Miami Files

Dog Days

Case File: Nerdheimer Investigations

Es war einfach zu heiß in Miami.
Wir hatten natürlich eine Klimaanlage im Büro von O’Toole Investigations, aber die war mal wieder kaputt. Ich hätte das alte Ding vermutlich sogar reparieren können, aber Ximena meinte, sie hätte „Alex“ schon Bescheid gesagt und ich solle halt warten. Allerdings ließ sich „Alex“ Zeit. Vermutlich war es ihm oder ihr gerade auch zu warm.
Also hatte ich meine Füße gerade in einen Bottich voller Eiswasser gehängt, als ein Kunde vorsichtig durch die Tür in unser Büro hinein lugte. Er erschrak ein bisschen, als er mich sah.
„Entschuldigung“, murmelte er nervös. „Ich glaube, ich habe die falsche Tür erwischt… ich wollte zu O’Toole Investigations.“ Zweifelnd blickte er zwischen dem Schriftzug an der Tür und mir hin und her. Er war ein unauffälliger Asiate, der trotz der Hitze einen Anzug trug.
Ich sprang auf und lächelte ihn strahlend an. Reflexartig lächelte er zurück.
„Bitte, kommen Sie doch herein, Sie sind hier vollkommen richtig“, sagte ich freundlich und winkte ihn näher. „Ich bin Ximena O’Tooles Assistent, mein Name ist Bjarki. Was können wir für Sie tun?“ Eigentlich war ich Ximenas Partner, aber wir hatten beschlossen, meinen Namen lieber nicht auf das Schild zu schreiben.
„Miss O’Toole ist nicht hier?“, fragte der Asiate zögernd. Das war ja auch verständlich: Ich trug Hawaii-Shorts mit Marvel-Motiven und ein geekiges T-Shirt mit einem kindlichen Hulk, der versicherte, er wolle nur kuscheln. Das T-Shirt sah ein bisschen zu groß aus, aber das lag daran, dass amerikanische XXXXL-T-Shirts eher für kurze breite Amerikaner gedacht waren als für große schlaksige Isländer. Außerdem sehe ich jünger aus, als ich bin.
Dazu kam, dass unser Büro ein Teil des einzigen großen Wohnzimmers in Ximenas Haus war. Das heißt, rechts neben dem Büro mit Computer (funktioniert nicht), Telefon (funktioniert manchmal) und wichtig aussehenden Aktenschränken liegt die Sofaecke mit der ritualgesicherten Playstation, dem mystisch abgeschirmten Fernseher und überquellenden Bücherschränken voller Nerdkram. Wir wollten schon länger mal einen Vorhang zwischen Büro und Wohnzimmer hängen… angeblich hatte Ximena „Alex“ deswegen bereits gefragt.
Ich bemühte mich, trotz meines Aufzugs und des generellen Zustands unseres Büros einen halbwegs seriösen Eindruck zu erwecken.
„Nein, Miss O‘Toole ist gerade extern unterwegs“, sagte ich. „Bitte, nehmen Sie doch Platz und erzählen Sie mir schon mal, worum es geht.“ Hastig räumte ich ein X-Man-Heft und ein Faurelia-Regelwerk von unserem Besucherstuhl. Vielleicht sollten wir uns in „Nerdheimer Investigations“ umbenennen.
Unser neuer Kunde musterte den Stuhl skeptisch, fand aber nichts daran auszusetzen und setzte sich behutsam hin.
„Nun“, fing er an, „Mein Name ist Allan Noburi, und… nun, unser Hund ist weg.“
Oh, gut. Hunde und Katzen zu finden war mit Ximenas und meinen Fähigkeiten extrem einfach. Ich nickte ermunternd, und Noburi fuhr fort: „Sie müssen verstehen, Mr.… Barney?“
„Bjarki“, sagte ich. „Einfach nur Bjarki.“
„Nun, äh… jedenfalls. Unser Hund würde nie einfach so weglaufen.“ Nervös rang er die Hände. „Wir haben ihn schon seit vier Jahren, und gut, er ist nicht immer… da, aber wir haben sein Halsband gefunden, und es war durchgeschnitten.“
„Okay, Mr. Noburi, keine Sorge“, sagte ich. „Mit verschwundenen Hunden kennen wir uns aus. Haben Sie ein Bild Ihres Hundes dabei?“
„Nein“, Noburi schüttelte betrübt den Kopf. Kein Foto? Im 21. Jahrhundert? Klang nach einem interessanten Hund.
„Das macht nichts“, versicherte ich ihm. „Wir finden ihn auch so. Hat er irgendwelche besonderen Kennzeichen?“
Noburi starrte auf seine Hände. „Ja… Sie werden mich für verrückt halten.“
Stumm deutete ich auf das Schild über dem Eingang. Dort stand in drei Sprachen – Englisch, Spanisch und Isländisch – geschrieben: „Wir halten Sie nicht für verrückt!“
„Also gut… unser Hund… also Cheshire… eristmanchmalunsichtbar.“ Das letzte hatte Noburi in einem Wortschwall hervorgestoßen.
Ich machte mir eine Notiz. Ich fand, das war jetzt angemessen.
„Hm… unsichtbar, alles klar“, sagte ich zuversichtlich. „Ich glaube, Sie sind hier genau richtig.“


Eine halbe Stunde, nachdem Noburi gegangen war, hörte ich Ximenas Auto vorfahren. Das ist nicht weiter schwierig: Ihr Auto ist unglaublich alt und macht unglaublich viel Krach. Dafür geht es seltener kaputt. Behauptet zumindest Ximena.
Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits verwandelt und ein kurzes Bad in dem verbleibenden Eiswasser genommen. Als Golden Retriever hatte ich bei diesem Wetter keinen großen Spaß. Immerhin war mein Fell zehn Minuten nach dem Bad schon fast wieder trocken. Aufmerksam setzte ich mich in die Mitte des Raums, sodass Ximena mich sofort sehen musste, und legte eine Pfote auf den Brief, in dem ich ihr die Sache mit dem unsichtbaren Hund geschildert hatte. Außerdem stand darin, wo Cheshire zuletzt gesehen wurde, und dass ich, Bjarki, einen ganz großartigen Spürhund kennen würde und jetzt dringend wegmüsste. Dass ich selbst der Spürhund war, erwähnte ich nicht.
Die Tür öffnete sich mit Schwung. Als erstes kam ein bellendes weißes Fellknäuel in den Raum geschossen, das ich nicht kannte.
„Hallo, hier bin ich, das ist jetzt alles meins, ich bin jetzt hier“, verkündete der fluffige Spitz, bemerkte mich dann und fing an, um mich herum zu hüpfen.
„Ich bin jetzt auch hier, wer bist denn du, du bist zwar größer, aber ich bin fast ein Wolf, wer bist denn du, ich bin jetzt auch hier!“, bellte er hektisch und ohne auch nur einmal Luft zu holen.
Ximena war mittlerweile auch hineingekommen. Ich bemühte mich, einen würdevollen Eindruck zu machen – schließlich kannten wir uns nicht. Sie blieb verdutzt stehen und starrte mich einen Moment lang an.
„Und wer zum Chupacabra bist du?“, fragte sie schließlich. Das Fellknäuel schien ihr Misstrauen zu spüren und bellte laut: „Wehe, du willst der Menschin was tun! Das ist zwar nicht meine Menschin, aber ich beschütze sie! Tu ihr ja nichts!“
„Halt mal die Klappe“, sagte ich zu dem aufgeregten Kleinhund und schob gleichzeitig Ximena den Brief mit der Pfote hin. Sie bückte sie und hob ihn vorsichtig auf.
„Schneeball, hör auf mit dem Gekläff, sagte sie abwesend und entzündete eine kleine blaue Flamme in ihrer Hand, mit der sie den Brief aufsengte.
Oh, habe ich vergessen, zu erwähnen, dass Ximena eine Magierin ist? Ist sie. So richtig, mit Feuerbällen und Unsichtbarkeit und allem. Stand früher auch so auf ihrer Visitenkarte, aber mittlerweile versuchen wir, ein bisschen subtiler vorzugehen.
Ich habe Ximena vor ein paar Wochen auf einer Hochzeitsfeier in Sunny Places kennengelernt. Sunny Places ist eine sehr coole Hippiekommune voller nicht so ganz normaler Leute, in der ich wohne, seit ich in Miami angekommen bin. Vorher war ich eine Weile in Barcelona, bin dann ein bisschen durch Südamerika getingelt und schließlich in Florida gelandet.
Auf der Feier haben Ximena und ich uns über Assassin’s Creed unterhalten, sie hat geklagt, dass ihre Playstation dauernd abstürzt, weil sie Magierin ist, wir haben Dope geraucht, miteinander geschlafen und irgendwann zwischendrin beschlossen, eine Detektei zu gründen. Seither läuft das Geschäft eigentlich erstaunlich gut, wenn man bedenkt, dass wir beide keine wahnsinnig arbeitswütigen Leute sind. Ximenas Magie ist ziemlich hilfreich, und meine Fähigkeiten auch, obwohl ich Ximena noch nicht so richtig erklärt hatte, was ich eigentlich konnte. Die wusste nur, dass ich ein nordischer Halbgott war und mein Vater keinen so richtig guten Ruf hatte.
Während Ximena meinen Brief las, stellte ich dem Schneeball, der immer noch um mich herumsprang und mir erklärte, er wäre jetzt auch hier, eine Pfote auf den Rücken und drückte ihn nach unten.
„Sei bitte mal still“, sagte ich streng. „Die Menschin will das Blatt angucken. Stör sie nicht dabei.“
Der Spitz wand sich wieder frei, hörte aber auf, wild zu bellen.
„Mir ist warm“, hechelte er etwas weniger aufgedreht. „Und ich hab Durst.“
Armer Kleiner, der hatte auch nicht viel weniger Fell als ich. „Da ist eine Wanne mit Wasser“, ich stupste ihn in die Richtung und er sprang prompt rein und fing an, im Wasser zu planschen.
Mittlerweile war Ximena fertig. „Du bist also Mungo Bohnenkeimling?“, fragte sie. Ich nickte würdevoll.
„Und du kannst Spuren lesen?“ Ich nickte wieder.
Sie runzelte die Stirn. „Das sieht aus, als würdest du nicken… verstehst du mich?“
„Natürlich“, antwortete ich auf Englisch. Nur, um ihr Gesicht zu sehen.
Sie ließ vor Überraschung erst den Brief und dann ihre Kinnlade fallen, erholte sich aber ziemlich schnell wieder.
„Du kannst reden. Alles klar“, murmelte sie. „Du kannst doch reden, oder hab ich mir das gerade nur eingebildet?“
Ich legte den Kopf schief und musterte sie kritisch. Mungo kann exzellent kritisch gucken.
„In der Tat kann ich mit Ihnen sprechen“, sagte ich schließlich, gerade als sie anfing, ein bisschen nervös zu werden.
Ximena starrte mich an. „Du klingst britisch“, sagte sie mit anklagendem Unterton.
„Das höre ich öfter“, gab ich zurück. „Vielen Dank.“ Ich konnte noch gar nicht so lange in Tiergestalt sprechen, aber Mungo hatte sich vom ersten Tag an angehört wie Jarvis aus der Serie Agent Carter. Keine Ahnung, woher das kam. Bjarki – also, der Mensch – also, ich – sprach Englisch mit einem leichten isländischen Akzent. Pedro, meine Katzengestalt, hingegen klang wie der Gestiefelte Kater aus Shrek. Ja, ich fand das auch merkwürdig.
„Okay, fein.“ Ximena gab sich einen Ruck. „Jetzt habe ich einen sprechenden Hund, einen bellenden Hund und suche einen unsichtbaren Hund… Schneeball, komm da raus, du bist ja klatschnass.“
„Du sollst aus der Wanne kommen“, übersetzte ich.
Mit einem Satz sprang der nasse Spitz aus der Wanne. Immerhin bestand der Kleine nicht nur aus Haaren – trotzdem war er ungefähr auf die Hälfte geschrumpft.
„Was machen wir jetzt?“, wollte er wissen. „Ich helfe auch!“ Er schüttelte sich. Das war eigentlich ganz angenehm, das Wasser war immer noch kühl. Kühler als der Rest des Büros jedenfalls.
„Wir suchen einen anderen Hund“, erklärte ich ihm.
„Oh, das kann ich! Suchen ist toll! Machen wir ein Ritual? Mein Mensch würde jetzt ein Ritual machen!“
Großartig. Ein hyperaktiver Spitz, der sich mit Ritualen auskannte. Ich informierte Ximena lieber nicht darüber. Wir hatten ohnehin weder Haare noch sonst etwas von Cheshire – ansonsten hätten wir ja auch Mungo nicht gebraucht.
„Ich hole noch ein paar Sachen“, erklärte Ximena, „Und dann fahren wir los und suchen nach dem unsichtbaren Vieh… pass auf, dass Schneeball nicht noch mal in den Wassertrog springt, ich will nicht, dass das ganze Auto nach nassem Hund riecht.“
„Gewiss“, versicherte ich ihr und meinte zu Schneeball: „Wenn du mitwillst, musst du trocken sein.“
„Alles klar“, bellte der Kleine, schüttelte sich noch mal und fing an, im Zimmer herum zu sausen, um schneller trocken zu werden.
Ich seufzte. Das versprach, ein ganz außerordentlicher Nachmittag zu werden.


Es war nicht weiter schwierig, Cheshires Spur aufzunehmen. Der Hund war zwar schon seit zwei Tagen weg, aber es hatte nicht geregnet und es war so heiß, dass nicht viele Leute unterwegs waren. Die Spur endete zunächst bei einem Lieferwagen, aber Mungo Bohnenkeimling war nicht nur ein Hund, sondern auch noch ein Detektiv – quasi ein pelziger Sherlock Holmes. Er roch beim Lieferwagen schwache Spuren nach Bratfett, nach Motoröl und nach Fisch – und zwar nicht nach irgendeinem Fisch, sondern nach frischem Mahi Mahi. Es gab nicht allzu viele Stellen in Miami, an denen frischer Fangfisch in größeren Mengen entladen wurde, also mussten wir zum Hafen.
Dort fanden wir bei einer fettigen Fish&Chips-Bude die Spur wieder und folgten ihr zu einem alten Jeep, der Motoröl leckte und vor einem großen Lagerhaus stand. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber es war immer noch viel zu heiß und stickig.
„Hier riecht es aber interessant“, verkündete Schneeball aufgeregt. „Ich rieche den Hund nicht, aber andere Sachen… Katzen!“
Ich schnappte ihn am Nackenfell, bevor er wild bellend losrennen konnte. Ja, es roch vage nach Katzen. Oder Löwen. Oder Tigern. Oder Bären, oh weh.
„Bleib da“, meinte ich zu ihm. „Wir müssen jetzt leise sein.“
Ximena, die uns nicht verstand, sagte: „Bleibt mal zusammen… muss ich euch anleinen?“
Meine Ohren stellten sich empört auf. „Miss O’Toole, ich finde Sie sehr sympathisch, aber anleinen lasse ich mich nicht!“ Dabei ließ ich den Schneeball fallen, der meine Haltung sofort nachahmte. „Für das laute Fellknäuel kann ich jedoch nicht garantieren.“
„Okay, okay“, sagte Ximena und leinte Schneeball an. „Keine Extratouren, ja?“
Ich nickte, und Ximena konzentrierte sich kurz. Dann legte sie eine Hand vors Gesicht und flüsterte „Usynlig“. Sie hatte irgendwann mal beschlossen, ihre Zauber auf Norwegisch zu sprechen, unter der Prämisse, dass sie diese Sprache sonst nicht benutzen würde. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihren Kauderwelsch als Norwegisch identifizieren konnte – ihre Aussprache ist nicht mal ansatzweise korrekt.
Ein Schleier legte sich über uns wie ein sehr durchsichtiges Bettlaken. Ich kannte das schon, aber Schneeballs Fell sträubte sich und er knurrte den Schleier leise an.
„Psst“, machte ich zu ihm, obwohl er gar nicht so laut war. „So kann uns niemand sehen, aber du musst unter dem Schleier bleiben!“
Schneeball nieste. „Ich bleibe unter dem Schleier!“, versprach er und lief Ximena prompt zwischen die Füße. Sie stolperte, blieb aber auf den Beinen und schob das Fellknäuel unwillig weg.
Im Schatten der Lagerhalle lungerten zwei junge Männer herum. Sie trugen Westen mit dem Logo der Santo Shango, waren reichlich tätowiert und beiläufig bewaffnet. Im Moment lehnten sie aber nur an der Wand, der eine trank Bier, der andere tippte auf seinem Smartphone herum. Sie bemerkten uns nicht, als wir unsichtbar an ihnen vorbei schlichen. Die Tür zum Lagerhaus war nicht abgeschlossen, und aus der Halle schlug uns ein betäubender Tiergeruch entgegen: Ich roch mehrere Hunde, ein paar Katzen oder etwas ähnliches, einen Bären, ein Krokodil, etwas Schlangenartiges und… war war das? Eine Giraffe?
Wir huschten zu dritt in die Halle hinein. Schneeball murmelte die ganze Zeit nervös „Das ist alles meins, ich bin fast ein Wolf, ich habe keine Angst!“, aber glücklicherweise fing er nicht an, zu bellen.
Die Lagerhalle war groß und dunkel. An der hinteren Wand standen einige Käfige, aus denen das Geruchsbouquet drang. Leise bewegten wir uns nach hinten. Mit Ausnahme der Gefangenen waren wir in der Halle allein.
Die Tiere in den Käfigen gaben keinerlei Geräusche von sich, obwohl sie bei Bewusstsein waren. Sie starrten uns nur aufmerksam an. Das war relativ unheimlich, und ich hätte fast in Schneeballs „Ich habe gar keine Angst“-Gemurmel eingestimmt.
In einem der Käfige entdeckte ich Cheshire, den ich am Geruch erkannte. Unsichtbar war er im Moment nicht; nur ein mittelgroßer, muskulöser Hund mit krummen Beinen und platter Nase. Im Käfig neben ihm saß eine bildhübsche Pudeldame, und daneben folgte ein winziger Hund, der ansonsten aussah wie eine Dogge. Nur halt nicht mehr als 15 Zentimeter groß.
In dem letzten kleinen Käfig saß eine weibliche Katze, deren Fell seltsam gemustert war. Ich dachte, dass das vielleicht Buchstaben waren, aber Mungo konnte nicht so gut lesen.
Rechts davon standen einige größere Käfige: In einem davon saß eine riesige Mischung aus Löwe und Tiger, in einem anderen ein schwarzer Eisbär mit fast blau schimmerndem Fell. Daneben lag ein unglückliches aussehendes Krokodil.
Links von den kleinen Käfigen stand noch ein merkwürdiges Gebilde, um das sich zwei Schlangen gewunden hatten wie Kletterranken. Und ein Gehege mit einer leibhaftigen Giraffe.
„Entschuldigung“, sprach ich schließlich Cheshire an. „Sir, ich glaube, wir suchen Sie.“ Der muskulöse Hund drehte seinen Kopf mühsam in meine Richtung, verzog aber keine Miene und machte kein Geräusch.
„Ich fürchte, die Gefangenen sind verzaubert“, sagte ich zu Ximena. Die nickte nur.
„Überrascht mich nicht“, gab sie zurück. „Die würden doch sonst einen Riesenradau machen… ich frag mich, was die Santo Shango mit den Viechern wollen.“
Darauf hatte ich auch keine Antwort. Ich wusste, dass die Gang mit Drogen und Waffen handelte, aber mit magischen Wesen?
Ximena setzte sich auf eine der Kisten, die neben den Käfigen stand.
„Ich denke, wir sollten eine Weile warten“, sagte sie. „Vielleicht taucht noch jemand auf, den wir befragen können.“
„Möglicherweise könnten wir einen der Wächter draußen zur Rede stellen?“, schlug ich vor, aber Ximena schüttelte den Kopf.
„Die sind zu zweit, und manche von den Santo Shangos können mehr als gewöhnliche Gangster… da kann zu viel schiefgehen. Wir warten erst mal ab.“
Immerhin war die Halle klimatisiert, also protestierte ich nicht weiter und legte mich auf die Lauer. Schneeball lehnte sich eng neben mich und erklärte mir noch einmal, dass er echt keine Angst hätte. Ximena vertrieb sich die Zeit damit, mich oder ihn hinter den Ohren oder im Fell zu kraulen. Das ist einfach das Beste am Hund-Sein überhaupt: Alle möglichen Leute kraulen einen. Einfach so. Großartig!
Nach drei oder vier Stunden tat sich schließlich etwas. Die Tür ging auf, und eine Gruppe Männer kam herein: Drei weitere Santo-Shango-Jungs mit tätowierten Muskeln, ein sehr blasser Latino, der nach Vampir vom Roten Hof roch, und ein gutaussehender dunkelhäutiger Mann in einem eleganten hellgrauen Anzug. Allerdings roch er überhaupt nicht wie ein Mensch, sondern nach Erde und heißem Metall.
Der Dunkelhäutige sprach gerade mit dem Vampir, als sie näherkamen.
„Wir haben schon neun Kreaturen“, sagte er ungehalten. „Bis übermorgen haben wir den Rest.“
Der Vampir schaute ihn aus schmalen Augen an. „Das wäre auch besser so, Mr. Dahl. Wir brauchen dreizehn. Haben Sie schon mit der Extraktion angefangen?“
Dahl wirkte nicht sehr beeindruckt. „Sie bekommen die magische Essenz zum vereinbarten Zeitpunkt, Mr. Gomez. Ich halte meine Versprechen. Ich hoffe, Sie Ihre auch.“
Gomez schnaubte. „Natürlich“, sagte er. „Dann sehen wir uns übermorgen um Mitternacht zur Übergabe.“ Ohne eine Antwort abzuwarten drehte er sich um und verließ die Lagerhalle.
„Bei allen Drachen Utgards“, fluchte Dahl, als der Vampir außer Hörreichweite war. „Wir brauchen mehr Kreaturen… wo sind die anderen Teams?“
„Unterwegs“, antwortete einer der Santo Shangos. „Cardia ist mit seinem Team in den Everglades, Valdez ist nach Lauderdale unterwegs und Maquiades ist mit ihren Leuten auf Tauchgang gegangen. Wir schaffen das, Boss. Kein Problem.“
Dahl wirkte nicht sehr beruhigt. „Wir müssen uns beeilen“, sagte er, „die Extraktion kostet auch Zeit.“
Die Männer diskutierten weiter, wo sie noch mehr Kreaturen auftreiben könnten, als sie die Halle verließen.
„Verdammt“, sagte Ximena leise. „Sieht so aus, als wüssten wir jetzt, was die mit den Tieren wollen. Wir können nicht einfach nur Cheshire befreien und den Rest hierlassen.“
„Das befürchte ich auch“, stimmte ich ihr zu. „Ich würde die anderen Gefangenen ungern dieser… Extraktion aussetzen. Das klingt nach einem recht unangenehmen Prozess.“
„Wahrscheinlich wollen sie die magische Essenz extrahieren“, sagte Ximena. „Ich habe davon gelesen – normalerweise überlegt das Opfer so eine Extraktion nicht.“
Ich schüttelte mich. Ich wusste nicht genau, ob Bjarki sich als magische Kreatur qualifizierte, aber Mungo tat es mit Sicherheit.
„Erst mal alle nach Hause, würde ich sagen“, meinte Ximena. „Wir brauchen einen Plan, und zwar einen guten.“


Am übernächsten Tag hatten wir einen Plan. Er war ein bisschen kompliziert, und wir brauchten den Schneeball dafür (und einen Drachen), aber Ximena war zuversichtlich, dass das klappen würde. Glücklicherweise war Schneeballs Mensch immer noch irgendwo unterwegs, und der Sommermensch, der sich sonst um ihn gekümmert hätte, war auch nicht da. Dann gab es noch eine Niesmenschin, zu der er nicht konnte… aber da habe ich den Faden verloren. Der kleine Hund hatte die Zeit damit verbracht, im Wohnzimmer herum zu lungern, überall feine weiße Haare zu verstreuen und zu üben, wie man herrschaftlich dreinschaut. Für so ein putziges Fellknäuel war er ganz gut darin.
Kurz nach Sonnenuntergang trafen wir uns schließlich am Hafen: Ximena, Schneeball (der von Mungo Bohnenkeimling instruiert worden war) und ich, Geysiriad.
Geysiriad war ein Drache. Zugegeben, er war ein ziemlich kleiner Drache, und er konnte nicht fliegen. Seine Klauen und Zähne waren nicht besonders scharf. Aber er war ein echter Drache, immerhin ungefähr so groß wie ein Pony, mit Flügeln, grau-silbrig schimmernden Schuppen und schillernden weißen Augen. Mein Vater hat mir zwar mal gesagt, ich solle mich lieber nicht in mythische Wesen verwandeln, aber ich habe keine Ahnung, ob er mir das gesagt hat, um mich zu warnen oder um mich anzustacheln. Ich traute meinem Vater nicht. Aber, ganz ehrlich: Niemand traute meinem Vater.
Wir standen unter einem Unsichtbarkeitsschleier vor der Lagerhalle am Hafen. Dort herrschte reges Treiben: Zwei Santo-Shango-Jungs schleppten einen Käfig mit einer hektischen Schar Fledermäuse aus einem Wagen, zwei andere lungerten davor herum und bemühten sich, gefährlich dreinzuschauen, noch einer stand an der Tür und winkte die Männer mit dem Käfig hinein.
Es war Zeit für unsere Ablenkung. Ximena konzentrierte sich kurz, flüsterte_ „konge av hunder“_ und Schneeball sprang hinter dem Schleier hervor. Allerdings sah er jetzt nicht mehr aus wie ein fluffiges Fellknäuel – er war etwas größer als Mungo Bohnenkeimling, hatte strahlend weißes Fell, ein aristokratisches Wolfsgesicht und leuchtete sanft. Ab und zu stob ein heller Funke aus seinem Pelz hervor.
Nonchalant trottete er auf die Santo Shango zu, setzte sich in einiger Entfernung von der Lagerhalle hin und begann, sie abschätzig anzustarren. Die bemerkten das eindrucksvolle Tier natürlich schnell und riefen nach ihren Kumpels. Innerhalb kürzester Zeit standen vier Santo Shango und Mr. Dahl vor der Halle und begutachteten Schneeball. Dahl gab einen Befehl und zwei der Gangster setzten sich vorsichtig in Bewegung, auf das Tier zu. Mit einem Gähnen stand Schneeball auf, warf den beiden einen verächtlichen Blick zu und ging ein paar gezierte Schritte weg vom Lagerhaus.
Innerhalb kürzester Zeit hatte der getarnte Spitz sämtliche Santo Shango und Mr. Dahl in eine Verfolgungsjagd verwickelt. Und ich muss neidlos sagen: Er war richtig gut. Dafür, dass er sonst so ein hektisches Fellknäuel ist, bekam er die „Ihr seid solche Verlierer“-Attitüde des Hundekönigs großartig hin.
Während also Dahl und seine Männer Schneeball hinterher stolperten, hatten Ximena und ich freie Bahn in die Lagerhalle hinein. Klar, da standen noch die beiden Aufpasser, aber die schauten lieber der Verfolgungsjagd zu. Außerdem waren wir immer noch unsichtbar.
In der Halle war nicht viel los. Es waren noch ein paar Käfige hinzugekommen: Die hektischen Fledermäuse, eine steinerne Katze und ein junger Alligator mit Stummelflügeln. Als Geysiriad in die Nähe der Käfige kam, wurden die eingesperrten Tiere nervös. Sie standen zwar immer noch unter dem Bann und konnten sich nicht recht bewegen, aber die Panik in ihren Augen war deutlich zu sagen. Cheshire wurde ein bisschen durchsichtiger, die steinerne Katze wurde dunkler und der Hals der Giraffe schien ein Stück zu wachsen. Tief in mir spürte ich Geysiriads Befriedigung über ihre Reaktion.
Ich baute mich neben den Käfigen auf, Ximena sagte „konge av dragen“ und ging ein paar Schritte zur Seite. Ich konnte nicht recht sehen, was sie mit mir gemacht hatte, aber mein Schatten wuchs um einige Größenordnungen. Ich sah Hörner auf meinem Kopf, und die Schattenflügel wirkten größer und breiter. Zusätzlich murmelte sie noch „lage varme“, und die Luft um mich herum wurde wärmer, bis mich ein Hitzeflirren umgab. Irgendwo hörte ich, wie die Klimaanlage anfing, lauter zu rauschen, den Kampf dann aber plötzlich aufgab und mit einem gequälten Knacken starb.
Schließlich, nach etwa zwanzig Minuten, tauchten Dahl und die Santo Shango wieder auf. Sie sahen ziemlich abgehetzt aus, aber sie hatten es geschafft, Schneeball mit ein paar Stangen in die Enge zu drängen und ihn vor sich her in die Halle zu treiben. Gut, dass niemand ein Lasso nach ihm geworfen hatte – seine Größe war nur eine Illusion, und das hätte sehr, sehr merkwürdig ausgesehen.
Als alle wieder in der Halle waren, baute ich mich zu voller Größe auf und grollte die Gangster und Dahl an: „Was bei allen Weisen der westlichen Inseln geht hier vor sich?!?“ Meine Stimme hallte beeindruckend von Wand zu Wand. Sie war so tief, dass das Wasser in dem Alligatorbecken erzitterte.
Die Santo Shango starrten mich an. Na gut, eigentlich starrten sie eine Stelle weit über meinem Kopf an, aber es war offensichtlich, dass sie Furcht vor mir, Geysiriad, empfanden. Das erschien mir durchaus angemessen, schließlich war ich ein Drache und sie waren nur Sterbliche. In meinem Hinterkopf ging eine kleine Alarmstimme los, aber ich ignorierte sie.
„Ihr habt diese Geschöpfe gefangen genommen, um ihnen die Magie zu stehlen“, verkündete ich, ohne auf eine Antwort auf meine Frage zu warten. „Aber die Magie hat ihre Wächter!“
Drei der Santo Shango wichen zurück. Der vierte stand unentschlossen neben Dahl, der mich berechnend musterte. Dachte er etwa, er könnte mich, Geysiriad, seiner Sammlung hinzufügen?
„Flieht, ihr Narren!“, donnerte ich die Männer an. „Flieht, solange ihr noch könnt!“ Mit den Flügeln schlagend richtete ich mich zu voller Größe auf. Das reichte. Die drei Gangster, die schon zurückgewichen waren, rannten los. Der vierte machte jetzt auch einen Schritt zurück, zögerte aber immer noch. Schneeball, der jetzt nicht mehr von den Stangen im Schach gehalten wurde, beschloss, mir zu helfen und verbiss sich in sein Bein.
Der Santo Shango schrie auf und versuchte panisch, ihn abzuschütteln. Dahl betrachtete das Ganze aus schmalen Augen, dann wanderte sein Blick von Schneeball zu mir und wieder zurück. Auf einmal lachte er auf.
„Guter Trick“, sagte er. „Aber so leicht täuscht ihr mich nicht.“
Er griff in seine Jackentasche und zog eine Handvoll silbriger Pailletten aus seiner Jackentasche, die er über Schneeball warf. Kaum berührten die glitzernden Schnipsel die Illusion, als sie verlosch und seine wahre Gestalt sichtbar wurde. Allerdings fielen einige Pailletten auch auf Dahl selbst, und er veränderte sich ebenfalls: Statt eines dunkelhäutigen Mannes stand da plötzliche eine kindergroße Gestalt mit grauer, rissiger Haut, riesigen schwarzen Augen und einem drahtigen schwarzen Kinnbart. Das Männchen trug eine Art Schmiedeschürze und große fleckige Handschuhe.
Ich erkannte sofort, dass Dahl in Wirklichkeit ein Svartálfar war, aber der Santo Shango hatte offensichtlich keine Ahnung gehabt, für wen oder was er arbeitete: Mit einer kraftvollen Bewegung schüttelte er Schneeball ab und floh den anderen Gangstern hinterher aus der Halle.
Der Svartálfur warf die restlichen Pailletten nach mir, Geysiriad. Als sie mich trafen, sah er meine wahre Gestalt und fing an, zu lachen.
„Und wer glaubst du, dass du bist, Drachling?“, fragte er höhnisch, „der kleine Bruder der Midgardsormen?“
Das machte mich wütend. „Ich bin Geysiriad, und ich bin der kleine Bruder der Miðgarðsormur!“, sagte ich mit meiner echten Drachenstimme – nicht donnernd und grollend, sondern weich und melodisch. Dann spuckte ich ihm einen Geysir entgegen. Ich trage den Namen Geysiriad nicht zufällig.
Der heiße Wasserstrahl traf ihn voll in der Körpermitte und schleuderte ihn ein Stück nach hinten. Ich glitt schlangengleich auf ihn zu.
„Ich rieche Gold an dir“, sagte ich freundlich. „Gib mir dein Gold, dann lasse ich dich am Leben.“
Der Svartálfur war gestürzt und sah mich wütend an. „Das wirst du bereuen, Drachling“, drohte er. „Du weißt nicht, mit wem du dich hier anlegst! Ich bin Egil, Sohn des Bávurr, und groß ist meine Sippe.“
Ich lachte ihn aus. „Meine Sippe ist mächtiger als deine, Àlfur“, erklärte ich ihm. „Gib mir dein Gold!“ Ich spuckte noch ein bisschen heißes Wasser nach ihm, bis er fluchend ein goldenes Armband aus seiner Schürze zog und vor meine Füße warf.
„Fluch auf dem…“, hob er an, aber ich stieß ihn zur Seite, bevor er den Fluch vollenden konnte. Ah, das war ein schönes goldenes Armband! Und es gehörte jetzt mir, Geysiriad!
„Lauf lieber weg, kleiner Àlfur“, sagte ich ihm. „Und behalte deine Flüche für dich, bevor ich dein Gesicht versenge.“
Mit einem letzten bösen Blick zu mir hüllte sich Egil Bávurrson in seinen Umhang und verschwand ins Nimmernie. Ich beachtete ihn nicht weiter, sondern streichelte sanft das goldene Armband.
„Ähm… Geysiriad?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ah, es war die kleine Seiðkona, Ximena. Ich atmete tief ein und drehte mich langsam zu ihr um.
„Das hat ja gut geklappt“, sagte sie vorsichtig. Sie hielt den benommenen Schneeball im Arm, der aber schon wieder bei Bewusstsein war und sich kraulen ließ.
„Was rieche ich da an dir?“, sagte ich mit schmeichelnder Stimme. „Du trägst Gold bei dir, nicht wahr, kleine Hexe?“
Ximenas Hand fuhr unwillkürlich zu ihren Ohrringen. Da war es, das Gold: Kleine goldene Blitze hingen von ihren Ohrläppchen herab.
„Also“, sagte sie und gab sich dann einen Ruck. „Also, ja. Schon. Aber das gehört mir. Du kannst den Armreif behalten.“
„Aber ich will auch dein Gold“, erklärte ich ihr vernünftig. Sie mochte eine mächtige Seiðkona sein, aber ich, Geysiriad, war ein Drache!
„Hör mal, ich glaube, du spinnst“, erwiderte sie empört. Der kleine Hund in ihrem Arm knurrte mich leise an. Ich holte tief Luft, um einen Geysir zu speien und ihr Respekt beizubringen.
„Was machst du da?“, sagte sie alarmiert. „Bjarki hat gesagt, man könnte sich auf dich verlassen!“
Bjarki… Bjarki… das kam mir bekannt. Wer oder was war Bjarki?
Dann fiel es mir wieder ein. Ich war Bjarki. Bjarki, nicht Geysiriad. Oder? Bei allen Vulkanen, ich musste raus aus dieser Gestalt. Sofort. Egal, wer dabei zusah.
Normalerweise fällt es mir leicht, die Gestalt zu wechseln. Das ist nicht schwieriger, als meine Socken aus- und andere anzuziehen. Diesmal nicht. Ich zerrte und zog, spürte, wie sich mein Fleisch gegen die Änderung wehrte, wie meine Knochen nicht geschmeidig unter der Haut hin- und herglitten, sondern gerissen werden mussten. Wie ich die Schuppen nach innen und die Haare nach außen zwang. Es war nicht direkt schmerzhaft, aber äußerst unangenehm. Mein – Geysiriads – Körper wehrte sich dagegen, wieder ein Mensch zu werden. Geysiriads Geist wehrte sich dagegen, wieder Bjarkis Geist zu werden.
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Ziemlich lange, hatte ich den Eindruck, aber tatsächlich waren es wohl nur ein paar Minuten. Dann war ich nackt, schweißgebadet, hatte überall Muskelkater und war völlig erschöpft – aber ich war wieder Bjarki. Vielleicht hatte mein Vater doch recht mit seiner Warnung vor mythischen Kreaturen.
Als ich mich schwer atmend aufsetzte, starrte Ximena mich ungläubig an. Schneeball lag weiterhin auf ihrem Arm und war in der Zwischenzeit eingeschlafen. Na, er hatte auch einen großen Tag hinter sich.
„Bjarki?“, sagte Ximena. „Du… du… was?“
Ich zuckte mit den Achseln und hob entschuldigend die Hände. „Ich bin ein Gestaltwandler?“, sagte ich. Eigentlich wollte ich nonchalant dabei klingen, aber das gelang mir irgendwie nicht. Es klang eher, als wäre mir das peinlich.
„Du bist ein Gestaltwandler“, wiederholte Ximena. Sie dachte kurz nach, nickte dann und sagte: „Alles klar. Wir müssen diese Tiere hier befreien.“
Ich blinzelte. Das war aber einfach. Ich hatte den Verdacht, dass die Diskussion über meine Fähigkeiten nur aufgeschoben war, aber ich war erst mal ganz dankbar. Außerdem hatte sie recht. Wer weiß, ob die Santo Shangos oder Egil nicht irgendwann wiederkommen würden. Oder die Vampire vom Roten Hof, die ihre Essenz abholen wollten.
Also riefen wir unsere Verstärkung von Sunny Places an und warteten, bis Bob mit dem Lieferwagen auftauchte.


Zwei Tage später saßen wir gemeinsam im Büro. Cheshire war wieder zu Hause, die Rechnung war geschrieben, Lidia Salcedo hatte Schneeball abgeholt, es war immer noch brüllend heiß und die Klimaanlage funktionierte immer noch nicht.
Ich ordnete gerade mein Protokoll in einen Aktenordner, als Ximena vom Sofa aufstand und zum Schreibtisch kam. Beiläufig lehnte sie sich an die Tischkante. Sie trug ein knappes Top und einen kurzen Rock und sah darin absolut verführerisch aus. Ich schluckte und dachte „Geschäftspartner, Bjarki, alles andere ist zu kompliziert“. Gut, dass meine Füße wieder in der Wanne mit kaltem Wasser steckten.
„Sag mal, Bjarki“, fing sie und lehnte sich in meine Richtung. „Du hast gesagt, du bist ein Gestaltwandler…“
Ich nickte.
„Kannst du auch einzelne Teile von dir… verändern?“ Ihr Blick wanderte von meinem Captain-America-T-Shirt nach unten. Ich schluckte.
„Äh, nein“, sagte ich nervös. War das jetzt das ‚Bjarki, kannst du auch eine Waschmaschine sein? Bjarki, sei mal ein Baum!‘-Gespräch?
„Schade“, sagte sie mit einem aufreizenden Lächeln. „Aber du könntest dich in einen Pornostar verwandeln, oder?“
Ich lief knallrot an. Bei meiner hellen Hautfarbe sieht man das immer sofort. „Nein?“, stammelte ich mit einem peinlichen Kiekser in der Stimme. „Das geht nicht… äh… wegen der Massenerhaltung und so… weißt du?“ Das war natürlich völliger Blödsinn und klang vermutlich nicht sehr überzeugend. Mein Vater mag der größte Lügner unter dem Himmel sein (zumindest, wenn man ihm glaubt), aber das ist ein Talent, das ich definitiv nicht geerbt habe.
Ximena beugte sich noch ein Stück vor und flüsterte in mein Ohr: „Aber ein Pferd geht doch, oder?“
Ich wäre fast vom Stuhl gekippt, als ich versuchte, mich weiter zurückzulehnen. Ich war mittlerweile so knallrot, dass ich mich vielleicht besser in Hellboy hätte verwandeln sollen. Da wäre der Farbton vielleicht noch natürlich.
Bevor ich aber ein Wort oder ein würdeloses Quieken herausbringen konnte, lehnte sich Ximena wieder zurück und fing an, zu lachen.
„Beim Yacumama… dein Gesicht…“, johlte sie.
Puh. Wieder mal von der Friendzone gerettet.
„Haha“, machte ich lahm. „Demnächst ziehe ich mal mein Hemd aus und frage dich, ob du heute eine Illusion auf dir liegen hast oder tatsächlich so gut aussiehst.“
Das klang jetzt ein bisschen trotzig. Sehr erwachsen, Bjarki.
Ximena schnaubte nur belustigt. „Komm schon, sei nicht beleidigt“, sagte sie. „Das hast du ja wohl verdient mit deiner Geheimnistuerei.“
Ich verdrehte die Augen. „Schon, vielleicht“, gab ich zu. „Aber es ist immer das Gleiche, wenn die Leute rauskriegen, was ich kann: Bjarki, sei mal ein Gürteltier, Bjarki, ich brauche eine Decke, Bjarki, verwandel dich doch mal in ein Wasserbett.“
Ximena lachte mich nur aus. „Du kannst dich in ein Wasserbett verwandeln? Das merke ich mir“, sagte sie freundlich. „Aber hey, ich kenne das. Ximena, zünd mir mal die Zigarette an, Ximena, mach mich mal unsichtbar, Ximena, ich bin nicht geschminkt – kannst du mal bitte?“
Da war natürlich etwas dran. Ich hatte sie auch schon gefragt, ob sie die Hitze nicht magisch abschalten oder dämpfen konnte.
„Hast du sonst noch irgendwelche magischen Fähigkeiten?“, fragte sie neugierig weiter.
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste“, sagte ich. „Ich kann mich in Zeug verwandeln. Hauptsächlich in Tiere – Mungo Bohnenkeimling, Pedro Dos Zapatos und den Falken Lancelot kennst du ja schon…“
„Eine Playstation?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Ich glaube nicht“, sagte ich. „Zumindest nicht in eine, die funktioniert.“
„Schade“, sagte sie. „Ich bin mal gespannt, was du noch alles kannst.“
„Ich kann sonst gar nichts“, protestierte ich.
„Na klar, und das glaube ich dir jetzt“, gab sie zurück. Als ich meine Unschuld versichern wollte, winkte sie ab. „Ich lasse dir deine Geheimnisse. Aber ich bin sicher, dass du mir nicht die ganze Wahrheit erzählst, Sohn Lokis. Ganz und gar nicht.“

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Marganma

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