Miami Files

Ricardos Tagebuch: White Night 3

02. November

Der Día de los Muertos ist wohl vergleichsweise ruhig verlaufen, sagte Alex. Außer dass bei diesem Zombie Walk beinahe Dinge schiefgegangen wären, als er gerade woanders nach dem Rechten sah. Es sei aber gerade nochmal alles gut gegangen. Aber wer zum Geier veranstaltet auch einen Zombie Walk am Día de los Muertos?

Aber immerhin hat Richard schon auf Totilas’ PM geantwortet. Dummerweise bestand sie aus nicht viel mehr als einem Fluch und einem knappen „bin unterwegs, müssen reden“, aber immerhin, er hat geantwortet. Und immerhin, er ist unterwegs.

Roberto hatte deutlich beunruhigendere Neuigkeiten, die er sofort auf uns losließ, nachdem Alex und Totilas ihre Informationen abgeworfen hatten. Kurz vor Sonnenaufgang rief nämlich Lucia bei ihm an. Sie habe ihm nur sagen wollen, dass das Ritual ein bisschen schiefgegangen sei und nun ein Maya-Eiterdämon frei in der Stadt herumlaufe. Einer der Herren von Xibalba, der Unterwelt der Maya. Ääääh. ¿Como demonios? Im wahrsten Sinne.
Auf Robertos Nachfragen habe Lucia dann noch erzählt, dass der Dämon Ahalphu heiße, in den Everglades beschworen worden sei und Krankheiten verteile.
„Wir sollten uns umbenennen von ‘Ritter’ in ’Kammerjäger’“, knurrte Edward, als er das hörte. Gute Idee. Mierda.

Als erstes riefen wir in der Waystation an, um Selva Elder zu warnen, dass ein Krankheitsdämon in den Glades herumstreunt. Dann durchsuchten wir das Internet nach Informationen über das Pantheon der Maya. Wir fanden heraus, dass laut den Überlieferungen der Maya deren Götter die Dämonen in einem Ballspiel besiegt und daraufhin in deren Unterwelt verbannt hatten. Genauer gesagt, Roberto, Totilas und ich suchten. Edward hielt sich lieber fern, weil nicht sein wassergekühlter Spezialrechner, und Alex war in eine Art Trance verfallen. Wir beobachteten das erst mit ein wenig Sorge, aber er atmete ganz normal, also hofften wir mal, dass er schon irgendwann wieder zu sich kommen würde.

Das tat er dann nach ein paar Minuten auch. In seiner Trance war Eleggua ihm erschienen und hatte ungewöhnlich ernsthaft mit Alex geredet. Dieser Ahalphu sei eine Totengottheit der Maya, einer von der Sorte ‘guckt dich an, und du fällst um’, und wir seien völlig unvorbereitet auf eine Bedrohung von diesem Kaliber. Und der Dämon müsse wieder zurück in die Unterwelt gebracht werden, dringend, der gehöre keinesfalls in die Welt der Lebenden. Körperlich gegen ihn zu kämpfen wäre theoretisch möglich, dazu würde Eleggua aber nicht raten, dazu sei der Kerl zu mächtig.

Super. Einfach grandios. Und das, wo die Grenzen zum Nevernever wegen des Día de los Muertos ohnehin gerade schwach sind. Oder vielleicht eben deswegen.

Wie dem auch sei, wir überlegten natürlich des Langen und des Breiten, was wir nun tun konnten. Wir könnten ein Ritual durchführen, um den Kerl zu orten. Und wir könnten ein Ritual durchführen, das vor Krankheiten schützen würde. Aber wir brauchten Hilfe, soviel war klar.

Wir beschlossen, so ziemlich jeden unserer übernatürlichen Kontakte zu informieren, damit die wenigstens gewarnt wären und vielleicht im besten Falle schlaue Ideen hätten. Jack White Eagle. Pan. Das Coral Castle. Macaria Grijalva. Die Santo Shango. Sogar Spencer Declan. Immerhin ist der der Warden der Stadt und sollte zumindest informiert sein, wenn er es schon nicht für nötig halten würde, einzugreifen. Wobei, vielleicht würde er uns ja überraschen und doch etwas tun. Zeichen und Wunder soll es ja bekanntlich immer mal wieder geben.

Macaria Grijalva klang sehr beunruhigt bei der Nachricht, vor allem aufgrund der Tatsache, dass Eleggua höchstselbst es für nötig gehalten hatte, sich einzumischen.
Jack White Eagle sagte, er werde die übrigen Elders informieren und schauen, ob er irgendwelche Maya-Nachfahren in der Stadt finden könne.
Spencer Declan war nicht zu erreichen, dem hinterließ Roberto eine harmlos klingende Mitteilung über dessen Telefondienst.
Cicerón Linares wiederum erklärte, die Santo Shango hätten ja noch immer die Yansa-Maske, falls diese gebraucht werde. Stimmt. Gut zu wissen.

Ich rief dann bei Yolanda an, um sie zu warnen und auch, damit sie vielleicht Alejandra und die Eltern aus der Stadt bringen könnte, aber ich erreichte sie nicht in Miami, sondern mitten in einem Richterauftrag, irgendwo in Connecticut. Mierda!

Na gut. Ich rief also bei Lidia an, immerhin wollten Alejandra und Monica heute nachmittag zusammen spielen, aber die Mädels seien noch in der Schule, sagte sie. Und Lidia selbst sei noch bei der Arbeit und könne nicht einfach so frei nehmen oder die Mädchen aus der Schule holen, selbst dann nicht, wenn ein Terrorist unterwegs sei. Seufz. Wenigstens nahm ich ihr das Versprechen ab, vorsichtig zu sein und größere Menschenansammlungen zu vermeiden, wenn sie die Mädels nachher von der Schule abholen gehe.

Während ich telefonierte, hatte Roberto ein kleines Ritual begonnen, um den Eiterdämon zu lokalisieren. Für uns sah das vor allem so aus, als habe er eine Statue seiner Orisha vor sich hingestellt und Kräuter drumherum gestreut, aber als er zu sich kam, erklärte er, er habe von Erinle, der Orisha der Heilung, erfahren, wo dieser Ahalphu sei: An einem Ort voller Wasser und Palmen. Das Bild, das ihm vor Augen trat, erkannte Roberto als Coral Gables, einer edlen Luxusgegend, wo auch der Red Court residiert.

Lucia konnte Roberto nicht erreichen, weil es ja inzwischen Tag war, aber er rief nochmal bei Macaria an, um ihr die neue Lage in Sachen Coral Gables mitzuteilen und sie zu bitten, zum Anwesen des Red Court zu kommen. Aber die Santería-Älteste meinte, als Orunmila könnten sie nicht viel tun, und verwies an Eleggua.

Alex bat Edward, der solle Suki Sasamoto beauftragen, die Eleggua-Maske für ihn hochzutauchen (die hat Alex ja zur Sicherheit sehr, sehr tief unten im Meer versenkt).
Als Edward dann mit seiner Kollegin telefonierte, berichtete die, nahe Coral Gables sei ein Mann aus unerfindlichen Gründen zusammengebrochen und liege jetzt in kritischem Zustand im Krankenhaus. Mierda.

Kurz überlegten wir, ob Edward vielleicht in der Gegend eine Durchsage wie „es ist ein Gasleck aufgetreten, bitte halten Sie Türen und Fenster geschlossen“ veranlassen könnte, aber den Gedanken mussten wir leider ziemlich sofort wieder verwerfen. Es gab einfach keine Beweise in der Richtung; eine solche Warnung wäre einfach nicht plausibel und würde die guten Bewohner von Coral Gables (reich und von ihren Rechten überzeugt allesamt) nicht sonderlich lange in ihren vier Wänden halten, selbst wenn man das Umweltamt irgendwie davon überzeugen könnte, sie auszugeben.

Inzwischen traten immer weitere Krankheitsfälle auf, überall da, wo sich üblicherweise viele Leute aufhalten: South Beach, Lincoln Street, und so weiter. Unser Eiterdämon bewegte sich offensichtlich recht zügig in der Gegend herum.

Henry Smith, den Edward damit beauftragte, die Situation im Auge zu behalten, meldete sich irgendwann mit der Nachricht zurück, in der Nähe einer der Erkrankten sei ein auffälliger Typ gesehen und fotografiert worden. Das Bild schickte er uns. Es war ein wenig verwackelt, aber darauf war ein älterer Indio mit zerfurchtem Gesicht und mittellangem Haar zu sehen.

Wir sahen uns die Liste der bisherigen Krankheitsfälle an, um festzustellen, ob sich vielleicht ein erkennbares Muster ergab. Aber wenn dem so war, dann konnten wir es nicht finden. Aber es gab bisher auch noch gar nicht so viele Fälle, dass es irgendwie relevant gewesen wäre.


Gegen Abend klingelte Totilas’ Telefon. Richard war dran, gerade in der Stadt angekommen. Totilas wollte seinen Vater gleich vor dem Eiterdämon warnen, aber der meinte, Totilas – gerne auch mit seinen Freunden – solle vorbeikommen und es ihm von Angesicht zu Angesicht erzählen. Oh, und er solle sich nicht wundern: Richard sei der Typ im Zylinder.

Richard trug tatsächlich einen Zylinder, stellten wir im Dora’s fest. Das, und ein Goth-Outfit. Begleitet wurde er von einer ganz ähnlich gekleideten Dame, ebenfalls im Zylinder, die er als Hayley vorstellte. Der ältere Raith umarmte seinen Sohn zwar, löste sich dann aber sehr schnell. Ich erinnerte mich daran, dass er ja von Sancia infiziert worden war. Vermutlich war das der Grund, warum er körperliche Nähe zu vermeiden suchte.

Wir erzählten den beiden, was wir von Lucia erfahren hatten. Dass durch das Ritual der Red Courts wohl anscheinend ein Tor in die Unterwelt geöffnet werden sollte, da aber etwas gründlich schiefgegangen sei. Und dass der Eiterdämon dringend zurück nach Xibalba müsse.

Richard hörte zu, nickte verstehend und meinte dann, er könne sich ungefähr vorstellen, was Sancia geplant habe. Mit den Red Courts sei das so, erklärte er: Man werde ja nicht als Red Court geboren, sondern infiziert. Und wenn ein Infizierter dann zum Vampir werde, übernehme dessen Dämon die ehemalige Person vollständig. Deren Seele müsse bei der Übernahme ja irgendwohin verschwinden, und zwar vermutlich eben ins Totenreich, in einen ganz bestimmten Teil des Totenreichs. Diese Seele könne man aber eben nicht so einfach zurückbeschwören. Ergo das komplizierte Ritual, das aber fehlgeschlagen war. Ja klar, das klang plausibel!

Bei der Linie der Canchés sei es jedenfalls schon immer so gewesen, dass deren Dämonen schwächer seien, dass auch nach der Übernahme ein wenig mehr Geist, mehr Seele, in der Person übrig bliebe.
Während seiner Gefangenschaft habe er mit einiger Mühe Sancia davon überzeugen können, dass es doch gut sei, ihre Seele oder wenigstens einen größere Teil ihrer Seele wiederzubekommen. Das würde sie zwar schwächen, aber diese Schwächung könnte sie mit anderen Vorteilen kompensieren.

Richards Langzeitplan sei es gewesen, Sancias Dämon ganz loszuwerden. Das habe er aber natürlich nicht laut gesagt. Jedenfalls hätten seine Frau und er lange geforscht und wüssten nun, in welcher Ecke des Totenreichs die Seelen genau zu finden seien. Nur sie zurückzuholen sei eben schwer.

Nach Lafayettes Unterlagen fragten wir Richard natürlich auch. Die seien bei … in Sicherheit, erwiderte er. Er wisse, wo sie seien, aber er habe sie nicht.

Dann ließen wir die Bomben platzen. Nummer eins: Camerone Raith sei jetzt der Geist des Coral Castle. Der Lette sei verschwunden, vernichtet worden von Cicerón Linares. Diese Nachricht schockte Richard schon gehörig.
Als Totilas dann herumzudrucksen begann, fragte Alex: „Soll ich dir eine schöne Überleitung geben, oder schaffst du’s alleine?“
Totilas sah zu Hayley. „Ist sie vertrauenswürdig?“
Richard erklärte, er vertraue ihr so halbwegs, während Hayley protestierte. „Hey, ich bin total vertrauenswürdig!“
„Es geht um Familienangelegenheiten“, zögerte Totilas weiter, und er wolle nicht, dass das allzuweite Kreise ziehe, und…
„Nun fang endlich an!“

Also erzählte Totilas von der Halloween-Feier, von Gerald und seiner Duellforderung, seiner Aussage, er „hätte Richard und Totilas geliebt“ und der daraus hergeleiteten Befürchtung, er könne Selbstmord begehen wollen.
„Was sagt er denn?“ fragte Richard.
„Er redet ja eben nicht mit mir“, seufzte Totilas.
„Er redet schon mit dir“, hielt Richard ihm prompt entgegen, „du verstehst ihn nur nicht.“

Und dann zog Richard los, um sich selbst mal mit seinem Vater zu unterhalten. Aber vorher theoretisierte er noch, dass Cherie zwar sein Champion sein möge, dass er aber bestimmt einen zweiten Champion als Ersatz in der Hinterhand habe. Oder dass, falls er sich wirklich umbringen wolle, selbst in das Duell gehen könnte, das sei sogar nicht mal so unwahrscheinlich. Der Sieger eines Duells auf Leben und Tod müsse dem Verlierer die Option lassen aufzugeben, aber wenn der Verlierer dies nicht tue, dann müsse der Sieger den Todesstoß setzen.
Und er gab Totilas seine Telefonnummer. Er hat so ein Einweg-Prepaid-Ding, weil Sancia ja noch immer nach ihm sucht. Die beiden sind ja auch tatsächlich noch immer verheiratet, haben sich nie scheiden lassen.

Nachdem Richard gegangen war, blieb Hayley noch im Dora’s und gab uns einige weitere Informationen.
Xibalba sei eine der Domänen im Nevernever, die Unterwelt der Maya. Dort sei heute nicht mehr allzuviel los, weil es eben kaum noch Leute gibt, die der Maya-Religion angehören. Es gebe zwölf Herren von Xibalba, zwei oberste und zehn untere, zu denen Ahalphu gehöre, die eben irgendwann besiegt und in diese Unterwelt verbannt wurden.
Die Unterwelt der Maya bestehe aus neun Stufen, wo man sich in Kämpfen und Prüfungen beweisen müsse – mit der Ausnahme von Selbstmördern, Opfern und im Kindbett Gestorbenen, die würden sofort in den Maya-Pantheon aufgenommen. Aber auch alle anderen Seelen müssten sich nicht auf ewig in Xibalba aufhalten, sondern müssten eben die diversen Prüfungen bestehen, wonach sie auch in den Pantheon aufgenommen würden.

Die Eingänge nach Xibalba befänden sich traditionell in Höhlen, und ja, theoretisch könnte man dort auch als Lebender herumlaufen, wenn man den Weg finde. Man brauche aber Affinität zur Kultur der Maya, sonst käme man einfach anderswo hin, wenn man es versuche.

Ahalphu grundsätzlich loszuwerden, sei eigentlich ganz einfach, befand Hayley: „Tor auf, Ahalphu rein, Tor zu.“
Das Tor zu öffnen, sei nun nicht so das Problem. Das Problem sei eher, Ahalphu dahin zu bringen, wo das Tor sei, und eben, das Tor genau am richtigen Ort zu öffnen. Oh, und den Eiterdämon hindurchzubugsieren. Denn der werde sich vermutlich wehren.

Dann wandte Hayley sich direkt an Alex. „Dein Boss ist ein Scherzkeks. Sag’ dem bloß, ich will ihn nicht bei mir haben!“
Was auch immer sie damit meinte. Aber Alex erklärte uns später, als sie weg war, er habe an ihr irgendwas gespürt, eine Art Verwandtschaft zu sich selbst, aber mit einem anderen Schirmherrn, und wir sollten ein bisschen vorsichtig sein. Sprich mit irgendeiner anderen Totengottheit als Patron? Oh Freude. So richtig wie ein Mensch ist sie Alex auch nicht vorgekommen. Doppelfreude.

Als wir uns dann trennten, stöberte ich zuhause noch ein bisschen in den Tiefen des Internets. Aber außer, dass es jetzt schon wieder halb drei Uhr morgens ist und mir die Augen brennen, habe ich nicht sonderlich viel herausgefunden. Zahllose Verweise auf Bücher, Artikel, Professoren, sonstigen Maya-Experten. Nichts, was sich nachts weiter verfolgen ließe. Oh, und die Idee, dass Eric es im nächsten oder übernächsten Band vielleicht irgendwie mit den Maya zu tun bekommen könnte, falls sich das einigermaßen gescheit einbauen lässt.

Viel Zeit für Schlaf ist heute nacht jedenfalls nicht mehr. Mierda.


03. November

Über Nacht sind es mehr Opfer geworden. Es ist noch keine Epidemie, aber der Anstieg an Kranken macht sich inzwischen deutlich bemerkbar. Es gab auch bereits den ersten Todesfall. Das CDC ist auch schon in der Stadt, das war ja zu erwarten. Edward hat Kontakt mit denen und ist daher über deren Stand der Anstrengungen informiert. Dem CDC ist noch nicht so klar, was das überhaupt für eine Krankheit ist, die sich da gerade ausbreitet. Aber immerhin ist es wirklich nur eine Krankheit, nicht mehrere. Die Inkubationszeit muss relativ hoch sein, denken die Experten. Bezüglich des Übertragungsvektors sind sie sich unsicher, aber es könnte sich um Luftübertragung handeln. Die Betroffenen fallen mitten in Menschenansammlungen um – das heißt, entweder, viele Leute sind immun oder sie sind Überträger oder die Inkubationszeit ist tatsächlich richtig hoch, und alle sind schon angesteckt, aber die Krankheit ist einfach noch nicht ausgebrochen. Und das wäre natürlich der absolute GAU.
Aber eine Sache ließ uns aufhorchen. Alle bisherigen Opfer sind Leute, die hervorstechen, auffallen, irgendwie interessant wirken.

Roberto kam gar nicht zu dem Treffen am Vormittag; er hinterließ uns aber eine Nachricht, dass er den Orunmila helfe, die einen Schutzkreis gegen die Seuche um Little Havana ziehen wollten. Gut so. Das beruhigt mich, auch und gerade in bezug auf Mamá und Papá.

Suki Sasamoto schlug kurz bei uns auf und lieferte die Maske bei Alex ab, und kurze Zeit später stieß Richard Raith zu uns. Sein Gespräch mit Gerald gab er folgendermaßen wieder:

Zwischen den Zeilen gelesen, habe Gerald extrem urlaubsreif, wenn nicht gar lebensmüde auf ihn gewirkt. Er wirke, als sei er am Ende seiner Kräfte, und alle, die er liebt, stürben, litten, gerieten in Schwierigkeiten. Aber um Hilfe bitten könne er ja auch niemanden. Nichts davon habe Gerald, wie erwähnt, laut gesagt, aber das sei der Eindruck, den Richard von ihm gewonnen habe.
Seiner Meinung nach sei Gerald auch aufrichtig davon überzeugt, dass Marshall Raith ein Verräter sei.
Cherie werde Geralds erster Champion gegen Marshall sein; gegen Anabel habe er auch einen Champion, habe er erklärt, aber nicht sagen wollen, wer das sei. Das klinge beinahe, als wolle er es selbst machen, sage Richard, und ja, irgendwie tut es das. Richard war sich allerdings nicht ganz sicher, ob Gerald ihm nicht nur eine grandiose Show geliefert habe, um ihn zu täuschen.

Hmmm. Falls es wirklich ein Täuschungsmanöver sein sollte, überlegten wir gemeinsam, dann hätte Gerald Miami mit einem Sieg über Anabel eine Menge Luft verschafft, und wenn er dann wollte, könnte er die Leitung des White Court in der Stadt immer noch an Totilas abgeben.

Wir wüssten zu wenig über Marshall, befand ich. Wenn wir uns sicher sein könnten, dass er unschuldig sei, wäre es vielleicht einfacher, einen Weg zu finden, wie er unbeschadet aus der Duellsache rauskommt. Und wenn er wirklich unschuldig ist, dann verdient er auch einen guten Champion.
Totilas erwähnte nochmal das Gespräch zwischen Anabel und Marshall, das er belauscht hatte, wo Marshall seine Cousine förmlich um Hilfe angefleht, diese ihn aber am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen.
Es könnte ja auch sein, dass Marshall es tatsächlich ehrlich meint, dass er aber trotzdem benutzt wird, weil man – sprich der Weiße König oder sonstige Raiths vom Weißen Hof – einfach weiß, welche Knöpfe man bei ihm drücken muss.

„Biete du dich ihm doch als Champion an“, schlug Alex Totilas trocken vor. „Damit würde zumindest mal niemand rechnen.“
Da schüttelte unser White Court-Kumpel aber sehr schnell. „Das kann ich Gerald nicht antun. Über die Kante schubse ich ihn nicht.“
Sein unglücklicher Gesichtsausdruck, während er das sagte, ließ aber durchscheinen, dass Totilas den Eindruck hatte, das habe er bereits getan.

Ich könnte Yolanda mal fragen, ob sie seit der Party nochmal mit Marshall über das Duell und seinen Champion gesprochen habe, fiel mir ein.
Als ich ihren Namen erwähnte, horchte Totilas auf. „Vielleicht wäre Yolanda als Richterin ja geeignet.“
Ich sah ihn entgeistert an. Als Champion? In einem Duell auf Leben und Tod? Meine Schwester? Keine Chance, Junge!

Dann rief ich auch nochmal bei meinen Eltern an, um sie vor der grassierenden Krankheit zu warnen. Dass sie für ein paar Tage vielleicht möglichst wenig aus dem Haus gehen sollten. Und dass ich Alejandra, die ja ohnehin gerade bei ihnen war, vermutlich über Nacht bei ihnen lassen würde. Lidia warnte ich dann ebenfalls.
Am liebsten hätte ich auch auch Dee angerufen, hatte sogar die ersten Ziffern ihrer Nummer schon gewählt, aber dann legte ich auf. Das wäre vermutlich nicht so gut gekommen. Stattdessen bat ich Alex, seine Schwester zu warnen. Das tat er auch, wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn Dee war mit Roberto in Little Havana und half bei dem Ritual. Hätte ich mir ja denken können, immerhin ist sie Spezialistin für Schutzzauber. Sie war da natürlich schwer eingespannt, aber sie versprach Alex noch, dass sie Edward Zugang zu dem Netzwerk der Task Force verschaffen werde.

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Ricardos Tagebuch: White Night 2

Alex zog also los, um Jeff zu suchen. Und während wir warteten, hatte Totilas noch eine andere Theorie. Seine Mutter hatte ja nie ein Monster sein wollen; vielleicht will sie die Unterlagen für sich selbst? Wenn Richards Ritual, mit dem er damals seinen Dämon aus sich entfernt hatte, auf Lafayettes Studien beruhte, will Sancia vielleicht anhand der Dokumente für sich ein ähnliches Ritual wirken, um sich von ihrem Red Court-Sein zu befreien? Falls das denn möglich ist. Aber wer weiß, vielleicht ist es das ja wirklich? Bei Richard Raith hat es ja immerhin geklappt. Und einige der Red Courts hier in Miami, allen voran Orféa Baez, Sancia Canché und Robertos Freundin Lucia, sind noch erstaunlich sie selbst, als hätten sie irgendwelche Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit zu bewahren.

Nach den Ereignissen an Halloween vor drei Jahren hatte Sancia Richard ja entführt, bis er irgendwann verschwunden war. Konnte er da fliehen, oder hat sie ihn freigelassen? Roberto äußerte die Vermutung, dass Sancia und Richard vielleicht zusammenarbeiteten, um Sancia wieder zum Menschen zu machen. Immerhin wollte sie ihren eigenen Sohn lieber tot denn als Monster sehen.

Edward rief indessen Vanessa Gruber an, unsere White Council-Bekannte vom Crater Lake. Der Name Lafayette duMorne sagte Ms Gruber zwar nichts, aber zu dem Nachnamen fiel ihr Justin duMorne ein. Der sei ein Ratsmagier gewesen, der sich mit einem Outsider eingelassen habe und von seinem Lehrling in Selbstverteidigung getötet worden sei, einem gewissen Harry Dresden, der nach dem Ausbruch des Kriegs gegen den Red Court – den er wohl anscheinend selbst ausgelöst hatte – zum Warden ernannt worden war.

Harry Dresden? Das war doch dieser Typ in Chicago, mit dem Edward dieses kurze und unerfreuliche Telefonat geführt hat. Und der ist Warden? Na super.

Irgendwann kam dann auch Alex mit Jeff im Schlepptau zurück. Über Alex erzählte der junge Geist uns folgendes: Er hatte Richard Raith in einem Internetforum kennengelernt, einer geschlossenen Community, wo man nur über Einladung reinkommt. Dort hatten Richard und er einige private Nachrichten ausgetauscht, über Magie und Rituale und Jeffs geistige Blockade. Richard hatte geantwortet, darin sei er nicht so der größte Experte, aber er werde sich einmal umhören und schlau machen.

Jeff gab Alex seine Login-Daten für das Forum, damit wir nachsehen konnten, ob Richard sich gemeldet hatte. Er hatte tatsächlich, unter dem Nickname „Widening Gyre“: eine alte PM, die Jeff seines Todes wegen nicht mehr gefunden hatte, in der Richard aber schrieb, dass es für ihn schwierig sei, sich mit Jeff zu treffen, dass Jeff sich aber mit schönen Grüßen von Richard an Totilas Raith wenden solle, einen Verwandten von ihm, der vielleicht Leute kennen würde.

Na gut, das hatte sich ja inzwischen erledigt. Aber immerhin lud Jeff, wo er schon mal eingeloggt war, uns alle auch gleich in dieses Forum ein, damit wir uns selbst einen Zugang erstellen konnten. Das Forum nennt sich „Beyond the Pale“ und hat einen gewissen Goth-Anstrich, aber die Tatsache, dass es auf dem Einladungsprinzip basiert, bedeutet, dass die ganz üblen Spinner größtenteils ausbleiben.

Roberto hatte seinen Forumsnickname schnell gefunden: Theoneandonlyroberto003. Haha. Für Totilas’ Nickname witzelten wir ein bisschen herum, mit Vorschlägen wie „Pferdegeist“ und dergleichen, aber er entschied sich schließlich für „Troja“ mit dem Avatar eines Pferdes. Ich selbst grübelte eine Weile herum, ehe ich mich schließlich auf „Endymion“ einschoss. Was Richard Raith kann, kann ich auch. Wobei in meinem Fall die Namenswahl weniger daran lag, dass ich auf ein bekanntes europäisches Gedicht anspielen wollte, sondern eher daran, dass ich gerade Dan Simmons’ Hyperion-Romane lese und mir der Name vermutlich deswegen in den Kopf sprang.

Was Edward und Alex für Namen wählten, weiß ich gerade gar nicht, aber Alex hat ja irgendwann extra einen wassergekühlten Rechner in einem Aquarium gebaut, damit auch Edward nicht ganz von den modernen Errungenschaften der IT abgeschnitten ist. Angemeldet hat er sich also.


31. Oktober – nein, 01. November, früh morgens

Oh Mann. Das muss ich aufschreiben, ehe ich ins Bett gehe. Ich bin gerade von der Halloweenfeier zurück. Es ist nichts abgebrannt, und es gab keine Toten, aber es war, sagen wir mal … spannend.

Weil es eine Halloween-Feier war, mussten wir uns natürlich verkleiden. Ich hatte mir ein „Horatio Hornblower“-Kostüm besorgt, sprich die Uniform eines englischen Marineoffiziers aus dem 18. Jahrhundert, Edward ging als mittelalterlicher Ritter, Alex als Mafioso aus der Prohibitionszeit und Totilas als Pantomime mit schwarzen Hosen, gestreiftem Hemd, Hosenträgern und weiß geschminktem Gesicht. Roberto hingegen hatte sich mit Dee in ein Partnerkostüm geworfen: er als Indianerin (in pinkfarbenem Lederkleid) und Dee als Cowboy. Oh Mann. Ich will es ihm ja gönnen, wirklich, aber… grrrr.

Yolanda als Sommerrichterin war ebenfalls anwesend; Ximena hatte auch eine Einladung erhalten, kam aber nicht auf die Party, genausowenig wie Joseph – entschuldigung, Jonathan, der „Neffe“ – Adlene. Wobei ich nicht glaube, dass der überhaupt eingeladen war. Spencer Declan hingegen war es: Wie schon die letzten Male, sollte er auch dieses Jahr wieder für magischen Schutz sorgen. Marshall Raith fand das zu teuer, konnten wir hören, aber wie Totilas sagte, findet der alles teuer. Er trug das Kostüm eines Gründervaters: Gehrock, Kniebundhosen, gepuderte Perücke. Cherie Raith hatte sich ausstaffiert wie Marvels Black Widow: rote Haare, hautenger schwarzer Lederanzug.

Raith Manor sieht nach dem Wiederaufbau richtig gut aus. Es war ja früher ein eher klassischer Bau, und Teile davon sind auch noch erhalten, aber größtenteils macht das Gebäude jetzt einen wesentlich modernen Eindruck. Viel Glas, ziemlich kühl, Sonnenpaneele auf dem Dach, aber immer noch ziemlich verwinkelt. Der Partysaal an prominenter Stelle, natürlich: groß und opulent, aber mit zahlreichen kleinen, intimen Nischen.

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Die Band spielte, die Leute unterhielten sich, es wurde getanzt, und es sah nicht so aus, als würden die Nischen für raithsche Vampirspielchen benutzt. Aber irgendwann schob sich jemand neben Gerald Raith. Eine White Court offensichtlich, die Totilas uns als ‘Anabel Raith’ ausdeutete, in einem Kostüm der Herzkönigin aus Alice im Wunderland. Sie hatte die ganze Zeit schon nicht sonderlich begeistert dreingeschaut, sondern eher frostig, was für Raiths in einer sozialen Situation tatsächlich ja wohl eher ungewöhnlich ist. Jetzt nahm sie Gerald beim Arm, hakte sich bei ihm unter und begann zu sprechen. Sie brüllte nicht herum, aber sie flüsterte auch nicht, sondern war durchaus von den Umstehenden zu verstehen. Der Weiße König habe sie geschickt, denn der White Court sei alles andere als glücklich. Entweder Gerald hole sich bis Weihnachten die Marihuanafelder von den Santo-Shango zurück oder das Kokain-Geschäft vom Red Court, sonst müsste hier in der Stadt jemand anderes die Zügel in die Hand nehmen. Entweder es gebe ein Free-for-All, vielleicht auch nicht, aber auf jeden Fall müsse dann eine andere Lösung her.

Gerald klang sichtlich angetrunken, als er antwortete. Oder vielleicht auch nicht antwortete, denn eigentlich klang es wie ein klassisches Non Sequitur. Dass der Weiße König ihm mit Marshall ein Kuckucksei ins Nest gesetzt habe, dass Marshall nichts weiter sei als ein Spion für den König, und dass er genug habe. „Und weißt du was?“, fuhr er dann mit alkoholgeschwängerter Stimme fort, „Ich fordere dich zum Duell, Marshall, zum Duell auf Leben und Tod, unter den Unseelie Accords. Und weißt du was? Dich, Anabel, fordere ich gleich mit!“

In die Stille, die sich nach dieser Bombe im Saal ausbreitete, fiel kurz darauf Orféa Baez’ Stimme. „Ich möchte nur zu Protokoll geben, dass der Rote Hof von Miami sein Geld mit Immobilien und Investmentgeschäften verdient, nicht mit Drogen.“
Anabel lachte hell auf. „Ach, das war natürlich nur ein Partyspiel, alles nur ein Scherz, haha“, säuselte sie und ging ab. Wie von einer Bühne, im wahrsten Sinne.
„Kein Scherz“, rief Gerald ihr hinterher. „Duell in zehn Tagen, hier im Garten am Duellkreis!“

Nachdem Totilas geistesgegenwärtig Adalind beiseite gezogen und die Partyplanerin beauftragt hatte, den ganzen Vorfall wenn möglich tatsächlich irgendwie wie eine Show aussehen zu lassen, klärte unser White Court-Freund uns schnell über die Gebräuchlichkeit von Duellen in den Vampirhöfen auf. Ja, es gibt sie noch, und ja, auch Duelle auf Leben und Tod sind durchaus gebräuchlich. Aber auch ein Duell auf Leben und Tod muss nicht unbedingt mit dem Tod eines der Teilnehmer enden, denn der Sieger hat zwar das uneingeschränkte Recht, den Verlierer zu töten, aber der Verlierer darf dem Sieger etwas anbieten, um sein Leben doch noch zu retten. Etwa, sich dem Sieger auf alle Ewigkeit zu unterwerfen, oder so etwas. Außerdem müssen die Duellanten nicht selbst kämpfen, sondern haben beide das Recht, jeweils einen Champion für sich zu bestimmen.

Roberto zog dann los, um Lucia zu suchen. Eine Weile später sah ich sie miteinander tanzen, was ich schon irgendwie seltsam fand. Ich meine, Dee ist jetzt deine Freundin, Roberto, also benimm dich gefälligst auch so, verdammt! Dee wiederum nahm indessen Edward beiseite. „Sag mal, ist der Frau klar, dass ich ein U.S. Marshal bin und du ein Polizist?“ „Das ist ihr völlig egal“, knurrte Edward. „Die wollte einfach nur Gerald in die Scheiße reiten.“

Yolanda stand mit Marshall da und unterhielt sich mit ihm. Oder besser, Marshall redete auf Yolanda ein. Er sah ziemlich gestresst aus, oder er tat zumindest so, und Yolandas Gesicht verfinsterte sich zusehends. Dann trennten die beiden sich, und Marshall Raith machte sich auf in Richtung Cousine Anabel, die von einem ziemlich auffälligen Leibwächter von ungefähr 2,10 m begleitet wurde. Totilas warf mir einen Blick zu und setzte sich ebenfalls in Bewegung – er hatte anscheinend vor, das Gespräch zu belauschen.

Alex ließ die Augen überall herumschweifen, sah ich, daher ging ich erstmal zu Yolanda hinüber. Die war ganz aufgebracht. “Der arme Marshall! Vorspiegelung falscher Tatsachen war das! ‘Hier kannst du in Frieden leben, hier gibt es keine Intrigen’ – und jetzt? Jetzt fordert der, der ihm das vorgespiegelt hat, ihn selbst zum Duell!” Sie war ernsthaft empört, und nichts, was ich sagte, konnte sie in irgendeiner Form beruhigen, nicht einmal, dass Duelle auf Leben und Tod nicht unbedingt im Tod enden müssen. Ob man Duelle zurücknehmen könne, wollte Landa wissen. Nicht ohne Gesichtsverlust, erwiderte ich, jedenfalls soweit ich wisse. Es müsse jedenfalls der Grundsatz ‘in dubio pro reo’ gelten, befand meine Schwester, auch für einen White Court-Vampir! “Und überhaupt – hat die Tante gerade wirklich von Drogen geredet? Mit einem Cop und einer U.S. Marshal im Raum? Wie korrupt ist das denn?!”
Da wiederum konnte ich ihr nur zustimmen.

Die erwähnte U.S. Marshal machte auch ein ziemlich unglückliches Gesicht, und ich kannte sie gut genug, um zu wissen, was in ihr vorging. Sie hätte eigentlich auf die Drogengeschichte reagieren müssen, und auch liebend gerne wollen, aber die von Anabel Raith aufgeworfenen Vorwürfe waren so schwammig und nichtssagend gewesen, dass Dee eigentlich gar nichts so wirklich tun konnte. Also biss sie die Zähne zusammen und schwieg – und ging stattdessen mit Roberto tanzen. Das hatte ich zwar gerade vorhin noch angemeckert, aber: grrrrr. Hat keiner behauptet, dass ich in dieser Angelegenheit rational denke. Das war dann jedenfalls der Moment, in dem ich mir lieber etwas zu trinken holen ging.

Später trafen wir uns alle wieder und tauschten Informationen aus.

Totilas hatte tatsächlich Marshall und Anabel Raith bei ihrem Gespräch belauscht. Anabel machte sich offensichtlich wegen der Duellforderung keine großen Sorgen. Es gebe wohl ein paar Kandidaten für Geralds Champion, wie den brutalen Cop zum Beispiel. Sie selbst habe einen Champion, ob Marshall auch schon einen hätte? Marshall hatte offensichtlich noch keinen, denn er erklärte, er könne Hilfe dabei brauchen, einen zu finden, aber das überhörte Anabel geflissentlich. Oder besser, sie weigerte sich rundheraus, ihm zu helfen, weil Marshall ihr nichts im Gegenzug anzubieten hatte.

Etwa in diesem Moment hätten die beiden Totilas dann bemerkt, sagte er. Marshall habe sich verzogen, aber Anabel habe sich schleimig-freundlich gegeben. Totilas habe sie gefragt, ob sie einen guten Champion habe, und sie habe das bestätigt – und ihn dann gefragt, ob er sich anbieten wolle, ehe sie ihn habe stehen lassen. Totilas machte ein etwas seltsames Gesicht, als er das erzählte. Irgendwas war offensichtlich zwischen den beiden noch vorgefallen, das er uns nicht weitergab.

Nach dem Gespräch mit Anabel hatte sich Totilas doch noch mit Marshall unterhalten. Der war erst wenig geneigt, mit seinem Cousin alleine zu sein, aber dann redete er doch. Er habe erklärt, er sei kein Spion. Er habe lediglich versucht, Gerald klarzumachen, dass die Dinge so nicht so laufen könnten, wie Gerald das gerade versuche, aber der habe ja nicht auf ihn hören wollen. Er habe hier in Miami wirklich nur seine Ruhe haben wollen, aber nun habe er das Gefühl, Gerald habe ihn verschaukelt. Und Marshall habe sogar ehrlich gewirkt, als er das sagte.

Alex sagte, angesichts der Neuigkeiten von dem Duell habe Orféa Baez sehr zufrieden dreingeschaut, Spencer Declan ebenso. Der größte Teil des White Court habe ziemlich aufgescheucht gewirkt, während Cherie Anabel beobachtete, als sei diese der ganz klar definierte Feind.

Mit Cherie hatte Edward dann auch gesprochen: Sie werde Gerald Champion geben. Marshall halte sie nicht für eine Bedrohung. Die wahre Gefahr sei Anabel. Sie hätte dann noch versucht, sein Gewissen reinzuhalten, indem sie meinte, das ganze Gerede sei nur Code für „Kuchen“.

Anschließend hatte Edward eigentlich mit Gerald reden wollen, aber das ging gerade nicht. Der Gute war nämlich gerade dabei, sich zu ernähren. Ähm, ja.

Danach passierte jedenfalls nicht mehr so richtig viel. Ist ja auch nicht so, als wäre die eine Bombe nicht genug gewesen.


01. November

Wir haben uns auf dem Schiff getroffen. Das kam uns bei den ganzen Neuigkeiten und Dingen, die es zu besprechen gibt, sicherer vor als das Dora’s.

Schneeball sei noch nicht wieder zuhause, erzählte Edward. Den hatte er für die Party bei Ximena gelassen, aber bisher hat sie ihn noch nicht zurückgebracht.

Totilas hat heute morgen über das „Beyond the Pale“-Forum eine Nachricht an seinen Vater geschickt. Er habe keine Klarnamen verwendet und alle Informationen verschlüsselt, versicherte er uns. So habe er erwähnt, dass seine Mutter in der Stadt sei und nach den Unterlagen des alten Mathelehrers von Widening Gyre suche. Außerdem habe er um ein Treffen gebeten, es sei wichtig. Sich selbst identifiziert habe er sich mit einem alten Kinderspitznamen, damit Richard auch wisse, das die Nachricht wirklich von Totilas sei.

Dann erzählte Roberto uns, dass er gestern abend tatsächlich mit Lucia gesprochen habe. Ach. Gesprochen also auch, nicht nur getanzt. Von der erfuhr er, dass die ganze Sache mit dem Ritual Sancias Baby sei. Und soweit sie, Lucia, wisse, solle das Ritual auch keinen Angriff auf irgendwen darstellen, sondern Sancia wolle es für sich selbst.

Dann trugen wir nochmal all die Dinge, die wir gestern abend schon kurz besprochen haben, zusammen. Und fingen an zu theoretisieren.
Ob Gerald die ganze Sache mit dem Duell vielleicht geplant haben könnte, war ein Gedanke. Das sehe seiner Meinung nach tatsächlich so aus, fand Roberto. „Ich glaube, Gerald versucht, Totilas in seine Position zu hieven.“
Daraufhin fragte Alex, ob Totilas sich für den Job disqualifizieren wolle – mit Sancias Ritual müsste es ja möglich sein, ihn zu ent-vampirisieren. „Sancia will mich umbringen!“, erwiderte Totilas entgeistert. Ach, da könne er mal vorfühlen, hielt Roberto ihm entgegen.

„Ich kann Gerald nicht im Stich lassen“, sagte Totilas nachdenklich, „aber ich bin auch ein Ritter von Miami. Für Miami wäre es besser, wenn ich dieses Ritual durchzöge.“ „Warum?“ wollte Alex sofort wissen. „Ich weiß nicht…“, kam Totilas’ Antwort. „Weil ich dann keine Drogengeschäfte machen müsste.“ „Das musst du ja nicht“, schoss Alex zurück. „Der Weiße König will nur sein Geld. Ob du das legal oder illegal verdienst, ist dem völlig egal.“

Er habe Gerald nie verstanden, fuhr Totilas fort. Der stelle Ansprüche an ihn, sage aber nicht, was für welche.
„Gerald ist eigentlich ziemlich simpel gestrickt“, warf Edward ein. „Geh einfach mit ihm reden.“
„Das habe ich ja versucht“, seufzte Totilas.
Das war natürlich das richtige Stichwort. „Nicht versuchen“, hielt Alex unserem White Court-Kumpel sofort entgegen. „Do or do not, there is no try.“
Da musste ich ihn aber leider enttäuschen. „Vergiss es, Alex, der kennt kein Star Wars!“

Ähm. Ja. Und deswegen machen wir jetzt einen Videoabend. Ich habe Totilas mehr oder weniger am Schlafittchen gepackt und zu mir nach Hause geschleppt; Roberto kam auch mit. Duell hin oder her, Red Court-Rituale hin oder her, den einen Abend kann das jetzt auch noch warten. Totilas’ Bildungslücke schließen ist wichtiger, habe ich beschlossen. Alex ist heute abend, am Día de los Muertos, ohnehin damit beschäftigt, sich um die Geister zu kümmern, und Edward bekam auch einen Anruf aus dem Precinct, dass seine Anwesenheit vonnöten sei. Da können wir anderen auch Film schauen.

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Ricardos Tagebuch: White Night 1

5. Oktober

Gerald Raith geht es nicht sonderlich gut. Okay, der ist ja seit einer ganzen Weile schon meist in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit anzutreffen, wie wir schon mitbekommen haben, aber seit er dieses – ich will gar nicht wissen, was für eins, legal ist es nicht – Geschäft an den Red Court verloren hat, scheint es schlimmer geworden zu sein.
Aus Loyalität seinem Großvater gegenüber redet Totilas nicht groß davon, aber zumindest hat er erwähnt, dass Marshall Raith versucht habe, Gerald zu motivieren; der habe sich nur nicht so recht motivieren lassen.

Apropos Marshall Raith. Erst höre ich den Namen ewig nicht (seit letztem Día de los Muertos, genauer gesagt, wo Totilas ihm begegnete, als er für das Binderitual Camerones Ehering besorgen musste), und auf einmal kommt er mir ständig unter.
Yolanda, die mit dem Erwerb ihrer Anwaltszulassung und dem Sommerrichterjob und all dem momentan so richtig beschäftigt ist, erzählte nämlich freudestrahlend, sie hätte über Mr Raith einen Praktikumsplatz bei Baker & McKenzie erhalten, einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Eigentlich will sie ja Strafverteidigerin werden, wie sie immer erklärt, aber so ein Praktikum mache sich gut im Lebenslauf, meinte sie.

Meine Ohren hatten sich allerdings bei etwas anderem aufgestellt. Was für ein Mr Raith, wollte ich wissen. Na Marshall Raith, erwiderte Landa. Totilas’ Cousin. Der sei sowas wie ihr Mentor. Oh. Oh-hoh.

Sagen konnte ich in dem Moment nichts groß, weil das beim monatlichen Familienessen bei den Eltern war, aber bei nächster Gelegenheit fragte ich Totilas nach diesem Marshall. So richtig viel über ihn wusste Totilas allerdings nicht. Er findet ihn langweilig, gar nicht wie einen Raith. Marshall hatte ja damals, als er vor einem Jahr in die Stadt kam, behauptet, er sei übergelaufen, habe den Hof des Weißen Königs verlassen, weil er keine Lust mehr gehabt habe, für Lord Raith immer den Deppen zu geben. Aber ob das auch stimme? Hmmm. Schwer zu sagen, fand Totilas. Er sei ein Langweiler, aber er sei immer noch ein Raith, also dürfe man ihn nicht unterschätzen.

Das war nicht so richtig das, was ich hatte hören wollen. Andererseits, was hätte ich den hören wollen? Am liebsten, dass Marshall zwar Raith heiße, aber kein White Court-Vampir sei, wenn ich ehrlich bin. Aber gut, das war nicht zu erwarten gewesen, also warnte ich als nächstes Yolanda vor Marshall und vor den Raiths im allgemeinen, inklusive wahrheitsgemäßer Begründung, wohlgemerkt.

Ob Yolanda die Warnung allerdings so hundertprozentig ernst nahm, weiß ich nicht. Sie reagierte nämlich mit einem zackigen Salut und der Erwiderung: „Ich werde mich nicht von einem Lustvampir aussaugen lassen, aye, aye!“ Hmpf. Aber gut, das wird wohl fürs erste reichen müssen. Und gnade dem Kerl, wenn er meiner Schwester etwas antut!


22. Oktober

Totilas kennt Star Wars nicht. Totilas kennt Star Wars nicht!

Ich weiß gar nicht mehr, wie genau wir darauf kamen. Irgendein klassisches Zitat, logischerweise. Aber welches genau, und in welchem Zusammenhang, weiß ich nicht mehr. Nur noch, dass Totilas völlig verständnislos reagierte und dann seine Unkenntnis der Filme gestand. Also wirklich. Eine Bildungslücke vor dem Herrn!

Die Einladung zur Raith’schen Halloweenfeier haben wir übrigens inzwischen auch erhalten. Diesmal müssen noch nicht mal wir die Botenjungen spielen, hurra. Ich bin mal gespannt, was das gibt. Bei unserem Glück garantiert nichts Gutes, wenn man sich die Ereignisse der letzten paar Jahre mal zum Vergleich heranzieht. Diesmal wird die Party jedenfalls mit der feierlichen Einweihung von Raith Manor verknüpft. Denn ja, das neue Anwesen ist fertiggestellt, Römer und Patrioten, man mag es kaum glauben.

Organisiert wird die ganze Sache jedenfalls wieder von Adalind, der Partyplanerin der Raiths, allerdings diesmal in Zusammenarbeit mit – Überraschung – Cousin Marshall.


25. Oktober

Okay. Irgendwas ist los. Irgendwas hat der Red Court vor.

Wir saßen gestern im Behind the Cover zusammen, als mit einem Mal Angel Ortega reingestürzt kam. Er bewegte sich steif und hatte eine blutige Wunde, und er hielt etwas im Arm, das sich bei näherem Hinsehen als kleine, ängstliche Fee mit verknautschten Flügeln herausstellte. Die Red Courts hatten Christabella die Flügel ausreißen wollen, berichtete Angel auf unsere Frage hin.

Kaum hatte er das gesagt, ging die Tür auf, und zwei Latinos in Anzügen kamen in den Buchladen. Sie bemerkten Angel, nickten einander zu und suchten sich einen Platz halbwegs in unserer Nähe, wo sie sich hinsetzten und anfingen zu telefonieren. Dabei machten sie wenig Anstalten, ihr Interesse an unserem Bekannten und seiner kleinen Begleiterin zu verbergen.

Die arme Blumenfee tat mir wirklich leid, also fragte ich sie, ob ich mir ihre Flügel einmal ansehen dürfe. Ich durfte. Die filigranen Gebilde hingen ihr ganz schief vom Rücken, und Christabella konnte sie sichtlich gar nicht mehr in Bewegung versetzen. Also strich ich mit den Fingerspitzen sachte darüber und leitete etwas von der Sommermagie hinein, die ja nie weit weg ist, deren Anwesenheit ich unterschwellig eigentlich immer spüren kann, es sei denn, ich bin gerade sehr abgelenkt. Ich frage mich, ob ich mich an dieses summende Kribbeln in mir jemals vollständig werde gewöhnen können oder es irgendwann nicht mehr bemerke. Oder ob ich vielleicht den Job loswerde, ehe das passiert.
Wie dem auch sei, die Sommermagie für diesen speziellen Zweck nach oben zu rufen, war einerseits leicht – es ging immerhin um eine Sommerfee in Nöten, und es fühlte sich beinahe so an, als wolle die Magie herauskommen, um ihr zu helfen – andererseits wiederum hatte ich bis dahin noch nie so etwas wie einen Heilzauber versucht, und so war die Sache eben doch gar nicht so ohne. Ich wollte Christabellas Flügel ja nur richten, sie nicht in meinem Überschwang gleich vergrößern oder bunt schillern lassen oder so. Die Anstrengung, genau die richtige Dosierung der Magie zu finden, brachte mir dann doch einen Anflug von Kopfschmerzen ein.

Aber es klappte. Es flogen ein paar harmlose, glitzernde Funken, dann glätteten sich die zarten Gebilde zusehends, bis sie schließlich zu vibrieren begannnen. Die kleine Fee lächelte mich an. „Was möchtest du zur Gegenleistung?“ „Hmm? Gar nichts“, entfuhr es mir erst, aber dann fiel mir ein, wie ungern Feen in der Schuld anderer stehen. „Ähm, ich meine, Euer Dank wäre mir Gegenleistung genug, werte Christabella.“ „Willst du wirklich nur meinen Dank?“ hakte sie nochmals nach, und das ließ mich kurz innehalten und überlegen. Ich könnte einen Gefallen von ihr verlangen, aber… nein. „Ich will wirklich nur deinen Dank“, bekräftigte ich, und sie strahlte förmlich auf. „Danke!!“ Dann begannen ihre Flügel kräftiger zu surren, und sie setzte sich durch ein offenes Oberlicht ab, während die Vampire – oder besser ihre Lakaien, es war ja noch heller Tag – der kleinen Gestalt wütend hinterherstarrten. Und wir uns anschließend aus einem Nebenraum heraus lieber durch das Nevernever absetzten, weil wir uns lebhaft vorstellen konnten, dass die Red Court-Leute nun auch auf uns nicht allzu gut zu sprechen sein würden. Angel Ortega schloss sich uns allerdings nicht an, sondern meinte, er käme schon zurecht.

Oliver Feinstein begleitete uns noch in den Nebenraum, von dem aus Alex sein Tor öffnete. Aber ehe er das tat, hatte Oliver noch ein paar Informationen für uns. „Der Red Court spinnt in letzter Zeit völlig“, erzählte er. Erst hätten sie nach magischer Essenz gesucht. Dann nach magischen Kreaturen. Und schließlich sei jemand aufgetaucht und habe sich subtil, haha, nach den Büchern und Gegenständen von Lafayette duMorne erkundigt.

Der Name sagte mir auf Anhieb nichts. Bei Totilas hingegen klingelte ein Glöckchen, und was das für ein Glöckchen war, erzählte er uns, als wir aus dem Nevernever zurück in der richtigen Welt waren. Und zwar war Lafayette duMorne ein Magier des White Council gewesen, der im Winter 1927 vom White Court ermordet wurde. Nach duMornes Tod griffen die aufgebrachten Zauberer die Vampire an, und viele von Camerone Raiths Anhängern starben in jener Nacht, aber auch viele Magier. (Was übrigens auch der Grund ist, warum es nur noch so wenige Ratsmagier in der Stadt gibt, anscheinend.) Für seine herausragenden Leistungen in dieser Auseinandersetzung wurde Spencer Declan hinterher zum Warden ernannt, und Gerald Raith gelang es, seine Mutter Camerone als Herrin des White Court der Stadt abzulösen. Interessanterweise war Richard Raith, zu dem Zeitpunkt noch kein Vampir, Lafayette duMornes Lehrling gewesen.
Das ganze Ereignis bekam übrigens den klangvollen Namen „White Night“ verliehen. Wenig verwunderlich, war 1927 doch ein Winter, in dem in Miami Schnee lag. Dazu ein heftiger Konflikt zwischen White Court und White Council, und der Name ergab sich fast schon zwingend.

Hmmm. Spencer Declan wurde zum Warden ernannt. Gerald Raith übernahm den White Court von Miami. Sollten die beiden bei der Gelegenheit vielleicht irgendwie zusammengearbeitet haben?

Totilas zog jedenfalls erst mal los, um sich bei seinen Verwandten unauffällig nach deren Meinung über Marshall Raith zu erkundigen. Als er wiederkam, erzählte er uns, dass so ziemlich alle aus seiner Familie schon gemerkt hätten, dass es Gerald gerade nicht so gut geht, dass sie Marshall so gut wie alle nicht trauten und dass sie ihn hilfesuchend angesehen hätten.

Warum er eigentlich seine Leute nach Marshall ausgefragt habe, wollten wir wissen. Totilas antwortete bereitwillig, aber seine Antwort ließ mir die Kinnlade herunterklappen. Weil er habe herausfinden wollen, ob und inwieweit Marshall als Nachfolger für Gerald in Frage käme, lautete die nämlich. Äh, hallo?! Hatte unser Freund seinen Großvater doch tatsächlich schon abgeschrieben!
Wir überredeten ihn dann allerdings, dass er doch vielleicht besser mal mit Gerald reden sollte und sehen, ob er ihm irgendwie helfen kann, statt einfach so an- und hinzunehmen, dass ihm nicht mehr zu helfen ist.

Echt jetzt.


SMS von Totilas. Treffen im Dora’s.


Ooookay. Als ich im Dora’s ankam, saßen Totilas und Alex schon da. Totilas sah ziemlich fertig aus. Unausgeschlafen, aber vor allem beinahe, wage ich es zu sagen, verheult? Totilas, der kalte Fisch? Hossa.

Er hat gestern abend noch mit seinem Großvater geredet. Und das lief nicht so übermäßig gut, wie es scheint. Im Gegenteil, es klingt fast so, als habe Gerald sich selbst bereits aufgegeben. Totilas fand Gerald leicht betrunken und in melancholischer Stimmung vor. Auf Totilas’ Eröffnung, er habe ein Problem, erwiderte der ältere White Court lediglich: „Du wirst es erledigen.“ Und als unser Freund darauf mit: „Du bist mein Problem“ konterte, erhielt er prompt die Antwort: „Auch das wirst du erledigen.“
Marshall erwähnte Totilas auch. Dass er den Eindruck habe, der wolle Geralds Job. „Ja“, bestätigte Gerald, „das will er. Aber ich bin sicher, du wirst das erledigen.“ Und dass er, Gerald, alles unter Kontrolle habe.
Und dann habe Gerald etwas gesagt, dass sämtliche Alarmglocken bei Totilas klingeln ließ. Und bei uns auch, als er uns das erzählte. „Wenn du deinen Vater siehst, sag ihm, ich hätte ihn geliebt. Und dich auch. Und hör auf deine Freunde. Versprich mir, dass du auf die hörst.“

Das klingt verdammt danach, als habe Gerald vor, sich umzubringen. Oder als rechne er damit, dass er bald von jemand anderem umgebracht werden wird. Wie nannte Edward das so schön? Suicide by third party. Mierda.

Wir theoretisierten eine Weile herum, und Totilas erklärte, er habe beschlossen, Gerald besser zu unterstützen, sich mehr für dessen Geschäfte zu interessieren. Marshall Raith besser kennenzulernen und im Auge behalten zu wollen. Am liebsten würde er seinen Großvater rund um die Uhr überwachen, damit der keinen Blödsinn anstelle, aber da gebe es irgendwie niemanden, dem er diese Aufgabe anvertrauen würde. Cherie? Vin? Alle nicht so wirklich geeignet.

Nach Lafayette duMorne hat Totilas Gerald übrigens auch gefragt. Den habe Spencer Declan umgebracht, habe Gerald erklärt. Mit Magie. Aber Totilas’ anschließende Frage, ob er bei der Aktion mit Declan zusammengearbeitet habe, um sich Camerones Posten anzueignen, habe sein Großvater strikt und vehement verneint. Mit diesem Mistkerl? Niemals! Lafayette sei ein guter Mann gewesen und die ganze Sache Camerones Schuld. Und es habe alles irgendwie mit Totilas’ Vater zu tun gehabt.

Die Information, dass Declan du Morne mittels Magie getötet habe, ist natürlich eine Bombe. Mit der müssen wir extrem vorsichtig umgehen. Wenn Declan mitbekommt, dass diese Anschuldigung in der Gegend herumfliegt… nicht gut. Gar nicht gut. Ob das vielleicht Geralds Weg sein könnte, sich umzubringen, rätselte Totilas, also eben dafür zu sorgen, dass Declan von seiner Anschuldigung hört, damit der dann zu entsprechenden Maßnahmen greift? Nicht unmöglich, aber doch nicht sonderlich wahrscheinlich, befanden wir bei näherem Nachdenken darüber.

Roberto hatte auch Neuigkeiten. Seine Red Court-Bekannte Lucia sei gestern noch in der Botánica vorbeigekommen, erzählte er, und habe nach magischer Essenz für ein Ritual gefragt. Was für ein Ritual, wollte sie nicht sagen oder wusste es vielleicht selbst nicht so genau, aber die Essenz müsse hochkonzentriert sein, meinte sie. Außerdem habe sie sich dafür interessiert, wer damals die Schriften von Lafayette duMorne eingesammelt habe, und wenn Roberto irgendetwas darüber höre, solle er bescheid sagen.

Naja, dass der Red Court sich für duMorne interessiert, das wussten wir ja schon von Oliver. Und wie es aussieht, sollten wir uns auch für den guten Mann interessieren, und sei es nur, um herauszubekommen, was genau der Red Court da plant. Aus Gerald war vermutlich erstmal nicht sonderlich viel mehr herauszubekommen, als Totilas schon von ihm erfahren hatte. Aber was war mit Camerone? Die war ja damals auch ganz direkt beteiligt gewesen. Die könnten wir ja mal vorsichtig fragen gehen.

Diese Idee fand Totilas gar nicht gut. Wir sollten Camerone nicht unterschätzen, warnte er, sie werde uns nichts sagen, aber von uns alle Informationen aufsaugen, die sie kriegen könne, sogar Dinge, die wir ihr eigentlich gar nicht sagen wollten, aus unseren Fragen entnehmen. Aber das war ein Risiko, das wir wohl eingehen mussten.

Am Coral Castle wurde unser White Court-Freund natürlich erst einmal von den Coral Guardians angehalten, auch wenn sie sich nicht mehr ganz so feindselig verhielten, jetzt wo Natalya nicht mehr der neueste Neuzugang bei ihnen ist und deren gemeinsames Bewusstsein nicht mehr dominiert. Als ich den geisterhaften Wächtern erklärte, dass ich für Totilas bürgen würde – und ich ihm ein „Benimm dich!“ mitgegeben hatte –, ließen sie ihn passieren.

Camerone Raith gab sich entzückt. „Familienbesuch! Schön, dass du da bist, Totilas!“ Und in dieser schleimigen Tonart ging es eine ganze Weile weiter. Subtil. Haha. Schließlich brachten wir das Gespräch aber – unauffällig, wie wir hofften – auf Lafayette duMorne. Oh, der sei ein entzückender alter Herr gewesen, säuselte sie. Irgendsoein Zauberer. Der Red Court zeige gerade ein ziemliches Interesse an duMorne, informierten wir sie.
Camerones Antwort war nichts weniger als eine Meisterleistung im süffisanten Themawechsel. „Der Red Court? Wie niedlich. – Wusstest du, dass deine Mutter wieder in der Stadt ist, Totilas? Wenn dein Vater jetzt auch noch käme, dann könnten wir eine nette kleine Familienzusammenführung feiern!“
Mehr wollte sie nicht dazu sagen, auch nicht zur White Night. „Warum fragt ihr nicht Gerald? Der ist dafür doch die beste Quelle?“
„Der hat zu tun“, erwiderte Totilas knapp.
Camerones Lächeln war lieblich an der Oberfläche und boshaft-wissend darunter. „Ach.“

Wie Lafayette denn so gewesen sei, brachten wir das Gespräch wieder in die richtige Richtung. Die Antwort allerdings überraschte uns etwas, denn Camerone beschrieb den Magier nun nicht als Menschen, sondern erklärte, sie glaube, es sei ihm peinlich gewesen, dass er schwarz gewesen sei. Na gut, was hätten wir von Camerone auch anderes erwarten sollen als eine unerwartete Wendung. Oh, und Richard sei sein Lehrling gewesen, setzte sie noch hinzu, als sei das ebenfalls eine Aussage über Lafayettes Wesensart.
„Aber Richard hat ihn jetzt nicht umgebracht, oder?“, kam Totilas plötzlich die Idee.
Camerone lächelte süß.
„Ich weiß nicht, dein Vater ist ja nun nihct so der mörderische Typ. Aber irgendwen wird er schon umgebracht haben, um zum White Court zu werden.“
„Ach das war damals?“
Wieder dieses Lächeln von Camerone. „So ungefähr zu der Zeit, ja.“

Das war dann der Moment, wo wir uns verabschiedeten. Ganz ehrlich, die Frau ist aalglatt. Vor allem jetzt als Geist, wo ihr der Alkohol nicht mehr das Gehirn vernebelt.

Dann trennten wir uns, weil Roberto Macaria Grijalva besuchen wollte, Totilas sagte, er wolle sich mal mit Jack White Eagle in Verbindung setzen, und ich zu Pan in den Palast fuhr, um mal mit dem zu reden.

Pan wusste aber leider nicht sonderlich viel über Lafayette duMorne. Der sei kein Typ zum Feiern gewesen. Sein Sohn Justin schon eher, aber den habe Pan schon lange nicht mehr gesehen, sagte er. Sir Anders kannte Lafayette gar nicht, der war damals noch nicht hier am Hof. Cólera. Den Weg hätte ich mir auch sparen können.

Roberto und Totilas war es bei Macaria und Jack allerdings nicht viel besser gegangen, erfuhr ich, als wir uns allesamt in Olivers Laden wieder trafen. Macaria hatte Roberto auch nur sagen können, dass Lafayette ein mächtiger Magier gewesen sei, der ermordet wurde. White Eagle kannte sogar nur den Namen, wusste aber immerhin, dass Spencer Declan einen Lehrling namens Cleo duMorne hat. Ob „Cleo“ in diesem Fall ein Männer- oder Frauenname war, wusste keiner von uns so genau, auch wenn wir generell gegen weiblich tendierten. Oliver informierte uns dann, dass es sich bei dieser speziellen Cleo um eine Frau handelt. Cleo duMorne sei Lafayettes Enkelin, sagte er, und lebe äußerst zurückgezogen. Vor irgendwas habe sie anscheinend große Angst und wolle anonym bleiben. Aber Oliver habe vage Möglichkeiten, sie zu kontaktieren – oder ihr zumindest über diverse Umwege eine Nachricht zukommen zu lassen –, und so baten wir ihn, ihr auf diesem Wege mitzuteilen, dass wir gerne mal mit ihr reden würden.

Wohin nach dessen Tod Lafayettes gesammelte Unterlagen gekommen waren, konnte Oliver allerdings auch nicht sagen. Ein Teil habe vermutlich Richard Raith – der ungefähr zu der Zeit zum Vampir geworden sei – an sich genommen, denn ein Teil seiner Forschungen habe wohl auf Lafayettes Studien beruht. Huh. Was Oliver alles weiß.

Als nächstes kontaktierten wir Lila und Danny, weil Jeff ja in Kontakt mit Richard gewesen war. Wobei wir auf deren Antwort auch selbst hätten kommen können, wir Genies: Wir sollten doch Jeff einfach selbst fragen, der sei doch noch da. Ja klar!

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Dog Days
Case File: Nerdheimer Investigations

Es war einfach zu heiß in Miami.
Wir hatten natürlich eine Klimaanlage im Büro von O’Toole Investigations, aber die war mal wieder kaputt. Ich hätte das alte Ding vermutlich sogar reparieren können, aber Ximena meinte, sie hätte „Alex“ schon Bescheid gesagt und ich solle halt warten. Allerdings ließ sich „Alex“ Zeit. Vermutlich war es ihm oder ihr gerade auch zu warm.
Also hatte ich meine Füße gerade in einen Bottich voller Eiswasser gehängt, als ein Kunde vorsichtig durch die Tür in unser Büro hinein lugte. Er erschrak ein bisschen, als er mich sah.
„Entschuldigung“, murmelte er nervös. „Ich glaube, ich habe die falsche Tür erwischt… ich wollte zu O’Toole Investigations.“ Zweifelnd blickte er zwischen dem Schriftzug an der Tür und mir hin und her. Er war ein unauffälliger Asiate, der trotz der Hitze einen Anzug trug.
Ich sprang auf und lächelte ihn strahlend an. Reflexartig lächelte er zurück.
„Bitte, kommen Sie doch herein, Sie sind hier vollkommen richtig“, sagte ich freundlich und winkte ihn näher. „Ich bin Ximena O’Tooles Assistent, mein Name ist Bjarki. Was können wir für Sie tun?“ Eigentlich war ich Ximenas Partner, aber wir hatten beschlossen, meinen Namen lieber nicht auf das Schild zu schreiben.
„Miss O’Toole ist nicht hier?“, fragte der Asiate zögernd. Das war ja auch verständlich: Ich trug Hawaii-Shorts mit Marvel-Motiven und ein geekiges T-Shirt mit einem kindlichen Hulk, der versicherte, er wolle nur kuscheln. Das T-Shirt sah ein bisschen zu groß aus, aber das lag daran, dass amerikanische XXXXL-T-Shirts eher für kurze breite Amerikaner gedacht waren als für große schlaksige Isländer. Außerdem sehe ich jünger aus, als ich bin.
Dazu kam, dass unser Büro ein Teil des einzigen großen Wohnzimmers in Ximenas Haus war. Das heißt, rechts neben dem Büro mit Computer (funktioniert nicht), Telefon (funktioniert manchmal) und wichtig aussehenden Aktenschränken liegt die Sofaecke mit der ritualgesicherten Playstation, dem mystisch abgeschirmten Fernseher und überquellenden Bücherschränken voller Nerdkram. Wir wollten schon länger mal einen Vorhang zwischen Büro und Wohnzimmer hängen… angeblich hatte Ximena „Alex“ deswegen bereits gefragt.
Ich bemühte mich, trotz meines Aufzugs und des generellen Zustands unseres Büros einen halbwegs seriösen Eindruck zu erwecken.
„Nein, Miss O‘Toole ist gerade extern unterwegs“, sagte ich. „Bitte, nehmen Sie doch Platz und erzählen Sie mir schon mal, worum es geht.“ Hastig räumte ich ein X-Man-Heft und ein Faurelia-Regelwerk von unserem Besucherstuhl. Vielleicht sollten wir uns in „Nerdheimer Investigations“ umbenennen.
Unser neuer Kunde musterte den Stuhl skeptisch, fand aber nichts daran auszusetzen und setzte sich behutsam hin.
„Nun“, fing er an, „Mein Name ist Allan Noburi, und… nun, unser Hund ist weg.“
Oh, gut. Hunde und Katzen zu finden war mit Ximenas und meinen Fähigkeiten extrem einfach. Ich nickte ermunternd, und Noburi fuhr fort: „Sie müssen verstehen, Mr.… Barney?“
„Bjarki“, sagte ich. „Einfach nur Bjarki.“
„Nun, äh… jedenfalls. Unser Hund würde nie einfach so weglaufen.“ Nervös rang er die Hände. „Wir haben ihn schon seit vier Jahren, und gut, er ist nicht immer… da, aber wir haben sein Halsband gefunden, und es war durchgeschnitten.“
„Okay, Mr. Noburi, keine Sorge“, sagte ich. „Mit verschwundenen Hunden kennen wir uns aus. Haben Sie ein Bild Ihres Hundes dabei?“
„Nein“, Noburi schüttelte betrübt den Kopf. Kein Foto? Im 21. Jahrhundert? Klang nach einem interessanten Hund.
„Das macht nichts“, versicherte ich ihm. „Wir finden ihn auch so. Hat er irgendwelche besonderen Kennzeichen?“
Noburi starrte auf seine Hände. „Ja… Sie werden mich für verrückt halten.“
Stumm deutete ich auf das Schild über dem Eingang. Dort stand in drei Sprachen – Englisch, Spanisch und Isländisch – geschrieben: „Wir halten Sie nicht für verrückt!“
„Also gut… unser Hund… also Cheshire… eristmanchmalunsichtbar.“ Das letzte hatte Noburi in einem Wortschwall hervorgestoßen.
Ich machte mir eine Notiz. Ich fand, das war jetzt angemessen.
„Hm… unsichtbar, alles klar“, sagte ich zuversichtlich. „Ich glaube, Sie sind hier genau richtig.“


Eine halbe Stunde, nachdem Noburi gegangen war, hörte ich Ximenas Auto vorfahren. Das ist nicht weiter schwierig: Ihr Auto ist unglaublich alt und macht unglaublich viel Krach. Dafür geht es seltener kaputt. Behauptet zumindest Ximena.
Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits verwandelt und ein kurzes Bad in dem verbleibenden Eiswasser genommen. Als Golden Retriever hatte ich bei diesem Wetter keinen großen Spaß. Immerhin war mein Fell zehn Minuten nach dem Bad schon fast wieder trocken. Aufmerksam setzte ich mich in die Mitte des Raums, sodass Ximena mich sofort sehen musste, und legte eine Pfote auf den Brief, in dem ich ihr die Sache mit dem unsichtbaren Hund geschildert hatte. Außerdem stand darin, wo Cheshire zuletzt gesehen wurde, und dass ich, Bjarki, einen ganz großartigen Spürhund kennen würde und jetzt dringend wegmüsste. Dass ich selbst der Spürhund war, erwähnte ich nicht.
Die Tür öffnete sich mit Schwung. Als erstes kam ein bellendes weißes Fellknäuel in den Raum geschossen, das ich nicht kannte.
„Hallo, hier bin ich, das ist jetzt alles meins, ich bin jetzt hier“, verkündete der fluffige Spitz, bemerkte mich dann und fing an, um mich herum zu hüpfen.
„Ich bin jetzt auch hier, wer bist denn du, du bist zwar größer, aber ich bin fast ein Wolf, wer bist denn du, ich bin jetzt auch hier!“, bellte er hektisch und ohne auch nur einmal Luft zu holen.
Ximena war mittlerweile auch hineingekommen. Ich bemühte mich, einen würdevollen Eindruck zu machen – schließlich kannten wir uns nicht. Sie blieb verdutzt stehen und starrte mich einen Moment lang an.
„Und wer zum Chupacabra bist du?“, fragte sie schließlich. Das Fellknäuel schien ihr Misstrauen zu spüren und bellte laut: „Wehe, du willst der Menschin was tun! Das ist zwar nicht meine Menschin, aber ich beschütze sie! Tu ihr ja nichts!“
„Halt mal die Klappe“, sagte ich zu dem aufgeregten Kleinhund und schob gleichzeitig Ximena den Brief mit der Pfote hin. Sie bückte sie und hob ihn vorsichtig auf.
„Schneeball, hör auf mit dem Gekläff, sagte sie abwesend und entzündete eine kleine blaue Flamme in ihrer Hand, mit der sie den Brief aufsengte.
Oh, habe ich vergessen, zu erwähnen, dass Ximena eine Magierin ist? Ist sie. So richtig, mit Feuerbällen und Unsichtbarkeit und allem. Stand früher auch so auf ihrer Visitenkarte, aber mittlerweile versuchen wir, ein bisschen subtiler vorzugehen.
Ich habe Ximena vor ein paar Wochen auf einer Hochzeitsfeier in Sunny Places kennengelernt. Sunny Places ist eine sehr coole Hippiekommune voller nicht so ganz normaler Leute, in der ich wohne, seit ich in Miami angekommen bin. Vorher war ich eine Weile in Barcelona, bin dann ein bisschen durch Südamerika getingelt und schließlich in Florida gelandet.
Auf der Feier haben Ximena und ich uns über Assassin’s Creed unterhalten, sie hat geklagt, dass ihre Playstation dauernd abstürzt, weil sie Magierin ist, wir haben Dope geraucht, miteinander geschlafen und irgendwann zwischendrin beschlossen, eine Detektei zu gründen. Seither läuft das Geschäft eigentlich erstaunlich gut, wenn man bedenkt, dass wir beide keine wahnsinnig arbeitswütigen Leute sind. Ximenas Magie ist ziemlich hilfreich, und meine Fähigkeiten auch, obwohl ich Ximena noch nicht so richtig erklärt hatte, was ich eigentlich konnte. Die wusste nur, dass ich ein nordischer Halbgott war und mein Vater keinen so richtig guten Ruf hatte.
Während Ximena meinen Brief las, stellte ich dem Schneeball, der immer noch um mich herumsprang und mir erklärte, er wäre jetzt auch hier, eine Pfote auf den Rücken und drückte ihn nach unten.
„Sei bitte mal still“, sagte ich streng. „Die Menschin will das Blatt angucken. Stör sie nicht dabei.“
Der Spitz wand sich wieder frei, hörte aber auf, wild zu bellen.
„Mir ist warm“, hechelte er etwas weniger aufgedreht. „Und ich hab Durst.“
Armer Kleiner, der hatte auch nicht viel weniger Fell als ich. „Da ist eine Wanne mit Wasser“, ich stupste ihn in die Richtung und er sprang prompt rein und fing an, im Wasser zu planschen.
Mittlerweile war Ximena fertig. „Du bist also Mungo Bohnenkeimling?“, fragte sie. Ich nickte würdevoll.
„Und du kannst Spuren lesen?“ Ich nickte wieder.
Sie runzelte die Stirn. „Das sieht aus, als würdest du nicken… verstehst du mich?“
„Natürlich“, antwortete ich auf Englisch. Nur, um ihr Gesicht zu sehen.
Sie ließ vor Überraschung erst den Brief und dann ihre Kinnlade fallen, erholte sich aber ziemlich schnell wieder.
„Du kannst reden. Alles klar“, murmelte sie. „Du kannst doch reden, oder hab ich mir das gerade nur eingebildet?“
Ich legte den Kopf schief und musterte sie kritisch. Mungo kann exzellent kritisch gucken.
„In der Tat kann ich mit Ihnen sprechen“, sagte ich schließlich, gerade als sie anfing, ein bisschen nervös zu werden.
Ximena starrte mich an. „Du klingst britisch“, sagte sie mit anklagendem Unterton.
„Das höre ich öfter“, gab ich zurück. „Vielen Dank.“ Ich konnte noch gar nicht so lange in Tiergestalt sprechen, aber Mungo hatte sich vom ersten Tag an angehört wie Jarvis aus der Serie Agent Carter. Keine Ahnung, woher das kam. Bjarki – also, der Mensch – also, ich – sprach Englisch mit einem leichten isländischen Akzent. Pedro, meine Katzengestalt, hingegen klang wie der Gestiefelte Kater aus Shrek. Ja, ich fand das auch merkwürdig.
„Okay, fein.“ Ximena gab sich einen Ruck. „Jetzt habe ich einen sprechenden Hund, einen bellenden Hund und suche einen unsichtbaren Hund… Schneeball, komm da raus, du bist ja klatschnass.“
„Du sollst aus der Wanne kommen“, übersetzte ich.
Mit einem Satz sprang der nasse Spitz aus der Wanne. Immerhin bestand der Kleine nicht nur aus Haaren – trotzdem war er ungefähr auf die Hälfte geschrumpft.
„Was machen wir jetzt?“, wollte er wissen. „Ich helfe auch!“ Er schüttelte sich. Das war eigentlich ganz angenehm, das Wasser war immer noch kühl. Kühler als der Rest des Büros jedenfalls.
„Wir suchen einen anderen Hund“, erklärte ich ihm.
„Oh, das kann ich! Suchen ist toll! Machen wir ein Ritual? Mein Mensch würde jetzt ein Ritual machen!“
Großartig. Ein hyperaktiver Spitz, der sich mit Ritualen auskannte. Ich informierte Ximena lieber nicht darüber. Wir hatten ohnehin weder Haare noch sonst etwas von Cheshire – ansonsten hätten wir ja auch Mungo nicht gebraucht.
„Ich hole noch ein paar Sachen“, erklärte Ximena, „Und dann fahren wir los und suchen nach dem unsichtbaren Vieh… pass auf, dass Schneeball nicht noch mal in den Wassertrog springt, ich will nicht, dass das ganze Auto nach nassem Hund riecht.“
„Gewiss“, versicherte ich ihr und meinte zu Schneeball: „Wenn du mitwillst, musst du trocken sein.“
„Alles klar“, bellte der Kleine, schüttelte sich noch mal und fing an, im Zimmer herum zu sausen, um schneller trocken zu werden.
Ich seufzte. Das versprach, ein ganz außerordentlicher Nachmittag zu werden.


Es war nicht weiter schwierig, Cheshires Spur aufzunehmen. Der Hund war zwar schon seit zwei Tagen weg, aber es hatte nicht geregnet und es war so heiß, dass nicht viele Leute unterwegs waren. Die Spur endete zunächst bei einem Lieferwagen, aber Mungo Bohnenkeimling war nicht nur ein Hund, sondern auch noch ein Detektiv – quasi ein pelziger Sherlock Holmes. Er roch beim Lieferwagen schwache Spuren nach Bratfett, nach Motoröl und nach Fisch – und zwar nicht nach irgendeinem Fisch, sondern nach frischem Mahi Mahi. Es gab nicht allzu viele Stellen in Miami, an denen frischer Fangfisch in größeren Mengen entladen wurde, also mussten wir zum Hafen.
Dort fanden wir bei einer fettigen Fish&Chips-Bude die Spur wieder und folgten ihr zu einem alten Jeep, der Motoröl leckte und vor einem großen Lagerhaus stand. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber es war immer noch viel zu heiß und stickig.
„Hier riecht es aber interessant“, verkündete Schneeball aufgeregt. „Ich rieche den Hund nicht, aber andere Sachen… Katzen!“
Ich schnappte ihn am Nackenfell, bevor er wild bellend losrennen konnte. Ja, es roch vage nach Katzen. Oder Löwen. Oder Tigern. Oder Bären, oh weh.
„Bleib da“, meinte ich zu ihm. „Wir müssen jetzt leise sein.“
Ximena, die uns nicht verstand, sagte: „Bleibt mal zusammen… muss ich euch anleinen?“
Meine Ohren stellten sich empört auf. „Miss O’Toole, ich finde Sie sehr sympathisch, aber anleinen lasse ich mich nicht!“ Dabei ließ ich den Schneeball fallen, der meine Haltung sofort nachahmte. „Für das laute Fellknäuel kann ich jedoch nicht garantieren.“
„Okay, okay“, sagte Ximena und leinte Schneeball an. „Keine Extratouren, ja?“
Ich nickte, und Ximena konzentrierte sich kurz. Dann legte sie eine Hand vors Gesicht und flüsterte „Usynlig“. Sie hatte irgendwann mal beschlossen, ihre Zauber auf Norwegisch zu sprechen, unter der Prämisse, dass sie diese Sprache sonst nicht benutzen würde. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihren Kauderwelsch als Norwegisch identifizieren konnte – ihre Aussprache ist nicht mal ansatzweise korrekt.
Ein Schleier legte sich über uns wie ein sehr durchsichtiges Bettlaken. Ich kannte das schon, aber Schneeballs Fell sträubte sich und er knurrte den Schleier leise an.
„Psst“, machte ich zu ihm, obwohl er gar nicht so laut war. „So kann uns niemand sehen, aber du musst unter dem Schleier bleiben!“
Schneeball nieste. „Ich bleibe unter dem Schleier!“, versprach er und lief Ximena prompt zwischen die Füße. Sie stolperte, blieb aber auf den Beinen und schob das Fellknäuel unwillig weg.
Im Schatten der Lagerhalle lungerten zwei junge Männer herum. Sie trugen Westen mit dem Logo der Santo Shango, waren reichlich tätowiert und beiläufig bewaffnet. Im Moment lehnten sie aber nur an der Wand, der eine trank Bier, der andere tippte auf seinem Smartphone herum. Sie bemerkten uns nicht, als wir unsichtbar an ihnen vorbei schlichen. Die Tür zum Lagerhaus war nicht abgeschlossen, und aus der Halle schlug uns ein betäubender Tiergeruch entgegen: Ich roch mehrere Hunde, ein paar Katzen oder etwas ähnliches, einen Bären, ein Krokodil, etwas Schlangenartiges und… war war das? Eine Giraffe?
Wir huschten zu dritt in die Halle hinein. Schneeball murmelte die ganze Zeit nervös „Das ist alles meins, ich bin fast ein Wolf, ich habe keine Angst!“, aber glücklicherweise fing er nicht an, zu bellen.
Die Lagerhalle war groß und dunkel. An der hinteren Wand standen einige Käfige, aus denen das Geruchsbouquet drang. Leise bewegten wir uns nach hinten. Mit Ausnahme der Gefangenen waren wir in der Halle allein.
Die Tiere in den Käfigen gaben keinerlei Geräusche von sich, obwohl sie bei Bewusstsein waren. Sie starrten uns nur aufmerksam an. Das war relativ unheimlich, und ich hätte fast in Schneeballs „Ich habe gar keine Angst“-Gemurmel eingestimmt.
In einem der Käfige entdeckte ich Cheshire, den ich am Geruch erkannte. Unsichtbar war er im Moment nicht; nur ein mittelgroßer, muskulöser Hund mit krummen Beinen und platter Nase. Im Käfig neben ihm saß eine bildhübsche Pudeldame, und daneben folgte ein winziger Hund, der ansonsten aussah wie eine Dogge. Nur halt nicht mehr als 15 Zentimeter groß.
In dem letzten kleinen Käfig saß eine weibliche Katze, deren Fell seltsam gemustert war. Ich dachte, dass das vielleicht Buchstaben waren, aber Mungo konnte nicht so gut lesen.
Rechts davon standen einige größere Käfige: In einem davon saß eine riesige Mischung aus Löwe und Tiger, in einem anderen ein schwarzer Eisbär mit fast blau schimmerndem Fell. Daneben lag ein unglückliches aussehendes Krokodil.
Links von den kleinen Käfigen stand noch ein merkwürdiges Gebilde, um das sich zwei Schlangen gewunden hatten wie Kletterranken. Und ein Gehege mit einer leibhaftigen Giraffe.
„Entschuldigung“, sprach ich schließlich Cheshire an. „Sir, ich glaube, wir suchen Sie.“ Der muskulöse Hund drehte seinen Kopf mühsam in meine Richtung, verzog aber keine Miene und machte kein Geräusch.
„Ich fürchte, die Gefangenen sind verzaubert“, sagte ich zu Ximena. Die nickte nur.
„Überrascht mich nicht“, gab sie zurück. „Die würden doch sonst einen Riesenradau machen… ich frag mich, was die Santo Shango mit den Viechern wollen.“
Darauf hatte ich auch keine Antwort. Ich wusste, dass die Gang mit Drogen und Waffen handelte, aber mit magischen Wesen?
Ximena setzte sich auf eine der Kisten, die neben den Käfigen stand.
„Ich denke, wir sollten eine Weile warten“, sagte sie. „Vielleicht taucht noch jemand auf, den wir befragen können.“
„Möglicherweise könnten wir einen der Wächter draußen zur Rede stellen?“, schlug ich vor, aber Ximena schüttelte den Kopf.
„Die sind zu zweit, und manche von den Santo Shangos können mehr als gewöhnliche Gangster… da kann zu viel schiefgehen. Wir warten erst mal ab.“
Immerhin war die Halle klimatisiert, also protestierte ich nicht weiter und legte mich auf die Lauer. Schneeball lehnte sich eng neben mich und erklärte mir noch einmal, dass er echt keine Angst hätte. Ximena vertrieb sich die Zeit damit, mich oder ihn hinter den Ohren oder im Fell zu kraulen. Das ist einfach das Beste am Hund-Sein überhaupt: Alle möglichen Leute kraulen einen. Einfach so. Großartig!
Nach drei oder vier Stunden tat sich schließlich etwas. Die Tür ging auf, und eine Gruppe Männer kam herein: Drei weitere Santo-Shango-Jungs mit tätowierten Muskeln, ein sehr blasser Latino, der nach Vampir vom Roten Hof roch, und ein gutaussehender dunkelhäutiger Mann in einem eleganten hellgrauen Anzug. Allerdings roch er überhaupt nicht wie ein Mensch, sondern nach Erde und heißem Metall.
Der Dunkelhäutige sprach gerade mit dem Vampir, als sie näherkamen.
„Wir haben schon neun Kreaturen“, sagte er ungehalten. „Bis übermorgen haben wir den Rest.“
Der Vampir schaute ihn aus schmalen Augen an. „Das wäre auch besser so, Mr. Dahl. Wir brauchen dreizehn. Haben Sie schon mit der Extraktion angefangen?“
Dahl wirkte nicht sehr beeindruckt. „Sie bekommen die magische Essenz zum vereinbarten Zeitpunkt, Mr. Gomez. Ich halte meine Versprechen. Ich hoffe, Sie Ihre auch.“
Gomez schnaubte. „Natürlich“, sagte er. „Dann sehen wir uns übermorgen um Mitternacht zur Übergabe.“ Ohne eine Antwort abzuwarten drehte er sich um und verließ die Lagerhalle.
„Bei allen Drachen Utgards“, fluchte Dahl, als der Vampir außer Hörreichweite war. „Wir brauchen mehr Kreaturen… wo sind die anderen Teams?“
„Unterwegs“, antwortete einer der Santo Shangos. „Cardia ist mit seinem Team in den Everglades, Valdez ist nach Lauderdale unterwegs und Maquiades ist mit ihren Leuten auf Tauchgang gegangen. Wir schaffen das, Boss. Kein Problem.“
Dahl wirkte nicht sehr beruhigt. „Wir müssen uns beeilen“, sagte er, „die Extraktion kostet auch Zeit.“
Die Männer diskutierten weiter, wo sie noch mehr Kreaturen auftreiben könnten, als sie die Halle verließen.
„Verdammt“, sagte Ximena leise. „Sieht so aus, als wüssten wir jetzt, was die mit den Tieren wollen. Wir können nicht einfach nur Cheshire befreien und den Rest hierlassen.“
„Das befürchte ich auch“, stimmte ich ihr zu. „Ich würde die anderen Gefangenen ungern dieser… Extraktion aussetzen. Das klingt nach einem recht unangenehmen Prozess.“
„Wahrscheinlich wollen sie die magische Essenz extrahieren“, sagte Ximena. „Ich habe davon gelesen – normalerweise überlegt das Opfer so eine Extraktion nicht.“
Ich schüttelte mich. Ich wusste nicht genau, ob Bjarki sich als magische Kreatur qualifizierte, aber Mungo tat es mit Sicherheit.
„Erst mal alle nach Hause, würde ich sagen“, meinte Ximena. „Wir brauchen einen Plan, und zwar einen guten.“


Am übernächsten Tag hatten wir einen Plan. Er war ein bisschen kompliziert, und wir brauchten den Schneeball dafür (und einen Drachen), aber Ximena war zuversichtlich, dass das klappen würde. Glücklicherweise war Schneeballs Mensch immer noch irgendwo unterwegs, und der Sommermensch, der sich sonst um ihn gekümmert hätte, war auch nicht da. Dann gab es noch eine Niesmenschin, zu der er nicht konnte… aber da habe ich den Faden verloren. Der kleine Hund hatte die Zeit damit verbracht, im Wohnzimmer herum zu lungern, überall feine weiße Haare zu verstreuen und zu üben, wie man herrschaftlich dreinschaut. Für so ein putziges Fellknäuel war er ganz gut darin.
Kurz nach Sonnenuntergang trafen wir uns schließlich am Hafen: Ximena, Schneeball (der von Mungo Bohnenkeimling instruiert worden war) und ich, Geysiriad.
Geysiriad war ein Drache. Zugegeben, er war ein ziemlich kleiner Drache, und er konnte nicht fliegen. Seine Klauen und Zähne waren nicht besonders scharf. Aber er war ein echter Drache, immerhin ungefähr so groß wie ein Pony, mit Flügeln, grau-silbrig schimmernden Schuppen und schillernden weißen Augen. Mein Vater hat mir zwar mal gesagt, ich solle mich lieber nicht in mythische Wesen verwandeln, aber ich habe keine Ahnung, ob er mir das gesagt hat, um mich zu warnen oder um mich anzustacheln. Ich traute meinem Vater nicht. Aber, ganz ehrlich: Niemand traute meinem Vater.
Wir standen unter einem Unsichtbarkeitsschleier vor der Lagerhalle am Hafen. Dort herrschte reges Treiben: Zwei Santo-Shango-Jungs schleppten einen Käfig mit einer hektischen Schar Fledermäuse aus einem Wagen, zwei andere lungerten davor herum und bemühten sich, gefährlich dreinzuschauen, noch einer stand an der Tür und winkte die Männer mit dem Käfig hinein.
Es war Zeit für unsere Ablenkung. Ximena konzentrierte sich kurz, flüsterte_ „konge av hunder“_ und Schneeball sprang hinter dem Schleier hervor. Allerdings sah er jetzt nicht mehr aus wie ein fluffiges Fellknäuel – er war etwas größer als Mungo Bohnenkeimling, hatte strahlend weißes Fell, ein aristokratisches Wolfsgesicht und leuchtete sanft. Ab und zu stob ein heller Funke aus seinem Pelz hervor.
Nonchalant trottete er auf die Santo Shango zu, setzte sich in einiger Entfernung von der Lagerhalle hin und begann, sie abschätzig anzustarren. Die bemerkten das eindrucksvolle Tier natürlich schnell und riefen nach ihren Kumpels. Innerhalb kürzester Zeit standen vier Santo Shango und Mr. Dahl vor der Halle und begutachteten Schneeball. Dahl gab einen Befehl und zwei der Gangster setzten sich vorsichtig in Bewegung, auf das Tier zu. Mit einem Gähnen stand Schneeball auf, warf den beiden einen verächtlichen Blick zu und ging ein paar gezierte Schritte weg vom Lagerhaus.
Innerhalb kürzester Zeit hatte der getarnte Spitz sämtliche Santo Shango und Mr. Dahl in eine Verfolgungsjagd verwickelt. Und ich muss neidlos sagen: Er war richtig gut. Dafür, dass er sonst so ein hektisches Fellknäuel ist, bekam er die „Ihr seid solche Verlierer“-Attitüde des Hundekönigs großartig hin.
Während also Dahl und seine Männer Schneeball hinterher stolperten, hatten Ximena und ich freie Bahn in die Lagerhalle hinein. Klar, da standen noch die beiden Aufpasser, aber die schauten lieber der Verfolgungsjagd zu. Außerdem waren wir immer noch unsichtbar.
In der Halle war nicht viel los. Es waren noch ein paar Käfige hinzugekommen: Die hektischen Fledermäuse, eine steinerne Katze und ein junger Alligator mit Stummelflügeln. Als Geysiriad in die Nähe der Käfige kam, wurden die eingesperrten Tiere nervös. Sie standen zwar immer noch unter dem Bann und konnten sich nicht recht bewegen, aber die Panik in ihren Augen war deutlich zu sagen. Cheshire wurde ein bisschen durchsichtiger, die steinerne Katze wurde dunkler und der Hals der Giraffe schien ein Stück zu wachsen. Tief in mir spürte ich Geysiriads Befriedigung über ihre Reaktion.
Ich baute mich neben den Käfigen auf, Ximena sagte „konge av dragen“ und ging ein paar Schritte zur Seite. Ich konnte nicht recht sehen, was sie mit mir gemacht hatte, aber mein Schatten wuchs um einige Größenordnungen. Ich sah Hörner auf meinem Kopf, und die Schattenflügel wirkten größer und breiter. Zusätzlich murmelte sie noch „lage varme“, und die Luft um mich herum wurde wärmer, bis mich ein Hitzeflirren umgab. Irgendwo hörte ich, wie die Klimaanlage anfing, lauter zu rauschen, den Kampf dann aber plötzlich aufgab und mit einem gequälten Knacken starb.
Schließlich, nach etwa zwanzig Minuten, tauchten Dahl und die Santo Shango wieder auf. Sie sahen ziemlich abgehetzt aus, aber sie hatten es geschafft, Schneeball mit ein paar Stangen in die Enge zu drängen und ihn vor sich her in die Halle zu treiben. Gut, dass niemand ein Lasso nach ihm geworfen hatte – seine Größe war nur eine Illusion, und das hätte sehr, sehr merkwürdig ausgesehen.
Als alle wieder in der Halle waren, baute ich mich zu voller Größe auf und grollte die Gangster und Dahl an: „Was bei allen Weisen der westlichen Inseln geht hier vor sich?!?“ Meine Stimme hallte beeindruckend von Wand zu Wand. Sie war so tief, dass das Wasser in dem Alligatorbecken erzitterte.
Die Santo Shango starrten mich an. Na gut, eigentlich starrten sie eine Stelle weit über meinem Kopf an, aber es war offensichtlich, dass sie Furcht vor mir, Geysiriad, empfanden. Das erschien mir durchaus angemessen, schließlich war ich ein Drache und sie waren nur Sterbliche. In meinem Hinterkopf ging eine kleine Alarmstimme los, aber ich ignorierte sie.
„Ihr habt diese Geschöpfe gefangen genommen, um ihnen die Magie zu stehlen“, verkündete ich, ohne auf eine Antwort auf meine Frage zu warten. „Aber die Magie hat ihre Wächter!“
Drei der Santo Shango wichen zurück. Der vierte stand unentschlossen neben Dahl, der mich berechnend musterte. Dachte er etwa, er könnte mich, Geysiriad, seiner Sammlung hinzufügen?
„Flieht, ihr Narren!“, donnerte ich die Männer an. „Flieht, solange ihr noch könnt!“ Mit den Flügeln schlagend richtete ich mich zu voller Größe auf. Das reichte. Die drei Gangster, die schon zurückgewichen waren, rannten los. Der vierte machte jetzt auch einen Schritt zurück, zögerte aber immer noch. Schneeball, der jetzt nicht mehr von den Stangen im Schach gehalten wurde, beschloss, mir zu helfen und verbiss sich in sein Bein.
Der Santo Shango schrie auf und versuchte panisch, ihn abzuschütteln. Dahl betrachtete das Ganze aus schmalen Augen, dann wanderte sein Blick von Schneeball zu mir und wieder zurück. Auf einmal lachte er auf.
„Guter Trick“, sagte er. „Aber so leicht täuscht ihr mich nicht.“
Er griff in seine Jackentasche und zog eine Handvoll silbriger Pailletten aus seiner Jackentasche, die er über Schneeball warf. Kaum berührten die glitzernden Schnipsel die Illusion, als sie verlosch und seine wahre Gestalt sichtbar wurde. Allerdings fielen einige Pailletten auch auf Dahl selbst, und er veränderte sich ebenfalls: Statt eines dunkelhäutigen Mannes stand da plötzliche eine kindergroße Gestalt mit grauer, rissiger Haut, riesigen schwarzen Augen und einem drahtigen schwarzen Kinnbart. Das Männchen trug eine Art Schmiedeschürze und große fleckige Handschuhe.
Ich erkannte sofort, dass Dahl in Wirklichkeit ein Svartálfar war, aber der Santo Shango hatte offensichtlich keine Ahnung gehabt, für wen oder was er arbeitete: Mit einer kraftvollen Bewegung schüttelte er Schneeball ab und floh den anderen Gangstern hinterher aus der Halle.
Der Svartálfur warf die restlichen Pailletten nach mir, Geysiriad. Als sie mich trafen, sah er meine wahre Gestalt und fing an, zu lachen.
„Und wer glaubst du, dass du bist, Drachling?“, fragte er höhnisch, „der kleine Bruder der Midgardsormen?“
Das machte mich wütend. „Ich bin Geysiriad, und ich bin der kleine Bruder der Miðgarðsormur!“, sagte ich mit meiner echten Drachenstimme – nicht donnernd und grollend, sondern weich und melodisch. Dann spuckte ich ihm einen Geysir entgegen. Ich trage den Namen Geysiriad nicht zufällig.
Der heiße Wasserstrahl traf ihn voll in der Körpermitte und schleuderte ihn ein Stück nach hinten. Ich glitt schlangengleich auf ihn zu.
„Ich rieche Gold an dir“, sagte ich freundlich. „Gib mir dein Gold, dann lasse ich dich am Leben.“
Der Svartálfur war gestürzt und sah mich wütend an. „Das wirst du bereuen, Drachling“, drohte er. „Du weißt nicht, mit wem du dich hier anlegst! Ich bin Egil, Sohn des Bávurr, und groß ist meine Sippe.“
Ich lachte ihn aus. „Meine Sippe ist mächtiger als deine, Àlfur“, erklärte ich ihm. „Gib mir dein Gold!“ Ich spuckte noch ein bisschen heißes Wasser nach ihm, bis er fluchend ein goldenes Armband aus seiner Schürze zog und vor meine Füße warf.
„Fluch auf dem…“, hob er an, aber ich stieß ihn zur Seite, bevor er den Fluch vollenden konnte. Ah, das war ein schönes goldenes Armband! Und es gehörte jetzt mir, Geysiriad!
„Lauf lieber weg, kleiner Àlfur“, sagte ich ihm. „Und behalte deine Flüche für dich, bevor ich dein Gesicht versenge.“
Mit einem letzten bösen Blick zu mir hüllte sich Egil Bávurrson in seinen Umhang und verschwand ins Nimmernie. Ich beachtete ihn nicht weiter, sondern streichelte sanft das goldene Armband.
„Ähm… Geysiriad?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ah, es war die kleine Seiðkona, Ximena. Ich atmete tief ein und drehte mich langsam zu ihr um.
„Das hat ja gut geklappt“, sagte sie vorsichtig. Sie hielt den benommenen Schneeball im Arm, der aber schon wieder bei Bewusstsein war und sich kraulen ließ.
„Was rieche ich da an dir?“, sagte ich mit schmeichelnder Stimme. „Du trägst Gold bei dir, nicht wahr, kleine Hexe?“
Ximenas Hand fuhr unwillkürlich zu ihren Ohrringen. Da war es, das Gold: Kleine goldene Blitze hingen von ihren Ohrläppchen herab.
„Also“, sagte sie und gab sich dann einen Ruck. „Also, ja. Schon. Aber das gehört mir. Du kannst den Armreif behalten.“
„Aber ich will auch dein Gold“, erklärte ich ihr vernünftig. Sie mochte eine mächtige Seiðkona sein, aber ich, Geysiriad, war ein Drache!
„Hör mal, ich glaube, du spinnst“, erwiderte sie empört. Der kleine Hund in ihrem Arm knurrte mich leise an. Ich holte tief Luft, um einen Geysir zu speien und ihr Respekt beizubringen.
„Was machst du da?“, sagte sie alarmiert. „Bjarki hat gesagt, man könnte sich auf dich verlassen!“
Bjarki… Bjarki… das kam mir bekannt. Wer oder was war Bjarki?
Dann fiel es mir wieder ein. Ich war Bjarki. Bjarki, nicht Geysiriad. Oder? Bei allen Vulkanen, ich musste raus aus dieser Gestalt. Sofort. Egal, wer dabei zusah.
Normalerweise fällt es mir leicht, die Gestalt zu wechseln. Das ist nicht schwieriger, als meine Socken aus- und andere anzuziehen. Diesmal nicht. Ich zerrte und zog, spürte, wie sich mein Fleisch gegen die Änderung wehrte, wie meine Knochen nicht geschmeidig unter der Haut hin- und herglitten, sondern gerissen werden mussten. Wie ich die Schuppen nach innen und die Haare nach außen zwang. Es war nicht direkt schmerzhaft, aber äußerst unangenehm. Mein – Geysiriads – Körper wehrte sich dagegen, wieder ein Mensch zu werden. Geysiriads Geist wehrte sich dagegen, wieder Bjarkis Geist zu werden.
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Ziemlich lange, hatte ich den Eindruck, aber tatsächlich waren es wohl nur ein paar Minuten. Dann war ich nackt, schweißgebadet, hatte überall Muskelkater und war völlig erschöpft – aber ich war wieder Bjarki. Vielleicht hatte mein Vater doch recht mit seiner Warnung vor mythischen Kreaturen.
Als ich mich schwer atmend aufsetzte, starrte Ximena mich ungläubig an. Schneeball lag weiterhin auf ihrem Arm und war in der Zwischenzeit eingeschlafen. Na, er hatte auch einen großen Tag hinter sich.
„Bjarki?“, sagte Ximena. „Du… du… was?“
Ich zuckte mit den Achseln und hob entschuldigend die Hände. „Ich bin ein Gestaltwandler?“, sagte ich. Eigentlich wollte ich nonchalant dabei klingen, aber das gelang mir irgendwie nicht. Es klang eher, als wäre mir das peinlich.
„Du bist ein Gestaltwandler“, wiederholte Ximena. Sie dachte kurz nach, nickte dann und sagte: „Alles klar. Wir müssen diese Tiere hier befreien.“
Ich blinzelte. Das war aber einfach. Ich hatte den Verdacht, dass die Diskussion über meine Fähigkeiten nur aufgeschoben war, aber ich war erst mal ganz dankbar. Außerdem hatte sie recht. Wer weiß, ob die Santo Shangos oder Egil nicht irgendwann wiederkommen würden. Oder die Vampire vom Roten Hof, die ihre Essenz abholen wollten.
Also riefen wir unsere Verstärkung von Sunny Places an und warteten, bis Bob mit dem Lieferwagen auftauchte.


Zwei Tage später saßen wir gemeinsam im Büro. Cheshire war wieder zu Hause, die Rechnung war geschrieben, Lidia Salcedo hatte Schneeball abgeholt, es war immer noch brüllend heiß und die Klimaanlage funktionierte immer noch nicht.
Ich ordnete gerade mein Protokoll in einen Aktenordner, als Ximena vom Sofa aufstand und zum Schreibtisch kam. Beiläufig lehnte sie sich an die Tischkante. Sie trug ein knappes Top und einen kurzen Rock und sah darin absolut verführerisch aus. Ich schluckte und dachte „Geschäftspartner, Bjarki, alles andere ist zu kompliziert“. Gut, dass meine Füße wieder in der Wanne mit kaltem Wasser steckten.
„Sag mal, Bjarki“, fing sie und lehnte sich in meine Richtung. „Du hast gesagt, du bist ein Gestaltwandler…“
Ich nickte.
„Kannst du auch einzelne Teile von dir… verändern?“ Ihr Blick wanderte von meinem Captain-America-T-Shirt nach unten. Ich schluckte.
„Äh, nein“, sagte ich nervös. War das jetzt das ‚Bjarki, kannst du auch eine Waschmaschine sein? Bjarki, sei mal ein Baum!‘-Gespräch?
„Schade“, sagte sie mit einem aufreizenden Lächeln. „Aber du könntest dich in einen Pornostar verwandeln, oder?“
Ich lief knallrot an. Bei meiner hellen Hautfarbe sieht man das immer sofort. „Nein?“, stammelte ich mit einem peinlichen Kiekser in der Stimme. „Das geht nicht… äh… wegen der Massenerhaltung und so… weißt du?“ Das war natürlich völliger Blödsinn und klang vermutlich nicht sehr überzeugend. Mein Vater mag der größte Lügner unter dem Himmel sein (zumindest, wenn man ihm glaubt), aber das ist ein Talent, das ich definitiv nicht geerbt habe.
Ximena beugte sich noch ein Stück vor und flüsterte in mein Ohr: „Aber ein Pferd geht doch, oder?“
Ich wäre fast vom Stuhl gekippt, als ich versuchte, mich weiter zurückzulehnen. Ich war mittlerweile so knallrot, dass ich mich vielleicht besser in Hellboy hätte verwandeln sollen. Da wäre der Farbton vielleicht noch natürlich.
Bevor ich aber ein Wort oder ein würdeloses Quieken herausbringen konnte, lehnte sich Ximena wieder zurück und fing an, zu lachen.
„Beim Yacumama… dein Gesicht…“, johlte sie.
Puh. Wieder mal von der Friendzone gerettet.
„Haha“, machte ich lahm. „Demnächst ziehe ich mal mein Hemd aus und frage dich, ob du heute eine Illusion auf dir liegen hast oder tatsächlich so gut aussiehst.“
Das klang jetzt ein bisschen trotzig. Sehr erwachsen, Bjarki.
Ximena schnaubte nur belustigt. „Komm schon, sei nicht beleidigt“, sagte sie. „Das hast du ja wohl verdient mit deiner Geheimnistuerei.“
Ich verdrehte die Augen. „Schon, vielleicht“, gab ich zu. „Aber es ist immer das Gleiche, wenn die Leute rauskriegen, was ich kann: Bjarki, sei mal ein Gürteltier, Bjarki, ich brauche eine Decke, Bjarki, verwandel dich doch mal in ein Wasserbett.“
Ximena lachte mich nur aus. „Du kannst dich in ein Wasserbett verwandeln? Das merke ich mir“, sagte sie freundlich. „Aber hey, ich kenne das. Ximena, zünd mir mal die Zigarette an, Ximena, mach mich mal unsichtbar, Ximena, ich bin nicht geschminkt – kannst du mal bitte?“
Da war natürlich etwas dran. Ich hatte sie auch schon gefragt, ob sie die Hitze nicht magisch abschalten oder dämpfen konnte.
„Hast du sonst noch irgendwelche magischen Fähigkeiten?“, fragte sie neugierig weiter.
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste“, sagte ich. „Ich kann mich in Zeug verwandeln. Hauptsächlich in Tiere – Mungo Bohnenkeimling, Pedro Dos Zapatos und den Falken Lancelot kennst du ja schon…“
„Eine Playstation?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Ich glaube nicht“, sagte ich. „Zumindest nicht in eine, die funktioniert.“
„Schade“, sagte sie. „Ich bin mal gespannt, was du noch alles kannst.“
„Ich kann sonst gar nichts“, protestierte ich.
„Na klar, und das glaube ich dir jetzt“, gab sie zurück. Als ich meine Unschuld versichern wollte, winkte sie ab. „Ich lasse dir deine Geheimnisse. Aber ich bin sicher, dass du mir nicht die ganze Wahrheit erzählst, Sohn Lokis. Ganz und gar nicht.“

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Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 3

21. August

Heute ist nicht viel passiert. Alex hat tatsächlich einen norwegischen Geist gefunden, einen jungen Bergsteiger namens Ole, der sich bereiterklärte, Alex seine Sprachkenntnisse zu leihen und ihn an den Flughafen zu begleiten. Dort warteten Alex, Ole und Joelle auf Bobs Mutter, Mrs Trinsdatter, die als letzte aus dem Flugzeug ausstieg und beim Anblick von Joelles Schild heftig winkte. Ihr Menschen-Glamour war der einer sehr alten, aber noch immer sehr rüstigen und fidelen Dame, und glücklicherweise stellte sie sich als alles andere als so, hm, langsam heraus wie ihr Sprößling.

Wir trafen uns alle in der Kommune, wo Joelle eifrig am Kartenschreiben war und Mrs Trinsdatter erzählte, dass Bob damals seine Heimat aufgrund von „Problemen mit einem Schießgewehr“ verlassen habe. Als Alex den Troll darauf ansprach, wurde der verlegen. Das sei lange her, das sei gewesen, ehe seine Aura gereinigt wurde, und heute würde sowas ja nicht mehr vorkommen.


<s>21.</s> 22. August, nachts.

Eben hat Edward angerufen. Irgendwas mit Bob und der Kommune. Joelle ist entführt worden? Muss hin.


Joelle ist tatsächlich entführt worden. Bob war völlig außer sich, als er es entdeckte, aber seine Mutter blieb vergleichsweise ruhig. Das sei ein Menschending, und es gälten Menschenregeln, also solle er nach den Menschenregeln die Polizei rufen. Sprich Edward.

In der Kommune fanden wir ein Forderungsschreiben vor. Handschriftlich, in großen, kräftigen Blockbuchstaben: „Wir wollen einen fetten Wohnwagen voller Gold und mit einer mächtigen Klimaanlage. Yo, Bitches!“ In einer anderen Schrift die Ergänzung: „Sonst machen wir die Frau <s>kalt</s> Kühlschrank!“ Das Wort „Kühlschrank“ war in der ersten Handschrift über das durchgestrichene Wort „kalt“ gekritzelt worden. „Übergabe übermorgen am Eiswagen in der Aventura Mall!“

Hmmm. Die Schreibe und vor allem die ganzen Hinweise auf Kälte legen irgendwie den Gedanken nahe, bei den Entführern könnte es sich um die Frostgnome handeln, die wir bei der Verhandlung gesehen haben. Winter und so.

Der arme Bob ist jedenfalls ziemlich neben der Spur. „Meine arme Joelle! Ihr müsst sie wiederfinden!“
Aber ja. Wir werden tun, was wir können. Edward hat Bob jetzt erstmal gebeten, ihm ein Haar oder sowas von Joelle zu besorgen.


22. August. Morgens.

Mit der Unterstützung von Roberto zog Edward ein Ritual durch, um sie zu finden. Die Spur führte zu einem alten, angeblich leerstehenden Kühlhaus am Hafen, das aber anscheinend doch nicht so unbenutzt war, wenn man nach dem blauen Licht ging, das daraus hervorschimmerte. Und an der Kälte, die aus dem Gebäude waberte – offensichtlich liefen die alten Kühlaggregate drinnen auf vollen Touren.

Mit einem Schweißbrenner dichtete Alex die Seitentüren ab, während Totilas auf das Dach hinaufkletterte. Unglücklicherweise merkte unser White Court-Freund nicht, dass das Dach entweder von sich aus instabil war oder es jemand zu genau diesem Zweck angesägt hatte – so oder so jedenfalls krachte er mit einem Mal in die Tiefe. Von drinnen hörten wir es poltern und dann Totilas’ Stimme: „Einmal Stracciatella und einmal Malaga, bitte.“

Als Totilas sich aufrappelte, sah er sich – das erzählte er uns hinterher – einem ziemlich skurrilen Anblick gegenüber. Und zwar standen vor ihm tatsächlich ein paar Frostgnome, allerdings in Rapperaufmachung, Goldketten und alles. Einer davon hatte etwas blau Leuchtendes in der Hand, einen Zauberstab oder dergleichen. Ein anderer Gnom hielt eine Schleuder, zwei weitere waren mit Knüppeln bewaffnet.
Totilas, nicht auf den Mund gefallen, begrüßte die kleinen Kerle mit „Yo, Mann“, was der Wortführer mit „Yo, du bist unsere Geisel, Mann!“ quittierte.

Edward riss indessen die Schiebetür auf. Etwas machte „Klick“, und ehe er ausweichen konnte, wurde er von der Schrotflintenladung getroffen, die beim Öffnen der Tür auslöste.
Während Edward, der glücklicherweise nicht sonderlich schwer verletzt schien, wieder auf die Beine kam, warnte Alex die für uns in dem Moment noch unsichtbaren Gegner, dies sei ihre letzte Chance und sie sollten herauskommen.

Die Antwort von drinnen war höhnisches Gnomenlachen. Und dieses Gelächter löste irgendetwas in mir aus. Das waren Frostgnome, die uns auslachten, Frostgnome hier! Ich war mir selbst gar nicht bewusst, was ich rufen würde, bis ich den Mund aufmachte und die Worte herauskamen. „Ihr befindet euch auf Sommergebiet und habt die hier geltenden Regeln verletzt! Im Namen von Herzog Pan, kommt heraus oder erleidet die Konsequenzen!“

Mierda. Was für ein Geschwafel! Das hätte Sir Anders auch nicht pompöser hinbekommen. So oder so aber wurde als Reaktion darauf das Lachen von drinnen nur noch lauter. Grrr!

Roberto war es schließlich, der die richtigen Knöpfe bei den Gnomen drückte. „Weiß eigentlich Hurricane davon, was ihr hier treibt?“ Das saß. Schlagartig brach das Gelächter ab.

Während wir uns nun vorsichtig in das Lagerhaus hineinbewegten, warf Totilas drinnen den Anführer der Geiselnehmer durch die Gegend, woraufhin zwei der verbliebenen Gnome davonrannten, die beiden letzten ihn aber angriffen. Bei uns kam das in der leicht bläulichen Dunkelheit nur als Geräuschkulisse an, wirklich zu sehen war nichts. In dem schlechten Licht konnten wir es vergessen, uns in irgendeiner Form sinnvoll fortzubewegen – wir konnten nur Schemen sehen, aber es wurde deutlich, dass hier überall Kram herumstand, und zwar gefährlich wackelig aufgetürmt. Keine Chance.

Mir fiel der Feen-Zauber wieder ein, die ich auf der Insel der Jugend gegen die Untoten gewirkt hatte. Ich horchte nach innen und rief die Magie nach oben, und einen Moment später wurde die Lagerhalle von hellem Sonnenschein erfüllt. Damit hatten Totilas’ Gegner offensichtlich nicht gerechnet, denn es ertönten Schmerzensrufe und eilige Schritte, als die Winterfeen sich in die Schatten zurückzogen.

Jetzt, wo der Raum hell erleuchtet war, konnten wir sehen, mit was wir es zu tun hatten: mit einem Labyrinth aus zu wackeligen Türmen aufgebautem Kram aller Art. Mit ziemlicher Sicherheit voller Fallen. In einiger Höhe lief oben um die gesamte Wand herum eine Galerie, auf der wir einzelne Gestalten herumhuschen sahen. Die Gnome. Außerdem befand sich oben auf der Galerie in einer Ecke ein Kabuff. Das könnte doch der Ort sein, an dem sie Joelle festhielten…

Totilas sahen wir im Moment nicht, aber wir hörten seine Stimme. Irgendwas von wegen Stracciatella und Malaga. Oh Mann.

Roberto begann, an einem der Kistentürme zu der Galerie hochzuklettern. Er bewegte sich erstaunlich sicher und geschickt – um einiges geschickter als ich jedenfalls. Denn ich erwischte genau den aufgetürmten Einkaufswagen, dem Roberto ausgewichen war, brachte ihn natürlich ins Rutschen, wie die Erbauer das geplant hatten, und landete prompt wieder auf dem Boden. Natürlich auf dem Steißbein. Au. Aber wenigstens war nichts geprellt oder gar gebrochen.

Totilas ließ indessen seine Augen silbern aufleuchten. „Du siehst aus wie Stracciatella!“, sagte er zu dem einen Gnom, der trotz des Sonnenlichts einigermaßen in seiner Nähe geblieben war und ihn weiterhin als Geisel zu bedrohen versuchte. Der Frostgnom bekam es mit der Angst zu tun und huschte davon.

Nun, wo Roberto oben angekommen war, warf Edward ihm ein Seil zu. Nachdem Roberto es – mit Hilfe von Alex, der ihm mit seiner Erfahrung genau sagen konnte, welche Stelle stabil aussah – befestigt hatte, kletterten wir dann auch endlich alle hinauf. Alle bis auf Totilas, versteht sich, der war ja noch immer irgendwo in dem Labyrinth aus Kisten verschwunden.

Unser White Court hatte zwar im Moment keine Gnome direkt bei sich, aber die befanden sich noch immer, wenn auch in einigermaßen sicherer Entfernung, in seiner Nähe. Einer davon – nicht der, der ihn eben noch bedroht hatte – ergriff jetzt das Wort. Friedlich sei doch immer besser, wenn einem die Chakren gereinigt worden seien, und vielleicht könne man ja verhandeln: Die Gnome wollten einen Wohnwagen mit viel Gold und mit einer Klimaanlage.

Aus den Schatten heraus ertönte Gemurmel. Warum denn verhandeln, wenn man die Galerie einstürzen lassen könne?

Auf besagter Galerie waren wir allerdings in dem Moment unterwegs zu dem Bretterschuppen. Alex war es, natürlich, der bemerkte, dass unten einer der Gnome einen Hebel umlegte, woraufhin die ganze Galerie abzustürzen begann. Da Alex rechtzeitig darauf aufmerksam geworden war, gelang es uns, unversehrt auf einem der Türme zu landen und sogar diese eine grüne Kiste zu vermeiden, die laut Alex garantiert eine Falle barg.

In Totilas’ Nähe kletterten wir hinunter. Dabei löste Roberto dann allerdings doch noch die Falle in der grünen Kiste aus, was dazu führte, dass etliche Metallkugeln herausrollten, die immer größer und eisiger wurden und beim Auftreffen empfindliche Unterkühlungsspuren hinterließen, was aber eher unangenehm war als gefährlich. Vielleicht, wenn uns mehr von den Dingern getroffen hätten, aber glücklicherweise rollten die Kugeln zum größten Teil von uns weg.

Dann jedenfalls hatten wir unseren Vampirfreund erreicht und sahen uns nun alle den Frostgnomen gegenüber. Und wieder meinte der Wortführer von eben, man solle doch friedlich verhandeln. Die Gnome brauchten den Wohnwagen, um hier zu wohnen, sagte er. Warum sie denn überhaupt hier wohnen wollten, war unsere Gegenfrage. Na zuhause gebe es diese fiesen, hungrigen Wölfe, deswegen seien sie hergekommen, aber hier in Miami sei es viel zu warm. Daher der Bedarf an einer Klimaanlage.

„Friedlich“ schien aber dem Anführer der Gruppe überhaupt nicht zu passen. Das war der Gnom, der noch am allermeisten wie ein Rapper aussah, über und über mit Glitzer behängt. Der baute sich provozierend vor uns auf und begann, uns anzurappen. Die Jungs sahen einander verwirrt an; sichtlich aus dem Konzept gebracht. Aber hey, der wollte eine Rap-Battle? Konnte er haben!

Irgendwie fiel es mir überhaupt nicht schwer, auf jeden der etwas bemühten Reime des Frostgnoms eine passende Erwiderung zu finden, während mein Gegenüber sich zunehmend schwertat und es immer deutlicher wurde, dass er keinerlei Erfahrung mit so etwas hatte. Irgendwann gab er es dann auch auf.

Der friedfertige Gnom grinste seinen Boss an. „Du solltest mal deine Chakren reinigen lassen. Dann ginge das besser.“
Der Rappergnom warf die Arme in die Luft. „Ich kann das Wort ‚Chakren’ nicht mehr hören!“
Und das wiederum war natürlich für uns das perfekte Stichwort. „Dann nehmen wir die Dame mit, und ihr seid sie los!“

Joelle war ein wenig verfroren, aber ansonsten wohlauf und ganz gelassen. Sie hatte die Gnome ja offensichtlich schon die ganze Zeit über belabert, und auch jetzt erzählte sie ihnen von Kräutern und Kristallen für das seelische Wohlbefinden. Sie ließ sich sogar von Roberto eine der Geschäftskarten seiner Bótanica geben und steckte sie den Gnomen mit den Worten zu: „Hier, der hat, was ihr braucht.“

Alex unterhielt sich indessen mit dem Gnom, der die ganzen elektrischen Fallen hier aufgebaut hatte. MC Current nannte der Stromgnom sich, und offensichtlich hatte er in Alex eine verwandte Seele gefunden. Von MC Current erfuhr Alex auch, wie die Gnome überhaupt auf die Idee gekommen waren, Joelle zu entführen. Bei eine<s>r</s>m ihrer <s>Diebestouren</s> Streifzüge hatten sie eine Menge weggeworfene goldglitzernde Briefumschläge gefunden und aus den Einladungen entnommen, das da wohl jemand sehr Reiches heiraten musste. Also dachten sie, für seine Braut würde der Bräutigam bestimmt ein lohnendes Lösegeld zahlen.

Super.


23. August

Zurück von der Hochzeit. Mierda. Mierda y Cólera.


Ich musste erstmal den Kopf freibekommen und bin laufen gegangen. Eigentlich wollte ich erst einige der Übungen machen, die Eileen mir gezeigt hat, aber… nein. Laufen war besser.

Ja, die Hochzeit hat stattgefunden. Ja, die meisten Gäste hatten trotz der kurzfristigen Einladung noch Zeit. Ja, Joelle ist jetzt Mrs. Bob. Und natürlich ging das mit dem Kelpie-Ei nicht gut. Natürlich hatten wir irgendwann eine wütende Kelpie-Stute auf der Matte stehen. Das ist aber alles nebensächlich.

Nicht nebensächlich ist, was hinterher passierte. Da habe ich mich alles andere als mit Ruhm bekleckert. Und ich muss sehr eingehend darüber nachdenken, was da genau passiert ist, und vor allem, warum.

Nach der Hochzeitsfeier und nachdem wir die Kelpie-Stute samt Ei wieder glücklich losgeworden waren, zeigte Bob uns nämlich den Wohnwagen, den unser Trollfreund und die Leute aus der Kommune bereits für die Frostgnome umzubauen begonnen hatten. Warum auch immer sie das taten; Joelle war doch längst wieder frei.

Edward jedenfalls war überhaupt nicht amüsiert. „Belohnen wir die Kerle jetzt etwa schon für eine Straftat?!“, wetterte er. „Das sind Entführer, und sie klauen wie die Raben!“
Und auch ich sah es überhaupt nicht ein, warum wir der diebischen Bande erlauben sollten, in der Stadt zu bleiben. Nichts als Ärger, jede Wette!

„Ach, lass sie doch“, hielt Roberto Edward entgegen, „die sind doch nicht so schlimm.“
„Das sind Entführer und Diebe!“
„Das sind die Santo Shango auch.“
Und nun kam es zu einem richtig, richtig heftigen Streit zwischen den beiden. Die schlimmsten Spannungen auf der Fahrt nach Oregon waren ein laues Lüftchen dagegen.
Edward tobte los, dass er die Schnauze voll habe. Dass er verdammt nochmal jetzt auch aufhören werde, sich zu kümmern, weil es ja offensichtlich jedem außer ihm völlig egal sei, ob diese Stadt den Bach runterging.
Roberto schrie zurück, dass Edward ja ein schöner Ritter sei, wenn er einfach so die Flinte ins Korn werfe. Die beiden schenkten sich nichts, minutenlang – und Totilas, Alex und ich waren so baff, dass keiner von uns eingriff. Nicht einmal – und dafür schäme ich mich zutiefst – als Edward schließlich ausholte, Roberto einen heftigen Fausthieb mitten ins Gesicht versetzte und dann wütend davonstürmte.

Und dann… dann bekamen auch Roberto und ich uns in die Haare.

Eigentlich wollte ich… nein. Keine Ausreden, Alcazár.

Ich war eben drauf und dran zu schreiben, dass ich eigentlich nur vermitteln wollte. Aber das ist völliger Quatsch, denn Edward war ja schon fort. Und wo bitteschön ist es vermittelnd, Roberto den Vorwurf zu machen, dass er doch wisse, wie Edward drauf sei, und dass er ihn nicht noch hätte provozieren müssen? Warum ich Roberto das an den Kopf warf, weiß ich selbst nicht recht. Aber jedenfalls ging Roberto nun mich an. Dass ich immer nur Edwards Partei ergreifen würde. Woraufhin ich zurückblaffte, mit dem würde ich schon reden, und ich würde dafür sorgen, dass er sich entschuldige. Das müsse er nicht, schnappte Roberto. Das werde er aber, verdammt noch mal, knurrte ich.

Dann gingen wir auseinander, verstimmt und aufgewühlt, alle vier.

Und ich sitze jetzt hier und habe keinerlei Ahnung, was zum Geier in mich gefahren ist. Mierda.


24. August.

Ich habe mit Edward geredet. Auch wenn der sichtlich wenig Lust auf das Thema hatte.
Er sei mein bester Freund, und ich würde potentiell und grundsätzlich schon immer eher ihm beispringen, wie Roberto mir das ja auch vorgeworfen hat. Aber mit der Aktion gestern sei er deutlich zu weit gegangen. Woraufhin Edward nickte und versuchte zu erklären, dass da irgendetwas in ihm durchgebrannt sei, als Roberto das Verhalten der Gnome als „nicht so schlimm“ bezeichnete.
„Wir haben keine Handhabe gegen sie“, erwiderte ich. „Joelle erstattet keine Anzeige.“
Edward warf die Hände in die Luft und legte den Finger auf das eigentliche Problem.
„Ich kann einfach nicht mit Roberto. Es geht nicht. Er macht mich so unglaublich wütend. Ich muss mich von ihm fernhalten, sonst bringe ich ihn irgendwann um.“
Und dann: „Ich glaube, ich muss raus aus Miami. Mir anderswo einen Job suchen.“

Das erschreckte mich beinahe noch mehr als alles andere. So egoistisch das auch sein mag, der Gedanke, meinen besten Freund zu verlieren, machte mir Angst.
„Ich bin nicht mal sicher, ob das überhaupt geht“, wandte ich ein. „Wir hängen doch alle in diesem Kram mit drin. Wir haben unsere Wurzeln hier in der Stadt – und diese Stadt hat ihre Wurzeln in uns. Und ich könnte mir vorstellen, dass, wenn einer von uns weggeht, irgendwas passiert, das uns zurückbringt.“
Und außerdem… „Und außerdem brauche ich euch. Euch beide, dich ebenso wie Roberto. Diesen Ritterjob schaffe ich nicht alleine."

Wir redeten dann noch eine ganze Weile weiter, aber so richtig zufriedenstellend war das alles nicht. Seufz.

Vor allem, weil ich irgendwie im Hinterkopf auch mit der Frage beschäftigt war, warum ich so negativ auf Roberto reagiert habe. Und jetzt, wo ich wieder zuhause bin und weiterhin darüber nachgrübele – das Ganze will mir einfach nicht aus dem Kopf, was mich aber auch wenig wundert – stelle ich fest, dass da anscheinend ein ganzes Konglomerat an Dingen zusammenkam.

Irgendwo fuchst mich sicherlich noch immer die Sache mit Dee. Und ja, ich weiß, dass Roberto da nichts für kann. Mir ist bewusst, dass ich selbst zu zögerlich war, dass sich da so ein platonisches Bruder-Schwester-Schulter-zum-Ausheulen-Ding entwickelt hat, zumindest auf Dees Seite, auch wenn ich das nicht merkte oder nicht wahrhaben wollte. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass meine Einstellung Roberto gegenüber momentan etwas … angespannt ist.
Vielleicht spielt unterbewusst auch die Geschichte vom Crater Lake noch weiter mit hinein. Von Elenas Fremdbeeinflussung bin ich zwar längst befreit, aber vielleicht ist von der Abscheu, die ich empfand, als Roberto Elena tötete, ja doch etwas hängen geblieben, auch wenn ich eigentlich ja inzwischen weiß, dass er es tun musste. Ich habe keine Ahnung.
Dass die Gnome tatsächlich Bande von Dieben und Entführern sind und wir in dieser Stadt wahrlich schon genug kriminelle Elemente haben, stimmt sicherlich auch. Im Vergleich zu den Santo Shango und den Latin Raiders und den Latin Kings – oder auch im Vergleich zu Gerald Raith’ White Court-Operationen, wenn ich ehrlich bin – sind die Gnome aber wirklich eher kleine Fische.

Aber – und das ist der Unterschied, und das macht mir gerade so viel Sorgen – es sind Frostgnome. Bis zu dem Tag auf der Insel hätte ich die Kerlchen vermutlich eher amüsant gefunden. Und eigentlich, verdammt nochmal, sind mir bislang die Vertreter des Winters, denen ich so begegnet bin, teilweise echt sympathischer als die Sommerfeen, mit denen ich so zu tun hatte und habe. Ich mag Hurricane. Ich mag Tanit. Ich mag Catalina Snow. Ich mag sogar irgendwie, glaube ich, Yahaira Montero. Zugegeben, ich kenne keinen von denen wirklich gut, und ich habe keine Ahnung, wie die alle drauf sind, wenn sie mal nicht nett drauf sind, aber Tatsache ist, bisher hatte ich keine Probleme mit Winter, und ich hätte eigentlich auf die Gnomenbande nicht so heftig reagieren sollen. Wenn nicht, ja wenn nicht, mein Sommerrittermantel mir Dinge eingeflüstert hat. Dass Winter keinen Platz in der Stadt hat, als das eine. Und dass Roberto ein Verräter an ihrer Majestät, Königin Titania, ist und dass es ihm nur recht geschieht, wenn ihm jemand die Fresse poliert, als das andere.

Während des Streits gestern war mir nicht bewusst, dass ich den Gedanken hatte. Das ist mir erst jetzt beim Nachdenken so richtig klar geworden, und das erschreckt mich. Denn dieser Gedanke kommt nicht von mir. Dieser Gedanke kommt von dem Ritterjob. Und wenn der Ritterjob meine Gedanken derart beeinflusst, dann ist er nicht besser als Elena.

Ich muss dringend mit Roberto reden und mich entschuldigen. Wieder einmal.

Und ich muss auf der Hut sein vor dem, was der Rittermantel mit meinem Kopf anzustellen versucht. Und darf so etwas nicht wieder zulassen.

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Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 2

9. Juli

Heh. Edward hat ein Aufklärungsgespräch mit mir geführt. Nicht über die Bienchen und die Blümchen, logischerweise, sondern über die Gesetze der Magie. Nicht dass ich nicht schon mitbekommen hätte, worum es dabei geht, nachdem Edward sich darüber informiert hatte, aber jetzt, wo ich selbst plötzlich mit Magie um mich werfen kann, fand er es doch wichtig, mir nochmal ganz genau und eindrücklich klar zu machen, was die Gesetze der Magie sind und was ich um Himmels willen keinesfalls tun darf. Nicht nur, weil die Todesstrafe darauf steht. Sondern auch weil, wie ich ja am Crater Lake schmerzlich lernen musste, das Brechen der Gesetze einen selbst verändert und langsam aber sicher zu einem Monstrum werden lässt.

[list]
[li]Einen Menschen mit Magie töten.[/li]
[li]Die Gestalt eines anderen Wesens verändern.[/li]
[li]Den Geist eines anderen Menschen beeinflussen. (Schüttel. Oh ja.)[/li]
[li]Einem anderen Menschen seinen Willen aufzwingen.[/li]
[li]Nekromantie an nicht-willigen Geistern praktizieren. (Hörst du das, Joseph Adlene?)[/li]
[li]Gegen den Strom der Zeit schwimmen. (Was auch immer das genau heißen mag. Zeitreisen, denke ich mal, falls das überhaupt geht. Und das Vorhersagen der Zukunft, solange es nicht sehr allgemein bleibt, erklärte Edward noch.)[/li]
[li]Das Erforschen von oder Eingehen eines Handels mit Wesen von jenseits der Äußeren Grenzen. (Hörst du auch das, Joseph Adlene? Ich meine, die Ober-Oneirophaga kam ja vom äußeren Rand des Nevernever, aber sie gehörte wenigstens noch zu unserer Welt, so fremdartig sie auch gewesen sein mag. Aber diese Lady der Verschlingenden Wege und der böse Jack, mit denen Adlene sich eingelassen hat… Brrrrrr.)[/li]
[/list]

Wie dem auch sei. Edward konnte es gar nicht ernst genug darstellen, und ich glaube ihm jedes einzelne Wort. Ich weiß, wie wichtig das ist, und der Himmel stehe mir bei, dass ich nie eines dieser Gesetze breche, solange ich diese Magie in mir habe.


10. Juli

Ich war bei Hurricane, nach Tanits Erster Ritterin fragen. Der gab sich ziemlich einsilbig, wollte mir nicht mal sagen, wie die Dame heißt. Immerhin versprach er mir, er werde ihr ausrichten, dass ich nach ihr gefragt habe, wenn er sie mal wieder sehen sollte. Wann auch immer das ist. Mierda.

An Pans Hof wussten sie naturgemäß auch nicht viel über mein Pendant auf Winterseiten. Der Herzog selbst fand die Ritterin vollkommen uninteressant – sie hatte offensichtlich nicht mit ihm feiern wollen –, aber Sir Anders wusste immerhin mal ihren Namen. Yahaira Montero. Schon mal etwas.

Puh. Jetzt heißt es warten und hoffen, dass Ms. Montero Hurricane irgendwann in nächster Zeit über den Weg läuft.
Das, oder… Hm. Ich könnte ihr auch schreiben. Genau. Das mache ich.


11. Juli

Ich habe Hurricane nochmal kontaktiert und ihm den Brief an Ms. Montero übergeben. Er sagte, er werde ihn ihr zukommen lassen. Mehr kann ich nicht verlangen. Mal sehen, wann sie sich meldet.


28. Juli

Ich bin mit Totem Rise ein gutes Stück weitergekommen. Nicht nur habe ich mich endlich auf den Titel festgelegt, sondern ich habe in letzter Zeit etliche Kapitel geschafft. Wenn es in dem Tempo weitergeht, dann steht bald die erste Rohfassung, und ich kann ans Überarbeiten gehen.

Alejandra ist auch schon ganz aufgeregt. Ein Monat noch, dann kommt sie in die Schule! Da muss ich auch noch diverse Vorbereitungen tr—

Es klopft. Am Fenster? Ich wohne im dritten Stock!


Es war unser missgelaunter Freund, der Sturmvogel von der Insel. Wenn ich Yahaira sprechen wolle, solle ich meinen müden Arsch, äh, meine müden Knochen bewegen und mitkommen. Bitte. Na das ließ ich mir doch nicht zweimal sagen.

Der Vogel führte mich zu einer Bushaltestelle in der Nähe, wo eine eher kleine, aber sehr kompakte, Latina von Anfang bis Mitte Vierzig auf mich wartete. Was denn so dringend sei. Ich schlug vor, das vielleicht irgendwo im Sitzen zu besprechen, aber das wollte sie nicht. Also gut. Dann halt direkt dort.

Zuerst stellte ich mich mal vor, auch wenn ich das in dem Brief schon getan hatte. Höflich ist höflich. Dann erklärte ich, dass es um das Ritual der Elemente gehe. Dass ich den Job ja erst seit ganz kurzer Zeit innehabe und erfahren hätte, dass Freiwillige das Ritual wirksamer machten. Dass ich wisse, dass es im Sommer zumindest unter meinen letzten beiden Vorgängern, vielleicht auch noch länger, nicht mit Freiwilligen durchgeführt worden sei. Und dass ich – hier drückte ich mich so vorsichtig und diplomatisch aus, wie ich nur überhaupt konnte – anregen wollte, dass der Winter eventuell vielleicht auch an Freiwillige denken könne… falls das im Winter nicht ohnehin schon längst gängige Praxis sei.

Dummerweise brachte die vorsichtige Ausdrucksweise nicht sonderlich viel. Ms. Montero bügelte mich sehr brüsk und sehr ungeduldig ab, dass der Winter sich schon um sein Ritual kümmere. Das „herzlichen Dank“ musste sie nicht dazusagen, das wurde auch so deutlich. Ebenso wie klar erkennbare Unterton: Halt dich da raus, Sommertrottel. Sommertrottel, der noch völlig grün hinter den Ohren ist, dazu.

Oha. Mit Skepsis hatte ich ja gerechnet, aber, wenn ich ehrlich bin, nicht mit ganz so viel offener Verachtung. Mierda.

Irgendwie gelang es mir dann aber doch, sie ein wenig milder zu stimmen. Das brachte sie dann dazu, dass sie mir etwas freundlicher erklärte, dass sie nicht aus dem Winter-Nähkästchen plaudern könne und wolle, was irgendwelche Rituale angehe, weil, naja. Sie Winter. Ich Sommer. Verfeindete Höfe und so.

Gegen diese Argumentation konnte ich natürlich nichts einwenden – außer eben, diesen ganzen Ritterblödsinn mal beiseite zu lassen. Dass mir nichts ferner liege, als dem Winter aufdrücken zu wollen, wie er seine Rituale durchzuführen habe. Aber dass mir, Ricardo, dem Menschen, nicht dem Sommerritter, die ganze Sache ziemlich am Herzen liege und ziemlich an mir nage.

Das brachte sie zum Nachdenken. Allerdings hatte ich das Gefühl, sie muss erst einmal überlegen, was ich überhaupt damit meine. Dann tätschelte sie mir aufmunternd den Oberarm und meinte, ich werde mich schon noch daran gewöhnen. Aber dass ich mir so als Mensch keine Sorgen machen müsse. Was auch immer sie genau damit meinte.

Als ich sie das fragte, zuckte Ms. Montero nur mit den Schultern und sagte nichts weiter. Ich konnte mich nur irgendwie des Gefühls nicht erwehren, dass sie in mir irgendwie etwas sah, das sie an sich selbst erinnerte, wie sie früher war. Dass sie mich – und sich selbst – vor etwas schützen wollte. Und mich in bezug auf meine Sorge beruhigen.

Es blieb mir in dem Moment nicht viel anderes übrig, als höflich zu nicken, ihr für das Gespräch zu danken und es ansonsten dabei zu belassen. Und ich fügte noch hinzu, dass es mich gefreut habe, sie kennenzulernen, Feinde oder nicht.

Ms. Montero nickte höflich zurück und erklärte kühl, dass sie hoffe, wir würden uns so schnell nicht wieder begegnen. Aber immerhin, setzte sie nach kurzem Zögern dann noch hinzu, besser ich als der andere. Woraufhin ich mir dann doch die Frage nicht verkneifen konnte, ob sie mit meinem Vorgänger, meinen Vorgängern, viel zu tun gehabt habe.

Das würdigte sie aber keiner expliziten Antwort. Sie schnaubte nur verächtlich, sprang auf den Rücken des Sturmvogels (¿Como demonios? Der war doch bis zu dem Moment noch klein genug gewesen, um auf ihrer Schulter zu sitzen!) und flog mit ihm davon.

Und ich konnte ihr nur nachdenklich hinterhersehen, ehe ich schließlich wieder nach Hause ging, um das alles aufzuschreiben. Und nachzudenken.

Mierda. Elendes Fehlen von Klartext! Ich will ja gern glauben, dass Ms. Montero mir auf ihre Weise zu verstehen geben wollte, dass der Winter schon längst Freiwillige für das Ritual rekrutiert. Aber kann ich das? Oder ist das nur wieder Alcazár’sche Naivität?

Ich habe da ja noch diesen Gefallen bei Tanit offen, ist mir eingefallen. Den könnte ich einfordern.

Aber Tatsache ist, ich mochte Yahaira irgendwie, Winter hin oder her. Ich würde ungern… naja. Ungern hinten rum an Tanit gehen und Ms Montero über die Herzogin etwas aufzwingen. Zu weich, Alcazár? Vielleicht. Aber der Gedanke widerstrebt mir wirklich. Und Yahaira hat versucht, mich zu beruhigen, so gut sie konnte, ohne irgendwelche Interna auszuplaudern.

Ah, Mierda. Vielleicht werde ich einfach mal mit den Jungs über das Dilemma reden.


20. August

Heute haben wir uns im Dora’s zum Brunch getroffen, wie wir das gerne mal machen. Oder besser, wir hatten es vor.

Glücklicherweise waren wir schon so gut wie fertig mit dem Essen und saßen nur noch bei Kaffee zusammen, als Alex einen Anruf von Oliver Feinstein aus dem Behind the Cover bekam. Der Troll, der damals – hach ja. Damals. Damals, als alles überhaupt erst anfing, als Ricardo Esteban Alcazár noch fast überhaupt keine Verbindungen zum Paranormalen hatte, von irgendwelchen Ritterjobs ganz zu schweigen – mit dem Jungen das Buch gestohlen habe, dieser Troll jedenfalls sei eben wieder in den Laden gekommen, habe sich erneut ein Buch geschnappt, diesmal aber Oliver zugerufen, er müsse sich das mal ausleihen, ehe er, offensichtlich in Eile, wieder zur Tür hinausstürmte. Wir hätten den doch damals auch ausfindig gemacht. Ob wir uns da nicht mal drum kümmern könnten?

Heh. Na das würde diesmal leichter sein als bei unserem ersten Fall, da wir ja inzwischen näheren Kontakt zu Bob haben.

Ein Anruf in der Kommune brachte uns ein Telefonat mit einer ziemlich zerstreut klingenden jungen Dame ein, die uns sagte, Bob sei unterwegs, die Sachen für die Hochzeit besorgen. Die Hochzeit? Welche Hochzeit? Was für Sachen?

Na Bobs Hochzeit mit Joelle, war ihre fröhliche Antwort. Ob denn die Einladungen nicht angekommen seien? Sie hätte Umschläge mit unseren Namen darauf gesehen… Nein? Oh. Das war dann wohl das Nusseis.

Ach ja. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass wir das Mädchen tatsächlich flüchtig kennen. Sie ist das Wereichhörnchen, das wir bereits bei unserem allerersten Besuch in der Kommune damals trafen und das auf den Spitznamen ‘Scarlet’ hört. Genau. Scarlet wie das Eichhornmädchen in diesem genialen Webcomic von diesem britischen Zeichner. Denn sie ist ähnlich verpeilt wie die Scarlet aus den Comics.

Statt den kleinen Wirrkopf zu fragen, was sie damit genau meinte, ließen wir sie lieber Jack ans Telefon holen. Der bestätigte uns, dass Bob tatsächlich in vier Tagen heiraten will und losgezogen sei, um ein paar Dinge zu besorgen.

Autsch. Das erklärte den Anruf aus dem Buchladen. Und das erklärte die anderen drei Anrufe, die wir in kurzer Reihenfolge noch erhielten:

Hilary Elfenbein bei Totilas. Da sei so ein großer Kerl ins Fontainebleu gestürmt gekommen, habe sich eine Topfpflanze von der Deko geschnappt, dabei Vin Raith in den Pool geworfen, und sei wieder verschwunden.
Macaria Grijalva bei Roberto. Ein grobschlächtiger Typ habe einfach einen Tisch aus dem Coral Castle weggeschleppt.
Und schließlich ein sehr kleinlauter Bob bei Edward. „Die haben gesagt, ich hätte einen Anruf frei. Da hab’ ich gedacht, ich rufe bei dir an.“

Na yay.

Mit einem Umweg über das Behind the Cover, um Oliver das Buch, das Bob „ausgeliehen“ hatte, regulär abzukaufen, holten wir, oder besser, holte Edward, also unseren Trollfreund gegen Kaution aus dem Gefängnis.
Er habe auf’s Gericht gewollt, erzählte Bob dann, um die Heiratserlaubnis zu besorgen. Sein Pass – ein norwegischer übrigens – war aber abgelaufen, und dann hätten sie gesagt, er brauche eine „Green Card“. Na gut, wenn sie partout eine sehen wollten, hatte er eben eine grüne Uno-Karte besorgt. Worauf die Leute beim Gericht etwas ärgerlich geworden seien, ob er sie veräppeln wolle, worauf hin er etwas ärgerlich geworden sei, denn die hätten doch diese grüne Karte verlangt, und dann, ähm ja. Dann sei er auf der Polizeistation gelandet.

Was um Himmels willen das gesollt habe, wollten wir wissen. Na er habe diesem Menschenbrauch folgen wollen, weil Joelle ja ein Mensch sei. Also habe er sich etwas ausgeliehen und etwas Altes, etwas Neues und etwas Blaues besorgt.

Wir erklärten Bob also erstmal die Menschenregeln etwas genauer – dass man nämlich nicht einfach so in einen Laden marschieren kann und dann sagen, man leihe sich etwas aus, das sei nämlich genauso Diebstahl wie alles andere. Und überhaupt geht es bei diesem Hochzeitsbrauch darum, dass die Braut die Dinge anhat, wie ein Strumpfband oder einen BH oder was auch immer! Und wolle Bob etwa, dass Joelle am Altar einen tonnenschweren Tisch mit sich herumschleppe?

Nein, druckste Bob, aber vielleicht könne der Tisch ja der Altar sein? Und überhaupt, er habe doch nur Joelle glücklich machen wollen; es sei doch seine Pflicht, Joelle glücklich zu machen! Ja, verdammt, aber das könne er nun mal nicht, wenn er in einem Menschengefängnis hinter Gittern sitze, hinter Gittern aus ekelhaftem Eisen, wohlgemerkt!

Okay. Das sah der Troll dann widerstrebend ein.

Naja. Dass die Topfpflanze das Blaue und der Tisch aus dem Coral Castle das Alte sein sollten, das hatten wir uns ja schon denken können. Aber was denn das Neue sei, das er sich beschafft habe? Ein Ei, erklärte Bob. Aus dem Nevernever. Da würde ein Pferd rauskommen. Joelle möge Pferde.

Das ließ uns wieder stutzen. Ein Pferd aus einem Ei? Wer habe ihm das denn gesagt? Na der alte Wegelagerer, der im Nevernever immer am Weg lagere und den man alles fragen könne. Aaaah. Ja klar.

Indessen waren wir an dem alten Lieferwagen der Kommune angekommen, mit dem Bob auf seine Besorgungstour gegangen war. Der Van hing hinten ziemlich herunter, eben wegen des schweren Steintischs aus dem Coral Castle. Auf dem Beifahrersitz fanden wir dann auch das Buch, die Pflanze und das angesprochene Ei. Das war grün, mit beige- und erdfarbenen und bläulichen Sprenkeln, und etwa so groß wie eine Mango. Es fühlte sich nass an, wenn man es berührte, das war es aber gar nicht. Bob habe es aus einem Nest im Sumpf, sagte er. Da hätten insgesamt drei Eier dringelegen, aber er habe ja nur eines gebraucht.

Jetzt, wo wir den Tisch im Auto sahen, wurde nur umso deutlicher, dass der nicht als „das Alte“ herhalten konnte. Der musste dringend zurück ins Coral Castle. Bob war schwer enttäuscht, sah es dann aber ein. „Vielleicht bringt meine Mama ja was mit“, meinte er hoffnungsvoll.

Warte. Seine Mama?!

Ja, seine Mama aus Norwegen, freute sich Bob. Die komme morgen mit dem Flugzeug an. Joelle wolle sie abholen fahren, habe sie versprochen. Ob Joelle denn Norwegisch könne? Nein, aber das werde schon irgendwie gehen. Ja klar. Alex erklärte sich also bereit, Bobs Verlobte zum Flughafen zu begleiten. Der kann zwar auch kein Norwegisch, aber bei dem lässt sich das wenigstens kurzfristig ändern.

Während Alex also loszog, um irgendwo den Geist eines Norwegers aufzutreiben, den er morgen zwecks Sprachkenntnissen mitnehmen kann, gingen Edward, Bob und ich los, um den Tisch ins Coral Castle zurückzubringen. Das Ding war echt schwer zu schleppen, auch für einen Troll, und wir konnten Bob schließlich davon überzeugen, dass – nein! – das „Alte“ nichts vom Coral Castle sein könne. Dass man nicht einfach etwas wegnehmen könne, sondern dass man es schon kaufen müsse.

Na gut, Bob hatte $50, also gingen wir für die $50 einen „authentischen alten Stein aus Norwegen“ kaufen. Mit Echtheitszertifikat. Für das „aus Norwegen“ will ich meine Hand nicht ins Feuer legen, aber alt ist so ein Stein mal bestimmt; außerdem war Bob glücklich, der Ladenbesitzer war glücklich, und so waren das doch gut angelegte $50.

Totilas brachte indessen die Blume ins Hotel Fontainebleu zurück und redete bei der Gelegenheit gleich mit seinem Cousin Vin wegen eines falschen Ausweises für Bob. (Was unter anderem auch der Grund war, warum Edward da nicht mitkommen wollte – je weniger er über Vins Aktivitäten in dieser Richtung weiß, um so besser.) Vin, der sich über die Herausforderung eines norwegischen Passes sogar freute, erklärte sich bereit, Bob einen neuen Ausweis und ein Visum zu basteln, meinte aber, es könne eine Weile dauern, und er werde sich melden.

Roberto recherchierte indessen nach Informationen über dieses Ei und fand heraus, dass es sich um ein Kelpie-Ei handeln könnte. Kelpies sind Wassergeister: fleischfressende Wyldfae, die meist in Pferdegestalt erscheinen und versuchen, unwissende Opfer auf ihren Rücken zu locken, um sie dann im nächstgelegenen See zu ertränken und aufzufressen.

Und sowas will Bob seiner Frau zur Hochzeit schenken? Na yay.

Als wir unseren Trollfreund zur Kommune zurückbrachten und uns bei der Gelegenheit alle dort wieder trafen, fanden wir Joelle in heller Aufregung vor. Sie hatte soeben herausgefunden, dass bislang keine ihrer Einladungen angekommen war, und Scarlet gab zu, dass es vielleicht sein konnte, dass sie in ihrer Begeisterung über den Eiswagen und das Nusseis nicht so richtig darauf geachtet hatte, in welchen Briefkasten sie die ganzen Umschläge geworfen habe. Es hätte vielleicht statt eines U.S. Mail-Briefkastens auch was anderes sein können…

Joelle raufte die Haare und schickte das Wereichhörnchen los, sie solle gefälligst nachsehen gehen, ehe sie uns alle dann erst einmal formlos mündlich zu der Hochzeit einlud. Wir sollten aber bitte niemanden verhaften oder anknabbern, setzte sie dann noch mit einem Grinsen in Richtung Edward und Totilas hinzu.

Ich bin mal gespannt, ob Scarlet die Hochzeitspost wiederfindet. Falls nicht, wird Joelle die zweite Ladung Briefe per Eilsendung rausschicken müssen, fürchte ich.

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Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 1

07. April. Das war ein grüblerisches Ostern diesmal.

Ich bin zu den Jungs mit dem Problem. Natürlich bin ich zu den Jungs mit dem Problem; alleine schaffe ich das nicht. Und, bless them, sie haben versprochen, dass sie darüber nachdenken werden, ob sie nicht vielleicht den einen oder anderen passenden Kandidaten kennen, den man mal vorsichtig ansprechen könnte.

Außerdem war ich beim Coral Castle – wohlweislich ohne Totilas – und sprach mit den Guardians. Die gepanzerten Geister versicherten mir, dass es durchaus über die Jahrhunderte etliche Freiwillige in ihren Reihen gegeben habe und dass ein solches freiwilliges Opfer die Wirksamkeit des Rituals tatsächlich auf 7 Jahre ausdehnte. Nicht, dass ich Eileen nicht geglaubt hätte, aber das von den Guardians selbst zu hören, war mir doch auch enorm wichtig.

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Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 6

Tja, und da bin ich jetzt also. Wieder zuhause. Einigermaßen ausgeschlafen und ein bisschen erholt. Der Kopf dröhnt mir noch immer, wenn auch nicht mehr ganz so schlimm wie direkt nach dem Kampf.

Und wenn ich mir das so betrachte, war die ganze Aktion ein Fehlschlag auf der ganzen Linie. Und zwar nicht nur ein Fehlschlag, sondern auch rundum unsere eigene Schuld.

Durch unsere Verlegung des Prozesses und die Anwesenheit so vieler Leute auf der Insel haben wir diese noch mehr geschwächt, und geschwächt wurde sie natürlich auch durch die ganzen Kämpfe und Zerstörungen dort. Wenn wir den Prozess nicht dorthin verlegt hätten, hätte Colin auch nicht gewusst, wie man hinkommt. Er hätte weder Adlene den Weg verraten können, noch wäre er selbst dorthin gelangt und hätte das Wasser des Lebens stehlen können. Was erstens die Insel noch viel, viel stärker geschwächt hat als alles andere – Maries einer Schluck damals hatte schon deutliche Auswirkungen; was machen da erst zwei. Verdammte. Kanister?! – und außerdem: Welchen Schaden kann Colin mit dem Inhalt von zwei Kanistern Lebenswasser anrichten? Das bedeutet Jugend und Leben für viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende entweder für sich selbst oder auch für zahllose Menschen! Und ich schätze Colin für skrupellos genug ein, dass er sich einen Dreck um die moralischen Bedenken schert. Solche Fragen wie die Kleinigkeit, welchen Bösewichten er das Wasser überlässt.

Joseph Adlene ist schon mal einer davon, wie sich heute gezeigt hat – als ob wir noch einen weiteren Beweis dafür gebraucht hätten, nachdem Colin ja bereits mit dem Nekromanten weggesegelt war. In der Zeitung fand sich ein Nachruf auf Joseph Morris Adlene, der betrauert werde von seinem einzigen lebenden Verwandten, seinem Neffen Jonathan Adlene. Das Foto dieses „Jonathan“ war eindeutig Adlene selbst, Mitte 20, fit und munter, aber dennoch nicht sonderlich glücklich aussehend. Schlauer Trick, sich selbst zu seinem eigenen Erben zu machen… und ein weiterer Fehlschlag unsererseits. Jetzt ist er wieder jung und gesund, und er weiß, dass wir uns offen gegen ihn gestellt haben.

Und Lady Fire ist zwar jetzt eine Ausgestoßene, aber dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten, wen sie für dieses Ausgestoßensein wohl verantwortlich machen wird. Und als ob eine einzelne, ausgestoßene, mächtige Sommerfee nicht genug wäre, werde ich irgendwie den Verdacht nicht los, dass die ihres Amtes enthobenen Ritter sich nun um sie scharen werden. Denn mit denen war die Lady ja schon während des Turniers ein Herz und eine Seele.

Immerhin haben wir Jugend gerettet. Wir mussten Adlene dafür gehen lassen, und Edward hat die Aufmerksamkeit dieser Dämonin auf sich gezogen, und jede Hoffnung, die ich jemals darauf hatte, Lady Fire doch noch zu versöhnen, kann ich mir jetzt wohl ein für alle Mal abschminken, aber wir haben Jugend gerettet. Der immerhin sowas wie Edwards Bruder ist, wenn man sich es recht überlegt. Und wir haben Antoine freigesprochen bekommen. Aber trotzdem.


Eben hat Yolanda angerufen. Sie will sich im Dora’s mit mir treffen. Sie klang, als sei es wichtig.


Gut, dass das Dora’s der Treffpunkt war. Auf Yolandas Neuigkeiten brauchte ich nämlich erstmal einen Kaffee. Einen starken Kaffee.

Dreimal dürft ihr raten, wen Titania zu ihrer neuen Richterin gemacht hat. Aaaaaaaah!

’Landa nimmt das Ganze erstaunlich gelassen, dem Himmel sei Dank. Aber gut, sie hat ja schon damals bei der Sache mit dem cabrón Kontakt mit dem Übernatürlichen gehabt, auch wenn sie die ganze Episode danach völlig verdrängt hatte. Aber heute Nacht hatte sie einen Traum, in dem Titania sie mit dem Richteramt betraute, und beim Aufwachen fand sie die Halskette des Sommerrichters auf ihrem Nachttisch.

Kein Wunder, dass sie verwirrt war. Aber glücklicherweise erinnerte sie sich nach etwas Anstubsen doch wieder an ihre erste Begegnung mit der Sommerkönigin und nahm das neue Amt dann sogar mit amüsierter Neugier an. Nicht dass sie es hätte ändern können, sie hat den Job jetzt, und so leicht rauskommen wie Roberto wird sie da vermutlich nicht. Mierda! Meine kleine Schwester ist die Letzte, von der ich gewollt hätte, dass sie in den ganzen Feenmist mit reingezogen wird! Nicht, weil ich es ihr nicht zutraue, im Gegenteil, aber an meinen eigenen Erfahrungen der letzten Jahre gemessen, hätte ich ihr das verdammt nochmal lieber erspart.

Aber es half ja alles nichts. Sie hat den Job jetzt, also erklärte ich ihr in groben Grundzügen, was es damit auf sich hat und was für eine mierda gerade am Dampfen ist.

Anschließend rief ich Edward und Ms. Snow an, weil ich fand, ‘Landa müsse die beiden anderen Richter auch so bald wie möglich kennenlernen. Die kamen also auch noch ins Dora’s, und wir hielten Kriegsrat.
Ich wollte mich gerade höflich zurückziehen, weil ich ja nicht zu den Richtern gehöre, da klingelte mein Handy. Es war die Nymphe, Saltanda, die mir fröhlich erklärte, Pan habe gesagt, sie solle mir ausrichten, ich solle jetzt der Verteidiger sein.

Wirklich überrascht war ich nicht, denn ich hätte ja damit rechnen können; Colin war es ja zuvor auch schon gewesen. Überrascht also nicht, aber etwas überrumpelt, also dachte ich nicht nach, und es geschah völlig aus Reflex, dass ich Saltanda für die Nachricht dankte.
Und dann, beim Auflegen, hörte, wie Saltanda fröhlich zwitscherte: „Yay! Er hat Danke gesagt! Dann war es also ein Gefallen!“

Mierda! Wann lernst du es endlich, Alcazár! Ich knirschte mit den Zähnen, gab einen frustrierten Aufschrei von mir und hieb mit der flachen Hand auf die Tischplatte, ehe ich aufsprang und mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand hinter unserer Sitznische hämmerte. Nicht so fest, dass ich mir wehgetan hätte, ganz so neben mir war ich dann doch nicht. Aber es war Ausraster genug, dass meine drei Gesprächspartner mich ziemlich entgeistert anstarrten, als ich mich mit einem verlegenen Räusperer wieder hinsetzte. Und bemerkte, dass meine Handfläche auf dem Tisch einen leicht angesengten Umriss hinterlassen hatte, ungefähr so wie ein Bügeleisen, das zu lange mit der heißen Platte auf der Unterlage gestanden hat.

Ich murmelte eine Entschuldigung und versuchte den Ansatz einer Erklärung, gab es aber ziemlich bald auf, weil alles, was ich sagen konnte, einfach nur albern geklungen hätte. Vor allem gegenüber meiner Schwester und der mir ja beinahe völlig fremden Winterrichterin. Irgendwann in einer ruhigen Minute muss ich aber dringend nochmal mit Edward reden. Ich bin es nicht gewohnt, so… so wütend zu werden. Zumindest nicht, ohne beeinflusst worden zu sein, so wie letztes Jahr am Crater Lake. Wobei… oh mierda. Vielleicht war es ja auch diesmal eine Art Einfluss. Das Amt des Ersten Ritters macht irgendwas mit mir. Nicht mal unbedingt auf magischem Wege, auch wenn ich mir das durchaus vorstellen könnte. Aber allein die Tatsache, dass ich diesen Job jetzt habe und mit mir darüber ins Reine kommen muss. Denn in der Hitze des Gefechts auf der Insel habe ich diesmal völlig vergessen, mein Ritteramt zeitlich zu begrenzen. Ich habe Pan gegenüber zugesagt, das Schwert anzunehmen, und zwar ohne Wenn und ohne Aber und ohne Bedingung. AAAAH! Mierda! Doppelte und dreifache mierda!

Dort im Dora’s jedenfalls muss ich wohl ziemlich bedröppelt dreingeschaut haben, als ich mich wieder hinsetzte, oder mein Ausbruch erschreckender gewesen sein, als ich dachte, denn mit einem Mal stellte Dora unaufgefordert und mit den Worten „hier, auf’s Haus“ einen Cupcake vor mich hin.
Es war letzteres, musste ich dann feststellen, denn etwa zwanzig Minuten später kreuzte Roberto auf, den Dora – die uns inzwischen ja alle kennt und seit unserer Spende zum Wiederaufbau des Lokals auch unsere Nummern hat – angerufen hatte, weil einer seiner Freunde sich so komisch benehme und beruhigt werden müsse. Roberto dachte natürlich erst mal, Edward sei gemeint, und war etwas überrascht, dass der Ausraster auf meine Kappe ging. Mehr Peinlichkeit. Grrrr.

Zum Glück lenkte Edward uns mit der schlauen Idee ab, dass wir Hurricane doch auch noch zu dem Treffen dazu holen könnten, wenn wir schon mal alle hier wären. Zusammen mit dem Ankläger sprachen wir den Fall durch. Dummerweise lag die Beweislage ziemlich eindeutig gegen Sergeant Book, daran konnte ich als Verteidiger so ziemlich gar nichts ändern, auch wenn ich diverse mildernde Umstände anführen konnte. Hurricane machte deutlich, dass ihm vor allem wichtig sei, dass der Kobold nicht völlig unbehelligt davonkomme, und so kamen wir schließlich zu einer Einigung.

Die Verhandlung selbst soll – ein Vorschlag von Yolanda – morgen Abend in einem der Hörsäle an der Uni stattfinden.


Eben heimgekommen. So richtig müde bin ich noch nicht, außerdem gibt es Dinge zu berichten.

Die Verhandlung ging exakt so aus, wie wir das bei unserem Treffen im Dora’s bereits ausgemacht hatten: Der Fall wurde für die neue Richterin des Sommers noch einmal dargelegt. Hurricane führte die belastenden Fakten an, ich nannte die mildernden Umstände. Zeugen wurden keine groß aufgerufen. Die Richter gingen und berieten sich und befanden Sergeant Book in ihrem Urteil dann für schuldig. Daher verhängten sie das Strafmaß, dass der Wyldfae seine Kraft an die Insel der Jugend binden müsse, um diese zu stärken und die erlittene Schwächung wenigstens zum Teil wieder auzugleichen. Außerdem wurde er verpflichtet, von nun an höchstselbst und in Person auf der Insel über diese zu wachen.

Sergeant Book blickte ernst, aber gefasst drein und quittierte das Urteil mit den Worten „das ist fair.“ Dann nahm er, ehe er von je zwei Vertretern des Sommers, des Winters und des Wyld aus dem Saal geführt wurde, noch einmal Edward beiseite. Er erklärte unseren Freund zu seinem Nachfolger als Leiter des SID Miami und deutete auf eine Gruppe von Gnomen, die uns bereits aufgefallen war, weil wir die hier in der Stadt noch nie gesehen hatten und keine Ahnung hatten, wo die plötzlich herkamen und warum sie heute abend hier bei der Gerichtsverhandlung aufgetaucht waren.

Das seien Winterfeen, erklärte Sergeant Book, Frostgnome, und Edward solle bloß ein Auge auf die haben, die klauten wie die Raben. Warum die jetzt plötzlich hier seien? Naja, der Sommer habe in Miami durch die ganze Sache jetzt eine empfindliche Schwächung erlitten, da sei es eigentlich kein Wunder, dass Elemente des Winters sich jetzt hier einnisteten. „Na ganz toll“, knurrte Edward, aber so richtig von Herzen kam sein Gebrumm nicht. Ich glaube, er war etwas überwältigt von der Tatsache, dass Book ihn gerade zu seinem Nachfolger gemacht hatte.

Als die Verhandlung offiziell geschlossen war, klatschte Pan in die Hände: „Zeit für eine Party!“
Roberto kam nicht mit. Der hatte offensichtlich das Bedürfnis, sich nach seiner Entscheidung für Oshun etwas vom Sommerhof fernzuhalten. Was ich ihm absolut nicht verdenken kann. Ich wünschte, ich hätte mich auch absetzen können.

Aber das ging natürlich nicht. Denn da war ja noch die Formalität des Rittereides, den es abzulegen galt, was ich mit ziemlichen Bauchschmerzen hinter mich brachte. Aber immerhin gelang es mir, Pan in diesem Zusammenhang halbwegs ernsthaft und nüchtern zu erwischen und nochmal in Ruhe mit ihm zu reden.

Er freute sich sichtlich, nach all seinem Pech mit den letzten drei Rittern „endlich mal einen kompetenten“ gefunden zu haben, was mir die Sache natürlich nicht gerade leichter machte. Ich nannte ihm aber meine Bedenken, und wir einigten uns darauf, dass ich das Ritteramt so lange nach bestem Wissen und Gewissen ausführen werde, bis ich einen würdigen Ersatz gefunden habe, der dafür mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, geeignet ist als ich. Denn so jemanden wie Colin will ich Pan keinesfalls nochmals aufdrücken – mir ist nur allzu bewusst, dass ich schuld daran bin, dass der Sommerherzog wegen meines Wunsches, bloß schnell wieder aus dem Job rauszukommen, einen derart ungeeigneten Ritter bekommen hat. Glaubt nur nicht, dass ich das nicht weiß, Römer und Patrioten!

Langer Rede kurzer Sinn: Bis auf Weiteres habe ich den verdammten Job. Ich will ihn eigentlich nicht haben, aber jetzt, wo ich ihn habe, werde ich auch mein Bestes tun, ihn gut auszufüllen. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf: Irgendwo muss einfach jemand existieren, der für die Aufgabe ideal geeignet ist.

In dem Gespräch mit Pan führte ich auch an, dass der Sommerhof von Miami ja nun außer Sir Anders über keinerlei Feenritter mehr verfüge, dass der Winter diese Schwächung als Chance für einen Versuch ansehen könnte, mehr Einfluss in der Stadt zu gewinnen, und dass es vielleicht angeraten wäre, sich mit neuen Rittern zu verstärken. Ausgezeichnete Idee, erwiderte Pan, kümmere dich darum! Haha. A-hahaha! Sagte ich bereits, dass ich diesen Job nicht haben will?

Meine Gefallensschulden bei Saltanda habe ich übrigens auch noch bezahlt. Indem ich mit ihr tanzte, wohlgemerkt, ehe hier falsche Ideen aufkommen! Das arme Mädchen war sichtlich enttäuscht und schien sich zu fragen, was mit ihr nicht stimmt, dass ich nicht noch ein paar unkomplizierte Stunden mit ihr verbringen wollte. Aber genau das ist es ja gerade. Ich weiß, für sie wäre es vollkommen unkompliziert und der absolute Inbegriff von „no strings attached“, aber für mich hängt zu viel daran. Zu viel Erinnerung an diesen einen Fehler. Von dem ich ja sogar weiß, dass er natürlich nur der direkte Auslöser, nicht die eigentliche Ursache war. Aber trotzdem. Es ging einfach nicht.


Die Neuigkeit des Tages: Edwards Beförderung ist durch!

Sergeant Book hatte wohl offensichtlich schon damit gerechnet, dass das Verfahren nicht mit einem Freispruch für ihn enden würde, denn er hatte bei der Polizei ein Schreiben hinterlassen, mit dem er seinen Posten dort unter Angabe von Burnout als Grund für den Rücktritt offiziell niederlegte. In dem Schreiben empfahl er Edward als seinen Nachfolger, und angesichts von Books Verdiensten um das Department in den letzten Jahren konnte man sich weiter oben dieser Empfehlung wohl nicht widersetzen.

Also ist Edward seit heute offiziell Leiter des SID Miami, was mit einer kräftigen Gehaltserhöhung und einer Beförderung zum Lieutenant einhergeht. (Book hätte der Rang des Lieutenant wohl ebenfalls zugestanden, aber der alte Kobold hat sich anscheinend immer geweigert. Und die Stadt hat sich natürlich gehütet, ihn zu etwas zu zwingen, was höhere Ausgaben im städtischen Haushalt bedeutet hätte.)

Oh, und ich habe Eileen Fabray kontaktiert. Die ehemalige Erste Ritterin hatte ich ja damals bei der Sache mit dem cabrón schon kennengelernt, und gestern habe ich einfach mal bei ihr angerufen. Von ihr weiß ich immerhin, dass sie etliche Jahre lang eine gute Ritterin war, und ich habe sie unumwunden um Rat und Hilfe gebeten. Am Wochenende wollen wir uns treffen.


Aaaaah! Sagte ich schon, dass ich diesen elenden Job nicht haben will?

Das Treffen mit Eileen war sehr nett und die alte Dame echt hilfreich. Wir haben uns lange unterhalten, über die Ritterpflichten und -aufgaben und wie man Pan im Zaum hält (Eileens guter Tip: ein für alle Mal klarstellen, dass man nicht mit ihm schlafen wird, sonst kommt er garantiert auf die Idee, das gehöre zum Stellenprofil. Nicht, dass das für mich ein großes Problem werden wird, ich fühle mich für gewöhnlich nur von Frauen angezogen, aber gut zu wissen.)

Eileen hat mich auch dahingehend beruhigt, dass man als Erster Ritter nicht ständig um Pan herumscharwenzeln und sich dauernd in seinem Palast aufhalten muss, sondern durchaus sein eigenes Leben führen kann. Natürlich gibt es bestimmte Tage und Zeiten – der Spring Break zum Beispiel –, an denen man als Ritter definitiv für den Sommer unterwegs sein wird und sich nicht um seine Familie kümmern kann… aber das war ja in den letzten vier Jahren ohne das Ritteramt auch nicht groß anders.

Außerdem hat Eileen sich bereiterklärt, mir ein wenig Unterricht im Schwertkampf zu geben. Ja, sie ist Mitte sechzig und nicht mehr so schnell auf den Füßen, wie sie es zu ihren Ritterzeiten war, aber um mir Kacknoob, um mal in Gamersprache zu reden, die Grundlagen beizubringen, wird es schon noch reichen. Die erste Stunde jedenfalls war schon mal sehr nützlich – wenn auch anstrengend. Ich halte mich ja eigentlich nicht für vollkommen unsportlich, aber das war doch nochmal was ganz anderes. Aber es hat auch Spaß gemacht, und ich freue mich schon auf die nächste Lektion.

Aber – und das ist der Grund für den frustrierten Aufschrei im ersten Satz – Eileen hat mich auch an etwas erinnert, an das ich eigentlich von selbst hätte denken müssen, das ich aber bislang erfolgreich verdrängt hatte.

Padre en el cielo, ayudame, zur Sommersonnenwende ist ja wieder das Ritual fällig, mit dem die jährlichen Opfer an das Coral Castle gebunden werden. Und natürlich ist der Erste Ritter dafür verantwortlich, die Opfer zu beschaffen. Nein, verdammt! Ich werde nicht, wiederhole nicht!, Teil eines solchen geplanten Mordes werden, auch wenn Eileen sagte, dass es ganz, ganz üble Konsequenzen habe, wenn das Ritual ausfalle. Sie habe sich nämlich anfangs auch geweigert, und das Ergebnis sei… sie wollte nicht aussprechen, was genau das Ergebnis war. Aber egal. Nein. Nein, nein, nein!

Ein kleiner Hoffnungsschimmer besteht darin, dass Eileen erklärte, wenn man Freiwillige fände, die sich in vollem Wissen und Bewusstsein auf dieses Schicksal einließen, dann „halte“ das Ritual für die nächsten sieben Jahre, und nicht nur für ein Jahr, wie das bei unfreiwilligen Opfern der Fall ist. Bitte, bitte, bitte, santísima Madre, hilf mir dabei, Freiwillige zu finden. Sonst… sonst muss ich irgendwie aus diesem Amt raus, ehe ich es wirklich angetreten habe. Aaaaaaaaah!

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Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 5

Es war das Kriegshorn des Sommers, das da geblasen worden war. So sagte jedenfalls Pan, völlig erstaunt, und wollte Colin losschicken, um nachzusehen, was da los war. Aber Colin war nirgends zu sehen. Sir Kieran ebensowenig, denn den hatte der Sommerherzog ja schon zuvor auf die Suche nach den anderen Rittern geschickt.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, aber später erzählt bekam, war, dass Totilas, der Kieran gefolgt war, den Ritter dabei beobachtete, wie er im Wald mit Sir Anders sprach. Dieser hatte eine ziemlich unglückliche Miene aufgesetzt, und es fielen die Worte „noch nicht“. Totilas beobachtete die beiden weiter, und irgendwann stießen Edward und Roberto zu ihm.

Das war so ungefähr der Moment, in dem die beiden Fae mit den anderen Sommerrittern zusammentrafen und einer von ihnen das Kriegshorn des Sommers blies. Das war das Angriffssignal, mit dem ein heftiger Kampf zwischen den Sommerrittern und den Wyldfae ausbrach.

Ich selbst hatte mich ja gerade auf die Suche nach Jugend machen wollen, als das Horn ertönt war. Ich wusste zwar nicht genau, was das bedeutete, aber etwas Gutes konnte es nicht sein, also war es nur um so dringender, dass ich Jugend fand. Und das tat ich – auf einer kleinen Lichtung tief im Wald, die völlig offensichtlich als Ritualplatz diente. Inmitten eines Kreises aus hoch aufloderndem Feuer befanden sich das Baumkind, Marie Parsen, Sir Kierans Freundin Edelia Calderón… und Lady Fire. War ja klar. Außerhalb des Kreises hielten zwei Satyre Wache.

Edelia Calderón und Lady Fire waren dabei, irgendeine Santería- und Feen-Magie durchzuführen, soviel stand auf den ersten Blick fest. Weder Jugend noch Marie sahen so aus, als könnten oder dürften sie sich bewegen. Edelia wirkte hochkonzentriert. Schweißperlen standen ihr ebenso auf der Stirn wie Mrs. Parsen, und Flammen umzüngelten Lady Fire. Jugend sah irgendwie größer aus, älter, und an seiner Borke waren Blätter und Blüten gesprossen. Was auch immer sie da machten, sah ziemlich… rabiat aus, als würden der Natur mit Gewalt etwas entreißen, was so eigentlich nicht sein sollte.

Ich musste das Ritual irgendwie unterbinden. Aber durch den Flammenkreis würde ich nicht kommen, keine Chance, und die zwei Satyre sahen auch nicht so aus, als würden sie das zulassen. Die standen immerhin nicht umsonst da Wache.

Die beiden wurde ich aber wenigstens los, indem ich ihnen glaubhaft machen konnte, dass der Hornklang, den sie vorhin gehört hatten, das Kriegshorn des Sommers gewesen sei, und das Pan sie dringend brauche. Daraufhin zogen die Satyre ab, was an meinem eigentlichen Problem, dem Unterbrechen des Rituals nämlich, aber dummerweise nichts änderte. Ich versuchte es mit einem in den Ritualkreis geworfenen Stein, um Edelia abzulenken und hoffentlich zu unterbrechen, aber ich traf sie nicht, und sie wirkte auch so konzentriert, dass selbst ein Treffer sie vermutlich nicht aus der Fassung gebracht hätte.

Das brachte so nichts. Ich hatte eine Ahnung, ob sie in den nächsten Minuten damit fertig werden würde oder nicht, aber das Risiko musste ich eingehen. Alleine konnte ich hier nichts ausrichten, also rannte ich los, um die anderen zu suchen.

Meine drei Freunde hatten derweil dem Kampf zwischen Sommer und Wyld nicht lange zugesehen, sondern sehr bald selbst in die Auseinandersetzung eingegriffen. Totilas und Edward, indem sie kräftig auf Seiten des Wyld mitmischten, während Roberto, als Vertreter des Sommers und vor allem in seiner Funktion als Richter, Sir Anders zur Rede stellte, was um alles in der Welt hier los sei. Sir Anders wirkte noch immer mit der Gesamtsituation eher unzufrieden, gab aber seinem Richter bereitwillig (wenngleich etwas ungeduldig) Auskunft. Lady Fire führe mit Hilfe der Santería-Magierin ein Sommer-Ritual durch, um die Insel der Jugend ein für alle Mal an den Sommer zu binden. Die Verantwortung für etwas so Wichtiges gehöre in die Hände des Sommers, nicht des fahrlässigen Wyld. Das habe Books Versagen beim Schutz der Insel ja gezeigt. Die Idee dafür sei von Sir Kieran ausgegangen, der die übrigen Ritter von der Wichtigkeit des Plans überzeugt habe.

Auch wenn Sir Anders vielleicht mit dem Plan nicht hundertprozentig glücklich war, seinen Kampfgefährten beispringen wollte er doch allemal, und so stürzte er sich wieder in den Kampf, sobald Roberto ihn entließ. Es gab Verletzte – auch Tote, fürchte ich – auf beiden Seiten, aber letztendlich gingen die Wyld erfolgreich aus der Auseinandersetzung hervor.

Etwa zu dem Zeitpunkt stieß ich wieder zu den Jungs. Ich berichtete in aller Eile, was ich auf dem Ritualplatz gesehen hatte, die drei erzählten mir, was hier abgegangen war, und wir beschlossen, dass wir Alex brauchten. Also zogen wir gemeinsam zum Zentrum der Insel – wo wir unseren Freund reglos und in einer Art Trance gefangen vorfanden. Die beiden anderen Wächter des Brunnens, unser Trollfreund Bob sowie eine Seehexe, die Sergeant Book vor Beginn der Verhandlung hierher abkommandiert hatte, sahen genauso aus. Nur mühsam konnten wir Alex und die beiden Wyldfae aus ihrer Trance befreien. Colin sei es gewesen, berichtete Alex, sobald er wieder sprechen konnte. Der sei auf die Lichtung gekommen und habe kurz gestutzt. Dann habe er mit einem Achselzucken gesagt: “Schade, dich mochte ich irgendwie” und irgendwas gezaubert, woraufhin Alex sich nicht mehr bewegen konnte. Sehen und hören, was um ihn herum vorging, konnte er aber noch, und so bekam er mit, wie Colin zwei große Kanister mit dem Wasser des Lebens füllte und dann pfeifend wieder verschwand.

Das Ritual, Kierans Machenschaften und Colins Verrat, das war alles zu groß für uns, irgendwie. Davon die anderen Anwesenden erfahren, und zwar schleunigst!

Doch als wir am Strand ankamen, sahen wir, dass wir noch ganz, ganz andere Probleme hatten. Da kamen nämlich gerade drei Schiffe auf die Insel zugesegelt. Noch waren sie nicht sonderlich nah, aber nah genug, dass wir sehen konnten, dass Joseph Adlene im Bug des vordersten Schiffes stand… und dass er eine ganze Armee von Toten bei sich hatte…

Oder genauer gesagt, Joseph Adlene stand im Heck des vordersten Schiffes. Die segelten nämlich rückwärts. Wie man es ja muss, um überhaupt zur Insel des Sommers gelangen zu können. Links von ihm stand der Dämon Jack (brrrrrr!), rechts von ihm… wie beschreibe ich das. Eine Gestalt. Soviel ist unbestritten.

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Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 4

Römer und Patrioten, das Nevernever ist ja noch seltsamer, als ich dachte. Aber hey, George ist involviert. Also sollte ich mich eigentlich nicht wundern, dass komische Dinge mit Träumen passieren. Und es hätte schlimmer sein können, wenn ich ehrlich bin. Auch wenn ich heute eine Seite an George gesehen habe, die mir gar nicht gefällt.

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