Miami Files

Ricardos Tagebuch: White Night 7

Ich befand mich also wieder in meiner eigenen Welt. Soviel zumindest war klar, denn sonst wäre George noch da gewesen. Aber wo war ich? Ich rieb mir das schmerzende Hinterteil und sah mich um. Ich befand mich auf einer kleinen Anhöhe, unter bleigrauem Novemberhimmel. Vor mir, unterhalb der Anhöhe, eine Wasserfläche von beachtlicher Größe, umgeben von Moor- und Heidelandschaft auf der einen Seite, einem Waldstück auf der anderen. Berge – oder waren das noch keine Berge, sondern nur Hügel? – in einiger Entfernung. Das sah mir aus wie Schottland. Ich war in den Highlands. Und dann musste das da unter mir der Lochan Dubh nan Geodh sein. Aber warum hatte George mich gerade jetzt hierher gebracht?

Stimmen machten mir klar warum. Denn als ich in die entsprechende Richtung sah, erkannte ich unten am Ufer sechs mir nur allzu wohlbekannte Gestalten. Das waren die Jungs mit Gerald und seinem Sohn, und offenbar wollten sie genau jetzt das Ritual abhalten. Okay, George, alter Kumpel, ich nehme alles zurück.

Dass ich so plötzlich aus dem Nichts auftauchte, wunderte die Jungs natürlich genauso wie mich, und da die Nerven etwas angespannt waren, konnte ich vermutlich ganz froh sein, dass ich nicht von einem Zauber empfangen wurde. Aber als sie mich dann mal erkannt hatten, waren sie doch ganz froh, mich zu sehen, glaube ich.
Ehe es losging, ließ ich mir aber erstmal erzählen, was ich alles verpasst hatte, und berichtete selbst von meinen Erlebnissen in der Sommerhalle. Als ich erzählte, dass ich es für grundsätzlich möglich hielt, dass das Feuer das Kind von Sigthor und Lady Fire sein könnte, sah Alex mich an, als sei ich völlig verrückt geworden. „Und dann hältst du es für eine gute Idee, Lady Fires Kind in den Thronsaal ihres Feindes zu bringen? Was, wenn es für seine Mutter spioniert?!“
Oh oh. So weit hatte ich in meinem Bemühen, an die Sonnenhaare zu kommen, natürlich wieder mal nicht gedacht. Ganz schlau, Alcazár, echt.

Ich selbst hatte auch ein paar Sachen verpasst. Seit meinem Aufbruch ins Nevernever waren hier in der echten Welt einige Tage vergangen. Den erfolgreichen Abschluss von Operation Valinor hatte ich ja noch mitbekommen, und als ich dann abgereist war, fingen die anderen an, die Ritualzutaten für die Aktion hier zu besorgen. Oh, und sie hetzten Camerone Raith gegen Anabel auf. Muahahahaha. Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber es klang auch schon aus den Erzählungen der Jungs ziemlich cool, ein echtes Raith’sches Meisterstück seitens Totilas. Der überzeugte seine Tante nämlich, dass er Gerald absetzen wolle, dass er die Geschäfte übernehmen wolle und dass Gerald, wenn er mit ihm fertig sei, keinen Fuß mehr nach Miami werde setzen können – und Gerald werde keinerlei Zweifel daran haben können, dass es Totilas gewesen sei, der ihm das eingebrockt habe.
Ich wiederhole mich, aber: Muahahahahaha. Perfekt mit der reinen Wahrheit über den Tisch gezogen.

Spencer Declan hetzten sie auch Richtung Anabel, frei nach dem Motto, dass es für die Stadt nicht gut wäre, wenn da jetzt plötzlich so ein ganz neuer Mitspieler auftauchen würde. Anabel, die Declan um ein Treffen gebeten hat, hat wohl einen Termin in zwei Wochen genannt bekommen. Und noch ein kleines Muahahaha.

Jetzt, hier am See, hatten die Jungs schon so gut wie alles fertig. Richard und Roberto würden mit ihren eigenen Ritualen beginnen: Roberto würde die Umgebung vorbereiten, wenn ich das richtig verstanden hatte, Richard würde den Dämon aus Gerald herausziehen, und Edward den Dämon in den See treiben. Und das würde richtig schwierig werden, das konnte er jetzt schon sagen. Die Jungs hatten schon einige Dinge dafür eingesammelt, während ich im Nevernever war, aber ob das ausreichen würde? Ich bot eine Blutspende an, weil ich von Edward ja weiß, dass Blut ein Ritual tatsächlich erleichtert, aber so weit würde es nicht kommen müssen, meinte er. Soweit er sagen könne, hätten sie genug Sachen vorbereitet. Aber falls es hart auf hart kommen würde, wollte er nochmal darauf zurückkommen, meinte er. Si, claro, weil das in der Hektik auch gerade so gut gehen würde. Aber gut, mir in die Hand schneiden und etwas Blut wohin auch immer tropfen lassen, könnte ich vermutlich tatsächlich auch in einiger Eile.

Ehe es losging, warnte Richard uns, dass wir ihn auf jeden Fall im Auge behalten müssten. Immerhin würde das Ritual vermutlich ziemlich an den Kräften zehren, und das wiederum würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Richards Red Court-Infektion hochkochen lassen. Erkennen könnten wir das daran, dass seine Tätowierungen die Farbe verändern würden: je greller rot, desto kürzer stünde er davor, die Kontrolle zu verlieren. „Alles klar“, sagte Alex, „darum kümmere ich mich“, und bastelte aus der Batterie des Mietautos einen Taser, um Richard falls nötig ausknocken zu können. Totilas und ich hingegen wollten Richtung Klippe und Richtung See die Umgebung sichern beziehungsweise Edward schützen, so gut wir konnten.

Richard und Roberto begannen zuerst mit ihren jeweiligen Teilen des Rituals, dann kam Edward dazu. Ich konnte gar nicht genau sehen, wann es soweit war, aber dann wurde mit einem Mal sein Dämon aus Gerald herausgezwungen. Es war ein ziemlich beunruhigender Anblick, weil der Dämon tatsächlich haargenau so aussah wie Gerald selbst, nur eben etwas blasser. Die Kreatur zögerte kaum einen Herzschlag lang, dann rannte sie davon, was das Zeug hielt. Totilas, der Richtung See die Stellung hielt, war dem Dämon sofort auf den Fersen, aber der kam gar nicht weg. Er prallte von der unsichtbaren Barriere ab, die Edward mit dem Ritualkreis vorher gezogen hatte, fauchte wütend auf und hatte sich im Nullkommanichts von dem Hindernis abgewandt, ehe er auf Edward zustürmte. Damit hatte ich nun wiederum so halbwegs gerechnet, und vor allem stand ich auch so, dass ich mich dem Dämon ziemlich gut in den Weg stellen konnte. Glücklicherweise, denn der war richtig schnell. Ich hatte auch ein wenig den Eindruck, dass er zurückprallte – weniger vor mir, aber vor der Sommerklinge in meiner Hand. Ob er an Jade vielleicht nicht vorbeikonnte?

Während der Dämon zurückzuckte und ich ihm, so drohend ich konnte, mein Schwert entgegenhielt, warf Totilas sich von hinten auf ihn. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass der See zu brodeln begann: Irgendetwas darin schien zu erwachen, oder vielleicht war es auch schon wach und kam jetzt einfach an die Oberfläche geschwommen.
Jetzt überwand der fahle Dämon seinen Schrecken, oder vielleicht besann er sich auch einfach auf seine unglaubliche Schnelligkeit. Jedenfalls tanzte er einfach um mich herum und auf Edward zu, und ich hatte keinerlei Chance, ihm hinterherzukommen.
Aber glücklicherweise waren Roberto und Alex ja auch noch da. Alex tat dasselbe, was ich auch getan hatte, und warf sich dem Gerald-Abbild in den Weg, während Roberto irgendwas rief. Ich weiß gar nicht, ob es ein Zauber war oder einfach nur Robertos Persönlichkeit, aber er… mierda, wie sage ich das, er machte sich wichtig. Plötzlich wirkte es so, als sei Robertos Anteil am Ritual der größte und wichtigste – sogar für mich, obwohl ich ja wusste, dass Robertos Part eigentlich schon getan war und nur Edward die Sache am Laufen hielt.
Jetzt packte der White Court-Dämon Alex und warf ihn nach Roberto, um ihn aus dem Tritt zu bringen – hatte dessen Ablenkungsmanöver also geklappt. Sehr gut. Also nicht gut für Alex und Roberto, die beide davon zu Boden gingen, aber gut für Edward, dessen Ritual nicht unterbrochen wurde. Dafür bekam Totilas plötzlich silbrige Augen, als dessen eigener Dämon die Kontrolle übernahm und ganz offensichtlich die Essenz von Geralds dämonischem Ebenbild in sich aufnehmen wollte, um sich selbst zu stärken. Derweil versuchte ich, die Aufmerksamkeit des wirtslosen Schemens auf mich zu ziehen, aber ich hätte genauso gut meilenweit weg stehen und leise flüstern können: Totilas’ Dämon war einfach ungleich wichtiger und gefährlicher für Geralds Abbild als ein kleiner Cardo mit seinem Sommerschwert.

Das war der Moment, in dem Edward noch einmal alle Kraft zusammennahm und das Ritual mit einem Paukenschlag beendete. Der Dämon heulte auf und wurde unerbittlich in Richtung See gezogen, dessen Brodeln und Zischen in den letzten Minuten stark zugenommen hatte. Aber da die White Court-Dämonen ja angeblich alle aus genau hierher gekommen waren, hofften wir, dass der See, oder besser der Schutzmechanismus, der auf ihm lag, den Neuankömmling nicht abstoßen würde.
Totilas, dessen Augen noch immer silberfarben waren, dessen Dämon also noch immer zumindest zum Teil die Kontrolle hatte, wollte dem Gerald-Schatten hinterher. Von uns allen stand ich ihm am nächsten, und ich konnte nicht zulassen, dass unser Freund ebenfalls in den See gezogen werden würde, also hielt ich ihn zurück. Der Dämon drehte sich um, und seine silbernen Augen bohrten sich in meine, und ich war mir sicher, dass er jetzt über mich herfallen würde, hungrig, wie er sein musste. Schon hatte er mich gepackt, aber dann fuhr er mit einem Mal herum. Von Roberto ging noch immer diese Aura der Wichtigkeit aus, und so ließ Totilas mich los, machte die paar Schritte hinüber und küsste Roberto, was unseren White Court-Freund nach ein paar Sekunden des Stärkens wieder genug zu sich kommen ließ, dass seine Augen ihre normale Färbung annahmen und er sich von seinem Opfer löste. Und ich bin mir nicht zu fein zu gestehen, dass ich massiv dankbar dafür war, so davongekommen zu sein.

Erst jetzt hatten wir wieder Augen für Gerald selbst. Der war zusammengebrochen, und sein Sohn kniete über ihm. Richards Schutztätowierungen waren hellrot, und seine Zähne traten bereits größer und spitzer hervor, als Zähne das eigentlich tun sollten. Alex schnappte seinen Autobatterie-Taser und verpasste dem Infizierten einen Stromstoß, während ich ihm mit dem Schwertknauf einen Schlag überbriet. Als Richard daraufhin verwirrt zu uns aufsah, begann ich, auf ihn einzureden, und es gelang mir tatsächlich, ihn wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen. Aber das kräftezehrende Ritual hatte seine Spuren hinterlassen: Totilas’ Vater brauchte Nahrung, um nicht doch wieder auszuticken, und zwar schnell. Also kam ich doch noch zu meiner Blutspende, auch wenn wir natürlich nicht zulassen konnten, dass Richard mich biss. Stattdessen ließ ich Blut in die Schale tropfen, die Roberto für seinen Teil des Rituals benötigt hatte – genug, um den Infizierten zu sättigen, und genug, dass mir ziemlich schwummrig vor Augen wurde, aber es ging.
Gerald erholte sich auch ziemlich bald, zumindest so viel, dass wir ihm aufhelfen konnten. Er war zwar völlig erledigt, wirkte aber unsagbar glücklich. Kein Wunder, so sehr, wie er sich danach gesehnt haben musste, endlich kein Vampir mehr zu sein.

Im See war irgendetwas auf uns aufmerksam geworden, sagten Edward und Roberto, das hätten sie während des Rituals gespürt. Und oben an der Klippe waren drei Gestalten aufgetaucht, bemerkten wir jetzt. Schwarze Gestalten, irgendwie baumartig, aus einem Holz, das keiner von uns näher bestimmen konnte, wobei wir ja auch alle zu weit weg waren, um Näheres darüber sagen zu können. Gruselig jedenfalls, sehr gruselig. Wie Ents aus Mordor, wenn man so will. Um sie herum konnte Alex eine Art Verzerrung spüren, ließ er uns wissen: sowohl hier in der echten Welt als auch im Nevernever. Und irgendwie hatte Alex ein ähnliches Gefühl wie bei Jack, also dem bösen Jack von den Outer Gates, wohlgemerkt. Er würde sich nicht wundern, wenn diese Gestalten ebenfalls von den Outer Gates kämen, meinte er. Sie wirkten jedenfalls keineswegs freundlich, eher das Gegenteil, aber so, wie sie da oben standen und beobachteten, schien es uns, als wollten sie erst einmal abwarten und nur schauen, was hier unten passierte. Trotzdem sahen wir zu, dass wir uns schleunigst davonmachten. Im Auto erklärten Edward und Roberto dann, dass keiner von beiden je irgendwas von solchen oder auch nur ähnlichen Kreaturen gehört hatte, und das ist für sich genommen schon seltsam genug.

Im Wegfahren konnten wir sehen, dass die drei Figuren inzwischen den Abhang herunter gekommen waren. Sie bewegten sich auf den See zu, aber sie trauten sich nicht ganz bis an dessen Ufer. Es sah nicht so aus, als würden sie an eine unsichtbare Barriere stoßen, sondern eher so, als wüssten sie selbst nicht so recht, was sie tun sollten, also bewegten sie sich widerwillig und unentschlossen vor und zurück.

Am See selbst hatte es die ganze Zeit kein Handynetz gegeben. Irgendwann auf halbem Weg Richtung Wick, wo der Privatjet stand, den Gerald für die Aktion hatte springen lassen, gab Totilas’ Telefon plötzlich Laut. Es war eine SMS seiner Cousine Cherie: „Anabel Katze Kanarienvogel, sagt Hilary. Komm schnell heim!“ Oh, mierda. Das klang dringend. Keine Zeit für die Sonnenhaare, keine Zeit für mein Gepäck in Edinburgh, wir mussten sehen, dass wir nach Hause kamen. Also rief ich im Hotel an und bat sie, mir meinen Koffer schicken zu lassen, und die Haare behielt ich auch erst einmal bei mir. Gerald ließen wir in Edinburgh zurück: Er will sich hier ein paar Tage ausruhen und dann weitersehen, meinte er. Aber wir sollten uns keine Sorgen um ihn machen, ihm gehe es prima. Und so sah er auch aus. Richtiggehend erlöst im Vergleich zu vorher.

Ehe wir abflogen, rief ich noch bei Yolanda an und bat sie, doch bitte Pan vorzuwarnen, dass da jemand käme: ein lebendes Feuer, ein Einherjar und ein Orc. Und ja, mir war völlig bewusst, wie das klang, da brauchte mein Schwesterchen nicht erst ungläubige Geräusche zu machen. Aber immerhin erklärte sie sich bereit, Pan bescheid zu sagen. Ich rief auch im „Old Cauldron“ an, um Warden Hawkins zu informieren, dass ich erfolgreich gewesen sei und ihm die Haare demnächst bringen werde, aber irgendwie war der Barkeeper etwas schwer von Begriff oder hatte keine Lust, dem Warden etwas auszurichten, und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich zu ihm durchdrang. Also schickte ich von Wick aus kurzerhand ein Telegramm nach Edinburgh.

Und jetzt sitzen wir hier in unserem Privatjet, und ich habe die Zeit genutzt, um das alles aufzuschreiben. Und das Essen ist auch richtig gut. An dieser Art des Reisens könnte ich echt Gefallen finden.
Aus, Alcazár. Erfolgreicher Schriftsteller oder nicht, jedesmal Privatjet ist trotzdem nicht drin. Gewöhn’ dich besser nicht daran.


Oh oh. Eben bekam Totilas wieder eine SMS von Cherie. „Erdbeben. Nur hier. Nichts kaputt. Seltsam.“
Totilas schrieb sofort eine SMS zurück: „Wo ist ‘hier’?“, und Cherie antwortete ebenfalls umgehend: „Raith Manor“.

Mierda. Wir haben noch zwei Stunden bis zur Ankunft, können rein gar nichts machen. Wir können ja schon froh sein, dass das Flugzeug überhaupt mit Netzverbindung ausgestattet ist und Nachrichten durchkommen.


Wieder eine SMS gerade. „Noch ein Erdbeben. Wir evakuieren.“
Totilas hat uns erklärt, ‘evakuieren’ ist der Plan, um die menschliche ‘Herde’ – wie ich das Wort hasse, aber so nennen die Vampire es nun mal, cólera – in Sicherheit zu bringen. Es gibt keinen festen Treffpunkt, kein koordiniertes Sammeln an einem Punkt A oder B, sondern die menschlichen Bewohner des Hauses sollen einfach ein paar Stunden shoppen oder ins Kino gehen oder ihre Zeit sonstwie verbringen.

Eine Stunde noch. Wir sitzen wie auf Kohlen. Lenk dich irgendwie ab, Alcazár. Schreib was. Mach Übungen mit Jade. Haha.

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Timberwere

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