Es war nur nicht das, was wir hören wollten. Das gesamte Viertel gehört der Stadt, bis auf ein kleines Stück, bei dem ein gewisser Egil Bafursson eingetragen ist. Das dürfte dann wohl Dahls echter Name sein, da er für einen notariellen Kaufvertrag vermutlich kein Alias angegeben hätte. Es war auch alles rechtmäßig, soweit wir feststellen konnten, keine Lücke weit und breit. Die Stadt war bereit, das Land zu verkaufen, Dahl erwarb es, bezahlte es, es gehört ihm, da gibt es nichts daran zu rütteln.

Wir mutmaßten, dass es den Svartalf vermutlich selbst überrascht haben könnte, dass das Gelände zum Verkauf stand, und dass er dann kurzerhand zuschlug. Aber auch das ändert nichts daran, dass ihm der Teich tatsächlich gehört und zusteht. Mierda.
Natürlich fingen wir an zu überlegen, was wir tun könnten. Den See austrocknen? Das würde den Karpfen darin ebensowenig gefallen wie den Frostegeln. Einen neuen Teich graben und die Karpfen umsiedeln? Das hatte Bürgermeister Bonifer ja schon vehement abgelehnt. Das Wasser künstlich erwärmen? Das ginge vielleicht, wäre aber sehr aufwendig. Und da der magische Teil des Sees sich im Nevernever befindet, wäre da mit technischen Lösungen nicht so viel geholfen. Ich könnte mir zwar vorstellen, tatsächlich genug Sommermagie zusammenzubekommen, um sie in den Teich zu leiten und ihn damit aufwärmen zu können, aber das wäre erstens ziemlich kraftaufwendig und zweitens nur kurzfristig. Um sowas auf Dauer am Laufen zu halten, hätte ich im Leben nicht die Kraft, ganz abgesehen davon, dass ich auch noch ein paar andere Dinge zu tun habe, als für den Rest meines Lebens an einem Karpfenteich zu stehen und ihn auf Temperatur zu halten, herzlichen Dank.


27. Oktober

Wir hatten noch eine andere Idee. Könnte man vielleicht etwas mit dem Niesbrauchsrecht der Heinzelmännchen erreichen, die ja immerhin schon seit Generationen hier leben? Zu diesem Thema befragten wir heute Marshall Raith, der ist immerhin Anwalt und muss es wissen. Aber leider hatte auch Marshall keine positive Auskunft für uns. Das wäre schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, denn sie sind ja noch nicht einmal legal hier im Land, wie sich herausstellte, als wir nachfragten. Als sie nach Amerika kamen, hatte keiner von ihnen die schlaue Idee, sich bei den mundanen Behörden anzumelden, also sind sie illegale Einwanderer und haben keine Geburtsurkunden und nichts.

Das einzige, was uns sonst noch einfiel, war, Dahl nahezulegen, einen anderen See für seine Egelzucht zu verwenden und ihm den Karpfenteich abzukaufen. Dazu müssen wir nur von ihm wissen, was er gerne dafür hätte. Das behagt mir zwar gar nicht, weil der Kerl ein Vertreter des Winters ist, aber egal. Das ist doch nur wieder der Sommermantel, der da aus mir spricht. Da muss ich drüberstehen, ¡demonios!


So, wir haben einen Termin mit Senor Dahl vereinbart. Morgen, heute war der Herr nicht mehr verfügbar. Ein sehr geschäftiger Geschäftsmann eben. Haha. Hat es nicht nötig. Grrrr. Aus, Alcazar, das ist immer noch Sommer, der da spricht.

Eines ist aber wichtig, das dürfen wir auf gar keinen Fall vergessen: Die Heinzelmännchen müssen schnellstmöglich der Stadt den Rest des Landes abkaufen, damit sowas nicht demnächst gleich wieder passiert. Die Situation lädt ja geradezu dazu ein. Dazu brauchen sie aber Geburtsurkunden, damit sie sich legal im Land aufhalten und legal das Land kaufen können. Okay. George ist der Beauftragte des Wyld, seit Sergeant Book auf der Insel ist. Dann muss George, den die Wyld den „grauen Herrn“ nennen, als offizieller Wyld-Beauftragter zu mir kommen, dann kann ich zu Vin Raith gehen, der kann die Dokumente beschaffen, damit gehe ich wieder zu George, der gibt sie den Heinzelmännchen, damit die damit das Land kaufen gehen können, und niemand hat irgendwem einen Gefallen getan, weil alles ganz hochoffiziell war. Ha.


Wir waren gerade auf dem Rückweg von unserem Termin bei Marshall Raith, da bekam Edward einen Anruf von seinem Partner – ehemaligen Partner, genauer gesagt, jetzt Untergebenen – Henry, der sagte, in einem Walmart in der Nähe gäbe es ein Problem: ein Kunde sei durchgedreht. Er habe an der Kasse gestanden, dann sei er plötzlich ausgerastet, habe seinen Einkaufswagen herumgeworfen wie ein verdammter Marvel-Superschurke (Henrys Worte, nicht meine) und sei dann abgehauen, renne noch da draußen rum, und Edward möge sich doch bitte darum kümmern!

Da keine Zeit war, um Autos zu wechseln und so weiter, fuhren wir mit zu dem Walmart. Ein paar uniformierte Polizisten nahmen gerade Aussagen auf, und zwischen zwei anderen war ein Nerdgespräch im Gange: Es fielen die Begriffe ‘Hulk’, ‘Luke Cage’ und ‘Jessica Jones’.
Aber von diesen Scherzchen mal abgesehen, war die Stimmung unter den Zeugen und Passanten ziemlich gereizt: Auch bei den ganz normalen Bürgern warf der Supermond schon ganz schön seine Schatten voraus.

Der Einkaufswagen, mit dem der Täter um sich geworfen hatte, war noch da, und Edward nahm dort den Geruch des Mannes auf und wollte ihm folgen.
Sagte ich schon, dass die Stimmung gereizt war? Ein paar Umstehende machten blöde Sprüche wegen Edwards Schnüffelns, und er fuhr zu ihnen herum und wäre beinahe auf die Spottenden los. Ich schaffte es irgendwie, ihn davon zu überzeugen, dass die Sache wichtiger war, und zog ihn mit mir, während Totilas den Spott der Leute auf sich zog, damit wir ungestört wegkamen.

Edward folgte der Spur des Mannes bis in eine Gasse, wo der gerade auf eine Mülltonne einprügelte. Und wir kannten den Typen: Es war einer der Kojanthropen, die damals von Michael Fable betreut wurden, nachdem Ernesto Sanchez sie geschaffen hatte. Außerdem hockte in der Gasse auch noch ein Obdachloser, zusammengekauert und voller Angst.
Als Edward den Kojanthropen sah, knurrte er auf. „Lasst mich das machen.“
Er ging einige Schritte auf den Wütenden zu. „Unterlassen Sie das. Sir. Bitte.“
Der Mann fuhr mit glühenden Augen zu Edward herum. „Lass mich in Ruhe.“ Bäm – seine Faust fuhr wieder in die Mülltonne und hinterließ eine tiefe Delle. „Sonst“ – bäm – „geht’s wem dreckig.“
„Das kann ich auch“, konterte Edward und verpasste der Tonne eine eigene Delle. „Und ich bin bei der Polizei.“

Der Typ knurrte wild auf und griff Edward an, und die beiden machten es unter sich aus. Glücklicherweise wurde niemand sonst in die Sache hineingezogen, und am Ende, nachdem sie einander die Mülltonne um die Ohren gehauen hatten, war der Kojanthrop ohnmächtig und hatte einen gebrochenen Arm, und Edward eine lange Schramme und diverse blaue Flecken. Aber immerhin waren beide noch am Leben.
Während ich Edward verarztete, leistete Totilas dem ohnmächtigen Kojanthropen erste Hilfe, ehe wir einen Krankenwagen für ihn riefen und er, inklusive Warnung bezüglich seiner Gewalttätigkeit und der Notwendigkeit eines Beruhigungsmittels, der Polizei übergeben wurde.


28. Oktober

Hui. Heute nacht war die dünne Mondsichel schon um einiges größer zu sehen als üblicherweise. Ich glaube, da dürfen wir uns noch auf einiges gefasst machen.

Der Kojanthrop von gestern wurde heute dem Haftrichter vorgeführt, blieb aber nicht lange in Gewahrsam: Dr. Fable stellte Kaution für ihn. All die neuen Kojanthropen – also alle außer Enrique und seinen Kumpels im Gefängnis – sind ja bei ihm in Therapie.

Nachher steht auch der Termin bei Mr. Dahl an. Grrrrrr. Durchatmen, Alcazár. Professionell bleiben. Das ist der Mantel, der aus dir spricht. Bleib du selbst.


Na, das ging doch erstaunlich gut.
Dahl empfing mich wieder mit kühler Höflichkeit, was mir aber gerade recht war, denn dasselbe Verhalten wollte ich auch an den Tag legen. Er bat mich in sein Büro, das in hellem und modernem skandinavischen Stil möbliert war. Und heute war Dahl tatsächlich bereit, ein paar mehr Worte über das Geschäft mit dem Teich zu verlieren.
Colin Mendoza habe ihm zu dem Teich geraten, und von ihm habe er überhaupt erfahren, dass das Land der Stadt gehöre und erworben werden könne. Ach. Colin. Sieh an. Hat der kleine cabrón von meinem Vorgänger seine Finger auch noch in anderen Töpfen als nur im Diebstahl von Lebenswasser.

Aus, Alcazár. Du hast den kleinen cabrón zu verantworten, das weißt du. Ja, weiß ich, ¡carajo!

Dahl musste mir meine Abneigung gegen Colin angesehen haben, denn er erklärte, er habe sich mit meinem Vorgänger immer gut verstanden. Für einen vom Sommer jedenfalls, war der unausgesprochene Zusatz.
Ich hätte bisher kein größeres Problem mit Winter gehabt, führte ich aus.
Oh, er hoffe, das werde in seinem Fall auch so sein, erwiderte Dahl. Aber ich sei nicht sonderlich gut auf Señor Mendoza zu sprechen, oder?
Er habe sich nicht ehrenhaft verhalten, knurrte ich. Oh, nickte Dahl, das sei natürlich nicht gut für einen Ritter.

Jedenfalls. der Svartalf sagte, er sei bereit, den Teich gegen einen anderen auszutauschen, seine Frostegel umzusiedeln, wenn wir dafür bereit wären, ihm bei einem Problem zu helfen. Vor einer Weile hätten sich Selkies auf Elliot Key angesiedelt, und die müssten weg da.
„Das kann ich Ihnen nicht versprechen, aber ich werde mit den Selkies reden“, erklärte ich.
„Also kommen wir nicht ins Geschäft?“ fragte Dahl. Ähm. Wie kam er denn jetzt darauf?
„Wenn die Selkies umziehen, dann kommen wir natürlich ins Geschäft“, stellte ich klar. „Wenn ich sie nicht davon überzeugen kann, umzuziehen, dann nicht.“
„Also ziehe ich meine Egel erst um, wenn die Selkies weg sind?“
Ich wiederhole mich, aber: ähm.
„Natürlich, nur so ist es doch fair.“
Jetzt schien Dahl überrascht. Jedenfalls sah er so aus, als er den Handel mit einem Handschlag besiegeln wollte. Er hatte kalte Hände, sehr kalte Hände, oder zumindest kam es mir in meiner Eigenschaft als Vertreter des Sommers so vor. Aber ich glaube, meine eigenen Hände müssen Dahl auch sehr warm vorgekommen sein.


Okay. Edward hat mit Suki Sasamoto über Elliot Key und Dahls Anliegen gesprochen. Wie es scheint, braucht der Schwarzalb die Insel, damit seine Schiffe dort anlegen und er seine Schmuggelgeschäfte betreiben kann – ich will es gar nicht genau wissen, solange es ‘nur’ Schmuggelgeschäfte sind und er nicht den ewigen Winter nach Miami bringen will. Svartalfar seien tückisch, und dieser spezielle Svartalf habe schon versucht, die Selkies von Elliot Key zu vertreiben. Sie könnten vielleicht in die Everglades ziehen, irgendwohin an deren Rand, wo es Salzwasser gebe und keine Fischernetze, ein Ort, wo sie nicht gesehen würden. Nicht gesehen zu werden, sei wichtig, da viele Selkies oftmals ohne ihre Häute unterwegs seien, und nicht alle kämen mit Menschenkleidung klar. Jedenfalls, die Glades gingen vielleicht, aber andererseits gebe es zu viele Krokodile dort, und Krokodile fressen Selkies.

Also gut. Dann müssen wir wohl nochmal mit Selva Elder reden, ob sich da etwas machen lässt.


In der Way Station war wieder mal einiges los, als wir ankamen. Natürlich war Selva Elder selbst anwesend, aber auch Cherie Raith, dieser Sarkos, von dem wir immer noch nicht genau wissen, ob er jetzt ein Black Court-Vampir oder ein Ghul oder etwas ganz anderes ist, außerdem Angel Ortega, der so aussah, als habe er hier eine neue Anstellung als Aufpasser gefunden, und Hans Vandermeer. Der Fliegende Holländer war betrunken und redete auf Cherie ein, die ihm gerade entgegenschleuderte, er solle ihr nicht auf die Nerven gehen.

Als Vandermeer Edward zu Gesicht bekam, fing er an, über den herzuziehen und ihn bei Cherie schlechtzumachen. „Er ist aber besser im Bett“, konterte sie trocken, woraufhin Vandermeer zu Edward herumfuhr. „Lass die Finger von ihr!“
Edward blieb erstaunlich ruhig dafür, dass der Supermond bevorstand. Er klang fast milde. „Wer die Finger an sie legt, entscheidet immer noch sie selbst.“
Cherie grinste den blonden Holländer kurz an. „Siehst du, und genau deswegen ist er besser im Bett als du.“

Und so ging es weiter. Vandermeer und Edward feindeten sich noch ein bisschen länger an, bis Selva Elder schließlich einschritt, wenn sie sich prügeln wollten, sollten sie das draußen tun. Nicht in ihrem Laden, der sei immerhin neutraler Boden. „Lass ihn leben“, ermahnte ich Edward noch. Der wirkte inzwischen richtig auf Hundertachzig, und froh, sich abreagieren zu können, aber er nickte. Draußen vor der Way Station prügelten die beiden sich tatsächlich, was damit endete, dass Edward seinen Gegner ins brackige Wasser warf, dann aber doch darauf achtete, dass der andere ungefressen wieder herauskam.

Hinterher trugen wir Selva unser eigentliches Anliegen vor. Sie erklärte, sie wolle die Selkies nicht in den Glades haben, weil es hier zu gefährlich für sie sei. Es gebe aber eine Insel draußen beim Cayo Huracán, die ziemlich ideal für ihre Zwecke sein dürfte. Tanit sollte das wissen, die Insel liege in ihrem Bereich.
Alles in allem war Selva aber ziemlich genervt von uns. „Darf ich jetzt vielleicht weitermachen? Ich habe ein Gumbo zu kochen.“
Klar durfte sie. Auf immer verscherzen wollten wir es uns ja mit ihr auch nicht. Deswegen, und weil wir hungrig waren, bestellten wir uns jeder eine Portion. Falls ihr mal richtig leckeres Gumbo essen wollt, Römer und Patrioten, geht in die Way Station.

Während des Essens beratschlagten wir, wie wir am besten an Tanit rankämen. Direkt zu ihr zu gehen, wäre unhöflich, aber wozu habe ich Kontakt zu Yahaira Montero. Ritter zu Ritterin, das gäbe dem Ganzen gleich nochmal einen semiformellen Anstrich, der in diesem Fall vielleicht gar nicht schaden kann.

Dann aßen wir in Ruhe auf und tranken noch einen Kaffee hinterher, und ich hab den Kram hier aufgeschrieben. Aber jetzt geht’s zurück.


29. Oktober

Au. AU. Au, verdammt. Kopfschmerzen. Kann mich immer noch kaum konzentrieren. Und ich dachte, eine Nacht Schlafen würde vielleicht helfen.

Okay, ich bin ja selbst schuld, aber in dem Moment ging es nicht anders, oder zumindest wusste ich mir in dem Moment keinen anderen Ausweg.

Auf dem Rückweg nach Miami klingelte Edwards Handy schon wieder. Diesmal war Salvador Herero in der Leitung, der seinem Chef mitteilte, dass schon wieder jemand ausgetickt sei, auf einer Straßenkreuzung diesmal. Natürlich fuhren wir hin.

Auf der besagten Straßenkreuzung stand ein Mann, oder zumindest eine Gestalt, denn sie wirkte nur noch entfernt menschlich. Der Mann war angeschwollen vor Muskeln und trug tierhafte Gesichtszüge, machte auch tierhafte Geräusche. Hier stimmte der blöde Witz vom Hulk, den die Cops gestern gemacht hatten, tatsächlich. Mit einem Ächzen, das nur wenig nach Anstrengung klang, viel mehr nach unbändiger Wut, stemmte er ein Auto hoch und zerriss es in der Luft. Ich wiederhole das nochmal. Ein Mann stemmte mit bloßen Händen ein Auto hoch und zerriss es.

Als er uns sah, kam der Kerl auf uns zugestampft. Trotz seiner Masse war er erschreckend schnell auf den Beinen, und wir hatten Glück, dass wir ein Stück von der Kreuzung entfernt waren und der Mann ein gewisses Stück zurücklegen musste. Roberto stellte sich breitbeinig hin und verspottete den Typen, der sich daraufhin in dessen Richtung drehte. Totilas wollte ihn auch ablenken, aber der Kerl war derart auf Roberto fixiert, dass Totilas’ Rufe keinerlei Wirkung zeigten. Ich dachte, ich versuche es mal mit meinem patentierten Sonnenlichtzauber und blende ihn, aber ein Hulk ist nunmal kein Vampir, und so wurde es zwar hell um den Typen herum, aber das störte ihn nicht groß. Ich vermute mal, er orientierte sich ohnehin nicht sonderlich stark über die Augen in dem Moment.

Edward versetzte seinem Gegner einen kräftigen Hieb, aber das schien den Hulk auch nicht sonderlich zu beeindrucken; die Beule, die er von Totilas kassierte, genausowenig. Er war immer noch derart auf sein erstes Ziel konzentriert, dass er die beiden Treffer ignorierte und stattdessen nach Roberto schlug. Weil der allerdings geschickt auswich, wurde er nicht getroffen, hatte sich aber gegenüber dem Hulk in eine ungünstige Position gebracht. Der nächste Schlag würde ihn mit ziemlicher Sicherheit treffen, und zwar gewaltig.

Ich bin nun keine große Leuchte im Nahkampf, das ist kein Geheimnis, auch wenn ich dank des Unterrichts bei Eileen im Umgang mit Jade schon deutliche Fortschritte gemacht habe. Mich diesem Koloss also jetzt mit meiner Feenklinge in den Weg zu stellen, würde es auch nicht bringen. Der Kerl würde gleich Roberto zu Klump schlagen, und soweit durfte es nicht kommen. Es war mit Sicherheit keine meiner schlaueren Ideen, aber die einzige Möglichkeit, die ich in dem Moment sah, um ihn aufzuhalten, wo mein patentiertes Sonnenlicht schon nicht funktioniert hatte, waren Ranken. Schöne, feste, sommerliche Ranken, um den Kerl festzuhalten. Soweit so gut. Der Zauber klappte wie geplant, und die Ranken sprossen aus der Erde. Nur war der Hulk eben extrem stark, also mussten die Ranken auch richtig, richtig solide sein. Und um sie eben so richtig, richtig solide zu machen, steckte ich mehr Kraft hinein, als ich es mir leisten konnte.
Die Strafe folge auf dem Fuße: Ich konnte richtiggehend spüren, wie ich mich mit dem Wirken des Spruchs überanstrengte, und im selben Moment begann mein Kopf so heftig zu schmerzen, als würde er im nächsten Moment platzen, während mir ein Blutfaden aus der Nase lief. Ich wiederhole mich, aber: au. Au, verdammt.

Memo an mich: Du bist kein echter Magier, Alcazár. Du hast jetzt diese Sommerkräfte, ja, aber leichtsinnig solltest du deswegen nicht werden.

Der Hulk war aber jedenfalls von den Ranken gefesselt, oder zumindest so stark behindert, dass er nicht an Roberto herankam. Edward aber kam an ihn heran. Und jetzt hielt er sich nicht mehr zurück. So schwer es mir fällt, das zu schreiben: Diesen Gegner prügelte Edward tot. Richtig tot. Und sogar, als der Kerl schon tot war, stand Edward noch mit geballten Fäusten über ihm und sah aus, als wolle er ihn gleich in tausend Fetzen reißen.

Irgendwann kamen auch Suki Sasamoto und Salvador Herero dazu, um zu helfen. Beide hatten schon vorher im Kampf gegen den Hulk kräftig einstecken müssen: So war Sukis Arm gebrochen, und Herero blutete aus mehreren Wunden. Suki, ganz die Japanerin, entschuldigte sich verlegen, während Herero bei Henry Smith anrief, damit der den Vorfall hinerklären sollte. „Das wird aber schwer zu erklären“, unkte Totilas. Na mal sehen. Spin Doctoring ist immerhin Henrys Spezialität.

Ich tat ansonsten gestern abend jedenfalls nicht mehr viel, außer ein paar Kopfschmerztabletten einzuwerfen und mich ins Bett zu packen, sobald Alejandra auch schlief. Und ich hatte eigentlich gehofft, die würden über Nacht wirken. Aber Fehlanzeige. Mierda.


Beim Aufwachen dröhnte mein Kopf immer noch. Aber da konnte ich erstens nichts daran ändern, und zweitens gab es auch genug zu tun, was mich das ein bisschen vergessen, oder zumindest ignorieren, ließ. Wir hatten ja schon überlegt, wie wir Tanit am besten kontaktieren könnten. Über Hurricane war eine Idee, aber da hätte Totilas nicht mitkommen können, weil dem ja für Fae die Aura des Wortbrüchigen gegenüber der Herrin der Stürme anhaftet. Aber im Verlauf des Vormittags bekam ich die Nachricht, dass Yahaira Montero sich im Behind the Cover mit mir treffen würde. Da konnte dann auch Totilas mitkommen. Alex allerdings nicht – der schickte heute morgen eine kurze Nachricht, er habe was zu erledigen, und er würde dann später wieder zu uns stoßen. Was auch immer er zu tun hatte: Lichterketten aufhängen, witzelten wir herum, Weihnachtsbäume dekorieren? Jedenfalls irgendwem irgendwelche Gefallen tun vermutlich.

Die Unterhaltung mit der Winterritterin verlief sehr höflich und durchaus konstruktiv. Ich erzählte ihr von unserem Dilemma mit der Insel für die Selkies und dass wir natürlich nichts über Tanits Kopf hinweg unternehmen wollten. Oh, meinte Yahaira, fast ein wenig erstaunt, das sei aber sehr diplomatisch von mir. Und als ich mich daraufhin ebenfalls etwas überrascht zeigte, setzte sie noch hinzu, Pans frühere Ritter hätten es nicht so mit der Diplomatie gehabt. Oh. Oho. Aber ja, da könnte sie recht haben. Wenn ich mir das so überlege, könnte Eileen die letzte Sommerritterin gewesen sein, von der man so etwas wie Diplomatie erwarten durfte.

Wie dem auch sei, wir besprachen das Problem sehr ruhig und sachlich. Ich könnte natürlich meinen Gefallen bei Tanit einfordern, das wäre eine Möglichkeit. Oder vielleicht könnten wir der Winterherzogin von Miami einen anderen Dienst erweisen?
Die Fürstin sei besorgt wegen der Anwesenheit von Lord Frost, erklärte Yahaira. Er sei jetzt seit einer ganzen Weile hier in der Gegend, aber es sei eigentlich im Interesse aller, wenn er sich hier nicht fest ansiedeln würde. Ihn davon abzubringen bzw. sich um diese Angelegenheit zu kümmern, wäre aber kein Gefallen für Tanit.

Na gut. Dann musste ich wohl meinen Gefallen einfordern. Für genau eine solche Gelegenheit gab es ihn ja, auch wenn ich eigentlich ursprünglich gedacht hatte, dass ich ihn vielleicht für etwas… Persönlicheres würde verwenden können. Aber wenn schon nicht persönlich, war das doch immerhin für Miami, also auch die Sache wert.
Langer Rede kurzer Sinn: Als Gegenleistung für den Gefallen, den sie mir schuldet, gestattet Tanit den Selkies, auf die Insel umzuziehen. Dann kann Dahl mit seinen Egeln auf den Elliot Key, und die Heinzelmännchen bekommen ihren Teich wieder.

Als nächstes suchten wir die Heinzelmännchen auf, um ihnen die gute Nachricht zu überbringen und die weiteren Schritte mit ihnen abzusprechen. Da der Teich ja rechtmäßig Dahl gehört, müssen sie einen Kaufvertrag mit ihm aufsetzen, sobald sie ihre Geburtsurkunden haben, und die sind ja dank Vin Raith auch schon in der Mache. Wir boten ihnen ebenfalls an, dabeizusein, falls sie beim Verhandeln mit Dahl einen neutralen Vermittler bräuchten, was sie sich überlegen würden, wie Bürgermeister Bonifer erklärte. Und dann sangen die Heinzelkinder uns noch ein Ständchen. Auf Deutsch. Es war richtig rührend.

Mr. Dahl informierten wir dann auch noch über die neuesten Entwicklungen. Auch er zeigte sich höflich und einverstanden, den Tausch wie geplant durchzuziehen. Als wir ihn dann noch auf Lord Frost ansprachen und ebenfalls erwähnten, dass ja gerade der Supermond anstehe, und ob Lord Frosts derzeitige Aktivitäten damit irgendwie in Zusammenhang stehen könnten, glaubte er das aber eher nicht: Der Mond sei nicht Lord Frosts Domäne.

Sobald wir den Svartalf verlassen hatten, sprach Roberto einen interessanten Gedanken aus. Damals vor vier Jahren, als Catalina Valdez (oder vermutlich eigentlich Cicerón Linares als Drahtzieher im Hintergrund) mit den Latin Raiders zusammen während des Vollmonds das Biest beschwören wollte, kam die Bestie zwar nicht durch, aber die Wand zwischen unserer Welt und dem Nevernever wurde da ziemlich geschwächt. Vielleicht hat dieses Biest ja jetzt beim Supermond wieder eine Gelegenheit, herauszukommen – auch wenn es niemand direkt ruft?

Auf dem Heimweg bekam Edward einen Anruf von einem Streifenpolizisten, der irgendwo in der Stadt unterwegs war. Eigentlich war die Situation schon wieder unter Kontrolle, aber Ms. Wong habe gesagt, es sei besser, wenn Lieutenant Parsen vorbeikomme.

Ms. Wong? Ach ja, richtig, Cynthia Wong, James Vanguards Stellvertreterin bei Vanguard Security. Oha. Und wohin vorbei? Ins Museum für Moderne Kunst.

Im Museum fanden wir neben dem Streifenpolizisten, der Edward angerufen hatte, auch seinen Partner vor. Der Anrufer war ein ziemlicher Neuling, sein Partner schon ein altgedienter Veteran. Sie standen vor einem Raum, dessen Tür geschlossen war, davor ein Feuerlöscher, der anscheinend von der Wand gerissen und mit großer Gewalt herumgeworfen worden war, denn das Gerät war geplatzt und es waren Spritzer von Löschschaum überall. Cynthia Wong war im Moment nirgendwo zu sehen.

Ein schwarzer Teenager sei durchgedreht, informierten uns die beiden Cops. Jemand von der Museumssicherheit – gestellt von Vanguard Security – habe versucht, den Jungen zu beruhigen, sei dann aber selbst auch durchgedreht. Ms. Wong von Vanguard sei gerade dabei, die Sache einigermaßen zu regeln, denn das sei erst mal eine interne Vanguard-Angelegenheit. Alles weitere, wie der entstandene Sachschaden und so weiter, könne man später klären. Und mit diesen Worten zogen die beiden Cops erst einmal ab.

In dem Raum fanden wir Cynthia Wong und eine junge Frau in Vanguard Security-Uniform. Cynthia redete gerade beruhigend auf die jüngere Wachfrau, die offensichtlich ein Teil des Vanguard-Rudels war, ein: „Denk an das weite Feld. Denk an den Mond. Denk daran, wie du mit dem Mond läufst“, und allmählich gelang es ihr, die andere tatsächlich wieder einigermaßen auf den Teppich zu bringen.
Dann wandte sie sich uns zu und erklärte, sie bräuchte keine Hilfe hier, mit der Situation hier kämen sie schon irgendwie zurecht. Aber der Junge sollte aufgehalten werden. Der sei irgendwie durch das Fenster raus.
Da Cynthias Kollegin immer noch nicht so aussah, als habe sie sich völlig unter Kontrolle und auch Ms. Wong selbst sichtlich gereizter wirkte, als sie es zugab, sahen wir zu, dass wir ihren guten Vorschlag aufgriffen.

Als Edward draußen den Geruch des Flüchtigen aufnahm, machte er ein verwundertes Gesicht. Irgendwas daran sei vertraut, meinte er dann, auch wenn er sich sehr sicher sei, dass er diese Witterung noch nie in der Nase hatte.

Beim Verfolgen der Geruchsfährte merkten wir, dass der Flüchtende wohl aus vollem Leibe gerannt sein musste und alle Kraft in das Rennen gelegt hatte, so dass er eher wenig Verwüstung hinter sich zurückgelassen hatte, sondern mehr wie ein Parkour-Springer unterwegs war.
Wir holten den Jugendlichen ein, als er gerade von einer Brücke auf die darunterliegende Straße sprang. Er machte das sehr geschickt, rollte sich ab und rannte weiter, hatte sich offenbar kein bisschen verletzt. Wir hingegen nahmen lieber die Treppe, auch wenn das den Abstand wieder etwas vergrößerte.

Zum zweiten Mal holten wir dann an einer großen Kreuzung zu dem Jungen auf, der vielleicht so fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein mochte. Er stand in der Mitte der Kreuzung auf einer Verkehrsinsel und wurde wild angehupt. Ampeln blinkten, Telefone klingelten, und man konnte richtig sehen, wie der Lärmpegel den Teenager zum Kochen brachte. Meinen Kopfschmerzen tat das auch nicht so richtig gut, muss ich gestehen, und ich konnte spüren, wie ich auch schon ein bisschen aggressiv zu werden drohte. Dieser Supermond ist anstrengend, wenn ich das mal so sagen darf.

Jetzt hieb der Junge mit voller Wucht auf einen Hydranten ein. Ein Passant wollte ihn mit einem „das kannst du doch nicht machen, Kleiner!“ davon abhalten, aber Edward zückte seine Polizeimarke und blaffte den Mann an: „Gehen! Sie! Weiter! Sir!!“
Der Teenager drehte sich um. „Du bist Edward.“ Und während der ihn noch anstarrte, fuhr der Kleine fort: „Ich geh’ nicht wieder zurück!“
„Zurück?“ machte Edward verblüfft, und der Junge antwortete: „Zu Dad!“

Oooookay. Das erklärte natürlich auch den vertrauten Geruch. Jedenfalls fasste Edward sich ziemlich schnell und bot seinem dem Kleinen an, er könne bis auf weiteres erst einmal bei ihm unterkommen. „Hast du ’nen Namen?“ fragte er dann? „Cassius.“ „Guter Name.“ Besser als Julius, stimmte der Teenager zu, das sei nämlich die Alternative gewesen.

Als wir Cassius von der Kreuzung weggeholt hatten und auf dem Weg zu Edward waren, erzählte der Junge erst einmal, was im Museum überhaupt passiert war. Da sei so ein blöder Arsch gewesen, der sich mit ihm habe anlegen wollen, da sei Cassius wütend geworden, und Imana und Cynthia wollten ihn aufhalten. Die beiden kenne er aus einem Internetforum, wo lauter Leute posteten, die mit Wutanfällen zu kämpfen hätten.

In dem Moment musste Edward, in dessen Auto wir saßen, scharf in die Eisen steigen, weil er von vorne ausgebremst wurde, und hieb mit einem ärgerlichen Knurren, das Cassius ihm in doppelter Lautstärke nachmachte, auf die Hupe. Der durchdringende Ton brachte meinen Schädel beinahe zum Platzen, und ich fuhr mir mit der Hand vor die Augen. „Au, mein Kopf!“
Cassius warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Ist der auch seltsam?“ „Anders seltsam“, erwiderte Edward. „Er schreibt Bücher.“
Wenn mein Kopf mir nicht so wehgetan hätte, dann hätte ich laut herausgelacht, glaube ich.
Cassius jedenfalls bekundete, dass Bücher toll seien, dass er von mir aber noch nie gehört hätte. Auf meine Erklärung, ich schriebe Urban Fantasy, schüttelte er nur altklug den Kopf und erklärte sehr ernsthaft, er lese solche Sachen wie The Catcher in the Rye und so. Hach ja. Teenager, die ernsthafte Literatur entdecken. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

Zuhause unterhielten wir uns dann ausführlicher. Wie wir schon vermutet hatten, ist Cassius Edwards Halbbruder: gemeinsamer Vater, aber eine neue Frau – auch wenn Mr. Parsen sich vermutlich nie offiziell von Marie hat scheiden lassen. Nachdem Marie und Edward weg waren, verbrachte Parsen Senior einige Zeit im Gefängnis, erzählte Cassius. Dort lernte er dann Cassius’ Onkel kennen, der ebenfalls mondsüchtig war (wie Cassius das formulierte), und nach seiner Entlassung traf er dann auf die Schwester seines Mitgefangenen und kam mit ihr zusammen. Cassius’ Mutter sei auch mondsüchtig, erzählte der Junge, was ihr erlaube, ihrem Freund Paroli zu bieten, wenn der wütend werde, so einigermaßen zumindest.

Edward nickte und meinte, er müsse Cassius Schneeball vorstellen. „Dein Rudel?“ wollte der Junge wissen, woraufhin Edward ein Foto von Schneeball aus der Tasche fischte und es seinem Bruder zeigte. Der war verwirrt. „Das ist ein Schoßhund!“ „Lass ihn das nicht hören“, schmunzelte Edward, „in seinen eigenen Augen ist er ein Wolf.“ Das verwirrte Cassius aber nur noch mehr: „Du hast einen größenwahnsinnigen Spitz als Rudel?“
„Lach nicht, das hilft mir tatsächlich dabei, die Kontrolle zu behalten.“
Cassius ließ nicht locker. „Aber hast du denn kein Rudel?“
„Nicht im klassischen Sinne“, meinte Edward, und deutete im Kreis herum auf uns.
„Oh.“ Sein Onkel habe immer gesagt, es tue einem nicht gut, wenn man kein Rudel habe, führte Cassius weiter aus, und sein Dad habe auch immer erzählt, es habe ihm überhaupt nicht gut getan, alleine zu sein.

Als Edward seinen Bruder dann bat, ihm einen Gefallen zu tun und nicht ins Labor zu gehen, bekam der große Augen. Labor? Das sei ja wie bei Walter White, voll bad-ass!
Nein, erwiderte Edward, keine Drogenküche. Eher esoterisch.
Das war der Moment, in dem Roberto wieder mal Roberto sein musste und Cassius provozierte. Mit einer ganz klar absichtlich auf schwul gehaltenen Anmache legte er dem Jungen nahe, auf seinen Bruder zu hören, was Cassius wild aufknurren ließ und Edward dazu brachte, unseren Kumpel kurzerhand des Hauses zu verweisen. Seinen Halbbruder, der aussah, als wolle er gleich irgendwas zerreißen, schickte Edward erst mal an seinen Boxsack, wo der Kleine sich die Fäuste blutig schlug, aber tatsächlich etwas Dampf abzulassen schien.

Kurze Zeit später brachte Ximena, die auf den Hund aufgepasst hatte, Schneeball vorbei. Ich stand gerade am Fenster und konnte sehen, wie Roberto, der noch draußen war, sich kurz mit ihr unterhielt. So, wie er nach drinnen zeigte, war klar, dass er seine Cousine über Edwards plötzlichen Halbbruder aufklärte.
Dann kam sie samt Hund herein, aber Schneeball bellte so wild und aufgeregt herum, dass Cassius schon wieder die Nerven verlor. Ich kraulte den kleinen Spitz ein bisschen, da bellte er noch ein bisschen, gab dann aber endlich Ruhe.
„Na toll“, maulte Edward, „Familie! Fehlen nur noch Frau und Kind, haha!“
Ich grinste ihn an. „Naja, man soll nie nie sagen.“
„Ha, lass mal“, schnaubte Edward, „jetzt habe ich Cassius an der Backe, das reicht mir erstmal völlig.“
„Warum soll es dir besser gehen als mir?“ fragte ich ihn, auch wenn ich das eher scherzhaft meinte. Denn ich habe nicht das Gefühl, Jandra an der ‘Backe’ zu haben, im Gegenteil.
„Deine ist nicht so wild“, konterte Edward.

Und dann… ich weiß gar nicht wie ich es beschreiben soll. Es ging mir das sprichwörtliche Licht auf. Mit einem Mal fuhr mir ein Gedanke in den Kopf, und es war mir völlig schleierhaft, wie ich vorher nicht darauf gekommen sein konnte. Scheiße! ¡Mierda y cólera!

„Was ist los?“ wollte Totilas wissen, also fluchte ich noch ein bisschen weiter, erklärte dann aber. Jandra ist Enriques Tochter. Und Enrique ist ein Koyanthrop. Oder besser: Enrique wurde von Ernesto Sanchez zum Koyanthropen gemacht. Und wenn er das Gen hatte, das es bei ihm ermöglichte, den Koyanthropen zu wecken, dann hat seine Tochter das mit einiger Wahrscheinlichkeit auch. Und, cólera noch eins, dann habe ich es garantiert auch, denn ich bin sein Bruder, verdammt! Und was, wenn das verdammte Gen ausbricht, sobald der Supermond richtig losgeht?

Wir könnten Jandra testen, schlug Totilas vor. Ein Ritual durchführen, um herauszufinden, ob beim Supermond das Gen ausbrechen wird. Oder vielleicht ein Ritual, damit beim Supermond das Gen ausbricht?
„NEIN!!“

„Ginseng-Tee“, schlug Roberto vor. „Viel Ginseng-Tee.“
„Und du solltest Alejandra Disziplin beibringen“, fügte Totilas hinzu.
Grrrrrr. Was zum Geier?!
„Glaubst du etwa, dass ich meiner Tochter keine Disziplin beibringe?!“
Okay, verdammt. Ich bin tatsächlich auch ziemlich gereizt. Hoffen wir mal, das ist wirklich nur der Supermond, und nicht dieses blöde Gen, das herauskommen will. Totilas lenkte auch schnell ein und erklärte, natürlich glaube er, dass ich Jandra Disziplin beibrächte, aber eben nicht so systematisch, wie gerade Edward sie betreibt. Ach so hatte er das gemeint. Trotzdem. Grrrr.

Etwas später kamen Cynthia Wong und ihre Kollegin Imana vorbei, um Cassius abzuholen. Der Junge schien auch ganz erleichtert darüber: Zum einen ist er es gewohnt, ein Rudel um sich zu haben und zum anderen war es ihm anscheinend doch ein bisschen peinlich, bei seinem großen Bruder zu sein. Er wolle aber in Kontakt bleiben, sagte er.
Alex tauchte kurze Zeit später auch wieder auf. Er habe diverse Löcher stopfen und Türen schließen müssen, sagte er, denn spätestens seit der Schwächung der Insel der Jugend sind hier in Miami die Grenzen zum Nevernever unangenehm dünn. Drüben im Nevernever habe er Spuren gefunden, sagte Alex, von einer riesigen wolfsartigen Pfote.

Könnten das eventuell Spuren von dem Biest gewesen sein, das die Latin Raiders damals rufen wollten? An die Bestie hatten wir ja etwas früher am Tag schon gedacht, auch wenn wir eher einen Zufall vermuteten. Aber jetzt mit der Spur… Wird es eventuell auch diesmal wieder mit Absicht gerufen?
Hmmm. Wir könnten ein Ritual abhalten, sinnierte Edward, um herauszufinden, ob das Biest gerufen wird, und wenn ja, von wo aus.
Das hielten wir alle für einen ziemlich guten Plan, aber wenn, dann sollten wir das abends machen, wenn der Mond zu sehen ist. Aber nicht mehr heute. Wir hatten einen langen Tag, und ein paar Vorbereitungen müssen wir ja auch erst noch treffen. Deswegen verabredeten wir uns für morgen und trennten uns.

Und ich muss jetzt erstmal dringend schlafen. Ich habe das hier alles zwar noch aufgeschrieben, weil ich morgen sonst vielleicht nicht mehr dazu komme, aber ich bin völlig erledigt. Und Kopfschmerzen habe ich immer noch.

Oh, aber eines noch: Bei Schneeball stellen sich jedesmal die Ohren auf, wenn er das Wort ‘Ritual’ hört. Das war so, als es um das potentielle Ritual für ’Jandra ging, und dann, als wir über das Biestrufritual redeten, wieder. Der Hund ist eben doch ein Ritual-Pavlov. Fehlt nur noch Schrödingers Ritualkatze. Echt jetzt.

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Ricardos Tagebuch: Intermezzo

18. November

Ich habe den Jungs die Einträge zu den Mordor-Ents gezeigt. Sie waren ebenso verwirrt wie ich, weil sich auch keiner von den anderen an unheimliche schwarze Baumgestalten erinnern konnte, und natürlich kamen wir ins Diskutieren. Ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe. Ob ich es vielleicht nur geträumt habe. Oder ob da jemand tatsächlich an unserem Gedächtnis herumgespielt hat. Totilas hatte die geniale Idee, mal Richard und Gerald zu kontaktieren, ob die irgendwas von Mordor-Ents wissen. Immerhin waren sie am See auch dabei.
George, den ich nachts mal dazu fragte, erklärte, dass ich durchaus von solchen schwarzen Gestalten geträumt hätte, ja, aber dass er die nicht angerührt habe, die hätten ‘nicht lecker’ ausgesehen. Und so, wie mein kleiner Traumfresser-Freund sich bei den Worten ‘nicht lecker’ schüttelte, glaube ich, er meinte mit dem Ausdruck nicht ‘Junk Food statt Gourmetmenü’, sondern eher ‘Giftcocktail’.

Wir waren uns alle einig, dass wir in dieser Sache den Ball ganz, ganz flach halten müssen. Wenn wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgeschraubt hat, dann sind die Mordor-Ents, falls es sie gibt, ein richtig heißes Eisen. Der einzige, dem wir genug vertrauen, um es ihm gegenüber anzusprechen, ist Jack White Eagle. Den wollen wir mal zu dem Thema befragen.


Zurück aus der Kommune. Jack hat unsere Bitte um Stillschweigen sehr ernst genommen und uns nicht nur einen ruhigen Ort zum Reden gesucht, sondern sogar einen Ritualkreis um uns herumgezogen, damit auch wirklich niemand lauschen kann. In dem Kreis las ich meine Aufzeichnungen noch einmal vor und beschrieb noch einmal, was es damit auf sich hatte, woraufhin Jack erklärte, er habe eine Vision von den Viechern gehabt: sie seien extrem gefährlich und überhaupt nichts Gutes. Wegen dieser Vision sei Jack überhaupt erst von South Dakota nach Miami gekommen, denn er habe das Gefühl, wegen dieser Viecher müsse er dringend hier sein. Oh. Ob er meine, dass sie aus Schottland herkommen würden? Sie seien schon hier, erklärte er daraufhin grimmig. Mehr wollte er uns darüber aber erst einmal nicht sagen, denn wir seien – ich zitiere – „zwar nett, aber ungestüm“. Aber wenn ‘es’ denn käme, wenn er etwas erfahre, das wichtig sei, dann würden wir es zuerst erfahren, versprach Jack, oder zumindest mit zuerst.
Alles klar. Und bis dahin halten wir uns in dieser Beziehung komplett bedeckt.


27. November

Gerald und Richard haben sich gemeldet. Es hat ein paar Tage gedauert, aber jetzt haben wir von beiden die Bestätigung: Sie wissen beide noch von den Mordor-Ents am See. Demonios. Es hat wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgespielt. Ich meine, das hatten wir uns ja schon gedacht, aber diese Bestätigung ist schon nochmal… hossa. Sagte ich schon, dass ich es hasse, wenn jemand in meinem Kopf herumschraubt?


01. Dezember

Mierda. Bei all dem Stress, der in letzter Zeit los war, habe ich es komplett vernachlässigt, aber irgendwann muss ich Pan Ersatz für seine desertierten Ritter gefunden haben, denn alleine werden Sir Anders, die Satyre und ich nicht gegen Winter bestehen können, wenn es das nächste Mal rund geht. Es stellt sich nur die Frage, werde ich überhaupt irgendwo Sidhe-Ritter finden, die a) frei sind für einen neuen Einsatzort und b) bereit sind, an Pans unkonventionellen Satyrshof zu kommen? Das könnte schwierig werden, befürchte ich. Aber ich hatte letztens noch eine andere Idee. Vielleicht lassen sich ja einige der Einherjaren aus Heorot dazu überreden, an den Sommerhof zu kommen? Immerhin sind es (okay, bis auf Asleif) ja kultivierte Einherjar, die nicht jede freie Minute mit Saufen und Köpfeeinschlagen verbringen.Vielleicht kann man die für Pans Palast interessieren? Einen Versuch wäre es wert. Ich muss nur bald los, damit noch genug Zeit für andere Optionen ist, falls diese fehlschlägt.


06. Dezember

Ich vermelde: Einherjar in Miami! Okay, in Pans Palast, sprich im Nevernever, das an Miami angrenzt. Es erforderte gar nicht so viel Überredung, sie zur Unterstützung zu gewinnen. Dreizehn neue Streiter hat Pan jetzt insgesamt, Sigthor nicht gerechnet. Der kam zwar auch mit, aber ich habe das Gefühl, der wird nicht lange bleiben, sondern sich hier nur eine Weile umsehen und dann wieder weiterziehen. Asleif ist auch mitgekommen; dem war es in Heorot wohl zu kultiviert, und er hofft hier auf mehr Action. Na, für zwei Gelegenheiten im Jahr konnte ich ihm Action versprechen, aber da müssen wir sehen, ob und inwieweit ihn das hier hält.


09. Dezember

Es war ja so klar. Pan war neugierig und ist im vollen Bewusstsein dessen, was passieren wird, mit Sigthor in seinen Privatgemächern verschwunden. Ich bin schwer begeistert, denn dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten, wer dann so in ca. einem Dreivierteljahr – wobei, wie lange dauern eigentlich Schwangerschaften bei Satyren bzw. Naturgottheiten? – das Kindermädchen wird spielen dürfen. Pan findet das Ganze fürchterlich lustig und macht schon Pläne.


10. Dezember

Wie zu erwarten war, ist Sigthor wieder aufgebrochen. Oh, wo ich gerade Sigthor erwähne: Sein Feuerkind mit Loki hat jetzt auch einen Namen. Sindri sollen wir sie nennen. Das klingt ziemlich hübsch, wenn ihr mich fragt. Und sehr passend für ein Feuerwesen. Als eine Sarah oder Laurie hätte ich sie mir jedenfalls nicht vorstellen können. Sindri lernt langsam, ihre Feuerstelle zu verlassen und menschliche – oder zumindest humanoide – Gestalt anzunehmen, was auch eine sehr spannende Entwicklung ist. Ich bin mal gespannt, was für Unfug sie damit anstellt. Übernatürlicher Feuer-Teenager. Yay.


22. Februar

Heute ist etwas ziemlich Schräges passiert. Edward, der sich ohnehin nicht auf dem Höhepunkt seiner Stimmungskurve befindet, weil gerade Vollmond ist, bekam Wind von einem Haus, in dem angeblich ein Poltergeist umging. Er fuhr hin und nahm uns mit – seine Kollegen haben sich inzwischen daran gewöhnt, und seit Edward Lieutenant ist, kann er sich die zivilen Berater noch viel problemloser leisten.

In dem Haus flogen im Wohnzimmer wie in einem Miniaturwirbelsturm jedenfalls jede Menge Dinge herum. Im Obergeschoss lag auf dem Bett in einem Teenagerzimmer dessen Bewohnerin, eben ein Mädchen im Teenageralter, in einer Trance. Totilas knockte sie aus, aber daraufhin wurde der Minitornado im Wohnzimmer nur noch schlimmer. Da gingen inzwischen wirklich Dinge zu Bruch. Das konnte so nicht weitergehen, also versuchte ich es einmal damit, dem Mädchen den Anblick einer friedlichen, sommerliche Blumenwiese vor ihr inneres Auge zu projizieren. Nicht ihren Geist zu manipulieren, wie das ja strengstens verboten ist und was mir angesichts meiner eigenen Erfahrungen auch im Leben nicht einfallen würde, sondern ihr einfach das Bild zu zeigen. Die friedliche Szene schien das Mädchen auch tatsächlich etwas zu beruhigen, denn die Gegenstände flogen jetzt langsamer im Wohnzimmer herum, trudelnder. Ich fühlte mich an tanzende Schmetterlinge erinnert, auch wenn die meisten Sachen natürlich viel zu groß und schwer für Schmetterlinge waren.

Mit Ammoniakreiniger als Riechsalzersatz bekamen wir das Mädchen schließlich aufgeweckt, was den Spuk ganz enden ließ, und kontaktierten Ximena, die versprach, sich um das junge Talent zu kümmern.


7. Mai

Roberto erzählt ja gelegentlich mal Geschichten aus seiner Bótanica, und wir haben da ja selbst auch schon Dinge miterlebt. Es hat sich unter den Santerios im Viertel schon länger herumgesprochen, dass Roberto doch kein so oberflächlicher Scheinheiliger ist, wie die Leute das immer gedacht hatten, und gelegentlich kaufen sie nicht nur bei ihm ein, sondern fragen ihn als Vertrauten seiner <s>Schutzheiligen</s> Orisha (mierda, es fällt mir immer noch schwer, dieses Wort in den <s>Mund</s> Stift zu nehmen) um Rat und Hilfe.
Jedenfalls hatte er heute drei Kundinnen: eine junge Frau mit ihrer Mutter und Großmutter. Die Mutter hatte anscheinend die Tochter in die Botánica geschleift und die Großmutter hatte sich angeschlossen. Die drei Damen wollten einen Rat bzw. eine Vorhersage wegen eines Mannes für die Tochter. Die Mutter bevorzugte Juan, aber den hielt die Tochter für unglaublich langweilig. Sie selbst schwärmte für Ernaldo, aber der war wegen Handelns mit Marihuana und diversen Diebstählen gerade im Gefängnis. Die Großmutter hingegen fand beide Männer nicht geeignet, deswegen war sie wohl sehr glücklich mit Robertos Urteil, der riet, Maria solle sich nicht sofort entscheiden, sondern sich Zeit lassen. Sie werde es wissen, wenn der Moment gekommen sei.

Unser Roberto. Wird auf seine alten Tage noch zum Salomo.


5. August

Pan wird immer unleidlicher. Die Schwangerschaft sagt ihm doch nicht so zu. All die Hormone, oh weh. Und wie entbindet man bei einem männlichen Feenwesen überhaupt ein Kind? Nicht auf natürlichem Wege, soviel ist schon mal klar. Pan hat Spencer Declan kontaktiert, der meinte, es gebe magische Möglichkeiten. Dann wird der Warden wohl die Hebamme spielen dürfen. Ich lasse den Arsch ja eigentlich nur ungern in die Nähe meines Herzogs. Aber besser er als ich. Sowas gehört nicht zur Jobbeschreibung des Ersten Ritters. Ich darf Declan eben nicht aus den Augen lassen.


13. September

Das Kind ist da! Declan hat seinen Job ausnahmsweise mal einwandfrei gemacht (er wurde ja auch gut genug dafür bezahlt), und es gab keinerlei Schwierigkeiten. Pan wollte seine Tochter unbedingt nach Edward und mir benennen, also heißt die Kleine Edwina Ricarda. Tío, ist die niedlich. Und das sage ich, der, Babies grundsätzlich meistens eher hässlich findet. Klar liebt man sie, aber wirklich hübsch sind direkt nach der Geburt doch die wenigsten, wenn man ehrlich ist. Edwina Ricarda weist jedenfalls schon mal keine Spur von Hörnern und Bocksfüßen auf, zum Glück. Ob und inwieweit sie irgendwann Nymphenzüge entwickelt, werden wir dann wohl in einigen Jahren sehen.


19. September

Aua. Das hat wehgetan. Also nicht mir, gracias a Dios, aber Totilas und Edward hat es ziemlich gebeutelt. Zum Glück heilen die beiden schnell.

Aber der Reihe nach.
Totilas hat da doch von Gerald diese, ähm, Geschäfte geerbt. (Das ist auch so was, an das ich mich nur schwer gewöhne.) Jedenfalls haben die Raiths auch gehörige Anteile an Miamis Filmbusiness. Und es sind Raiths. Was für ein Filmbusiness wird das wohl sein? Kleiner Hinweis: Der Hauptdarsteller firmiert unter ‘Ricardo Longdong’.
(Ja hahaha. Cue jokes.)

Wie dem auch sei, Totilas wurde alarmiert, weil es auf dem Filmgelände einen heftigen Schusswechsel gab. Ein paar Ganger waren auf dem Gelände eingedrungen und hatten begonnen, wild um sich zu feuern. Cast und Crew waren in Sicherheit gesprungen und begonnen, aus der Deckung heraus das Feuer zu erwidern, und einer hatte den panischen Anruf an Totilas abgesetzt.

Als wir ankamen, war der Schusswechsel noch in vollem Gange. Totilas fackelte nicht lange, stürmte hinein und schaltete gleich zwei der Angreifer aus, wurde selbst aber dabei ziemlich angeknackst und ausgeknockt. Edward stürmte hinterher und schickte zwei weitere Gangmitglieder schlafen, wurde dabei aber ebenfalls außer Gefecht gesetzt. Roberto und ich, die wir ja etwas langsamer auf den Beinen sind als unsere übernatürlichen Freunde, hatten so schnell gar nicht reagieren können. Jetzt ließ ich meinen patentierten Sonnenlichtzauber auf die restlichen beiden Typen los, der ihnen zwar nicht schadete, weil sie Menschen waren, keine Vampire, der sie aber immerhin blendete, was es Roberto und mir erlaubte, sie auch noch festzusetzen.

Als wir sie befragten, sagte der eine was davon, dass sie angeheuert worden seien, um auf diesem speziellen Filmset Ärger zu machen. Totilas meinte auch schon, er könne sich da ein paar Parteien denken, denen an sowas gelegen sein könnte. Unschön jedenfalls, dass, wer auch immer es ist, das an einer Filmcrew auslässt, auch wenn es eine Pornofilmcrew ist und mit den Raiths im Zusammenhang steht.

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