Miami Files

Small Favors (Teil 2) - Mitschrieb
Als Gedächtnisstütze

Alex taucht auf. Der war im Nimmernie unterwegs und hat Fußspuren vom Biest gefunden – nicht sehr viele, eher einzelne.
Danach ruft Cynthia bei Edward an, die würde Cassius gern abholen. Stabilität des Rudels und so. Edward meint, Cassius sollte das selbst entscheiden. Cynthia und Imana tauchen auf, Cassius schaut Schneeball an und geht dann lieber mal mit.

Planung: Mal mit den Coral Guardians reden, Ritual machen, um einen Ruf zu entdecken – wird das Biest angelockt?
- Aspekte: Hilfe vom Checker (), Schwachpunkte schon bekannt (), Fell eines Loup Garou ( O) (Cardo hat Oliver eine kostenlose Lesung versprochen)

SMS von Dee, Typ + Paco zum Schwimmbad. Roberto erkennt Lord Frost und schreibt zurück, dass er Adliger vom Winterhof ist.
Dann doch mal los zum Schwimmbad. Dort ist die Tür zugeeist, und Edward rutscht erst mal aus und landet auf dem Hintern. Schuss fällt. Cardo taut die Tür auf, alle rein. Drin: Schwimmbad, leuchtet, voller Eis. Dampf, weil das Wasser so kalt ist.

Am hinteren Ende steht Paco mit einer Pistole, ein Stück von ihm entfernt Lord Frost. Dee hat sich gerade in Deckung begeben und blutet aus dem Arm. Edward ruft “Polizei” , Paco hält die Pistole schräg und schießt. Trifft. Durchschuss. Aber wie hat der getroffen?
Totilas stürmt los, Cardo blendet Paco mit einem Sonnenstrahl. Es kommt zu einem Handgemenge, Totilas wird auch noch angeschossen, kann Paco aber die Pistole wegnehmen. Deren Lauf hat rot geglüht, mit Symbolen versehen. Normal ist die nicht.
Cardo versucht zwischendurch, das Wasser aufzuwärmen, aber er kann nur wenig Hitze hineinleiten. Immerhin sieht er, dass dort ein Körper schwimmt.
Lord Frost hat sich das angeschaut. Alex spricht ihn an, was er hier eigentlich macht, und er meint: “Aufräumen”. Dann wirft er einen Eissturm nach Paco und friert den Jungen ein. Totilas stürmt wütend auf ihn zu, aber Lord Frost schleudert ihn nur davon, mitten ins Eiswasser. Dann geht er.

Cardo läuft zu Paco, um ihn aufzutauen. Aber das traut er sich dann doch nicht zu.
Dee erzählt, dass sich beim Jugendzentrum ein paar Dinge tun – Jugendliche sind verschwunden. Die waren mit Paco in einer Jugendgang. Die wurden unter anderem von Pater Donovan betreut.
Da schon ein paar Leute weg waren, hat Dee ein Ward um das Jugendzentrum gezogen, das heute durchbrochen wurde. Als sie ankam, um nachzusehen, sah sie Paco mit einem älteren Mann – Lord Frost – weggehen. Sah freiwilig aus. Die beiden gingen in das Schwimmbad, dann zog Paco seine Pistole und richtete sie auf den Mann, Dee gab sich zu erkennen und wurde von ihm beschossen und getroffen.

Cardo: “Sindri ist ja auch wieder so eine Fee.”
SL: “Nee. Sie ist die Tochter eines Sterblichen und eines nordischen Gottes. Also ein Halbgott.”

Paco: Geblendet

Railroad Club

Polizei taucht auf, also Henry und Suki. Im Schwimmbecken werden noch vier Leichen gefunden: Drei weitere Teenager und ein älterer Mann. Der eingefrorene Paco ist auch tot. Totilas’ und Edwards Wunden heilen ab, aber Dee muss ins Krankenhaus. Alex entfernt noch die Kugel aus Totilas, weil dessen Dämon herumquengelt.

Als nächstes ins Jugendzentrum. Dort reden sie erst mit Dallas, die erzählt, dass erst die Klimaanlage durchgedreht ist und es sehr kalt wurde, und dann – nachdem sie da nachgeschaut hat – Paco sich mit Lord Frost unterhalten bzw. herumgestritten hat. Der Alte meinte dann “Lass uns rausgehen und das klären”, und Paco ging mit. Der war ohnehin ein ziemliches Ekelpaket, dass dauernd Leute quer angemacht hat.
Lisa (oder Linda), eine Ex von Paco, erzählt, dass Paco sogar mal der netten Marshal Martin seinen Schniedel gezeigt hätte. Die hätte ihn aber nur ausgelacht. Jedenfalls hat er mit ein paar anderen Typen so Rituale gemacht, vermutlich nur Ringelwichsen, aber einmal hat sie Paco erwischt, wie er gebrauchte Tampon von ihr aus dem Mülleimer holte – Blut fürs Ritual. Sie hat ihn dann rausgeschmissen. Ekliger Typ. Danach hatte er dann was mit Monica, die im Railroad Club herumhängt.

Auf zum Railroad Club, einem ehemaligen Speakeasy. Im Vorraum muss man die Waffen abgeben (Jade bleibt im Auto) und einen Drink kaufen, danach einen kurzen Tunnel mit Eisenbahnschwellen entlang, dann ein Raum, in dem man sich treffen und kennenlernen kann. Und tanzen. In der Mitte ist eine Plattform, auf der zwei halbnackte Frauen und ein halbnackter Mann tanzen, um die Leute in Stimmung zu bringen.
Totilas entdeckt seinen Cousin Hank, der gerade eine Frau mit seiner Bro-Masche vergrault. Er fragt ihn nach Monica, und der kennt sie tatsächlich – eines der tanzenden Mädchen. Toti verspricht ihm, sie zu ihm zu schicken, wenn er mit ihr gesprochen hat.

Mit Monica stimmt etwas nicht. Gar nicht. Sie ist abwesend, wie bedröhnt. Als sie von den Ritualen spricht, sagt sie zwar, dass es “so schön” war, aber sie zittert vor Abscheu oder Kälte. Alex schaut sich im Raum um und sieht an Monicas Hals ein schattenhaftes Halsband, wie von Adlene. Oder Jack. Ein paar andere Leute im Raum haben das auch.

Monica zeigt Totilas einen weiteren Bekannten von Paco, Diego. Der geht gerade mit drei Mädels raus. Die Jungs hinterher (Toti schickt Monica noch zu Hank).
Außerhalb der Stadt verziehen sich Diego und die drei Frauen ins Gebüsch und haben erstmal Sex zu Rap-Klängen. Aber als die Töne sich verändern und ritualiger werden, greifen die Schönen Männer doch ein: Roberto geht mit dem Messer auf Diego und die Frauen zu. Die Mädels – nackt – bauen sich als Schutzschild vor Diego auf, aber das hilft nicht viel: Totilas schlägt dem Kultisten den Kelch mit dem Blut aus der Hand, bevor der trinken oder sonstwas machen kann, und die Frauen fallen ohnmächtig um.

Danach längere Diskussion: Was jetzt? Die Frauen dürfen gehen (die sagen nicht viel, weil sie keine Cops mögen), Diego verhaftet und mitgenommen. Er hatte eine Schusswaffe dabei, auf der ähnliche Runen sind wie auf Pacos, und er hat eine Tätowierung, die als Anfang eines Dämonenpakts dienen sollte. Die könnte man zwar weglasern, oder wegsommern, aber das machen sie erst mal nicht.

Edward: “Ich habe die Wahl: Ich könnte ihn umbringen – was zugegebenermaßen nicht ganz legal ist…”

Cardos Zitat der Runde: “Ich hab Kopfschmerzen.”

Cardo will mal Yolanda fragen, wie man so eine Eidbrecher-Geschichte loswerden kann (wegen Totilas).

Der Anwalt von Diego taucht auf, schaut angekotzt und erklärt Edward, er würde jetzt gefälligst seinen Mandanten gehen lassen, sonst würde er Anklage wegen Körperverletzung erheben – schließlich ist Diego letzte Nacht angegriffen worden. Die Waffe? Nicht seine. Beweiskette unklar.

Gut, Edward hat Diego die Bilder der toten Kultanhänger (Paco & Co.) gezeigt. Vielleicht verlässt der die Stadt ja.

Totilas: “Ich bin ein reicher Bürger…”
Cardo: “Ein reicher, übernatürlicher Crime-Lord-Bürger.”

Marshall ist im Urlaub, Skifahren in Vermont. Yolanda auch. War vielleicht reiner Zufall. Klaaaar.

“Was hast du mitgebracht?”
“Vibratorsalat.”
“Ws?!?”
“Ja, die Gurke war alle.”

Edward: “Ich könnte noch ein Ward um den Kühlschrank…”
SL: “So ein Schnellschuss-Ward?”
Edward: “Quasi ein Ed-Ward?”

Kuchenstück taucht bei Edward auf. Landet erstmal im Kühlschrankes, der wird dann per Ritual mit Ward versehen (dabei stirbt der Kühlschrank).

Treffen mit Linares. Ritual am Coral Castle, und er braucht Unterstützung, weil das Biest noch herumeiert – er macht sich Sorgen, dass das am Dia de los Muertes versucht, rauszukommen. Wäre schlecht für Miami. Cardo ist misstrauisch. Will Linares sie verarschen? Nein, sagt er. Gemeinsames Problem. Warum sie? Vanguard ist beschäftigt, behauptet er. Orunmila muss in die Sümpfe. Declan? Lieber nicht. Der Rote Hof ist auch keine Option. Also gut. Ist jedenfalls das Koyotenbiest, das vor Jahren schon hierher gerufen wurde. Diesmal: Supermond + Grenzen dünn. Wäre schlecht, wenn es im Coral Castle auftaucht, die sind schon geschwächt genug.
Gut, für Miami arbeitet man zusammen.

Treffen mit Vanguard. Warnung vor dem Koyotenbiest. Info über den Ruf. Steinerne Mine, freundliches Nicken. Ja, Vanguard schaut mal, was mit dem Ruf ist, aber das ist klar gelogen.

Diskussion. Biester, zwei davon? Wolf und Koyote? Was ist denn nun los? Lord Frost ansprechen? Kann man die Biester gegen Dämonen einsetzen? Kann man Lord Frost gegen Dämonen einsetzen? Hui, was ist mit Lady Fire?

“Ortego war nicht verzweifelt! Vergewaltigen! Morden! Pläne schmieden!”

Dann kommt Internal Affairs dazwischen. Die stellen Fragen wegen dem toten -anthropen und lassen nebenher fallen, dass sie die Beziehung zwischen Edward und Totilas fragwürdig finden und er sich mal entscheiden müsste, auf welcher Seite er steht.
Henry meint, es gäbe bereits Untersuchungen re Edward. Vielleicht kann er das aushebeln, aber er braucht ein bisschen freie Hand? Ja, kann er haben. Soll machen.

Zu Fable: Der erzählt ein bisschen was über die Herkunft der Biester, weiß aber sonst wenig. Meint, der Marker wäre genetisch – könnte man mit einem Ritual feststellen. Machen sie dann später: Cardo hat den Marker, und Alejandra auch. Der Kuchen hätte auch untersucht werden sollen, aber der ist weg.
Catalinas und Sanchez’ Unterlagen ergeben nicht so viel: Sanchez wollte das Biest beschwören, um damit Vanguard umzukacheln. Sollte nach dem Vollmond wieder verschwinden (war die Annahme).

Halloween-Party bei Raiths: Alien-Thema (Roberto = Frank N. Furter, Dee = Magenta, Cherie = russische Militärtante, Cardo = Klingone, Totilas = Captain Kirk, Alex = Riffraff, Edward = Stormtrooper)

Roberto macht ein Ritual, um festzustellen, ob Koyote oder Wolf in der Nähe sind und wenn ja, wie stark. Das ist einigermaßen schwierig, und es geht ihm danach nicht mehr so gut, aber er hat herausgefunden, dass Koyote ziemlich direkt da ist und Wolf maximal in der Nähe.
Pläne für Koyote: Ablenken. Nicht im Kreis einfangen. Auf einer einsamen Insel, die Alex findet.
Totilas besorgt ein paar Kaninchen (leider nur gefrorene) und hat nach Koyoten geforscht (O), Roberto ein paar “Kräuter”, die bei der Konzentration helfen (OO), Cardo schreibt ein nettes Märchen über den Koyoten (O), Alex öffnet schon mal ein Loch ins Nimmernie (O).

Am 31.03. geht morgens in der Aventura Mall der Punk ab: Ein Lykanthropen-Rudel, und einer ist ausgetickt. Außerdem sind Schüsse gefallen.
Dort stehen auf dem Parkplatz Autos aus Chicago. Drinnen ein junger Schwarzer, den Edward festhält, dann eine ältere Schwarze, die Edward beschimpft. Kampf! Edward wird zusammengeschlagen, außerdem rennen da noch besorgte Bürger mit Schusswaffen herum und andere Bürger, die beschossen wurden und das nicht so toll fanden. Überdies kreuzt dann noch Edwards Vater auf, pfeift die ältere Frau – Allison – zurück. Die Lykos verziehen sich, Alex gibt Lewis noch seine Karte.

Party ist ganz okay, um elf verziehen sich die Jungs. Auf die Insel, Totilas, Roberto und Cardo bleiben auf dem Boot, Alex wartet, Edward ritualt. Funktioniert auch, Biest ist in Alex. Greift Edward blitzschnell an, der entgeht dem Angriff. Springt ins Wasser. Alex tobt über die Insel, 24 Stunden lang. Schafft es, dem Biest immer wieder die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Bricht dann zusammen. Roberto schaut ihn mit der Sight an, die anderen auch. Edward hatte ein Stück Kuchen in der Hand? Was? Na, egal. Er ist erstmal fertig.

Vampire im Sonnenlicht: “Die roten platzen, die weißen glitzern, die schwarzen zerfallen.”
Dean Carter: Bruder von Allison Parsen, war bis vor zwei Jahren Alpha (dann hat Lewis ihn besiegt).
Washington: Lyko aus Parsens Rudel

Vor Edwards Haus taucht Cassius auf. Sein Vater ist in der Stadt, und der will ihn zurück. Vanguard will ihn nicht hergeben. Er ist abgehauen. Kann er nicht in Edwards Rudel? Der kennt sich nicht damit aus.
Dann tauchen die beiden Sonnenscheinchen auf und fangen an, sich im Vorgarten zu prügeln. Roberto schreckt sie auf. Vanguard versucht, Edward zu provozieren, aber das klappt erst, als Lewis ins Haus will, um den Kleinen zu holen. Es gibt eine Schlägerei, Edward fügt Lewis schwere innere Verletzungen zu, aber Lewis schlägt ihn zusammen, bis Edward mit einer Gehirnerschütterung zu Boden geht.

Weil das nicht genug Probleme sind, taucht Maria Parsen auf. Die braucht mal Edward und die anderen. Treffen im Behind the Cover. Maria erzählt, dass Lady Fire auf der Insel aufgetaucht ist, mit Hofstaat und Colin. Sie hat Book angezündet (der brennt auch noch) und plant jetzt mit Vanguard ein Ritual zum Supermond. Vermutlich wollen sie den Wolf rufen, Vanguard soll ihn besiegen und seine Kraft in sich aufnehmen. Groß-artig.

Damit das nicht zu einfach wird, ruft Henry an und erzählt etwas von einem Gefängnisausbruch – es gab einen Zwischenfall mit illusionärem Feuer, ein Oberwächter hat unsinnige Befehle gegeben, und dann waren nach all dem Chaos Enrique und seine Jungs weg.
Cardo regt sich auf. Roberto kontaktiert Ximena, aber die ist grad irgendwo weg. Schickt ihren Kollegen. Der taucht dann auch auf, erzählt, dass Carlos seine Cousine um Hilfe gebeten hat re Ausbruch. Jetzt sitzt Ximena mit den Flüchtlingen in den Glades und Enrique will seine Tochter wiederhaben. Cardo regt sich wieder auf.
Okay. Egal. Die werden in den Sümpfen irgendwie klar kommen. Vielleicht sollten sie zu Linares’ Hanffeldern, damit die Polizisten sie nicht finden. Bjarki kann ja mal mit Linares reden – es geht immerhin um Cardos Bruder.

Planung. Da LF ja mehrere Sidhe-Ritter und etliche Feuerwichtel dabei hat, brauchen sie Unterstützung. Einherjar? Pan? George fragen. Der taucht im Traum auf, findet alles prima, sie sollen halt gehen und die Insel beschützen. Vielleicht ein bisschen viel Sommer da grad – Winter als Gegengewicht wäre gar nicht schlecht.

Also zu Hurricane. Der ist gern bereit – gegen die drei offenen Gefallen. Für einen bekommen sie Lord Frost, für den zweiten bekommen sie zwei Sturmriesen und für den dritten bekommen sie Hurricane und eine Gruppe Kelpies. Die Ritter von Miami versprechen, dass Totilas den Kriegern des Winters nichts tut (kein Einfluss, keine Ernährung). Nächster Morgen geht es los.

Dann noch mal ein Gespräch mit Yolanda, die über Enrique und Coyanthropen aufgeklärt wird.

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Ricardos Tagebuch: Small Favor 1

18. Oktober

Oho. Robertos Bruder Carlos ist frei. Aber klar, er hatte ja keine zehn Jahre bekommen wie Enrique, und von den sechs Jahren, zu denen er verurteilt war, haben sie ihm zwei wegen guter Führung erlassen. Roberto hat ihn abgeholt, und als er sich hinterher mit uns traf, hatte er beunruhigende Dinge zu berichten.

Mitte des Monats soll doch dieser Supermond sein: der Vollmond, der so nah an die Erde herankommt wie seit 70 Jahren nicht. Und Carlos macht sich große Sorgen um Enrique und die drei anderen Koyanthropen, die noch im Gefängnis sind, weil sie dort natürlich auf engstem Raum zusammenhocken und sich bei einem Supermond vermutlich noch viel schlechter unter Kontrolle hätten als bei einem normalen Vollmond ohnehin schon. Carlos hat ernsthaft Angst, dass sie dort drin austicken und jemanden umbringen könnten, sagte Roberto.

Edward hat auch schon gemerkt, dass der Supermond seine Schatten vorauswirft. Er ist noch gereizter als sonst und hat eine noch kürzere Lunte. Er hat sich auch schon darüber informiert, was so ein Supermond in magischer Hinsicht bedeutet, und eines ist sicher: Das ist mal richtig gefährlich. Mierda.


19. Oktober

Ich war bei Oliver im Laden und habe ein bisschen nachgeforscht. Beim letzten Supermond vor 70 Jahren sind die Verbrechensrate und die Anzahl der Gewaltdelikte massiv nach oben geschossen. Wobei ich für diese Info natürlich nicht zu Oliver in den Laden musste, die war im Internet frei verfügbar. Aber was ich im Behind the Cover fand, war die Information, dass dieser Kanal, diese Verbindung zu ihrem Wutdämon – oder was auch immer es genau ist, was die Lykanthropen bei Vollmond so ausrasten lässt – beim letzten Supermond einen ganzen Monat lang offen blieb, sich nach dem vorigen Vollmond gar nicht erst richtig schloss. Oh oh. Dios, ayudame! o, mejor dicho, ayuda Edward. Wenn das wirklich so ist, dann wird das kein Spaß. Aber Edward hat ja schon gesagt, er merkt einen Unterschied. Das wird wohl auch diesmal wirklich so sein. Mierda.


Wieder zuhause. Wir haben überlegt, was wir machen können, um Enrique und den anderen im Gefängnis zu helfen, aber so eine richtig zündende Idee hatten wir noch nicht. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn die vier während des Vollmonds nicht zu vielen Leuten zusammengepfercht wären, aber Einzelhaft für alle vier zu arrangieren, wäre so gut wie unmöglich. Dazu müssten sie so viel Ärger machen, dass sie in Einzelhaft gesperrt werden, und das entsprechend abzupassen, gerade genug für Einzelhaft, aber nicht so viel, dass sie austicken und wen umbringen, und das während des Supermonds? Das wäre viel zu riskant. Das würde nicht gutgehen. Beruhigungsmittel könnte man auch nicht mit der gebotenen Sicherheit einschleusen, oder besser: Für Beruhigungsmittel müsste man den Gefängnisarzt dazu bringen, dass er sie verschreibt, und dazu bräuchte es einen validen Grund. Und „Ihre Insassen sind Kojanthropen, Herr Doktor“ wäre mit ziemlicher Sicherheit keiner. In Quarantäne packen, weil sie eine ansteckende Krankheit haben? Auch kein guter Plan. Denn erstens müsste auch die vom Gefängnisarzt diagnostiziert werden, und selbst wenn es etwas zu diagnostizieren gäbe, weil man sie irgendwie damit infiziert bekäme, hieße das immer noch, dass sie dann krank wären: krank und geschwächt und mit potentiell noch weniger Kontrolle als ohnehin schon, und das auf der Quarantänestation mit eventuellen anderen Kranken und Geschwächten, also Beute? Keine gute Idee, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten. Die vier entführen, um sie über die Zeit des Vollmonds irgendwo sicher unterzubringen? Jahaaaa. Y una leche. Das wäre eine schwerwiegende Straftat, und was, wenn der Vollmond vorbei ist? Die vier einfach wieder im Gefängnis abliefern? Sie für den Rest ihres Lebens untertauchen lassen? Ich wiederhole mich, aber: Y una leche. Aber irgendwie beruhigt werden müssen sie da drin, da geht kein Weg daran vorbei.

Da wir uns bei der Diskussion irgendwann nur noch im Kreis drehten, beschlossen wir, mit James Vanguard zu reden. Immerhin ist er, von Edward mal abgesehen, unser Kontakt in Sachen Lykanthropie.


Vanguard erklärte sich bereit, uns zu treffen, was angesichts der derzeitig herrschenden Nervosität gar nicht so selbstverständlich war. Tatsächlich war die Stimmung zwischen Edward und ihm noch angespannter als sonst, aber beide konnten sich beherrschen. Vanguard erklärte, dass Enrique und die anderen Kojanthropen seien, keine Lykanthropen, mache es etwas schwierig für ihn, Vorhersagen abzugeben, weil er mit denen immer noch nicht so viel Erfahrung bzw. Berührungspunkte habe, auch wenn ihre Erschaffung (was für ein Wort, aber genau das war es ja nun mal) ja nun schon einige Jahre her ist. Aber was er uns sagen konnte, war folgendes:
Kojanthropen sind schneller als Lykanthropen, aber ihre Stärke trotzdem nicht zu unterschätzen. Und sie verhalten sich weniger wölfisch als Lykanthropen, bilden keine so stark miteinander verbundenen Rudel. Aber obwohl ihr Rudelverband nicht so fest sei, könnten vier Mitglieder einander vermutlich schon helfen, einander gegenseitig Stabilität geben. Und Ginseng-Tee. Ginseng-Tee helfe enorm.

Ich glaube, ich muss mal wieder meinen Bruder im Gefängnis besuchen gehen. Ich war ja auch tatsächlich schon eine ganze Weile nicht mehr dort, Schande über mich.


20. Oktober

Ja. Jahaaaaa. Das hätte ich mir ja fast denken können. Enrique war ziemlich aggressiv drauf, Stichwort: Traust du mir etwa nicht zu, dass ich selbst auf mich aufpassen kann, hältst du mich etwa für eine Pussy, weißt du mal wieder alles besser, rah rah rah. Jahaaaaa, Enrique, du bist mein Bruder, und ich liebe dich, aber du bist auch echt anstrengend, weißt du das? Ich will doch nur nicht, dass du in noch größere Schwierigkeiten kommst, ¡carajo!.

Naja. Der Besuch war also etwas anstrengend, gelinde gesagt, aber nachdem wir den ganzen Spaß mit „ja, Enrique, ich weiß, was du bist, und ja, Enrique, ich glaube an den ganzen übernatürlichen Scheiß, wir können also offen reden“ hinter uns hatten, habe ich dann doch irgendwie in Enriques Schädel reinbekommen, dass seine Leute und er unbedingt auf Sandsäcke boxen müssen statt auf ihre Mitgefangenen und dass sie einander wieder runterziehen sollen, falls einer von ihnen auszurasten droht. Mehr konnte ich in dem Moment dann auch nicht tun, leider.


21. Oktober

Ha, aber Edward hatte vorhin eine Idee! Eine richtig, richtig gute Idee. Hilary Elfenbein und ihr spezieller White Court-Hunger! Ein Aggressionsbewältigungsprogramm unter den Insassen, das wäre es doch! Totilas rief gleich bei Hilary an, und das Ende vom Lied war, dass es zwar nicht leicht wird, aber das sich hoffentlich etwas machen lässt. Ms. Elfenbein wird ein Projekt zur Aggressionsbewältigung unter Gefängnisinsassen planen und ich werde meine Kontakte ins Bürgemeisteramt spielen lassen, damit sie ihr Projekt dann auch in der Everglades Correctional Facility umsetzen kann.
Derzeit ist der Plan, dass erst irgendwann eine Vor-Sichtung der Kandidaten für die Studie stattfinden soll, bei der natürlich dann unter anderem Enrique und seine Leute dafür ausgewählt werden, und dass die eigentliche Behandlung dann während des Supermondes selbst passiert. Nicht ideal, aber besser bekommen wir das nicht hin, glaube ich. Drückt bloß die Daumen, dass das klappt, Römer und Patrioten.


22. Oktober

Mit Selva Elder haben wir auch geredet. Sie war allerdings nicht sehr begeistert, uns in der Way Station zu sehen – irgendwie passieren zu oft unschöne Dinge, wenn wir dort sind – und hielt sich entsprechend bedeckt. Sie wollte nicht sagen, ob von ihren Leuten jemand als Wächter im Gefängnis Dienst tut, aber sie meinte immerhin, wenn sie etwas hört, sagt sie bescheid.


26. Oktober

Oho? Jack White Eagle möchte uns treffen. Er hat uns eben alle kontaktiert und uns zu einem Treffen ins Dora’s gebeten. Ob es irgendwas mit der Sache zu tun hat, über die er letztes Jahr nicht sprechen wollte?


Hatte es nicht. Oder nur sehr, sehr indirekt. Indirekt insofern, als dass Jack uns bei der Gelegenheit – und bei vielen anderen Gelegenheiten vorher auch schon – geholfen hat und wir uns jetzt endlich mal revanchieren können. Also vielleicht. Hoffentlich. Zumindest werden wir es versuchen.

Die Sache ist folgende: Es geht um Feen, denen Jack selbst bereits zweimal einen Gefallen getan hat. Beim dritten Mal wären sie ihm verpflichtet, und jemand anderem etwas schulden, das ist etwas, das keine Fee so gut ertragen kann, also kann Jack ihnen kein weiteres Mal helfen.
Die Feen um die es geht, sind Heinzelmännchen, also Brownies deutscher Herkunft gewissermaßen. Wenn sie jemanden mögen, kommen sie nachts und räumen bei dem auf, weil sie einfach gerne putzen und saubermachen, aber man darf sie dabei nicht beobachten wollen, sonst sind sie weg und kommen nie wieder. Sie wohnen tatsächlich ganz offen im deutschen Viertel der Stadt, sagte Jack, und betreiben dort deutsche Restaurants und Bäckereien und dergleichen. Und einer von ihnen sei wegen seines Karpfenteichs von Winterfeen unter Druck gesetzt worden, sie wollten aber wie gesagt auf gar keinen Fall Hilfe von White Eagle annehmen, weil das sonst der dritte Gefallen wäre, den er ihnen täte. Johannes Bonifer heißt der Bürgermeister der kleinen Feengemeinschaft, sagte Jack noch.

Na gut. Jack White Eagle kann ihnen also nicht helfen, aber wir. Ich meine, sie sind zwar streng genommen Wyldfae und gehören nicht zum Sommer, aber es sind Feen, und Winter hatte seine Finger im Spiel. Das kann sich der Ritter des Sommerherzogs dieser Stadt ja mal ansehen gehen. Ich habe schon ewig keinen guten Karpfen mehr gegessen.


Ich vermelde: Der Karpfen war ganz ausgezeichnet. Das Problem der Heinzelmännchen… nicht so. Aber mal sehen, ob wir nicht vielleicht trotzdem was tun können.

Das deutsche Viertel besteht aus ein paar Straßen, wo Tafeln mit deutschen Namen unter die amerikanischen Straßenschilder gehängt wurden. Das entspricht nicht gerade der städtischen Beschilderungsordnung, glaube ich, aber bisher scheint das niemanden gestört zu haben, oder die Schilder würden da nicht mehr hängen. Jedenfalls sah die ganze Gegend auch sehr danach aus, wie man sich einen deutschen Straßenzug in einem kleinen Städtchen so vorstellt: Die Häuser waren tatsächlich aus Stein gebaut, nicht aus Holz, und auch von der Form und Größe her eher deutsch als amerikanisch. Das Ganze wirkte auch nicht zuckrig-kitschig – okay, ein klein bisschen vielleicht, aber nicht sehr. Ziemlich viele Märchenmotive waren zu sehen, zum Beispiel eine ‘König-Drosselbart-Straße’ und ein Restaurant ‘zur Krone’. Unser eigenes Ziel, dessen Namen Jack White Eagle uns genannt hatte, war das Restaurant ‘zum Hirsch’: klassisch deutsch anmutend, mit klassischen deutschen Gerichten auf der Speisekarte. Die Kellnerin eine hübsche junge Frau mit blonden Schneckenzöpfen und in einem Dirndl, das ihre kurvigen Formen ziemlich ideal zur Geltung brachte.

Wir würden gerne mit Bürgermeister Bonifer sprechen, erklärte ich. „Ah, Bonny“, meinte die Kellnerin, und „ja, ich habe schon von euch gehört. Ihr seid die schönen Männer, oder?“ Grrrrr. „Ihr seid nett, habe ich gehört“, fuhr sie dann fort. Na wenigstens etwas. „Um was geht es denn?“ „Stichwort Karpfen“, sagte Roberto, und das zeigte Wirkung. Das Mädchen verschwand sofort.

Es dauerte eine Weile, aber dann kam ein kleiner, rundlicher Mann hereingewuselt. Für seine Fortbewegungsweise kann ich kein anderes Wort verwenden. Er kam gleich zu uns an den Tisch, strahlte uns an und fühlte sich ganz furchtbar geehrt, dass wir ihn aufsuchten. Auch er hatte von uns schon gehört, oder besser von mir. Oder noch besser von Pans neuem ersten Ritter.

Als ich ihn darauf ansprach, dass ich gehört hätte, es gebe hier Probleme, wollte er erst abwiegeln, weil er unter keinen Umständen einen Gefallen annehmen wollte, aber ich erklärte, als Ritter sei es doch meine Aufgabe, für Ordnung zu sorgen. Aber sie seien doch nur Wyldfae, nicht dem Sommer angeschlossen, erwiderte Bonifer. Egal, erklärte ich, es sei mir zu Ohren gekommen, dass der Ärger mit dem Winterhof bestehe, also sehe ich es als meine Aufgabe an, da ausgleichend einzuschreiten. Von diesem Argument ließ Bonifer sich überzeugen, und außerdem habe er ja schon gehört, dass Pans derzeitiger Ritter sehr ehrenhaft sei und sich gegen Unrecht auf allen Seiten wende. Tío. Ich wäre fast rot geworden bei dem Gebauchpinsel. Aber okay, stimmt schon, ich versuche es zumindest.

Jedenfalls lenkte ich ihn dann vorsichtig darauf, dass er doch mal erzählen solle, was überhaupt los sei.
Mr Bonifer – Bonny – überschlug sich etwas bei seiner Darstellung, und wir mussten ein bisschen nachhaken, aber schließlich kam folgendes heraus:

Ein Teil des zum Restaurant gehörigen Karpfenteichs ist eingefroren. Als Gustav (wer auch immer Gustav sein mag) das Eis wegbrach, kroch ein Tier auf seine Hand, die daraufhin ganz blau wurde. Das Tier war ein Frostegel, und die Frostegel gehörten Mr. Dahl, einem Svartalf. Der habe erklärt, die Heinzelmännchen dürften seinetwegen ihre Karpfen weiterhin in seinem Egelteich halten, und als die Heinzelmännchen protestierten, das sei ihr Karpfenteich, nicht Dahls Egelteich, legte der Svartalf Dokumente hervor, aus denen hervorging, dass der Teich jetzt ihm gehörte. Und Liesel habe sich auch schon verkühlt, als sie einen Karpfen herausziehen wollte!

Dahl komme einmal im Monat, immer zur Mitte des Monats, vorbei und hole einige Frostegel aus dem Teich. Die Egel vermehrten sich ziemlich schnell, sagte Bonny, und die Kälte tue den Karpfen gar nicht gut!

Erst einmal tranken wir Kaffee aus hauchdünnem Meißner Porzellan, dann sahen wir uns diesen Karpfenteich einmal an. Der war auf den zweiten Blick größer als auf den ersten, weil er sich auch ins Nevernever erstreckte, und im Nevernever stand er in einer idyllischen Landschaft an einer ebenso idyllischen Windmühle. An einer Stelle allerdings war der See völlig zugefroren, und die Bäume, die auf dieser Seite des Gewässers standen, waren von Rauhreif bedeckt.

Ja, es ist November und für Miami-Verhältnisse relativ frisch in der Stadt, aber zufrierende Gewässer sind in Miami auch für November nicht unbedingt normal. Als es in Miami das letzte Mal geschneit hat, war ich noch nicht mal geboren.
Im Nevernever sei das Wetter zwar etwas „klassischer“ winterlich, aber auch hier im Nevernever friere der See normalerweise erst Ende Dezember oder im Januar zu, erfuhren wir. Die Windmühle gehöre den Heinzelmännchen, erfuhren wir, die bräuchten sie ja für ihr Mehl zum Brotbacken.

Wir erkundigten uns noch ein bisschen ausführlicher über die Umstände. Die Gruppe lebt schon seit mehreren Generationen hier, aber es gibt keinerlei Dokumente, die belegen können, dass sie eingewandert sind oder offiziell hier wohnen. Als sie ins Land kamen, siedelten sie einfach auf dem Gelände und rissen die unbewohnten Bruchbuden ab, die stattdessen bis dahin dort standen. Sie bauten ihre Häuser und fingen an zu leben, und niemand wollte je etwas von ihnen wissen. Steuern zahlten sie auch, sagte Bonny. Einen Gefallen wollte er noch immer auf gar keinen Fall akzeptieren, aber wenn wir ihnen helfen würden, das Problem zu lösen, dürften wir 300 Jahre lang hier umsonst Karpfen essen, so viel und so oft wir wollten. Das war doch ein Handel, auf den wir uns gerne einließen.

Totilas machte den Vorschlag, doch einfach einen zweiten Teich zu graben und die Karpfen umzusiedeln, aber davon wollte Bonny nichts wissen. „Aber das ist doch unser Teich“, stammelte er entgeistert, „und außerdem geht das doch gar nicht, da ist doch überall Wiese!“

Tío. Feen. Dann werden wir wohl keinen neuen Teich graben.
Totilas griff in das Wasser und holte einen dieser Frostegel heraus. Von der Berührung wurde seine Hand blau und eiskalt, und er spürte darin nichts mehr, sagte er. Der Egel zog ihm Blut ab und veränderte selbst auch die Farbe: Er wurde silbrig und auf einmal erstaunlich… das ist ein so völlig falsches Wort in Bezug auf einen Blutegel, aber ich kann es tatsächlich nicht anders beschreiben, attraktiv. Was nur wieder einmal zeigte, wie stark Raith-Blut ist, wenn es sich sogar auf einen hässlichen Wurm auswirkt.

Mr Dahl hatte Bürgermeister Bonifer seine Karte gegeben. Sie war in exklusivem, elegantem Design gehalten und trug die Aufschrift „Dahl. Antiquitäten und Kunsthandwerk“ neben einer Adresse nahe der Lincoln Street und einer Telefonnummer.

Ebenso exkusiv und vornehm war auch sein Antiquariat, den wir als nächstes aufsuchten, und sein Besitzer hager und mit markantem Gesicht in tadellosem Maßanzug. Er begrüßte uns, mich vor allem, mit kühler Höflichkeit, was mich nicht weiter wunderte, denn ich selbst hielt es ja bei meiner Begrüßung nicht anders. Immerhin gehören Svartalfar zu Winter. Entsprechend vorsichtig brachte ich das Thema auf den Karpfenteich.

Er habe das Gelände mit dem Teich im August von der Stadt erworben, sagte Dahl. „Interessant“, kommentierte ich. „Das fand ich auch“, erwiderte Dahl. Ach? Sieh an? Sagen, ob er den Kauf selbst angestoßen habe oder ob er von jemandem dazu angeregt worden sei, wollte er aber nicht. Überhaupt wollte er nicht mehr zu der Sache sagen, denn was gehe es uns an?
Der Fall sei mir zu Ohren gekommen, erwiderte ich, und ich wolle mich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit damit habe. „Ah, ein nobles Unterfangen“, entgegnete Dahl mit nur dem geringsten Hauch von Spott und bot mir dann einen Schreibtisch an, der einmal einem Schriftsteller gehört habe und der angeblich die Kreativität beflügele. Ich sagte, ich werde es mir überlegen; auch wenn er keinerlei magische Eigenschaften haben sollte, ist der Tisch ziemlich hübsch, aber eigentlich bin ich versorgt, und eigentlich passt er vom Stil nicht so ganz in mein Arbeitszimmer. Roberto äußerte sich sich ähnlich höflich und ähnlich ausweichend bezüglich eines Original-Ikea-Schranks von 1977, von dem insgesamt nur fünf Exemplare existierten, und dann waren der Formalitäten Genüge getan, und wir zogen weiter ins Katasteramt.


Das wiederum war ein Griff in das sprichwörtliche Waschbecken. Also, nein, wir fanden schon heraus, was wir suchten. Es war nur nicht das, was wir hören wollten. Das gesamte Viertel gehört der Stadt, bis auf ein kleines Stück, bei dem ein gewisser Egil Bafursson eingetragen ist. Das dürfte dann wohl Dahls echter Name sein, da er für einen notariellen Kaufvertrag vermutlich kein Alias angegeben hätte. Es war auch alles rechtmäßig, soweit wir feststellen konnten, keine Lücke weit und breit. Die Stadt war bereit, das Land zu verkaufen, Dahl erwarb es, bezahlte es, es gehört ihm, da gibt es nichts daran zu rütteln.

Wir mutmaßten, dass es den Svartalf vermutlich selbst überrascht haben könnte, dass das Gelände zum Verkauf stand, und dass er dann kurzerhand zuschlug. Aber auch das ändert nichts daran, dass ihm der Teich tatsächlich gehört und zusteht. Mierda.
Natürlich fingen wir an zu überlegen, was wir tun könnten. Den See austrocknen? Das würde den Karpfen darin ebensowenig gefallen wie den Frostegeln. Einen neuen Teich graben und die Karpfen umsiedeln? Das hatte Bürgermeister Bonifer ja schon vehement abgelehnt. Das Wasser künstlich erwärmen? Das ginge vielleicht, wäre aber sehr aufwendig. Und da der magische Teil des Sees sich im Nevernever befindet, wäre da mit technischen Lösungen nicht so viel geholfen. Ich könnte mir zwar vorstellen, tatsächlich genug Sommermagie zusammenzubekommen, um sie in den Teich zu leiten und ihn damit aufwärmen zu können, aber das wäre erstens ziemlich kraftaufwendig und zweitens nur kurzfristig. Um sowas auf Dauer am Laufen zu halten, hätte ich im Leben nicht die Kraft, ganz abgesehen davon, dass ich auch noch ein paar andere Dinge zu tun habe, als für den Rest meines Lebens an einem Karpfenteich zu stehen und ihn auf Temperatur zu halten, herzlichen Dank.


27. Oktober

Wir hatten noch eine andere Idee. Könnte man vielleicht etwas mit dem Niesbrauchsrecht der Heinzelmännchen erreichen, die ja immerhin schon seit Generationen hier leben? Zu diesem Thema befragten wir heute Marshall Raith, der ist immerhin Anwalt und muss es wissen. Aber leider hatte auch Marshall keine positive Auskunft für uns. Das wäre schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, denn sie sind ja noch nicht einmal legal hier im Land, wie sich herausstellte, als wir nachfragten. Als sie nach Amerika kamen, hatte keiner von ihnen die schlaue Idee, sich bei den mundanen Behörden anzumelden, also sind sie illegale Einwanderer und haben keine Geburtsurkunden und nichts.

Das einzige, was uns sonst noch einfiel, war, Dahl nahezulegen, einen anderen See für seine Egelzucht zu verwenden und ihm den Karpfenteich abzukaufen. Dazu müssen wir nur von ihm wissen, was er gerne dafür hätte. Das behagt mir zwar gar nicht, weil der Kerl ein Vertreter des Winters ist, aber egal. Das ist doch nur wieder der Sommermantel, der da aus mir spricht. Da muss ich drüberstehen, ¡demonios!


So, wir haben einen Termin mit Senor Dahl vereinbart. Morgen, heute war der Herr nicht mehr verfügbar. Ein sehr geschäftiger Geschäftsmann eben. Haha. Hat es nicht nötig. Grrrr. Aus, Alcazar, das ist immer noch Sommer, der da spricht.

Eines ist aber wichtig, das dürfen wir auf gar keinen Fall vergessen: Die Heinzelmännchen müssen schnellstmöglich der Stadt den Rest des Landes abkaufen, damit sowas nicht demnächst gleich wieder passiert. Die Situation lädt ja geradezu dazu ein. Dazu brauchen sie aber Geburtsurkunden, damit sie sich legal im Land aufhalten und legal das Land kaufen können. Okay. George ist der Beauftragte des Wyld, seit Sergeant Book auf der Insel ist. Dann muss George, den die Wyld den „grauen Herrn“ nennen, als offizieller Wyld-Beauftragter zu mir kommen, dann kann ich zu Vin Raith gehen, der kann die Dokumente beschaffen, damit gehe ich wieder zu George, der gibt sie den Heinzelmännchen, damit die damit das Land kaufen gehen können, und niemand hat irgendwem einen Gefallen getan, weil alles ganz hochoffiziell war. Ha.


Wir waren gerade auf dem Rückweg von unserem Termin bei Marshall Raith, da bekam Edward einen Anruf von seinem Partner – ehemaligen Partner, genauer gesagt, jetzt Untergebenen – Henry, der sagte, in einem Walmart in der Nähe gäbe es ein Problem: ein Kunde sei durchgedreht. Er habe an der Kasse gestanden, dann sei er plötzlich ausgerastet, habe seinen Einkaufswagen herumgeworfen wie ein verdammter Marvel-Superschurke (Henrys Worte, nicht meine) und sei dann abgehauen, renne noch da draußen rum, und Edward möge sich doch bitte darum kümmern!

Da keine Zeit war, um Autos zu wechseln und so weiter, fuhren wir mit zu dem Walmart. Ein paar uniformierte Polizisten nahmen gerade Aussagen auf, und zwischen zwei anderen war ein Nerdgespräch im Gange: Es fielen die Begriffe ‘Hulk’, ‘Luke Cage’ und ‘Jessica Jones’.
Aber von diesen Scherzchen mal abgesehen, war die Stimmung unter den Zeugen und Passanten ziemlich gereizt: Auch bei den ganz normalen Bürgern warf der Supermond schon ganz schön seine Schatten voraus.

Der Einkaufswagen, mit dem der Täter um sich geworfen hatte, war noch da, und Edward nahm dort den Geruch des Mannes auf und wollte ihm folgen.
Sagte ich schon, dass die Stimmung gereizt war? Ein paar Umstehende machten blöde Sprüche wegen Edwards Schnüffelns, und er fuhr zu ihnen herum und wäre beinahe auf die Spottenden los. Ich schaffte es irgendwie, ihn davon zu überzeugen, dass die Sache wichtiger war, und zog ihn mit mir, während Totilas den Spott der Leute auf sich zog, damit wir ungestört wegkamen.

Edward folgte der Spur des Mannes bis in eine Gasse, wo der gerade auf eine Mülltonne einprügelte. Und wir kannten den Typen: Es war einer der Kojanthropen, die damals von Michael Fable betreut wurden, nachdem Ernesto Sanchez sie geschaffen hatte. Außerdem hockte in der Gasse auch noch ein Obdachloser, zusammengekauert und voller Angst.
Als Edward den Kojanthropen sah, knurrte er auf. „Lasst mich das machen.“
Er ging einige Schritte auf den Wütenden zu. „Unterlassen Sie das. Sir. Bitte.“
Der Mann fuhr mit glühenden Augen zu Edward herum. „Lass mich in Ruhe.“ Bäm – seine Faust fuhr wieder in die Mülltonne und hinterließ eine tiefe Delle. „Sonst“ – bäm – „geht’s wem dreckig.“
„Das kann ich auch“, konterte Edward und verpasste der Tonne eine eigene Delle. „Und ich bin bei der Polizei.“

Der Typ knurrte wild auf und griff Edward an, und die beiden machten es unter sich aus. Glücklicherweise wurde niemand sonst in die Sache hineingezogen, und am Ende, nachdem sie einander die Mülltonne um die Ohren gehauen hatten, war der Kojanthrop ohnmächtig und hatte einen gebrochenen Arm, und Edward eine lange Schramme und diverse blaue Flecken. Aber immerhin waren beide noch am Leben.
Während ich Edward verarztete, leistete Totilas dem ohnmächtigen Kojanthropen erste Hilfe, ehe wir einen Krankenwagen für ihn riefen und er, inklusive Warnung bezüglich seiner Gewalttätigkeit und der Notwendigkeit eines Beruhigungsmittels, der Polizei übergeben wurde.


28. Oktober

Hui. Heute nacht war die dünne Mondsichel schon um einiges größer zu sehen als üblicherweise. Ich glaube, da dürfen wir uns noch auf einiges gefasst machen.

Der Kojanthrop von gestern wurde heute dem Haftrichter vorgeführt, blieb aber nicht lange in Gewahrsam: Dr. Fable stellte Kaution für ihn. All die neuen Kojanthropen – also alle außer Enrique und seinen Kumpels im Gefängnis – sind ja bei ihm in Therapie.

Nachher steht auch der Termin bei Mr. Dahl an. Grrrrrr. Durchatmen, Alcazár. Professionell bleiben. Das ist der Mantel, der aus dir spricht. Bleib du selbst.


Na, das ging doch erstaunlich gut.
Dahl empfing mich wieder mit kühler Höflichkeit, was mir aber gerade recht war, denn dasselbe Verhalten wollte ich auch an den Tag legen. Er bat mich in sein Büro, das in hellem und modernem skandinavischen Stil möbliert war. Und heute war Dahl tatsächlich bereit, ein paar mehr Worte über das Geschäft mit dem Teich zu verlieren.
Colin Mendoza habe ihm zu dem Teich geraten, und von ihm habe er überhaupt erfahren, dass das Land der Stadt gehöre und erworben werden könne. Ach. Colin. Sieh an. Hat der kleine cabrón von meinem Vorgänger seine Finger auch noch in anderen Töpfen als nur im Diebstahl von Lebenswasser.

Aus, Alcazár. Du hast den kleinen cabrón zu verantworten, das weißt du. Ja, weiß ich, ¡carajo!

Dahl musste mir meine Abneigung gegen Colin angesehen haben, denn er erklärte, er habe sich mit meinem Vorgänger immer gut verstanden. Für einen vom Sommer jedenfalls, war der unausgesprochene Zusatz.
Ich hätte bisher kein größeres Problem mit Winter gehabt, führte ich aus.
Oh, er hoffe, das werde in seinem Fall auch so sein, erwiderte Dahl. Aber ich sei nicht sonderlich gut auf Señor Mendoza zu sprechen, oder?
Er habe sich nicht ehrenhaft verhalten, knurrte ich. Oh, nickte Dahl, das sei natürlich nicht gut für einen Ritter.

Jedenfalls. der Svartalf sagte, er sei bereit, den Teich gegen einen anderen auszutauschen, seine Frostegel umzusiedeln, wenn wir dafür bereit wären, ihm bei einem Problem zu helfen. Vor einer Weile hätten sich Selkies auf Elliot Key angesiedelt, und die müssten weg da.
„Das kann ich Ihnen nicht versprechen, aber ich werde mit den Selkies reden“, erklärte ich.
„Also kommen wir nicht ins Geschäft?“ fragte Dahl. Ähm. Wie kam er denn jetzt darauf?
„Wenn die Selkies umziehen, dann kommen wir natürlich ins Geschäft“, stellte ich klar. „Wenn ich sie nicht davon überzeugen kann, umzuziehen, dann nicht.“
„Also ziehe ich meine Egel erst um, wenn die Selkies weg sind?“
Ich wiederhole mich, aber: ähm.
„Natürlich, nur so ist es doch fair.“
Jetzt schien Dahl überrascht. Jedenfalls sah er so aus, als er den Handel mit einem Handschlag besiegeln wollte. Er hatte kalte Hände, sehr kalte Hände, oder zumindest kam es mir in meiner Eigenschaft als Vertreter des Sommers so vor. Aber ich glaube, meine eigenen Hände müssen Dahl auch sehr warm vorgekommen sein.


Okay. Edward hat mit Suki Sasamoto über Elliot Key und Dahls Anliegen gesprochen. Wie es scheint, braucht der Schwarzalb die Insel, damit seine Schiffe dort anlegen und er seine Schmuggelgeschäfte betreiben kann – ich will es gar nicht genau wissen, solange es ‘nur’ Schmuggelgeschäfte sind und er nicht den ewigen Winter nach Miami bringen will. Svartalfar seien tückisch, und dieser spezielle Svartalf habe schon versucht, die Selkies von Elliot Key zu vertreiben. Sie könnten vielleicht in die Everglades ziehen, irgendwohin an deren Rand, wo es Salzwasser gebe und keine Fischernetze, ein Ort, wo sie nicht gesehen würden. Nicht gesehen zu werden, sei wichtig, da viele Selkies oftmals ohne ihre Häute unterwegs seien, und nicht alle kämen mit Menschenkleidung klar. Jedenfalls, die Glades gingen vielleicht, aber andererseits gebe es zu viele Krokodile dort, und Krokodile fressen Selkies.

Also gut. Dann müssen wir wohl nochmal mit Selva Elder reden, ob sich da etwas machen lässt.


In der Way Station war wieder mal einiges los, als wir ankamen. Natürlich war Selva Elder selbst anwesend, aber auch Cherie Raith, dieser Sarkos, von dem wir immer noch nicht genau wissen, ob er jetzt ein Black Court-Vampir oder ein Ghul oder etwas ganz anderes ist, außerdem Angel Ortega, der so aussah, als habe er hier eine neue Anstellung als Aufpasser gefunden, und Hans Vandermeer. Der Fliegende Holländer war betrunken und redete auf Cherie ein, die ihm gerade entgegenschleuderte, er solle ihr nicht auf die Nerven gehen.

Als Vandermeer Edward zu Gesicht bekam, fing er an, über den herzuziehen und ihn bei Cherie schlechtzumachen. „Er ist aber besser im Bett“, konterte sie trocken, woraufhin Vandermeer zu Edward herumfuhr. „Lass die Finger von ihr!“
Edward blieb erstaunlich ruhig dafür, dass der Supermond bevorstand. Er klang fast milde. „Wer die Finger an sie legt, entscheidet immer noch sie selbst.“
Cherie grinste den blonden Holländer kurz an. „Siehst du, und genau deswegen ist er besser im Bett als du.“

Und so ging es weiter. Vandermeer und Edward feindeten sich noch ein bisschen länger an, bis Selva Elder schließlich einschritt, wenn sie sich prügeln wollten, sollten sie das draußen tun. Nicht in ihrem Laden, der sei immerhin neutraler Boden. „Lass ihn leben“, ermahnte ich Edward noch. Der wirkte inzwischen richtig auf Hundertachzig, und froh, sich abreagieren zu können, aber er nickte. Draußen vor der Way Station prügelten die beiden sich tatsächlich, was damit endete, dass Edward seinen Gegner ins brackige Wasser warf, dann aber doch darauf achtete, dass der andere ungefressen wieder herauskam.

Hinterher trugen wir Selva unser eigentliches Anliegen vor. Sie erklärte, sie wolle die Selkies nicht in den Glades haben, weil es hier zu gefährlich für sie sei. Es gebe aber eine Insel draußen beim Cayo Huracán, die ziemlich ideal für ihre Zwecke sein dürfte. Tanit sollte das wissen, die Insel liege in ihrem Bereich.
Alles in allem war Selva aber ziemlich genervt von uns. „Darf ich jetzt vielleicht weitermachen? Ich habe ein Gumbo zu kochen.“
Klar durfte sie. Auf immer verscherzen wollten wir es uns ja mit ihr auch nicht. Deswegen, und weil wir hungrig waren, bestellten wir uns jeder eine Portion. Falls ihr mal richtig leckeres Gumbo essen wollt, Römer und Patrioten, geht in die Way Station.

Während des Essens beratschlagten wir, wie wir am besten an Tanit rankämen. Direkt zu ihr zu gehen, wäre unhöflich, aber wozu habe ich Kontakt zu Yahaira Montero. Ritter zu Ritterin, das gäbe dem Ganzen gleich nochmal einen semiformellen Anstrich, der in diesem Fall vielleicht gar nicht schaden kann.

Dann aßen wir in Ruhe auf und tranken noch einen Kaffee hinterher, und ich hab den Kram hier aufgeschrieben. Aber jetzt geht’s zurück.


29. Oktober

Au. AU. Au, verdammt. Kopfschmerzen. Kann mich immer noch kaum konzentrieren. Und ich dachte, eine Nacht Schlafen würde vielleicht helfen.

Okay, ich bin ja selbst schuld, aber in dem Moment ging es nicht anders, oder zumindest wusste ich mir in dem Moment keinen anderen Ausweg.

Auf dem Rückweg nach Miami klingelte Edwards Handy schon wieder. Diesmal war Salvador Herero in der Leitung, der seinem Chef mitteilte, dass schon wieder jemand ausgetickt sei, auf einer Straßenkreuzung diesmal. Natürlich fuhren wir hin.

Auf der besagten Straßenkreuzung stand ein Mann, oder zumindest eine Gestalt, denn sie wirkte nur noch entfernt menschlich. Der Mann war angeschwollen vor Muskeln und trug tierhafte Gesichtszüge, machte auch tierhafte Geräusche. Hier stimmte der blöde Witz vom Hulk, den die Cops gestern gemacht hatten, tatsächlich. Mit einem Ächzen, das nur wenig nach Anstrengung klang, viel mehr nach unbändiger Wut, stemmte er ein Auto hoch und zerriss es in der Luft. Ich wiederhole das nochmal. Ein Mann stemmte mit bloßen Händen ein Auto hoch und zerriss es.

Als er uns sah, kam der Kerl auf uns zugestampft. Trotz seiner Masse war er erschreckend schnell auf den Beinen, und wir hatten Glück, dass wir ein Stück von der Kreuzung entfernt waren und der Mann ein gewisses Stück zurücklegen musste. Roberto stellte sich breitbeinig hin und verspottete den Typen, der sich daraufhin in dessen Richtung drehte. Totilas wollte ihn auch ablenken, aber der Kerl war derart auf Roberto fixiert, dass Totilas’ Rufe keinerlei Wirkung zeigten. Ich dachte, ich versuche es mal mit meinem patentierten Sonnenlichtzauber und blende ihn, aber ein Hulk ist nunmal kein Vampir, und so wurde es zwar hell um den Typen herum, aber das störte ihn nicht groß. Ich vermute mal, er orientierte sich ohnehin nicht sonderlich stark über die Augen in dem Moment.

Edward versetzte seinem Gegner einen kräftigen Hieb, aber das schien den Hulk auch nicht sonderlich zu beeindrucken; die Beule, die er von Totilas kassierte, genausowenig. Er war immer noch derart auf sein erstes Ziel konzentriert, dass er die beiden Treffer ignorierte und stattdessen nach Roberto schlug. Weil der allerdings geschickt auswich, wurde er nicht getroffen, hatte sich aber gegenüber dem Hulk in eine ungünstige Position gebracht. Der nächste Schlag würde ihn mit ziemlicher Sicherheit treffen, und zwar gewaltig.

Ich bin nun keine große Leuchte im Nahkampf, das ist kein Geheimnis, auch wenn ich dank des Unterrichts bei Eileen im Umgang mit Jade schon deutliche Fortschritte gemacht habe. Mich diesem Koloss also jetzt mit meiner Feenklinge in den Weg zu stellen, würde es auch nicht bringen. Der Kerl würde gleich Roberto zu Klump schlagen, und soweit durfte es nicht kommen. Es war mit Sicherheit keine meiner schlaueren Ideen, aber die einzige Möglichkeit, die ich in dem Moment sah, um ihn aufzuhalten, wo mein patentiertes Sonnenlicht schon nicht funktioniert hatte, waren Ranken. Schöne, feste, sommerliche Ranken, um den Kerl festzuhalten. Soweit so gut. Der Zauber klappte wie geplant, und die Ranken sprossen aus der Erde. Nur war der Hulk eben extrem stark, also mussten die Ranken auch richtig, richtig solide sein. Und um sie eben so richtig, richtig solide zu machen, steckte ich mehr Kraft hinein, als ich es mir leisten konnte.
Die Strafe folge auf dem Fuße: Ich konnte richtiggehend spüren, wie ich mich mit dem Wirken des Spruchs überanstrengte, und im selben Moment begann mein Kopf so heftig zu schmerzen, als würde er im nächsten Moment platzen, während mir ein Blutfaden aus der Nase lief. Ich wiederhole mich, aber: au. Au, verdammt.

Memo an mich: Du bist kein echter Magier, Alcazár. Du hast jetzt diese Sommerkräfte, ja, aber leichtsinnig solltest du deswegen nicht werden.

Der Hulk war aber jedenfalls von den Ranken gefesselt, oder zumindest so stark behindert, dass er nicht an Roberto herankam. Edward aber kam an ihn heran. Und jetzt hielt er sich nicht mehr zurück. So schwer es mir fällt, das zu schreiben: Diesen Gegner prügelte Edward tot. Richtig tot. Und sogar, als der Kerl schon tot war, stand Edward noch mit geballten Fäusten über ihm und sah aus, als wolle er ihn gleich in tausend Fetzen reißen.

Irgendwann kamen auch Suki Sasamoto und Salvador Herero dazu, um zu helfen. Beide hatten schon vorher im Kampf gegen den Hulk kräftig einstecken müssen: So war Sukis Arm gebrochen, und Herero blutete aus mehreren Wunden. Suki, ganz die Japanerin, entschuldigte sich verlegen, während Herero bei Henry Smith anrief, damit der den Vorfall hinerklären sollte. „Das wird aber schwer zu erklären“, unkte Totilas. Na mal sehen. Spin Doctoring ist immerhin Henrys Spezialität.

Ich tat ansonsten gestern abend jedenfalls nicht mehr viel, außer ein paar Kopfschmerztabletten einzuwerfen und mich ins Bett zu packen, sobald Alejandra auch schlief. Und ich hatte eigentlich gehofft, die würden über Nacht wirken. Aber Fehlanzeige. Mierda.


Beim Aufwachen dröhnte mein Kopf immer noch. Aber da konnte ich erstens nichts daran ändern, und zweitens gab es auch genug zu tun, was mich das ein bisschen vergessen, oder zumindest ignorieren, ließ. Wir hatten ja schon überlegt, wie wir Tanit am besten kontaktieren könnten. Über Hurricane war eine Idee, aber da hätte Totilas nicht mitkommen können, weil dem ja für Fae die Aura des Wortbrüchigen gegenüber der Herrin der Stürme anhaftet. Aber im Verlauf des Vormittags bekam ich die Nachricht, dass Yahaira Montero sich im Behind the Cover mit mir treffen würde. Da konnte dann auch Totilas mitkommen. Alex allerdings nicht – der schickte heute morgen eine kurze Nachricht, er habe was zu erledigen, und er würde dann später wieder zu uns stoßen. Was auch immer er zu tun hatte: Lichterketten aufhängen, witzelten wir herum, Weihnachtsbäume dekorieren? Jedenfalls irgendwem irgendwelche Gefallen tun vermutlich.

Die Unterhaltung mit der Winterritterin verlief sehr höflich und durchaus konstruktiv. Ich erzählte ihr von unserem Dilemma mit der Insel für die Selkies und dass wir natürlich nichts über Tanits Kopf hinweg unternehmen wollten. Oh, meinte Yahaira, fast ein wenig erstaunt, das sei aber sehr diplomatisch von mir. Und als ich mich daraufhin ebenfalls etwas überrascht zeigte, setzte sie noch hinzu, Pans frühere Ritter hätten es nicht so mit der Diplomatie gehabt. Oh. Oho. Aber ja, da könnte sie recht haben. Wenn ich mir das so überlege, könnte Eileen die letzte Sommerritterin gewesen sein, von der man so etwas wie Diplomatie erwarten durfte.

Wie dem auch sei, wir besprachen das Problem sehr ruhig und sachlich. Ich könnte natürlich meinen Gefallen bei Tanit einfordern, das wäre eine Möglichkeit. Oder vielleicht könnten wir der Winterherzogin von Miami einen anderen Dienst erweisen?
Die Fürstin sei besorgt wegen der Anwesenheit von Lord Frost, erklärte Yahaira. Er sei jetzt seit einer ganzen Weile hier in der Gegend, aber es sei eigentlich im Interesse aller, wenn er sich hier nicht fest ansiedeln würde. Ihn davon abzubringen bzw. sich um diese Angelegenheit zu kümmern, wäre aber kein Gefallen für Tanit.

Na gut. Dann musste ich wohl meinen Gefallen einfordern. Für genau eine solche Gelegenheit gab es ihn ja, auch wenn ich eigentlich ursprünglich gedacht hatte, dass ich ihn vielleicht für etwas… Persönlicheres würde verwenden können. Aber wenn schon nicht persönlich, war das doch immerhin für Miami, also auch die Sache wert.
Langer Rede kurzer Sinn: Als Gegenleistung für den Gefallen, den sie mir schuldet, gestattet Tanit den Selkies, auf die Insel umzuziehen. Dann kann Dahl mit seinen Egeln auf den Elliot Key, und die Heinzelmännchen bekommen ihren Teich wieder.

Als nächstes suchten wir die Heinzelmännchen auf, um ihnen die gute Nachricht zu überbringen und die weiteren Schritte mit ihnen abzusprechen. Da der Teich ja rechtmäßig Dahl gehört, müssen sie einen Kaufvertrag mit ihm aufsetzen, sobald sie ihre Geburtsurkunden haben, und die sind ja dank Vin Raith auch schon in der Mache. Wir boten ihnen ebenfalls an, dabeizusein, falls sie beim Verhandeln mit Dahl einen neutralen Vermittler bräuchten, was sie sich überlegen würden, wie Bürgermeister Bonifer erklärte. Und dann sangen die Heinzelkinder uns noch ein Ständchen. Auf Deutsch. Es war richtig rührend.

Mr. Dahl informierten wir dann auch noch über die neuesten Entwicklungen. Auch er zeigte sich höflich und einverstanden, den Tausch wie geplant durchzuziehen. Als wir ihn dann noch auf Lord Frost ansprachen und ebenfalls erwähnten, dass ja gerade der Supermond anstehe, und ob Lord Frosts derzeitige Aktivitäten damit irgendwie in Zusammenhang stehen könnten, glaubte er das aber eher nicht: Der Mond sei nicht Lord Frosts Domäne.

Sobald wir den Svartalf verlassen hatten, sprach Roberto einen interessanten Gedanken aus. Damals vor vier Jahren, als Catalina Valdez (oder vermutlich eigentlich Cicerón Linares als Drahtzieher im Hintergrund) mit den Latin Raiders zusammen während des Vollmonds das Biest beschwören wollte, kam die Bestie zwar nicht durch, aber die Wand zwischen unserer Welt und dem Nevernever wurde da ziemlich geschwächt. Vielleicht hat dieses Biest ja jetzt beim Supermond wieder eine Gelegenheit, herauszukommen – auch wenn es niemand direkt ruft?

Auf dem Heimweg bekam Edward einen Anruf von einem Streifenpolizisten, der irgendwo in der Stadt unterwegs war. Eigentlich war die Situation schon wieder unter Kontrolle, aber Ms. Wong habe gesagt, es sei besser, wenn Lieutenant Parsen vorbeikomme.

Ms. Wong? Ach ja, richtig, Cynthia Wong, James Vanguards Stellvertreterin bei Vanguard Security. Oha. Und wohin vorbei? Ins Museum für Moderne Kunst.

Im Museum fanden wir neben dem Streifenpolizisten, der Edward angerufen hatte, auch seinen Partner vor. Der Anrufer war ein ziemlicher Neuling, sein Partner schon ein altgedienter Veteran. Sie standen vor einem Raum, dessen Tür geschlossen war, davor ein Feuerlöscher, der anscheinend von der Wand gerissen und mit großer Gewalt herumgeworfen worden war, denn das Gerät war geplatzt und es waren Spritzer von Löschschaum überall. Cynthia Wong war im Moment nirgendwo zu sehen.

Ein schwarzer Teenager sei durchgedreht, informierten uns die beiden Cops. Jemand von der Museumssicherheit – gestellt von Vanguard Security – habe versucht, den Jungen zu beruhigen, sei dann aber selbst auch durchgedreht. Ms. Wong von Vanguard sei gerade dabei, die Sache einigermaßen zu regeln, denn das sei erst mal eine interne Vanguard-Angelegenheit. Alles weitere, wie der entstandene Sachschaden und so weiter, könne man später klären. Und mit diesen Worten zogen die beiden Cops erst einmal ab.

In dem Raum fanden wir Cynthia Wong und eine junge Frau in Vanguard Security-Uniform. Cynthia redete gerade beruhigend auf die jüngere Wachfrau, die offensichtlich ein Teil des Vanguard-Rudels war, ein: „Denk an das weite Feld. Denk an den Mond. Denk daran, wie du mit dem Mond läufst“, und allmählich gelang es ihr, die andere tatsächlich wieder einigermaßen auf den Teppich zu bringen.
Dann wandte sie sich uns zu und erklärte, sie bräuchte keine Hilfe hier, mit der Situation hier kämen sie schon irgendwie zurecht. Aber der Junge sollte aufgehalten werden. Der sei irgendwie durch das Fenster raus.
Da Cynthias Kollegin immer noch nicht so aussah, als habe sie sich völlig unter Kontrolle und auch Ms. Wong selbst sichtlich gereizter wirkte, als sie es zugab, sahen wir zu, dass wir ihren guten Vorschlag aufgriffen.

Als Edward draußen den Geruch des Flüchtigen aufnahm, machte er ein verwundertes Gesicht. Irgendwas daran sei vertraut, meinte er dann, auch wenn er sich sehr sicher sei, dass er diese Witterung noch nie in der Nase hatte.

Beim Verfolgen der Geruchsfährte merkten wir, dass der Flüchtende wohl aus vollem Leibe gerannt sein musste und alle Kraft in das Rennen gelegt hatte, so dass er eher wenig Verwüstung hinter sich zurückgelassen hatte, sondern mehr wie ein Parkour-Springer unterwegs war.
Wir holten den Jugendlichen ein, als er gerade von einer Brücke auf die darunterliegende Straße sprang. Er machte das sehr geschickt, rollte sich ab und rannte weiter, hatte sich offenbar kein bisschen verletzt. Wir hingegen nahmen lieber die Treppe, auch wenn das den Abstand wieder etwas vergrößerte.

Zum zweiten Mal holten wir dann an einer großen Kreuzung zu dem Jungen auf, der vielleicht so fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein mochte. Er stand in der Mitte der Kreuzung auf einer Verkehrsinsel und wurde wild angehupt. Ampeln blinkten, Telefone klingelten, und man konnte richtig sehen, wie der Lärmpegel den Teenager zum Kochen brachte. Meinen Kopfschmerzen tat das auch nicht so richtig gut, muss ich gestehen, und ich konnte spüren, wie ich auch schon ein bisschen aggressiv zu werden drohte. Dieser Supermond ist anstrengend, wenn ich das mal so sagen darf.

Jetzt hieb der Junge mit voller Wucht auf einen Hydranten ein. Ein Passant wollte ihn mit einem „das kannst du doch nicht machen, Kleiner!“ davon abhalten, aber Edward zückte seine Polizeimarke und blaffte den Mann an: „Gehen! Sie! Weiter! Sir!!“
Der Teenager drehte sich um. „Du bist Edward.“ Und während der ihn noch anstarrte, fuhr der Kleine fort: „Ich geh’ nicht wieder zurück!“
„Zurück?“ machte Edward verblüfft, und der Junge antwortete: „Zu Dad!“

Oooookay. Das erklärte natürlich auch den vertrauten Geruch. Jedenfalls fasste Edward sich ziemlich schnell und bot seinem dem Kleinen an, er könne bis auf weiteres erst einmal bei ihm unterkommen. „Hast du ’nen Namen?“ fragte er dann? „Cassius.“ „Guter Name.“ Besser als Julius, stimmte der Teenager zu, das sei nämlich die Alternative gewesen.

Als wir Cassius von der Kreuzung weggeholt hatten und auf dem Weg zu Edward waren, erzählte der Junge erst einmal, was im Museum überhaupt passiert war. Da sei so ein blöder Arsch gewesen, der sich mit ihm habe anlegen wollen, da sei Cassius wütend geworden, und Imana und Cynthia wollten ihn aufhalten. Die beiden kenne er aus einem Internetforum, wo lauter Leute posteten, die mit Wutanfällen zu kämpfen hätten.

In dem Moment musste Edward, in dessen Auto wir saßen, scharf in die Eisen steigen, weil er von vorne ausgebremst wurde, und hieb mit einem ärgerlichen Knurren, das Cassius ihm in doppelter Lautstärke nachmachte, auf die Hupe. Der durchdringende Ton brachte meinen Schädel beinahe zum Platzen, und ich fuhr mir mit der Hand vor die Augen. „Au, mein Kopf!“
Cassius warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Ist der auch seltsam?“ „Anders seltsam“, erwiderte Edward. „Er schreibt Bücher.“
Wenn mein Kopf mir nicht so wehgetan hätte, dann hätte ich laut herausgelacht, glaube ich.
Cassius jedenfalls bekundete, dass Bücher toll seien, dass er von mir aber noch nie gehört hätte. Auf meine Erklärung, ich schriebe Urban Fantasy, schüttelte er nur altklug den Kopf und erklärte sehr ernsthaft, er lese solche Sachen wie The Catcher in the Rye und so. Hach ja. Teenager, die ernsthafte Literatur entdecken. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

Zuhause unterhielten wir uns dann ausführlicher. Wie wir schon vermutet hatten, ist Cassius Edwards Halbbruder: gemeinsamer Vater, aber eine neue Frau – auch wenn Mr. Parsen sich vermutlich nie offiziell von Marie hat scheiden lassen. Nachdem Marie und Edward weg waren, verbrachte Parsen Senior einige Zeit im Gefängnis, erzählte Cassius. Dort lernte er dann Cassius’ Onkel kennen, der ebenfalls mondsüchtig war (wie Cassius das formulierte), und nach seiner Entlassung traf er dann auf die Schwester seines Mitgefangenen und kam mit ihr zusammen. Cassius’ Mutter sei auch mondsüchtig, erzählte der Junge, was ihr erlaube, ihrem Freund Paroli zu bieten, wenn der wütend werde, so einigermaßen zumindest.

Edward nickte und meinte, er müsse Cassius Schneeball vorstellen. „Dein Rudel?“ wollte der Junge wissen, woraufhin Edward ein Foto von Schneeball aus der Tasche fischte und es seinem Bruder zeigte. Der war verwirrt. „Das ist ein Schoßhund!“ „Lass ihn das nicht hören“, schmunzelte Edward, „in seinen eigenen Augen ist er ein Wolf.“ Das verwirrte Cassius aber nur noch mehr: „Du hast einen größenwahnsinnigen Spitz als Rudel?“
„Lach nicht, das hilft mir tatsächlich dabei, die Kontrolle zu behalten.“
Cassius ließ nicht locker. „Aber hast du denn kein Rudel?“
„Nicht im klassischen Sinne“, meinte Edward, und deutete im Kreis herum auf uns.
„Oh.“ Sein Onkel habe immer gesagt, es tue einem nicht gut, wenn man kein Rudel habe, führte Cassius weiter aus, und sein Dad habe auch immer erzählt, es habe ihm überhaupt nicht gut getan, alleine zu sein.

Als Edward seinen Bruder dann bat, ihm einen Gefallen zu tun und nicht ins Labor zu gehen, bekam der große Augen. Labor? Das sei ja wie bei Walter White, voll bad-ass!
Nein, erwiderte Edward, keine Drogenküche. Eher esoterisch.
Das war der Moment, in dem Roberto wieder mal Roberto sein musste und Cassius provozierte. Mit einer ganz klar absichtlich auf schwul gehaltenen Anmache legte er dem Jungen nahe, auf seinen Bruder zu hören, was Cassius wild aufknurren ließ und Edward dazu brachte, unseren Kumpel kurzerhand des Hauses zu verweisen. Seinen Halbbruder, der aussah, als wolle er gleich irgendwas zerreißen, schickte Edward erst mal an seinen Boxsack, wo der Kleine sich die Fäuste blutig schlug, aber tatsächlich etwas Dampf abzulassen schien.

Kurze Zeit später brachte Ximena, die auf den Hund aufgepasst hatte, Schneeball vorbei. Ich stand gerade am Fenster und konnte sehen, wie Roberto, der noch draußen war, sich kurz mit ihr unterhielt. So, wie er nach drinnen zeigte, war klar, dass er seine Cousine über Edwards plötzlichen Halbbruder aufklärte.
Dann kam sie samt Hund herein, aber Schneeball bellte so wild und aufgeregt herum, dass Cassius schon wieder die Nerven verlor. Ich kraulte den kleinen Spitz ein bisschen, da bellte er noch ein bisschen, gab dann aber endlich Ruhe.
„Na toll“, maulte Edward, „Familie! Fehlen nur noch Frau und Kind, haha!“
Ich grinste ihn an. „Naja, man soll nie nie sagen.“
„Ha, lass mal“, schnaubte Edward, „jetzt habe ich Cassius an der Backe, das reicht mir erstmal völlig.“
„Warum soll es dir besser gehen als mir?“ fragte ich ihn, auch wenn ich das eher scherzhaft meinte. Denn ich habe nicht das Gefühl, Jandra an der ‘Backe’ zu haben, im Gegenteil.
„Deine ist nicht so wild“, konterte Edward.

Und dann… ich weiß gar nicht wie ich es beschreiben soll. Es ging mir das sprichwörtliche Licht auf. Mit einem Mal fuhr mir ein Gedanke in den Kopf, und es war mir völlig schleierhaft, wie ich vorher nicht darauf gekommen sein konnte. Scheiße! ¡Mierda y cólera!

„Was ist los?“ wollte Totilas wissen, also fluchte ich noch ein bisschen weiter, erklärte dann aber. Jandra ist Enriques Tochter. Und Enrique ist ein Koyanthrop. Oder besser: Enrique wurde von Ernesto Sanchez zum Koyanthropen gemacht. Und wenn er das Gen hatte, das es bei ihm ermöglichte, den Koyanthropen zu wecken, dann hat seine Tochter das mit einiger Wahrscheinlichkeit auch. Und, cólera noch eins, dann habe ich es garantiert auch, denn ich bin sein Bruder, verdammt! Und was, wenn das verdammte Gen ausbricht, sobald der Supermond richtig losgeht?

Wir könnten Jandra testen, schlug Totilas vor. Ein Ritual durchführen, um herauszufinden, ob beim Supermond das Gen ausbrechen wird. Oder vielleicht ein Ritual, damit beim Supermond das Gen ausbricht?
„NEIN!!“

„Ginseng-Tee“, schlug Roberto vor. „Viel Ginseng-Tee.“
„Und du solltest Alejandra Disziplin beibringen“, fügte Totilas hinzu.
Grrrrrr. Was zum Geier?!
„Glaubst du etwa, dass ich meiner Tochter keine Disziplin beibringe?!“
Okay, verdammt. Ich bin tatsächlich auch ziemlich gereizt. Hoffen wir mal, das ist wirklich nur der Supermond, und nicht dieses blöde Gen, das herauskommen will. Totilas lenkte auch schnell ein und erklärte, natürlich glaube er, dass ich Jandra Disziplin beibrächte, aber eben nicht so systematisch, wie gerade Edward sie betreibt. Ach so hatte er das gemeint. Trotzdem. Grrrr.

Etwas später kamen Cynthia Wong und ihre Kollegin Imana vorbei, um Cassius abzuholen. Der Junge schien auch ganz erleichtert darüber: Zum einen ist er es gewohnt, ein Rudel um sich zu haben und zum anderen war es ihm anscheinend doch ein bisschen peinlich, bei seinem großen Bruder zu sein. Er wolle aber in Kontakt bleiben, sagte er.
Alex tauchte kurze Zeit später auch wieder auf. Er habe diverse Löcher stopfen und Türen schließen müssen, sagte er, denn spätestens seit der Schwächung der Insel der Jugend sind hier in Miami die Grenzen zum Nevernever unangenehm dünn. Drüben im Nevernever habe er Spuren gefunden, sagte Alex, von einer riesigen wolfsartigen Pfote.

Könnten das eventuell Spuren von dem Biest gewesen sein, das die Latin Raiders damals rufen wollten? An die Bestie hatten wir ja etwas früher am Tag schon gedacht, auch wenn wir eher einen Zufall vermuteten. Aber jetzt mit der Spur… Wird es eventuell auch diesmal wieder mit Absicht gerufen?
Hmmm. Wir könnten ein Ritual abhalten, sinnierte Edward, um herauszufinden, ob das Biest gerufen wird, und wenn ja, von wo aus.
Das hielten wir alle für einen ziemlich guten Plan, aber wenn, dann sollten wir das abends machen, wenn der Mond zu sehen ist. Aber nicht mehr heute. Wir hatten einen langen Tag, und ein paar Vorbereitungen müssen wir ja auch erst noch treffen. Deswegen verabredeten wir uns für morgen und trennten uns.

Und ich muss jetzt erstmal dringend schlafen. Ich habe das hier alles zwar noch aufgeschrieben, weil ich morgen sonst vielleicht nicht mehr dazu komme, aber ich bin völlig erledigt. Und Kopfschmerzen habe ich immer noch.

Oh, aber eines noch: Bei Schneeball stellen sich jedesmal die Ohren auf, wenn er das Wort ‘Ritual’ hört. Das war so, als es um das potentielle Ritual für ’Jandra ging, und dann, als wir über das Biestrufritual redeten, wieder. Der Hund ist eben doch ein Ritual-Pavlov. Fehlt nur noch Schrödingers Ritualkatze. Echt jetzt.

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Ricardos Tagebuch: Intermezzo

18. November

Ich habe den Jungs die Einträge zu den Mordor-Ents gezeigt. Sie waren ebenso verwirrt wie ich, weil sich auch keiner von den anderen an unheimliche schwarze Baumgestalten erinnern konnte, und natürlich kamen wir ins Diskutieren. Ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe. Ob ich es vielleicht nur geträumt habe. Oder ob da jemand tatsächlich an unserem Gedächtnis herumgespielt hat. Totilas hatte die geniale Idee, mal Richard und Gerald zu kontaktieren, ob die irgendwas von Mordor-Ents wissen. Immerhin waren sie am See auch dabei.
George, den ich nachts mal dazu fragte, erklärte, dass ich durchaus von solchen schwarzen Gestalten geträumt hätte, ja, aber dass er die nicht angerührt habe, die hätten ‘nicht lecker’ ausgesehen. Und so, wie mein kleiner Traumfresser-Freund sich bei den Worten ‘nicht lecker’ schüttelte, glaube ich, er meinte mit dem Ausdruck nicht ‘Junk Food statt Gourmetmenü’, sondern eher ‘Giftcocktail’.

Wir waren uns alle einig, dass wir in dieser Sache den Ball ganz, ganz flach halten müssen. Wenn wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgeschraubt hat, dann sind die Mordor-Ents, falls es sie gibt, ein richtig heißes Eisen. Der einzige, dem wir genug vertrauen, um es ihm gegenüber anzusprechen, ist Jack White Eagle. Den wollen wir mal zu dem Thema befragen.


Zurück aus der Kommune. Jack hat unsere Bitte um Stillschweigen sehr ernst genommen und uns nicht nur einen ruhigen Ort zum Reden gesucht, sondern sogar einen Ritualkreis um uns herumgezogen, damit auch wirklich niemand lauschen kann. In dem Kreis las ich meine Aufzeichnungen noch einmal vor und beschrieb noch einmal, was es damit auf sich hatte, woraufhin Jack erklärte, er habe eine Vision von den Viechern gehabt: sie seien extrem gefährlich und überhaupt nichts Gutes. Wegen dieser Vision sei Jack überhaupt erst von South Dakota nach Miami gekommen, denn er habe das Gefühl, wegen dieser Viecher müsse er dringend hier sein. Oh. Ob er meine, dass sie aus Schottland herkommen würden? Sie seien schon hier, erklärte er daraufhin grimmig. Mehr wollte er uns darüber aber erst einmal nicht sagen, denn wir seien – ich zitiere – „zwar nett, aber ungestüm“. Aber wenn ‘es’ denn käme, wenn er etwas erfahre, das wichtig sei, dann würden wir es zuerst erfahren, versprach Jack, oder zumindest mit zuerst.
Alles klar. Und bis dahin halten wir uns in dieser Beziehung komplett bedeckt.


27. November

Gerald und Richard haben sich gemeldet. Es hat ein paar Tage gedauert, aber jetzt haben wir von beiden die Bestätigung: Sie wissen beide noch von den Mordor-Ents am See. Demonios. Es hat wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgespielt. Ich meine, das hatten wir uns ja schon gedacht, aber diese Bestätigung ist schon nochmal… hossa. Sagte ich schon, dass ich es hasse, wenn jemand in meinem Kopf herumschraubt?


01. Dezember

Mierda. Bei all dem Stress, der in letzter Zeit los war, habe ich es komplett vernachlässigt, aber irgendwann muss ich Pan Ersatz für seine desertierten Ritter gefunden haben, denn alleine werden Sir Anders, die Satyre und ich nicht gegen Winter bestehen können, wenn es das nächste Mal rund geht. Es stellt sich nur die Frage, werde ich überhaupt irgendwo Sidhe-Ritter finden, die a) frei sind für einen neuen Einsatzort und b) bereit sind, an Pans unkonventionellen Satyrshof zu kommen? Das könnte schwierig werden, befürchte ich. Aber ich hatte letztens noch eine andere Idee. Vielleicht lassen sich ja einige der Einherjaren aus Heorot dazu überreden, an den Sommerhof zu kommen? Immerhin sind es (okay, bis auf Asleif) ja kultivierte Einherjar, die nicht jede freie Minute mit Saufen und Köpfeeinschlagen verbringen.Vielleicht kann man die für Pans Palast interessieren? Einen Versuch wäre es wert. Ich muss nur bald los, damit noch genug Zeit für andere Optionen ist, falls diese fehlschlägt.


06. Dezember

Ich vermelde: Einherjar in Miami! Okay, in Pans Palast, sprich im Nevernever, das an Miami angrenzt. Es erforderte gar nicht so viel Überredung, sie zur Unterstützung zu gewinnen. Dreizehn neue Streiter hat Pan jetzt insgesamt, Sigthor nicht gerechnet. Der kam zwar auch mit, aber ich habe das Gefühl, der wird nicht lange bleiben, sondern sich hier nur eine Weile umsehen und dann wieder weiterziehen. Asleif ist auch mitgekommen; dem war es in Heorot wohl zu kultiviert, und er hofft hier auf mehr Action. Na, für zwei Gelegenheiten im Jahr konnte ich ihm Action versprechen, aber da müssen wir sehen, ob und inwieweit ihn das hier hält.


09. Dezember

Es war ja so klar. Pan war neugierig und ist im vollen Bewusstsein dessen, was passieren wird, mit Sigthor in seinen Privatgemächern verschwunden. Ich bin schwer begeistert, denn dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten, wer dann so in ca. einem Dreivierteljahr – wobei, wie lange dauern eigentlich Schwangerschaften bei Satyren bzw. Naturgottheiten? – das Kindermädchen wird spielen dürfen. Pan findet das Ganze fürchterlich lustig und macht schon Pläne.


10. Dezember

Wie zu erwarten war, ist Sigthor wieder aufgebrochen. Oh, wo ich gerade Sigthor erwähne: Sein Feuerkind mit Loki hat jetzt auch einen Namen. Sindri sollen wir sie nennen. Das klingt ziemlich hübsch, wenn ihr mich fragt. Und sehr passend für ein Feuerwesen. Als eine Sarah oder Laurie hätte ich sie mir jedenfalls nicht vorstellen können. Sindri lernt langsam, ihre Feuerstelle zu verlassen und menschliche – oder zumindest humanoide – Gestalt anzunehmen, was auch eine sehr spannende Entwicklung ist. Ich bin mal gespannt, was für Unfug sie damit anstellt. Übernatürlicher Feuer-Teenager. Yay.


22. Februar

Heute ist etwas ziemlich Schräges passiert. Edward, der sich ohnehin nicht auf dem Höhepunkt seiner Stimmungskurve befindet, weil gerade Vollmond ist, bekam Wind von einem Haus, in dem angeblich ein Poltergeist umging. Er fuhr hin und nahm uns mit – seine Kollegen haben sich inzwischen daran gewöhnt, und seit Edward Lieutenant ist, kann er sich die zivilen Berater noch viel problemloser leisten.

In dem Haus flogen im Wohnzimmer wie in einem Miniaturwirbelsturm jedenfalls jede Menge Dinge herum. Im Obergeschoss lag auf dem Bett in einem Teenagerzimmer dessen Bewohnerin, eben ein Mädchen im Teenageralter, in einer Trance. Totilas knockte sie aus, aber daraufhin wurde der Minitornado im Wohnzimmer nur noch schlimmer. Da gingen inzwischen wirklich Dinge zu Bruch. Das konnte so nicht weitergehen, also versuchte ich es einmal damit, dem Mädchen den Anblick einer friedlichen, sommerliche Blumenwiese vor ihr inneres Auge zu projizieren. Nicht ihren Geist zu manipulieren, wie das ja strengstens verboten ist und was mir angesichts meiner eigenen Erfahrungen auch im Leben nicht einfallen würde, sondern ihr einfach das Bild zu zeigen. Die friedliche Szene schien das Mädchen auch tatsächlich etwas zu beruhigen, denn die Gegenstände flogen jetzt langsamer im Wohnzimmer herum, trudelnder. Ich fühlte mich an tanzende Schmetterlinge erinnert, auch wenn die meisten Sachen natürlich viel zu groß und schwer für Schmetterlinge waren.

Mit Ammoniakreiniger als Riechsalzersatz bekamen wir das Mädchen schließlich aufgeweckt, was den Spuk ganz enden ließ, und kontaktierten Ximena, die versprach, sich um das junge Talent zu kümmern.


7. Mai

Roberto erzählt ja gelegentlich mal Geschichten aus seiner Bótanica, und wir haben da ja selbst auch schon Dinge miterlebt. Es hat sich unter den Santerios im Viertel schon länger herumgesprochen, dass Roberto doch kein so oberflächlicher Scheinheiliger ist, wie die Leute das immer gedacht hatten, und gelegentlich kaufen sie nicht nur bei ihm ein, sondern fragen ihn als Vertrauten seiner <s>Schutzheiligen</s> Orisha (mierda, es fällt mir immer noch schwer, dieses Wort in den <s>Mund</s> Stift zu nehmen) um Rat und Hilfe.
Jedenfalls hatte er heute drei Kundinnen: eine junge Frau mit ihrer Mutter und Großmutter. Die Mutter hatte anscheinend die Tochter in die Botánica geschleift und die Großmutter hatte sich angeschlossen. Die drei Damen wollten einen Rat bzw. eine Vorhersage wegen eines Mannes für die Tochter. Die Mutter bevorzugte Juan, aber den hielt die Tochter für unglaublich langweilig. Sie selbst schwärmte für Ernaldo, aber der war wegen Handelns mit Marihuana und diversen Diebstählen gerade im Gefängnis. Die Großmutter hingegen fand beide Männer nicht geeignet, deswegen war sie wohl sehr glücklich mit Robertos Urteil, der riet, Maria solle sich nicht sofort entscheiden, sondern sich Zeit lassen. Sie werde es wissen, wenn der Moment gekommen sei.

Unser Roberto. Wird auf seine alten Tage noch zum Salomo.


5. August

Pan wird immer unleidlicher. Die Schwangerschaft sagt ihm doch nicht so zu. All die Hormone, oh weh. Und wie entbindet man bei einem männlichen Feenwesen überhaupt ein Kind? Nicht auf natürlichem Wege, soviel ist schon mal klar. Pan hat Spencer Declan kontaktiert, der meinte, es gebe magische Möglichkeiten. Dann wird der Warden wohl die Hebamme spielen dürfen. Ich lasse den Arsch ja eigentlich nur ungern in die Nähe meines Herzogs. Aber besser er als ich. Sowas gehört nicht zur Jobbeschreibung des Ersten Ritters. Ich darf Declan eben nicht aus den Augen lassen.


13. September

Das Kind ist da! Declan hat seinen Job ausnahmsweise mal einwandfrei gemacht (er wurde ja auch gut genug dafür bezahlt), und es gab keinerlei Schwierigkeiten. Pan wollte seine Tochter unbedingt nach Edward und mir benennen, also heißt die Kleine Edwina Ricarda. Tío, ist die niedlich. Und das sage ich, der, Babies grundsätzlich meistens eher hässlich findet. Klar liebt man sie, aber wirklich hübsch sind direkt nach der Geburt doch die wenigsten, wenn man ehrlich ist. Edwina Ricarda weist jedenfalls schon mal keine Spur von Hörnern und Bocksfüßen auf, zum Glück. Ob und inwieweit sie irgendwann Nymphenzüge entwickelt, werden wir dann wohl in einigen Jahren sehen.


19. September

Aua. Das hat wehgetan. Also nicht mir, gracias a Dios, aber Totilas und Edward hat es ziemlich gebeutelt. Zum Glück heilen die beiden schnell.

Aber der Reihe nach.
Totilas hat da doch von Gerald diese, ähm, Geschäfte geerbt. (Das ist auch so was, an das ich mich nur schwer gewöhne.) Jedenfalls haben die Raiths auch gehörige Anteile an Miamis Filmbusiness. Und es sind Raiths. Was für ein Filmbusiness wird das wohl sein? Kleiner Hinweis: Der Hauptdarsteller firmiert unter ‘Ricardo Longdong’.
(Ja hahaha. Cue jokes.)

Wie dem auch sei, Totilas wurde alarmiert, weil es auf dem Filmgelände einen heftigen Schusswechsel gab. Ein paar Ganger waren auf dem Gelände eingedrungen und hatten begonnen, wild um sich zu feuern. Cast und Crew waren in Sicherheit gesprungen und begonnen, aus der Deckung heraus das Feuer zu erwidern, und einer hatte den panischen Anruf an Totilas abgesetzt.

Als wir ankamen, war der Schusswechsel noch in vollem Gange. Totilas fackelte nicht lange, stürmte hinein und schaltete gleich zwei der Angreifer aus, wurde selbst aber dabei ziemlich angeknackst und ausgeknockt. Edward stürmte hinterher und schickte zwei weitere Gangmitglieder schlafen, wurde dabei aber ebenfalls außer Gefecht gesetzt. Roberto und ich, die wir ja etwas langsamer auf den Beinen sind als unsere übernatürlichen Freunde, hatten so schnell gar nicht reagieren können. Jetzt ließ ich meinen patentierten Sonnenlichtzauber auf die restlichen beiden Typen los, der ihnen zwar nicht schadete, weil sie Menschen waren, keine Vampire, der sie aber immerhin blendete, was es Roberto und mir erlaubte, sie auch noch festzusetzen.

Als wir sie befragten, sagte der eine was davon, dass sie angeheuert worden seien, um auf diesem speziellen Filmset Ärger zu machen. Totilas meinte auch schon, er könne sich da ein paar Parteien denken, denen an sowas gelegen sein könnte. Unschön jedenfalls, dass, wer auch immer es ist, das an einer Filmcrew auslässt, auch wenn es eine Pornofilmcrew ist und mit den Raiths im Zusammenhang steht.

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Ricardos Tagebuch: White Night 8

Okay. Das war… ‘schräg’ wäre untertrieben. Und viel zu harmlos ausgedrückt. Sagen wir: Das war übel. Es gab Verluste. Und Raith Manor liegt wieder mal in Trümmern.

Sofort nach unserer Landung fuhren wir zum Anwesen der White Courts. Vor dem Gelände hatte sich eine ziemliche Menschenmenge angesammelt, dazu mehrere Polizeiwagen, auch ein oder zwei Einsatzfahrzeuge des Katastrophenschutzes, die aber alle mit abgestelltem Motor einfach nur dastanden und nichts taten – die Fahrzeuge ebensowenig wie ihre Besatzungen. Oh, und die Presse war auch da. Fernsehübertragungswagen, gestylte Reporterinnen, wie man das so kennt. Und warum? Weil über Raith Manor ein Schneesturm wütete. Und zwar nur über Raith Manor. Eine einzige, örtlich begrenzte Wolke über dem Haus, die der Meteorologe, der von der gestylten Reporterin gerade interviewt wurde, der geneigten Zuschauerschaft gerade mit dem Begriff ‘Mikroklima’ zu erklären versuchte.

Bei dem ganzen Chaos war es ziemlich leicht, sich unbemerkt auf das Gelände zu schleichen. Dort, außer Sicht der Gaffer draußen, aber noch vor der Wolke, hielt Totilas an und überlegte laut, ob der Schneesturm vielleicht von der Anwesenheit des lebenden Feuers ausgelöst worden sein könnte, um das Gleichgewicht zu wahren gewissermaßen? Aber das hielt ich nicht für sonderlich wahrscheinlich. Denn das Feuer und seine Begleiter hatte ich ja zu Pans Palast geschickt, also warum sollte die Auswirkung, falls es denn eine Auswirkung gäbe, sich ausgerechnet hier zeigen? Na gut, es könnte natürlich auch sein, dass das Feuer eben nicht in Pans Palast herausgekommen war, sondern hier, aber das hielt ich ebenfalls für ziemlich weit hergeholt. Nicht völlig ausgeschlossen, aber doch ziemlich fragwürdig.

Mit dem ersten Schritt in den Schneesturm hinein befanden wir uns in einem eisigen Inferno. Der Wind – von dem wir außerhalb der Wolke keinen Ton gehört hatten – blies uns mit voller Wucht um die Ohren, und wir kamen dagegen kaum an, wurden unerbittlich zurückgedrängt, wenn wir nicht mit allen Kräften dagegenhielten. Schon bald hatte Totilas uns andere abgehängt – er ist nun mal einfach der Ausdauerndste und Stärkste von uns.

Im Gebäude ließ das Getöse des Sturms etwas nach – aber gut sah es da drinnen nicht aus. Die große Vorhalle war ein Trümmerfeld, und um uns herum knackste und knarzte es, als werde gleich alles einstürzen. Die Marmorstatuen in Lebensgröße, die sonst immer zu beiden Seiten des breiten Treppenaufgangs gestanden hatten, lagen zerborsten herum, von den Wänden und der Decke war Mörtel gebröselt, und der Boden war von Schutt übersät.
Mitten in der Halle stand Totilas. Er hielt eine Kreatur am Schlafittchen gepackt – ein Eisgoblin, wie mir später klar wurde – und zischte den gerade wütend an. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Du rufst deine Freunde, und ihr haut ab… oder es ergeht euch wie deinem Kumpel da.“
Der ‘Kumpel da’ war die reglose Gestalt eines weiteren Eisgoblins, der verkrümmt an einer Wand lag. Das sah schwer danach aus, als habe Totilas ihn einfach gepackt und gegen die Mauer geschleudert. In einem derartigen Badass-Modus habe ich unseren White Court-Freund selten gesehen.
„Ok, ok, ok“, winselte der Goblin. „Wir sind ja schon weg!“
Totilas brach ihm noch ein Stück Zahn ab und hielt es ihm vor das Gesicht. „Jetzt weiß ich immer, wo du bist. Also keine Tricks!“
„Ok, ok, ok“, jaulte der Goblin wieder. „Lass uns gehen, wir wollten doch nur Party machen! Sie haben gesagt, wir könnten hier Party machen!“
„Wer hat das gesagt?“ hakte Totilas nach.
„Die Menschenfrau und der Ritter! Und jetzt lass uns gehen!“
Tatsächlich ertönten in diesem Moment Schüsse von weiter hinten im Gebäude, die schnell näher kamen. Irgendwer lieferte sich da ein Rückzugsgefecht.
Wir gingen in Deckung und machten uns kampfbereit, aber es waren keine Gegner, die in die Halle gewankt kamen, sondern einige Raiths. Einer von ihnen trug Cherie über der Schulter, die schwer mitgenommen war, richtig schwer verletzt. Edward erklärte sich sofort bereit, ihr als Nahrung zu dienen, aber Roberto erklärte, Edward sei zu wichtig, zu schlagkräftig, um jetzt außer Gefecht gesetzt zu werden. Das ließ mich stutzen – Roberto, der so etwas über Edward sagte? Aber gut, er hatte ja recht, und Roberto ist nichts, wenn nicht pragmatisch. Also blieb Roberto zurück, und Totilas blieb bei ihm, um aufzupassen und Cherie rechtzeitig von Roberto wegzuziehen, weil sie ihn sonst vermutlich umbringen würde. Alex, Edward und ich hingegen machten uns auf den Weg tiefer in das Gebäude hinein.

Wir mussten gar nicht weit gehen, ehe wir den Grund für all die Zerstörung sahen: eine junge blonde Frau, offensichtlich Magierin, und ein Feenritter. Ein Winter Sidhe, eindeutig. Und beide hoben die Hände und machten Anstalten, irgendwelche fiesen Winterzauber auf uns loszulassen. Wir machten uns schon bereit, irgendwo in Deckung zu hechten, aber die Magierin fluchte deutlich hörbar „Scheiße, Menschen!“, als sie uns zu Gesicht bekam, und ließ ihren Stab sinken, ehe sie auch dem Sidhe ein Zeichen gab, innezuhalten. „Wer seid ihr, und was wollt ihr hier?!“

Klar. Wir waren Menschen, sie als Magierin durfte uns also nicht einfach angreifen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, einen von uns umzubringen und das erste Gebot der Magie damit zu verletzen. Die ganzen White Courts indessen, gegen die sie bis eben vorgegangen waren, zählten alle nicht als Menschen… und mit einem Mal war ich sehr froh, dass Totilas zurückgeblieben war, um auf Roberto und Cherie aufzupassen.

„Was wir hier wollen?“ Ich glaube, der Blick, den ich der blonden Frau zuwarf, muss zu gleichen Teilen empört und verwirrt gewesen sein. „Genau das könnten wir auch fragen.“ Meine Stimme klang etwas scharf, als ich das sagte. Aber dieser Winter Sidhe ließ mir – ließ der Sommermagie in mir – sämtliche Nackenhaare hochstehen und weckte das Bedürfnis in mir, auch ja sicherzustellen, dass der Sommer hier, an seinem angestammten Ort, nicht untergebuttert wurde, cólera noch eins. Am liebsten wäre ich ja auf den Kerl los, aber das konnten wir uns nicht leisten. Und außerdem wäre das der Sommermantel gewesen, nicht ich. Ich hielt den Drang zurück und gab mich bewusst höflich. „Und wer wir sind? Gestatten, Alcazár. Ich bin der Sommerritter in dieser Stadt.“
Oh. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass das tatsächlich das erste Mal war, dass ich mich aus freien Stücken selbst mit diesem Titel vorgestellt hatte.

Bei meinen Worten fuhr der Winter Sidhe auf. „Sommerritter! Ich fordere Euch zum Duell, mein Herr!“ Ich starrte den Fae an, während die Magierin auch schon abwehrend die Hand hochhob, um ihren Kämpfer zurückzuhalten. „Kein Duell“, beschied ich dem Feenritter, ehe ich mich wieder seiner menschlichen Begleiterin zuwandte. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Wir wollen Warden Declan!“ spuckte die Magierin.
Ähm. Wie bitte? Sie musste mir meine Verwirrung angesehen haben, oder vielleicht hielt sie sie auch für vorgespielt, denn sie wiederholte lauter und heftiger: „Rückt Warden Declan raus!“
Ich atmete tief durch, hob in einer besänftigenden Geste die Hände und lächelte sie an. „Nochmal zurück, bitte. Ganz ehrlich, wir haben keinerlei Ahnung, wovon Sie reden. Würden Sie uns vielleicht erst einmal verraten, wer Sie sind?“

Es brauchte noch etwas Überzeugungskraft, aber ich bekam die Dame dann doch zum Reden. Sie hieß Kirsten Lassiter und war Warden für Kanada, wie ihr Akzent schon angedeutet hatte. Naja, entweder Kanada oder Kalifornien, aber irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalifornierin sich einen Winter Sidhe zur Unterstützung mitgebracht hätte. Sie erklärte, sie habe Hinweise darauf bekommen, dass Warden Declan vom White Court entführt worden sei.
Das ließ mich wieder vor Überraschung blinzeln. Warden Declan, vom White Court entführt? Und was für Hinweise darauf hatte Kirsten bekommen, wie und wo und von wem?
Über das Paranet, meinte sie, und sie habe dem natürlich nachgehen müssen. Also habe sie Declans Adresse aufgesucht, aber dort hätten zwei Männer, die wirkten, als seien sie gehirngewaschen worden, sie erst nicht zu ihrem Kollegen vorgelassen, während später ein Mann, der sich für den Warden ausgab, ihr einen Termin in zwei Wochen angeboten hätte. „Das war eindeutig nicht Declan“, spie die Kanadierin, „also! Wo! Ist! Er!“
„Äh, doch“, schaltete Edward sich hier ein, „das klingt schon nach Warden Declan, wie wir ihn kennengelernt haben.“
Die Magierin stutzte. „Wie meinen Sie das?“
Also brachten wir ihr vorsichtig bei, dass der gute Warden Declan hier in der Stadt Steuern von den Nicht-Rats-Praktizierern erhebt und sich fürstlich dafür bezahlen lässt, Leute in die Magierlehre zu nehmen.
„Was?!?“ empörte sich Lassiter, „Warden Declan ist ein Held!“
Wir antworteten nichts darauf, was sollten wir auch antworten? Lassiter mochte vielleicht trotzdem etwas in unseren Gesichtern gelesen haben, denn sie erklärte, sie wolle sich das mal ansehen gehen.
„Aber seien Sie vorsichtig“, warnte Alex.
„Immer. Aber wer sind Sie überhaupt?“
Edward sah sie mit einem gemessenen Blick an. „Wir? Wir sind die Ritter von Miami.“
Das ließ die Kanadierin laut auflachen. „Ahahahaha. Ja klaaar!“
„Das ist unsere Stadt“, ergänzte Edward, ohne sich von ihrem Spott stören zu lassen. „Wir achten auf sie, und wer ihr schaden will, bekommt es mit uns zu tun.“
Lassiter seufzte. „Na gut. Ich werde mir das ansehen.“
„Also kein Duell?“ Ihr Winter Fae klang enttäuscht. „Nein“, sagte die Warden fest. „Los jetzt.“ Der Sidhe war gar nicht glücklich, aber er fügte sich. „Na guuuuut.“
Und sie gingen. Während sie sich abwandten, konnte ich den Feenritter noch grummeln hören, dass er trotzdem gerne gesehen, hätte, was der – also ich – drauf habe. Tja, Kumpel. Pech gehabt. War aber vermutlich ganz gut so; ich brauche dringend mehr Stunden bei Eileen, wenn mich öfter irgendwelche Wintertypen zum Duell fordern wollen.


Zwei Tage später. Eigentlich hatte ich das vorgestern noch fertig aufschreiben wollen, aber dann musste Alejandra ins Bett, und Sheila rief an wegen der aktuellen Fassung von Totem Rise, und dann setzte ich mich daran und arbeitete noch einige Änderungen ein, die mir ohnehin schon die ganze Zeit durch den Kopf schwirrten, und… wie das halt so ist. Ich kam nicht weiter dazu. Aber jetzt sitze ich wieder mal im Flieger nach Schottland. Mir graust schon vor dem Jet Lag, den ich mit ziemlicher Sicherheit bekommen werde, nachdem ich zweimal in so kurzer Folge nach Europa und zurück fliege, aber ich muss ja immer noch die Sonnenhaare bei Warden Hawkins abliefern. Kein Privatjet diesmal, sondern ganz normale Business Class. Ist schon ein Unterschied, aber ich wie ich schon sagte: Nicht dran gewöhnen, Alcazár, der Privatjet war die Ausnahme.
Macht aber nichts, so unbequem ist die Business Class jetzt auch nicht, und so habe ich wenigstens Zeit, den ganzen Kram von vorgestern noch fertig aufzuschreiben. Ahí va.

War das mit der kanadischen Warden also soweit geklärt. Aber das Haus schien kurz vor dem Einsturz: Lassiter und ihr Feenritter hatten ganze Arbeit geleistet. Wir sahen zu, dass wir abhauten, ehe uns noch das Dach auf den Kopf fallen konnte. Verluste hatte es auch gegeben: Cherie war am Leben, aber zwei andere Raiths, die wir nicht näher kannten, hatten den Kampf mit der Warden und dem Sidhe nicht überstanden.
Da Raith Manor schon wieder hinüber war – die Baufirma, die ihre Arbeiten ja eigentlich gerade erst abgeschlossen hat, wird sich freuen, dass es gleich schon wieder so viel zu richten gibt –, besorgte Totilas seinem Clan wieder mal eine Unterkunft im Hotel. Nicht im Fountainebleu diesmal, sondern in dem etwas kleineren, aber ebenso luxuriösen Hotel Marbella. Außerdem plante unser White Court-Freund einen neuen Ort für das Duell, da Raith Manor für diesen Anlass ja ebenso ausfiel, und beauftragte die raithsche Eventplanerin Analind mit der Organisation.
Mit Cherie sprach Totilas auch und teilte ihr mit, dass das Duell nicht stattfinden werde, dass sie auch nicht in Geralds Abwesenheit als sein Champion antreten müsse, dass sie aber überrascht tun solle, wenn Gerald nicht auftauche.

Ich selbst stattete indessen endlich Pan einen Besuch ab. Ich war etwas beunruhigt, weil ich die Gruppe aus dem Nevernever ja nicht selbst angekündigt und begleitet hatte, aber der Herzog war ganz angetan von den neuen Gästen – vor allem von Astrid. Von ihrem Vater Sigthor hatte er sogar auch schon gehört und erklärte, den würde er zu gerne mal treffen: Er sei noch nie schwanger gewesen und würde das gerne mal ausprobieren. Ay una leche. Satyre. Echt jetzt.

Außerdem befand Pan, es wäre doch eine ganz tolle Idee, sich Einherjar als kämpfende Truppe zu besorgen statt Rittern: Einherjar lieben es zu kämpfen, zu saufen und Sex zu haben, also perfekt! Mit dieser Idee konnte Sir Anders sich nun so gar nicht anfreunden und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu, woraufhin ich versuchte, möglichst beruhigend dreinzusehen. Ich war – ich bin – mir nicht so ganz sicher, was ich von der dem Einfall halten soll, ob eine Meute von Einherjar nicht etwas arg söldnermäßig rüberkäme. Aber andererseits braucht Pan spätestens zur Wintersonnenwende wieder eine schlagkräftige Truppe, sonst wird es uns nicht gelingen, Winter zurückzudrängen, nicht mal in Miami. Na gut, die Satyre sind ja noch da, aber darüber muss ich mir langsam echt mal Gedanken machen.

Halfðan erklärte jedenfalls, er werde bleiben – immerhin ist er der Hüter des Feuers, und er meinte auch, es gefiele ihm hier ganz gut –, aber Astrid und der Orc werden sich wohl demnächst wieder verabschieden. Das war aber zu erwarten gewesen.
Mit dem Feuer sprach ich auch, das hatte sich in seinem neuen Kamin schon ganz gut eingerichtet. Wir unterhielten uns ein bisschen, und es erzählte mir, dass es Sigthors Kind von Loki sei. Also nicht Lady Fire. Puuuuh. Gracias a Dios! Alex’ Bemerkung wegen des Spionierens hat mir doch mehr zugesetzt, als ich mir selbst eingestanden habe. Irgendwann braucht der Kleine auch mal einen Namen, wenn er jetzt für länger hier wohnt. Vielleicht sollte ich Roberto fragen, ob er eine Idee hat. Das ging bei George ja auch ganz gut.


Zurück vom Treffen mit Warden Hawkins. Ich habe ihm die Sonnenhaare übergeben, aber die schienen ihm mit einem Mal gar nicht so wichtig. Er nickte einen knappen Dank und meinte, sie würden hoffentlich im Kampf gegen den Red Court ein bisschen helfen. Für Edwards Ritual am See hingegen hatte er fast so etwas wie Respekt. Zumindest zeigte er sich beeindruckt davon, von beiden Ritualen, auch von der guten Verzahnung zwischen Edward und Roberto. Ich nickte und erklärte, es sei alles gut gelaufen, soweit ich das habe beurteilen können. Die drei Gestalten, die uns gegen Ende beobachtet hatten, erwähnte ich auch. Dass sie uns zwar nur beobachtet hatten, aber nicht sonderlich freundlich wirkten, weswegen wir dann relativ schnell den Rück<s>zug</s>weg antraten. „Ja, das war sicherlich besser“, erwiderte Hawkins. Irgendetwas ging über sein Gesicht, aber was genau, war schwer zu deuten. Besorgt, irgendwie. Hmm, und ich hatte gedacht, die drei Gestalten wären Aufpasser des Magierrates gewesen, damit wir keinen Unfug anstellen an diesem ‘schwärzesten Ort Schottlands’. Anscheinend waren sie das wohl doch nicht, wenn ihre Erwähnung den Warden derart beunruhigte. Er meinte jedenfalls, er wolle sich das einmal ansehen gehen. Gut; wenn er über die wirklich noch nicht bescheid wusste, ist das bestimmt besser.

Hawkins gratulierte uns nochmals zu dem erfolgreichen Ritual und erklärte, wenn der Wirker es wolle, dürfe er sich gerne einmal beim White Council melden. „Das Geld hat er nicht“, hielt ich dem Magier entgegen. Okay, ich hätte es; nicht in der Portokasse, aber zusammen bekäme ich es irgendwie, und wenn Edward es wirklich wollte, und wenn es ihm wirklich helfen würde, in diesem Magierrat zu sein, dann gäbe es sicherlich schlechtere Arten und Weisen, eine Million zu verprassen. Aber das sagte ich Hawkins nicht. Vielleicht haben die bei diesem Rat ja auch sowas wie Stipendien für die weniger begüterten Anwärter?
Aber der Warden sah mich nur verblüfft an. „Von welchem Geld sprechen Sie?“
Jetzt muss ich ihn ebenso verblüfft angesehen haben wie er mich eben. „Na von dem Lehrgeld. Den Steuern.“
„Junger Mann?“
„Ja, die Ausbildungsgebühr, die Warden Declan von seinen Lehrlingen nimmt.“
Hawkins Stimme war anzuhören, dass er wohl eher mich für verwirrt hielt als sich selbst, aber er sagte, er wolle dem nachgehen lassen. Oh, im Zusammenhang mit Declan erwähnte ich auch, dass Warden Lassiter bedauerlicherweise wohl einer Fehlinformation aufgesessen sei, als sie Declans Entführung vermutete. Meine Karte hinterließ ich auch mit der Bemerkung, dass er gerne auf mich zukommen dürfe, falls ich dem Rat auf irgendeine Weise helfen könne.

So, und da der Flieger zurück erst morgen nachmittag geht, habe ich morgen früh noch Zeit, ein paar Souvenirs zu besorgen. Die Plüsch-Nessie für Jandra, den Butterscotch für Mamá und den Whisky für Papá habe ich zwar schon beim letzten Mal gekauft, aber mal sehen, was ich noch so Schönes finde. Oder ich gehe mich einfach noch ein bisschen in Edinburgh umsehen.


Na das war doch ganz erfolgreich. Jetzt sitze ich wieder im Flieger, und der Flug ist schon wieder halb vorüber. Ich wollte eigentlich was an meinem Manuskript machen, bin aber doch bei ein paar Filmen hängengeblieben und habe etwas gedöst. Im Flugzeug ticken die Uhren einfach anders. Gleich bringen sie auch schon wieder was zu essen, glaube ich. Na, vielleicht komme ich hinterher noch ein bisschen zum Arbeiten.


Zuhause. Dieser Jetlag vom doppelten Reisen ist wirklich so heftig, wie ich das befürchtet hatte. Schlafen konnte ich kein Stück, und Kopfschmerzen habe ich auch. Und eben hat auch noch Warden Hawkins angerufen. Irgendwas von wegen, dass ein gewisser Wizard McCoy sich wegen der Sache in Schottland mit uns treffen wolle. Nachher in Stout’s Bar and Grill. Ich hätte ja eher das John Martin’s vorgeschlagen, aber gut. Das ist ja auch eher was für Einheimische. Ob er was rausgefunden hat wegen der drei Mordor-Ents? Hm. Unwahrscheinlich, dass ein Ratsmagier gleich zu kleinen Praktizierern wie uns kommen würde, um uns über deren Nachforschungen in Kenntnis zu setzen. Ich tippe eher auf Fragen zu unserem Ritual bzw. dem Zweck dahinter – denn ich glaube, davon, dass die Jungs dort einen White Court-Dämon austreiben wollten, ist bisher kein Wort gefallen. Zumindest habe ich in meinem Gespräch mit Hawkins kein Wort davon gesagt; keine Ahnung, ob die anderen so offen waren, als sie in Edinburgh mit Hawkins geredet haben. Irgendwie glaube ich nicht, dass der Weiße Rat so begeistert wäre, wenn er davon erführe.


Autsch. Au, war das böse. Und dabei ist kein einziges Wort über Geralds Entdämonisierung gefallen.
Wir waren pünktlich zu dem Treffen im Irish Pub, dieser McCoy – zumindest nehme ich an, dass er das war; er stellte sich nicht vor – kam ein paar Minuten später. Nicht viel später, aber gerade so viel, um zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Ein fitter alter Mann in den späten 70ern oder frühen 80ern vielleicht, mit schütteren grauweißen Haaren, Stoppelbart, Farmerkleidung und einem Akzent aus dem Mittleren Westen. Er hatte einen schwarzen Stab bei sich, aus Ebenholz oder sowas in der Art: ein Magierstab, wie Vanessa Gruber und Kirsten Lassiter ihn auch gehabt hatten, nur dass deren Stäbe aus hellerfarbigem Holz gemacht waren. Er machte einen ziemlich griesgrämigen und auch ziemlich zähen, knallharten Eindruck.
Wir sagten freundlich hallo; er würdigte uns keiner Begrüßung. Er setzte sich nicht einmal hin. Statt dessen starrte er uns nur böse an und verkündete mit eiskalter Stimme, wenn er noch einmal mitbekäme, dass wir schlecht über Warden Declan geredet hätten, dann werde der hören, was wir gesagt hätten, und dann werde der handeln. Habe er sich klar ausgedrückt?
Kristallklar, das konnte man nicht anders sagen.
Dann wandte McCoy sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen . Alex wollte ihm noch die Liste mit Declans Lehrlingen mitgeben, aber der Magier winkte nur ab. Die wolle er gar nicht haben. Nicht von so kleinen Praktizierern, die den Ruf der Wardens in den Schlamm zögen. Sprach’s und verschwand. ¡Tío, que pelmazo!


Der Tag des Duells.

Eigentlich dürfte nichts passieren. Gerald ist sicher in Schottland, und wenn der Herausforderer nicht auftaucht, müssen die Champions nicht ran. Aber ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen. Anabel Raith hat es mit ihrem kleinen Spielchen schon geschafft, Raith Manor wieder in Trümmer legen zu lassen, und ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn sie noch irgendwelche Fiesheiten in Petto hätte. Aber wenigstens hat Totilas in der Zwischenzeit mit fast allen Raiths aus Miami reden können und sie überzeugt, dass die Dinge so weiterlaufen werden wie bisher, wenn sich demnächst an der Spitze eine Veränderung einstellen sollte.


Sie hatte tatsächlich Fiesheiten in Petto. Erstaunlicherweise wurde es nur doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet, denn Totilas hatte ja gute Vorarbeit geleistet und reagierte, als es hart auf hart kam, einfach schneller als sie. Aber der Reihe nach.

Am neu organisierten Ort des Duells – eine alte, leere, entwidmete Kirche, damit auch der Red Court Abgesandte schicken konnte – wartete alles gespannt auf Gerald. Cherie ist leider keine sonderlich gute Schauspielerin, der konnte man ansehen, dass sie nicht überrascht war, aber vielleicht kam mir das auch nur so vor, weil ich selbst ja bescheid wusste und ein besonderes Auge darauf hatte. Der vereinbarte Zeitpunkt kam, aber kein Gerald tauchte auf. „Ha!“ triumphierte Anabel keine fünf Minuten nach Verstreichen des Termins, „ich habe gewonnen!“
„Ich habe das Recht des ersten Kampfes“, erklärte Marshall Raith erstaunlich souverän, „und ich sage, wir warten noch eine Stunde!“
Also warteten wir noch eine Stunde. Als Gerald dann immer noch nicht erschienen war, ergriff Anabel sofort wieder das Wort. „Aber jetzt habe ich gewonnen. Also: Alle Raiths ins Biltmore Hotel!“
„Ins Hotel Marbella“, entgegnete Totilas fest. „Ich spreche für Haus Raith in Miami, und ich sage: Hotel Marbella!“
Anabel schnaubte verächtlich. „Wer im White Court verbleiben möchte, der kommt ins Biltmore Hotel.“ Und mit diesen Worten rauschte sie aus dem Saal.
Die versammelten Raiths waren drauf und dran, ihr zu folgen, aber jetzt fuhr Totilas das schwere Geschütz auf. „Haaaalt!“ donnerte er und brachte mit einigen wohlgesetzten, aufmunternden Worten tatsächlich die meisten seiner Leute ins Marbella, auch wenn einige wenige tatsächlich dort dann durch Abwesenheit glänzten. Die waren wohl doch lieber ins Biltmore zu Anabel gegangen.

Von unterwegs, noch ehe wir ins Marbella kamen, rief Totilas bei Lara Raith, der Tochter des Weißen Königs, an.
„Ist der Weiße König abgesetzt?“ fragte er brüsk.
Eine Sekunde lang klang seine Cousine geschockt. „Was redest du da?“
„Anabel behauptet, sie entscheide, wer im White Court sein dürfe und wer nicht. Ist das so?“
„Ich bin sicher, das ist gedeckt“, kam Laras Stimme aus dem Lautsprecher, jetzt wieder ruhig und gefasst. „Hat sie gewonnen?“
„Durch Geralds Abwesenheit, ja.“ Und dann schuf Totilas kurzerhand Fakten. „Die Geschäfte hier in Miami habe ich übernommen.“
„Ach?“ machte Lara spitz, aber unser White Court-Kumpel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ja“, erwiderte er, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, und seine Cousine gab den spitzen Tonfall auf, gratulierte Totilas herzlich und warm zu seinem Erfolg. Sie ist eine Raith, die Wärme war nicht echt, soviel war klar, und sie wird ihren Cousin fallenlassen, sobald sie dafür den ersten Anlass sieht, aber zumindest für den Moment stand, steht, sie hinter Totilas als Anführer der Raiths von Miami.

Im Hotel Marbella dann hielt Totilas eine Rede. Eine flammende, aufmunternde Rede, in der er wiederholte, was er seinen Leuten in den ganzen Einzelgesprächen zuvor auch schon gesagt hatte. Dass Anabel die Dinge grundlegend umwälzen würde, wenn sie hier an die Macht käme. Dass er selbst die Dinge so fortführen würde, wie Gerald das immer getan hatte. Dass die Raiths von Miami so weitermachen könnten wie bisher. Dass alles unter Kontrolle sei. Und vor allem, dass er die Geschäfte in Geralds Sinne fortführen werde. Das wirkte.


13. November

Ha. Anabel Raith ist aus Miami abberufen worden. Von den Leuten, die ihr ins Biltmore gefolgt sind, haben zwei Miami ebenfalls verlassen; vermutlich haben die Anabel begleitet. Zwei andere ‘Abtrünnige’, die bei Anabel im Biltmore waren, sind noch in der Stadt. Totilas meinte, er wolle sie im Auge behalten, aber ihnen ansonsten keinen Ärger machen, falls sie das auch nicht tun. Vernünftige Einstellung, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten. Falls sie doch noch zum Problem werden sollten, kann er sie immer noch zurechtstutzen.


15. November

¿Que demonios? Ich habe eben gerade nochmal die Einträge der letzten Tage durchgelesen, und eines ist seltsam. Ich schreibe da ein paarmal von ‘Mordor-Ents’ und ‘schwarzen Baumgestalten’, die wir in Schottland an dem See gesehen haben wollen. Und hier ist das Seltsame: Ich habe keine, keinerlei, Erinnerung an diese Gestalten. Ich habe null Ahnung, was ich da beschrieben habe und warum. Wir waren in Schottland, klar, da war das Ritual, Geralds Dämon wurde aus ihm herausgezogen und in den See getrieben, der See brodelte, und Edward und Alex hatten das Gefühl, darin sei etwas aufgewacht, etwas Ungemütliches, Unfreundliches, Gefährliches, und deswegen haben wir zugesehen, dass wir möglichst schnell Land gewannen. Ich sehe die Szene noch ganz genau vor mir, und da sind keine schwarzen Gestalten!

Das ist nicht mal wie bei manchen Träumen, die ich vor Jahren, ach was, Jahrzehnten, mal hatte und die ich aufgeschrieben habe. Ich habe sie inzwischen komplett vergessen, aber wenn ich die entsprechenden Tagebucheinträge nochmal lese, dann kommen einzelne Bilder, manchmal auch zusammenhängende Szenen, aus diesen Träumen wieder zum Vorschein. Nicht so wie echte Erinnerungen, aber etwas. Und hier ist das eben komplett anders. Aber warum zum Geier sollte ich sowas aufschreiben, wenn es nicht da war? Und wenn es da war, warum zum Geier erinnere ich mich nicht daran? Also so gar nicht?

Ich wiederhole mich, aber: Was? Zum? Geier?

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Ricardos Tagebuch: White Night 7

Ich befand mich also wieder in meiner eigenen Welt. Soviel zumindest war klar, denn sonst wäre George noch da gewesen. Aber wo war ich? Ich rieb mir das schmerzende Hinterteil und sah mich um. Ich befand mich auf einer kleinen Anhöhe, unter bleigrauem Novemberhimmel. Vor mir, unterhalb der Anhöhe, eine Wasserfläche von beachtlicher Größe, umgeben von Moor- und Heidelandschaft auf der einen Seite, einem Waldstück auf der anderen. Berge – oder waren das noch keine Berge, sondern nur Hügel? – in einiger Entfernung. Das sah mir aus wie Schottland. Ich war in den Highlands. Und dann musste das da unter mir der Lochan Dubh nan Geodh sein. Aber warum hatte George mich gerade jetzt hierher gebracht?

Stimmen machten mir klar warum. Denn als ich in die entsprechende Richtung sah, erkannte ich unten am Ufer sechs mir nur allzu wohlbekannte Gestalten. Das waren die Jungs mit Gerald und seinem Sohn, und offenbar wollten sie genau jetzt das Ritual abhalten. Okay, George, alter Kumpel, ich nehme alles zurück.

Dass ich so plötzlich aus dem Nichts auftauchte, wunderte die Jungs natürlich genauso wie mich, und da die Nerven etwas angespannt waren, konnte ich vermutlich ganz froh sein, dass ich nicht von einem Zauber empfangen wurde. Aber als sie mich dann mal erkannt hatten, waren sie doch ganz froh, mich zu sehen, glaube ich.
Ehe es losging, ließ ich mir aber erstmal erzählen, was ich alles verpasst hatte, und berichtete selbst von meinen Erlebnissen in der Sommerhalle. Als ich erzählte, dass ich es für grundsätzlich möglich hielt, dass das Feuer das Kind von Sigthor und Lady Fire sein könnte, sah Alex mich an, als sei ich völlig verrückt geworden. „Und dann hältst du es für eine gute Idee, Lady Fires Kind in den Thronsaal ihres Feindes zu bringen? Was, wenn es für seine Mutter spioniert?!“
Oh oh. So weit hatte ich in meinem Bemühen, an die Sonnenhaare zu kommen, natürlich wieder mal nicht gedacht. Ganz schlau, Alcazár, echt.

Ich selbst hatte auch ein paar Sachen verpasst. Seit meinem Aufbruch ins Nevernever waren hier in der echten Welt einige Tage vergangen. Den erfolgreichen Abschluss von Operation Valinor hatte ich ja noch mitbekommen, und als ich dann abgereist war, fingen die anderen an, die Ritualzutaten für die Aktion hier zu besorgen. Oh, und sie hetzten Camerone Raith gegen Anabel auf. Muahahahaha. Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber es klang auch schon aus den Erzählungen der Jungs ziemlich cool, ein echtes Raith’sches Meisterstück seitens Totilas. Der überzeugte seine Tante nämlich, dass er Gerald absetzen wolle, dass er die Geschäfte übernehmen wolle und dass Gerald, wenn er mit ihm fertig sei, keinen Fuß mehr nach Miami werde setzen können – und Gerald werde keinerlei Zweifel daran haben können, dass es Totilas gewesen sei, der ihm das eingebrockt habe.
Ich wiederhole mich, aber: Muahahahahaha. Perfekt mit der reinen Wahrheit über den Tisch gezogen.

Spencer Declan hetzten sie auch Richtung Anabel, frei nach dem Motto, dass es für die Stadt nicht gut wäre, wenn da jetzt plötzlich so ein ganz neuer Mitspieler auftauchen würde. Anabel, die Declan um ein Treffen gebeten hat, hat wohl einen Termin in zwei Wochen genannt bekommen. Und noch ein kleines Muahahaha.

Jetzt, hier am See, hatten die Jungs schon so gut wie alles fertig. Richard und Roberto würden mit ihren eigenen Ritualen beginnen: Roberto würde die Umgebung vorbereiten, wenn ich das richtig verstanden hatte, Richard würde den Dämon aus Gerald herausziehen, und Edward den Dämon in den See treiben. Und das würde richtig schwierig werden, das konnte er jetzt schon sagen. Die Jungs hatten schon einige Dinge dafür eingesammelt, während ich im Nevernever war, aber ob das ausreichen würde? Ich bot eine Blutspende an, weil ich von Edward ja weiß, dass Blut ein Ritual tatsächlich erleichtert, aber so weit würde es nicht kommen müssen, meinte er. Soweit er sagen könne, hätten sie genug Sachen vorbereitet. Aber falls es hart auf hart kommen würde, wollte er nochmal darauf zurückkommen, meinte er. Si, claro, weil das in der Hektik auch gerade so gut gehen würde. Aber gut, mir in die Hand schneiden und etwas Blut wohin auch immer tropfen lassen, könnte ich vermutlich tatsächlich auch in einiger Eile.

Ehe es losging, warnte Richard uns, dass wir ihn auf jeden Fall im Auge behalten müssten. Immerhin würde das Ritual vermutlich ziemlich an den Kräften zehren, und das wiederum würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Richards Red Court-Infektion hochkochen lassen. Erkennen könnten wir das daran, dass seine Tätowierungen die Farbe verändern würden: je greller rot, desto kürzer stünde er davor, die Kontrolle zu verlieren. „Alles klar“, sagte Alex, „darum kümmere ich mich“, und bastelte aus der Batterie des Mietautos einen Taser, um Richard falls nötig ausknocken zu können. Totilas und ich hingegen wollten Richtung Klippe und Richtung See die Umgebung sichern beziehungsweise Edward schützen, so gut wir konnten.

Richard und Roberto begannen zuerst mit ihren jeweiligen Teilen des Rituals, dann kam Edward dazu. Ich konnte gar nicht genau sehen, wann es soweit war, aber dann wurde mit einem Mal sein Dämon aus Gerald herausgezwungen. Es war ein ziemlich beunruhigender Anblick, weil der Dämon tatsächlich haargenau so aussah wie Gerald selbst, nur eben etwas blasser. Die Kreatur zögerte kaum einen Herzschlag lang, dann rannte sie davon, was das Zeug hielt. Totilas, der Richtung See die Stellung hielt, war dem Dämon sofort auf den Fersen, aber der kam gar nicht weg. Er prallte von der unsichtbaren Barriere ab, die Edward mit dem Ritualkreis vorher gezogen hatte, fauchte wütend auf und hatte sich im Nullkommanichts von dem Hindernis abgewandt, ehe er auf Edward zustürmte. Damit hatte ich nun wiederum so halbwegs gerechnet, und vor allem stand ich auch so, dass ich mich dem Dämon ziemlich gut in den Weg stellen konnte. Glücklicherweise, denn der war richtig schnell. Ich hatte auch ein wenig den Eindruck, dass er zurückprallte – weniger vor mir, aber vor der Sommerklinge in meiner Hand. Ob er an Jade vielleicht nicht vorbeikonnte?

Während der Dämon zurückzuckte und ich ihm, so drohend ich konnte, mein Schwert entgegenhielt, warf Totilas sich von hinten auf ihn. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass der See zu brodeln begann: Irgendetwas darin schien zu erwachen, oder vielleicht war es auch schon wach und kam jetzt einfach an die Oberfläche geschwommen.
Jetzt überwand der fahle Dämon seinen Schrecken, oder vielleicht besann er sich auch einfach auf seine unglaubliche Schnelligkeit. Jedenfalls tanzte er einfach um mich herum und auf Edward zu, und ich hatte keinerlei Chance, ihm hinterherzukommen.
Aber glücklicherweise waren Roberto und Alex ja auch noch da. Alex tat dasselbe, was ich auch getan hatte, und warf sich dem Gerald-Abbild in den Weg, während Roberto irgendwas rief. Ich weiß gar nicht, ob es ein Zauber war oder einfach nur Robertos Persönlichkeit, aber er… mierda, wie sage ich das, er machte sich wichtig. Plötzlich wirkte es so, als sei Robertos Anteil am Ritual der größte und wichtigste – sogar für mich, obwohl ich ja wusste, dass Robertos Part eigentlich schon getan war und nur Edward die Sache am Laufen hielt.
Jetzt packte der White Court-Dämon Alex und warf ihn nach Roberto, um ihn aus dem Tritt zu bringen – hatte dessen Ablenkungsmanöver also geklappt. Sehr gut. Also nicht gut für Alex und Roberto, die beide davon zu Boden gingen, aber gut für Edward, dessen Ritual nicht unterbrochen wurde. Dafür bekam Totilas plötzlich silbrige Augen, als dessen eigener Dämon die Kontrolle übernahm und ganz offensichtlich die Essenz von Geralds dämonischem Ebenbild in sich aufnehmen wollte, um sich selbst zu stärken. Derweil versuchte ich, die Aufmerksamkeit des wirtslosen Schemens auf mich zu ziehen, aber ich hätte genauso gut meilenweit weg stehen und leise flüstern können: Totilas’ Dämon war einfach ungleich wichtiger und gefährlicher für Geralds Abbild als ein kleiner Cardo mit seinem Sommerschwert.

Das war der Moment, in dem Edward noch einmal alle Kraft zusammennahm und das Ritual mit einem Paukenschlag beendete. Der Dämon heulte auf und wurde unerbittlich in Richtung See gezogen, dessen Brodeln und Zischen in den letzten Minuten stark zugenommen hatte. Aber da die White Court-Dämonen ja angeblich alle aus genau hierher gekommen waren, hofften wir, dass der See, oder besser der Schutzmechanismus, der auf ihm lag, den Neuankömmling nicht abstoßen würde.
Totilas, dessen Augen noch immer silberfarben waren, dessen Dämon also noch immer zumindest zum Teil die Kontrolle hatte, wollte dem Gerald-Schatten hinterher. Von uns allen stand ich ihm am nächsten, und ich konnte nicht zulassen, dass unser Freund ebenfalls in den See gezogen werden würde, also hielt ich ihn zurück. Der Dämon drehte sich um, und seine silbernen Augen bohrten sich in meine, und ich war mir sicher, dass er jetzt über mich herfallen würde, hungrig, wie er sein musste. Schon hatte er mich gepackt, aber dann fuhr er mit einem Mal herum. Von Roberto ging noch immer diese Aura der Wichtigkeit aus, und so ließ Totilas mich los, machte die paar Schritte hinüber und küsste Roberto, was unseren White Court-Freund nach ein paar Sekunden des Stärkens wieder genug zu sich kommen ließ, dass seine Augen ihre normale Färbung annahmen und er sich von seinem Opfer löste. Und ich bin mir nicht zu fein zu gestehen, dass ich massiv dankbar dafür war, so davongekommen zu sein.

Erst jetzt hatten wir wieder Augen für Gerald selbst. Der war zusammengebrochen, und sein Sohn kniete über ihm. Richards Schutztätowierungen waren hellrot, und seine Zähne traten bereits größer und spitzer hervor, als Zähne das eigentlich tun sollten. Alex schnappte seinen Autobatterie-Taser und verpasste dem Infizierten einen Stromstoß, während ich ihm mit dem Schwertknauf einen Schlag überbriet. Als Richard daraufhin verwirrt zu uns aufsah, begann ich, auf ihn einzureden, und es gelang mir tatsächlich, ihn wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen. Aber das kräftezehrende Ritual hatte seine Spuren hinterlassen: Totilas’ Vater brauchte Nahrung, um nicht doch wieder auszuticken, und zwar schnell. Also kam ich doch noch zu meiner Blutspende, auch wenn wir natürlich nicht zulassen konnten, dass Richard mich biss. Stattdessen ließ ich Blut in die Schale tropfen, die Roberto für seinen Teil des Rituals benötigt hatte – genug, um den Infizierten zu sättigen, und genug, dass mir ziemlich schwummrig vor Augen wurde, aber es ging.
Gerald erholte sich auch ziemlich bald, zumindest so viel, dass wir ihm aufhelfen konnten. Er war zwar völlig erledigt, wirkte aber unsagbar glücklich. Kein Wunder, so sehr, wie er sich danach gesehnt haben musste, endlich kein Vampir mehr zu sein.

Im See war irgendetwas auf uns aufmerksam geworden, sagten Edward und Roberto, das hätten sie während des Rituals gespürt. Und oben an der Klippe waren drei Gestalten aufgetaucht, bemerkten wir jetzt. Schwarze Gestalten, irgendwie baumartig, aus einem Holz, das keiner von uns näher bestimmen konnte, wobei wir ja auch alle zu weit weg waren, um Näheres darüber sagen zu können. Gruselig jedenfalls, sehr gruselig. Wie Ents aus Mordor, wenn man so will. Um sie herum konnte Alex eine Art Verzerrung spüren, ließ er uns wissen: sowohl hier in der echten Welt als auch im Nevernever. Und irgendwie hatte Alex ein ähnliches Gefühl wie bei Jack, also dem bösen Jack von den Outer Gates, wohlgemerkt. Er würde sich nicht wundern, wenn diese Gestalten ebenfalls von den Outer Gates kämen, meinte er. Sie wirkten jedenfalls keineswegs freundlich, eher das Gegenteil, aber so, wie sie da oben standen und beobachteten, schien es uns, als wollten sie erst einmal abwarten und nur schauen, was hier unten passierte. Trotzdem sahen wir zu, dass wir uns schleunigst davonmachten. Im Auto erklärten Edward und Roberto dann, dass keiner von beiden je irgendwas von solchen oder auch nur ähnlichen Kreaturen gehört hatte, und das ist für sich genommen schon seltsam genug.

Im Wegfahren konnten wir sehen, dass die drei Figuren inzwischen den Abhang herunter gekommen waren. Sie bewegten sich auf den See zu, aber sie trauten sich nicht ganz bis an dessen Ufer. Es sah nicht so aus, als würden sie an eine unsichtbare Barriere stoßen, sondern eher so, als wüssten sie selbst nicht so recht, was sie tun sollten, also bewegten sie sich widerwillig und unentschlossen vor und zurück.

Am See selbst hatte es die ganze Zeit kein Handynetz gegeben. Irgendwann auf halbem Weg Richtung Wick, wo der Privatjet stand, den Gerald für die Aktion hatte springen lassen, gab Totilas’ Telefon plötzlich Laut. Es war eine SMS seiner Cousine Cherie: „Anabel Katze Kanarienvogel, sagt Hilary. Komm schnell heim!“ Oh, mierda. Das klang dringend. Keine Zeit für die Sonnenhaare, keine Zeit für mein Gepäck in Edinburgh, wir mussten sehen, dass wir nach Hause kamen. Also rief ich im Hotel an und bat sie, mir meinen Koffer schicken zu lassen, und die Haare behielt ich auch erst einmal bei mir. Gerald ließen wir in Edinburgh zurück: Er will sich hier ein paar Tage ausruhen und dann weitersehen, meinte er. Aber wir sollten uns keine Sorgen um ihn machen, ihm gehe es prima. Und so sah er auch aus. Richtiggehend erlöst im Vergleich zu vorher.

Ehe wir abflogen, rief ich noch bei Yolanda an und bat sie, doch bitte Pan vorzuwarnen, dass da jemand käme: ein lebendes Feuer, ein Einherjar und ein Orc. Und ja, mir war völlig bewusst, wie das klang, da brauchte mein Schwesterchen nicht erst ungläubige Geräusche zu machen. Aber immerhin erklärte sie sich bereit, Pan bescheid zu sagen. Ich rief auch im „Old Cauldron“ an, um Warden Hawkins zu informieren, dass ich erfolgreich gewesen sei und ihm die Haare demnächst bringen werde, aber irgendwie war der Barkeeper etwas schwer von Begriff oder hatte keine Lust, dem Warden etwas auszurichten, und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich zu ihm durchdrang. Also schickte ich von Wick aus kurzerhand ein Telegramm nach Edinburgh.

Und jetzt sitzen wir hier in unserem Privatjet, und ich habe die Zeit genutzt, um das alles aufzuschreiben. Und das Essen ist auch richtig gut. An dieser Art des Reisens könnte ich echt Gefallen finden.
Aus, Alcazár. Erfolgreicher Schriftsteller oder nicht, jedesmal Privatjet ist trotzdem nicht drin. Gewöhn’ dich besser nicht daran.


Oh oh. Eben bekam Totilas wieder eine SMS von Cherie. „Erdbeben. Nur hier. Nichts kaputt. Seltsam.“
Totilas schrieb sofort eine SMS zurück: „Wo ist ‘hier’?“, und Cherie antwortete ebenfalls umgehend: „Raith Manor“.

Mierda. Wir haben noch zwei Stunden bis zur Ankunft, können rein gar nichts machen. Wir können ja schon froh sein, dass das Flugzeug überhaupt mit Netzverbindung ausgestattet ist und Nachrichten durchkommen.


Wieder eine SMS gerade. „Noch ein Erdbeben. Wir evakuieren.“
Totilas hat uns erklärt, ‘evakuieren’ ist der Plan, um die menschliche ‘Herde’ – wie ich das Wort hasse, aber so nennen die Vampire es nun mal, cólera – in Sicherheit zu bringen. Es gibt keinen festen Treffpunkt, kein koordiniertes Sammeln an einem Punkt A oder B, sondern die menschlichen Bewohner des Hauses sollen einfach ein paar Stunden shoppen oder ins Kino gehen oder ihre Zeit sonstwie verbringen.

Eine Stunde noch. Wir sitzen wie auf Kohlen. Lenk dich irgendwie ab, Alcazár. Schreib was. Mach Übungen mit Jade. Haha.

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Ricardos Tagebuch: Heorot

Es war früher Morgen, als das Telefon klingelte. Sehr früher Morgen – die Sonne war gerade erst aufgegangen.
“Kannst du kommen?”, fragte Geralds Stimme aus dem Hörer, sobald ich abgenommen und mich gemeldet hatte. “Ich würde gern kurz mit dir – mit dem Sommerritter – sprechen.”

‘Sommerritter’. Mierda. Ich hätte eigentlich mit sowas rechnen können, wenn nicht vermutlich sogar müssen, aber irgendwie traf mich Geralds Formulierung trotzdem wie aus heiterem Himmel. Um die Uhrzeit denke ich einfach von mir noch nicht als Feenritter gleich welcher Couleur. Aber gut. Ich bin es nun mal, also sollte ich mich wohl besser auch daran gewöhnen, dass Hinweise darauf zu jeder möglichen und unmöglichen Tages- und Nachtzeit passieren können.
Ich hatte auch grundsätzlich kein Problem damit, dass Gerald so früh anrief – nur Jandra musste ich trotzdem erst wecken und in die Schule schicken. So lange musste der gute Mr Raith noch warten.

Raith Manor sah spektakulär aus im Morgenlicht: Der weiße Stein golden angehaucht, die Herbstblumen wie überzogen von einem Lichtschleier. Eine Gruppe aus drei Personen, die im Garten schweigend Tai Chi oder Yoga praktizierten, und noch ein Hauch nächtlicher Kühle in der warmen Luft. Obwohl es schon nach Halloween war, sah man an diesem Tag nicht, dass der Sommer starb – aber das tat er in Miami ohnehin nur sehr langsam, wenn überhaupt.

Gerald stand in einem weiten, weißen Gewand an dem großen Panoramafenster, ein Glas Whisky in der Hand. Als er sich zu mir umdrehte, waren seine sonst so dunklen Augen grau, fast silbrig. Offenbar hatte er länger gefastet.

Nach einer kurzen Begrüßung kam er sofort zur Sache. “Es geht um das Ritual”, fing er an. “In Schottland. Am Lochan Dubh nan Geodh, zwischen Altnabreac und Westerdale, mitten in den Highlands.” Gerald nahm einen Schluck aus seinem Glas. “Das ist der Ort, an dem wir das am besten durchführen sollten – das ist aber leider auch ein Ort, der vom Weißen Rat bewacht wird. Wir können da nicht einfach auftauchen und starke Magie wirken, ohne das vorher abzuklären. Nur – ich kann da nicht als Vertreter des Weißen Hofs um Erlaubnis bitten. Schon gar nicht für das, was wir beabsichtigen.” Er schüttelte den Kopf. “Richard hatte damals einen Kontakt, aber der – die – ist im Krieg gefallen.” Jetzt schaute er mich direkt an. “Ich brauche deine Hilfe, Sommerritter. Ein Abgesandter des Sommers, der dort ein Ritual machen möchte… ich könnte mir vorstellen, dass der Rat damit weniger Probleme hat.” Ohne eine Antwort abzuwarten, deutete er auf den Tisch. “Ich habe ein Flugticket für dich nach Edinburgh gebucht. Dort kannst du im Old Cauldron nach David Hawkins fragen. Das Old Cauldron ist neutraler Boden, eine Wegbeschreibung liegt bei. Auf einer Karte findest du das nicht.” Er zuckte die Schultern. “Neutraler Boden hin oder her, du findest im Pub hauptsächlich Ratsmagier. Aber als Sommerritter solltest du ja keine Probleme haben. Erzähl nur nicht zu viel über Miami und unsere… Angewohnheiten.”

Gerald atmete tief durch. “Falls du überhaupt bereit bist, das zu tun, solltest du besser allein gehen… Totilas wird hier gebraucht, und weder ein Santero noch ein Abgesandter eines Trickstergottes werden da sehr hilfreich sein. Ein Lykanthrop schon gar nicht – das sind alles Gruppierungen, mit denen die Ratsmagier eher weniger anfangen können.”

Cólera. Das kam plötzlich. Und in irgendwelchen magischen Angelegenheiten ohne die Jungs losziehen zu sollen, fühlte sich auch seltsam an, gelinde gesagt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, gab mir das ein nicht unbeträchtliches mulmiges Gefühl in der Magengrube. Aber trotzdem bestand kein Zweifel daran, dass ich Geralds Bitte erfüllen würde. Immerhin wollten wir ja alle dieses Ritual durchziehen. Und ja, ich bin der Sommerritter, verdammt nochmal, und mit dieser Autorität im Rücken würde ich ja wohl nach Europa fliegen und diesen Ratsmagiern die Erlaubnis für das Ritual aus den Rippen leiern können!

Also nickte ich Gerald zu. “Ich mache das. Solange der Flug nicht sofort in zwei Stunden geht – ich muss ein paar Sachen klären, ehe es losgeht. Meine Tochter bei meinen Eltern abliefern, zum Beispiel.” Und ein paar Sachen musste ich noch von Gerald in Erfahrung bringen. “Dieser David Hawkins ist Ratsmagier? Und das Old Cauldron liegt in Edinburgh selbst?” Hmmm. “Hast du Erfahrung mit dem Rat, Gerald? Wie genau werden die wissen wollen, was wir bei dem Ritual alles vorhaben? Und wie genau können sie verfolgen, was wir da tatsächlich abziehen? Ich würde sie ungern anlügen, aber falls sich das nicht umgehen lässt, wäre es unangenehm, wenn sie mit dem ersten Wort des Zauberspruchs durchschauen würden, das was nicht stimmt, und vor allem, was.”

“Okay, ‘Flugticket’ war vielleicht irreführend.” Gerald konnte ein Grinsen nicht verbergen. “Ich habe eine Maschine gechartert. Es geht los, sobald du bereit bist.”
Er schenkte sich aus einer halb leeren Flasche nach, ehe er mir auch einen Drink anbot – den ich allerdings höflich ablehnte. Keinen Whiskey um acht Uhr morgens, herzlichen Dank.
“David Hawkins ist ein ziemlich hohes Tier im Rat”, erklärte Gerald dann. “Warden, natürlich. Meinen Informationen nach ist er derjenige, der sich um die Sicherheit in Schottland kümmert, also muss er einigermaßen mächtig sein. Vermutlich auch einigermaßen beschäftigt, aber angeblich trifft man ihn trotzdem jeden Abend im Old Cauldron an. Der liegt in der Altstadt von Edinburgh, mitten drin. Wegbeschreibung hast du ja.”
Er nahm einen langsamen Schluck von seinem Drink. “Der Rat, hm? So viele Erfahrungen habe ich nicht mit denen, von Declan und DuMorne mal abgesehen… lustigerweise klingt das gälische ‘Dubh Mor’ – groß schwarz – ganz ähnlich wie DuMorne. Das fand Lafayette aber nicht so witzig.” Gerald schnaubte und verzog das Gesicht. So ganz nüchtern war er offensichtlich nicht mehr. Aber wenn er die ganze Nacht hindurch wach gewesen war und während dieser Zeit natürlich auch getrunken hatte, und so kam es mir beinahe vor, war das ja auch kein Wunder. “Ansonsten weiß ich so viel wie du – ‘Misch dich nicht in die Angelegenheiten von Zauberern ein, denn sie sind empfindlich und leicht zu verärgern.’” Er zwinkerte mir zu, und einen Moment lang konnte ich das silbrige Licht in seinen Augen aufblitzen sehen. “Ich kann dir nicht sagen, was die wissen wollen. Soviel wie möglich, schätze ich. Andererseits sind sie es wahrscheinlich gewöhnt, dass Feen ihnen nicht alles erzählen. Was die Magie angeht: Soweit ich weiß, basiert Edwards Magie ja auch ähnlichen Prinzipien wie ihre eigene, oder? Kann mir nicht vorstellen, dass sie Einwände haben. Ansonsten: Schick eine Sommerfee mit, die das Ritual mit einem Glamour belegt, damit es aussieht wie Sommermagie.” Er zuckte die Schultern. “Keine Ahnung, ob das funktioniert, aber das sollte doch möglich sein. Oder erzähl Hawkins eine hübsche Geschichte davon, wie du, der edle Sommerritter, eine verlorene Seele von ihrem Fluch erlösen willst. Ist ja auch fast wahr.” Sein Lächeln wurde breiter, die Augen noch heller, und er kam einen Schritt auf mich zu. Er war schon ein sehr attraktiver —
Nein, verdammt. Aus, Alcazár! Dieser komische Speichel von den Red Courts letztens war schon schlimm genug, da musste ich mich nicht auch noch von den Pheromonen eines White Court einfangen lassen.

Und auch Gerald schien zu merken, dass er seine White-Court-Pheromone da nicht mehr ganz unter Kontrolle gehabt hatte, denn er drehte sich abrupt um. “Ich glaube, ich habe einen dringenden Termin”, sagte er zu der Panoramascheibe, und die Anspannung in seinen Schultern war nicht zu übersehen. “Wenn du noch etwas brauchst – irgendetwas – sag Bescheid.”
Ich nickte. “Mach ich. Und ich melde mich, ehe ich losfahre, in Ordnung?”

So richtig viel war eigentlich gar nicht zu erledigen. Nach der Schule Jandra zu Máma und Pápa bringen, die sich riesig dafür interessierten, dass ich nach Europa musste. Den Grund hielt ich eher allgemein. Eine Lesereise. Ja klar würde ich ihnen etwas aus Schottland mitbringen. Echt schottischen Whisky vielleicht? Und Jandra natürlich auch. Die hätte am liebsten eine Nessie, meinte sie. Jahaa. Das konnte ich ihr gerade noch ausreden mit der Begründung, dass Nessie ein Wassertier sei und unsere Badewanne dann doch ein bisschen zu klein.

Den Jungs bescheid geben. Die waren nicht so richtig begeistert, dass ich alleine losziehen würde, hatte ich den Eindruck, aber Gerald hatte mit seiner Einschätzung schon recht gehabt. Das war eine Aufgabe, wo sie tatsächlich vermutlich eher hinderlich als hilfreich wären. Aber ich musste versprechen, regelmäßig in Kontakt zu bleiben, Zeitverschiebung hin oder her. Richtig, die Zeitverschiebung. Fünf Stunden weiter. Merken.

Für ein paar Tage packen. Das stellte kein Problem dar, und die Tatsache, dass ich mit einer Chartermaschine unterwegs sein würde, nicht mit einem Linienflug, hieß, dass ich auch Jade problemlos mitnehmen konnte, ohne allzu anstrengende Sicherheitsprozeduren über mich ergehen lassen zu müssen.
Mierda. Mir ist immer noch nicht ganz klar, wann mein Ritterschwert anfing, einen eigenen Namen zu haben. Vor allem nicht, weil ich nie darüber nachdachte, ob ich ihm einen Namen geben wollte und wie der lauten sollte. Sondern weil ich einfach eines Tages wusste, und zwar völlig selbstverständlich wusste, als hätte ich es schon immer gewusst, die Klinge heißt ‘Jade’. Und sie ist eine ‘sie’.
Jedenfalls. Dank des Charterflugs konnte ich Jade leichter mitnehmen, als das sonst möglich gewesen wäre. Zwar genausowenig im Handgepäck, aber das hätte ich ohnehin nicht gewollt.

Abends gegen 20 Uhr saß ich dann endlich im Flieger. Schriftsteller oder nicht, Lesereisen oder nicht, einen Privatjet hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Das war schon ziemlich edel. Zehn Stunden Flug, genug Zeit, um ein bisschen an Totem Rise weiterzuarbeiten, einen Film zu schauen und ein paar Stunden zu schlafen, gerade genug, dass ich einigermaßen ausgeruht in Edinburgh ankam. Mittags nach Ortszeit. Perfekt.

Ein Zimmer im Sheraton Hotel hatte Gerald ebenfalls für mich reservieren lassen. Das lag schön zentral in der Nähe der Altstadt, und mein Zimmer hatte zwar keine Aussicht auf das Schloss, aber dafür ansonsten alle Annehmlichkeiten, die man sich in einem Hotel so vorstellen kann. Dort warf ich meine Sachen ab und machte einen kleinen Spaziergang durch die Stadt – wenn ich schon mal hier war, konnte ich auch ein bisschen den Touristen geben, Souvenirs kaufen inklusive – ehe ich mich im Hotel noch ein, zwei Stunden auf’s Ohr legte, bis es an der Zeit war, diesen ‘Old Cauldron’ suchen zu gehen.

Ohne die Wegbeschreibung wäre ich tatsächlich völlig aufgeschmissen gewesen. Der Pub lag nämlich in einer eigentlich unbenamsten Gasse, in die man nur durch einen Durchgang kam, der auf den ersten Blick wie eine private Toreinfahrt wirkte. Und ja, ich habe Harry Potter gelesen. Natürlich habe ich Harry Potter gelesen. ‘Leaky Cauldron’, ‘Old Cauldron’ – es hätte mich gewundert, wenn die Ratsmagier auf ihren neutralen Boden nicht eine Art Schleier gelegt hätten, damit die Muggles den nicht so leicht finden.

Beim Eintreten in die dämmrige Kneipe hatte ich tatsächlich die erste Beschreibung des Leaky Cauldron aus dem Sorcerer’s Stone im Kopf und rechnete beinahe mit Dedalus Diggle, Doris Crockford und Professor Quirrell in seinem Turban. Die waren natürlich nicht da, und ob der Wirt Tom hieß oder nicht, das konnte ich so auf den ersten Blick nicht beurteilen.

Der Rest der Klientel sah auf den ersten Blick enttäuschend normal aus – aber es war eine sehr gemischte Truppe, die hier herumsaß: Eine Frau im Business-Kostüm am Tisch mit einem Punk und einem alten Mann, der aussah wie das Vorbild für Waldorf aus der Muppets Show, ein blasser Gruft vertieft im Gespräch mit einer unauffälligen Frau mittleren Alters und einem knallbunt gekleideten Schwarzen mit Rastas, eine Gruppe Inder, die sich unglaublich ähnlich sahen, aber ganz unterschiedlich gekleidet waren, und die sich anscheinend ein Getränk teilten.

Der Wirt hingegen entsprach weitgehend meinen Erwartungen: Beleibt, rot im Gesicht, abgehetzt, aber freundlich. Vielleicht war das eher Gerstenmann Butterblume als Tom? Immerhin kannte er David Hawkins, als ich nach dem fragte, und wies mir den Weg zu einem kleinen Tisch in der Ecke.
An dem Tisch saß ein Mann in den Fünfzigern, kräftig gebaut, mit buschigen Brauen und einem gewaltigen Schnurrbart. Im Näherkommen konnte ich sehen, dass sein dunkelbrauner Anzug gar nicht so gewöhnlich war, wie er mir zunächst geschienen hatte: Der Stoff war mit Runen und Glyphen durchwirkt, die schwach golden schimmerten. Die Manschettenknöpfe in Form von zwei Greifen wirkten auch nur auf den ersten Blick normal – bewegten sich die Tiere nicht schwach? Genauso wie der bronzene Raubvogel, der den Knauf eines altmodischen Spazierstocks zierte?
Genau wie Gandalf rauchte Hawkins eine Pfeife, und genau wie Gandalf hatte er einen stechenden, wachen Blick. Barsch nickte er Tom? Butterblume? dem Wirt zu und bedeutete mir, sich an den Tisch zu setzen.

“Hmm”, machte er. “Sie sehen aus wie ein Spanier. Kommen Sie aus Cordoba?”

Ich ließ mich auf der Bank dem Ratsmagier gegenüber nieder und neigte höflich den Kopf. “Nicht ganz Spanier, aber beinahe. Mein Name ist Ricardo Alcazár, und ich komme aus den Vereinigten Staaten. Ich bin der Erste Ritter des Herzogs vom Sommerhof der Fae aus Miami, Florida.”
Mit diesen Worten streckte ich Hawkins die Hand hin. Ich hatte wenig Ahnung, wie es Angehörige des Weißen Rates mit Handschlägen halten mochten, aber die Geste schien mir angebracht.
“Ich hatte gehofft, Sie hier zu finden, Mr. … Warden Hawkins. Ich brauche Ihre Hilfe.”

Bei dem Wort ‘Sommerhof’ merkte Hawkins auf. Kurz sah ich fast so etwas wie Erleichterung in seinen Augen, und ich konnte beinahe mit ansehen, wie sich die Rädchen im Kopf des Magiers drehten.
Als ich erwähnte, dass ich Hilfe brauchte, lehnte sich Hawkins zurück und unterdrückte ein erfreutes Lächeln. Statt dessen klopfte er umständlich seine Pfeife aus.
“Pfff”, schnaubte der alte Mann bärbeißig. “Hier in Europa tragen die Ritter ja noch richtige Titel… Sir Ricardo. Nur nehme ich an, bei Ihnen heißt das dann ‘Abgeordneter’ oder so ein Unfug. Bah!” Er schüttelte seinen Kopf, um zu zeigen, was er von derlei Unfug hielt.
“Hilfe, hm? Na, dann mal raus mit der Sprache, junger… Sir Ricardo. Wie Sie sicher wissen, sind wir im Krieg! Aber für unsere Freunde vom Sommerhof… da lässt sich unter Umständen etwas machen.” Sein Gesichtsausdruck war allerdings skeptisch.

Bei der Amerika-kritischen Bärbeißigkeit des britischen Magiers musste ich schmunzeln, gab mir aber Mühe, ein höflich-verstehendes Lächeln daraus zu machen. “Oh, auch bei uns werden Ritter der Höfe mit Sir angesprochen, Warden. Ich denke, da dürften sich die Fae zu beiden Seiten des Atlantiks relativ ähnlich sein.”

Hawkins’ kalkulierender Gesichtsausdruck, als ich von ‘Hilfe’ sprach, war mir allerdings auch nicht entgangen. Ganz schlau hast du das gemacht, Alcazár. Bring Pan doch gleich in die Schuld des Weißen Rats. Okay. Mierda. Mal sehen, ob ich den Fuß wieder einigermaßen aus dem Fettnapf raus bekam.

“Ich muss meine Bitte ein wenig relativieren, Warden Hawkins. Ich bin nicht im Auftrag des Herzogs von Miami hier, auch wenn das eingangs vielleicht so geklungen haben mag. Sondern es geht um eine Aufgabe – eine Queste, wenn man so will – die ich mir selbst gestellt habe. Ein, nun, guter Freund unterliegt einem Fluch, und um diesen Fluch von ihm zu nehmen, wollen wir – genauer gesagt mein bester Freund, der auf derartige Magie spezialisiert ist – ein Ritual wirken. Ich komme deswegen damit zu Ihnen, weil der beste Ort für dieses Ritual offenbar der Lochan Dubh nan Geodh ist” – vermutlich sprach ich das ziemlich falsch aus, auch wenn ich natürlich gehört hatte, wie Gerald den Namen sagte, aber damit musste der Warden jetzt leben – “und wir selbstverständlich nicht einfach auf dem Gebiet des Weißen Rates ein Ritual abhalten können, wollen und werden, ohne die Erlaubnis dafür eingeholt zu haben.”
So gewinnend und vertrauenswürdig ich nur konnte, sah ich den Briten an.

Hawkins’ Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung des Ortes. “Ein Ritual”, sagte er mit gerunzelter Stirn. “Am Lochan Dubh nan Geogh. Um einen Fluch zu lösen. Junger… Sir Ricardo, wenn ihr einen Fluch lösen wollt, dann ist das kein guter Ort dafür. Jemanden verfluchen? Das könnte ich mir eher vorstellen. Würde ich aber nicht zulassen.” Er kaute kurz auf seiner Pfeife herum. “Der Lochan Dubh nan Geogh ist einer der dunkelsten Orte Schottlands. Dort ein Ritual durchzuführen… dein Spezialist ist kein Ratsmagier, nehme ich an, sonst würde der mit mir reden.” Er wartete mein Nicken kaum ab, sondern fiel mir direkt ins Wort, als ich dazu noch etwas ergänzen wollte. “Also ein Dilettant. Gut, das könnte mir ziemlich egal sein – wahrscheinlich bringt er hauptsächlich sich und den Rest deiner Freunde in Gefahr. Er wird nicht wecken können, was da im See liegt. Falls das sein Plan sein sollte. Kannst du ihm gern bestellen.” In seinem Gesicht arbeitete es.

“Zu schade, dass du nicht als Vertreter des Sommerhofs hier bist”, fügte er schließlich hinzu. “Einem Sommerritter hätte ich vielleicht vertraut… ein Sommerritter hätte etwas für mich tun können. Aber irgendein Kerl aus Miami, dessen Freunde am Lochan Dubh herumhexen wollen? Ich denke zwar nicht, dass ihr da großen Schaden anrichten könntet, aber ich müsste den Dreck hinterher aufräumen. Warum sollte das die Mühe für mich wert sein?” Fast lauernd blickte er mich unter seinen buschigen Augenbrauen an.

Seufz. Dass die Ratsmagier auf die ‘Dilettanten’ herabsehen, das war uns ja schon vorher bewusst. Das war eine der Prämissen, unter denen ich hergekommen war. Aber das so unverblümt von dem Warden zu hören, versetzte mir dennoch einen Stich. Und dass er unvermittelt vom ‘Sie’ zum ‘Du’ übergegangen war, das war mir genausowenig entgangen.
Ganz ruhig. Lass ihn Edward unterschätzen. Und lass dich vor allem nicht von ihm provozieren. Du bist als Diplomat hier. Sei diplomatisch.

Ich schenkte ihm einen möglichst verbindlich-freundlichen Blick. “Wir haben nicht vor, irgendwelchen Dreck zu hinterlassen, den Sie aufräumen müssten”, erklärte ich milde. “Hatten Sie da etwas Spezielles im Sinn?”
Das war jetzt mit ziemlicher Sicherheit nicht das, was er hören wollte. Der wollte eindeutig ein Quid pro Quo. Und vermutlich würde eine signierte Ausgabe meiner Bücher in der Beziehung nicht reichen. Na gut. Mal sehen.
“Und was das andere angeht… Ich weiß nicht, ob Sie jemals in den Staaten zu tun haben, Warden Hawkins. Aber es wäre Ihnen zumindest meine persönliche Dankbarkeit sicher. Und ich würde mich selbstverständlich erkenntlich zeigen, wenn es etwas gäbe, dass ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder für den Weißen Rat tun könnte – so es denn mit meinen Pflichten als Ritter des Sommerhofs und meinen privaten Überzeugungen in Einklang zu bringen wäre und dessen Erfüllung in meiner Macht stünde. Davon abgesehen kann ich in dieser Angelegenheit zwar weder für meinen Herzog sprechen noch Verpflichtungen für ihn eingehen, da ich rein privat hier bin, auch kann ich ihm selbstverständlich nicht meine Sicht der Dinge aufdrängen oder ihn zu bestimmten Handlungsweisen zwingen, aber er schätzt mich als Ratgeber.”

So. Das sollte hoffentlich Andeutung genug sein. Entweder das, oder…
“Gäbe es denn etwas, das ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder den Weißen Rat tun könnte?”

Bei diesen Worten lachte Hawkins auf. “An Arroganz fehlt es dir schon mal nicht!”, sagte er amüsiert. Dann wurde er wieder ernst. “Du weisst nicht, was im Lochan schläft. Oder?” Ich zögerte – Gerald hatte etwas vom ‘Ursprung der Weißen Dämonen’ gesagt, wenn ich mich recht erinnerte. Irgendwas in der Art. Hawkins jedoch interpretierte mein Zögern falsch. “Natürlich weißt du das nicht. Wenn du es wüsstest, müsste ich dich umbringen.” War das ein Scherz? Nein, so sah Hawkins nicht aus. Der meinte das bitterernst.
Mit dem Daumen wies ich auf die Plakette, die über der Bar hing. “Ist das hier nicht neutraler Boden?”, fragte ich ruhig.

Hawkins grinste unfreundlich. “Neutraler Boden gilt zwischen einem Angehörigen des Sommerhofs und einem Angehörigen des Weißen Rats… du hast gerade sehr deutlich gesagt, dass du als ‘Privatperson’ hier bist.” Sein Grinsen wurde noch etwas breiter, und er spielte kurz mit der Greifenmanschette, die sich aufrichtete und mich drohend anzischte.
Aber dann wurde er wieder ernst. “Pass auf”, sagte er. “Ich habe den Eindruck, du hast nicht viel Erfahrung mit solchen Verhandlungen. Das erweckt nicht allzu viel Vertrauen in deine Freunde und ihr Ritual. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Verwendung für eine Privatperson. Oder kannst du ohne die Kraft des Sommers ins Nimmernie gehen? Kannst du ohne die Kraft des Sommers den Respekt der Einwohner des Nimmernies gewinnen? Gelangst du ohne die Kraft des Sommers in die Sommerhalle der Einherjar? Kannst du ein Haar der Sonne anfassen, ohne dir die Hand wegzubrennen, wenn du die Kraft des Sommers nicht benutzt? Ich glaube nicht, Ricardo.” Er lehnte sich vor. “Ich will keinen Gefallen deines Herzogs, junger… ach, junger Mann. Ich – der Rat – will einen Gefallen von dir, dem Sommerritter, nicht von dir, dem…” Er sah mich abschätzend an. “…dem Playboy, oder dem Miami Vice Detective, oder was auch immer so eine Privatperson eben ist.”

Jetzt konnte ich mir die Spitze doch nicht verkneifen. “Schriftsteller”, sagte ich trocken. “Vielleicht haben Sie schon mal das eine oder andere Buch von mir im Laden stehen sehen. Ich könnte Ihnen eine signierte Erstausgabe meiner gesammelten Werke anbieten, falls das hilft.”
Ich grinste ihn an, um ihm zu zeigen, dass das ein Scherz gewesen war, dann wurde ich wieder ernst und suchte offen den Blick des Magiers.
“Aber Sie haben ganz recht. Ich weiß nicht, was im Lochan schläft. Und viel Erfahrung mit derlei Verhandlungen wie dieser hier habe ich bislang tatsächlich noch nicht. Aber das ist meiner Unerfahrenheit geschuldet, nicht der meiner Freunde. Vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt, als ich so auf das ‘privat’ pochte. Ich hätte besser ‘persönlich’ sagen sollen. Was ich damit klar machen wollte, war, dass ich meinen Herzog in diese Sache nicht hineinziehen werde. Aber einen Gefallen, den ich persönlich – Schriftsteller oder Sommerritter oder was auch immer – Ihnen und dem Rat tun kann… und der weder meiner eigenen Ehre noch der Ehre des Sommerhofs oder meinen eigenen Überzeugungen widerspricht… darüber können wir reden.”

Hawkins verdrehte die Augen, als ich von meinen Büchern sprach. “Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, keine Werke von Schriftstellern zu lesen, die nicht mindestens seit zehn Jahren tot sind”, erklärte er kategorisch. “Und ich bin damit immer sehr gut gefahren, dankeschön.”
Umständlich stopfte er seine Pfeife und zündete sie dann mit einem Fingerschnippen an. Einen Moment lang dachte ich, dass Hawkins mich mit der Geste vielleicht beeindrucken wollte, aber vermutlich war es tatsächlich nur ein Reflex, eine vollkommen gewohnte Handlung, derer er sich gar nicht mehr bewusst war.
“Na gut”, sagte der Ratsmagier schließlich. “Ich will mal nicht so sein. Hab ja ein Herz für seltsame Gestalten.” Das ließ mich schmunzeln, auch wenn ich gar nicht so genau sagen konnte, warum. Hawkins dachte vermutlich, es sei Dankbarkeit für sein Einlenken.
“Also gut”, fuhr er dann fort. “Vor einiger Zeit – Feenzeit, wann auch immer das nun war – hat Loki oder einer seiner Nachfahren der Sonne drei Haare gestohlen. Die hat er dann beim Kartenspiel mit einem Einherjar verloren. Heißt es.” Er räusperte sich. “Die Einherjar wohnen ja traditionell in Walhalla, wo sie den ganzen Tag saufen. Dann gehen sie kämpfen, torkeln nach dem Kampf wieder in die große Halle und saufen weiter. Ein bisschen wie Fussballfans in Manchester.” Er winkte den Wirt heran und bestellte zwei Bier. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn. “Eigentlich genau wie Fussballfans in Manchester. Scheußliche Stadt. Fahren Sie lieber nicht dahin.” Ein paar Minuten schwieg er, und ich schwieg höflich mit ihm, ließ mir das Gesagte durch den Kopf gehen. Von europäischem Fußball habe ich nicht viel Ahnung, aber bei dem Vergleich konnte ich mir schon ungefähr vorstellen, was er meinte. Dann kam das Bier, zwei große Krüge. Beinahe schon Pitcher-Größe, wie ich sie von zuhause kannte. Hawkins nahm einen und erhob ihn, um mit mir anzustoßen. Ich nahm einen Schluck. Huh. Lecker. Aber starkes Zeug. Da würde ich aufpassen müssen, dass ich mir nicht das klare Denken vernebelte.

“Na gut, Walhalla ist ein Prügel-Pub”, fuhr Hawkins fort, als hätten nicht mehrere Minuten Pause zwischen seinem letzten und diesem neuen Satz gelegen. “Jetzt gibt es viele Einherjar, die das toll finden, aber nicht alle. Die haben sich schon vor langer Zeit nach Heorot zurückgezogen, in Beowulfs Halle, wo sie außer saufen und prügeln auch mal reden, ein Lied anhören oder philosophieren können. Ich war noch nicht da, aber ist wohl eher ein Gentleman’s Club. Mit Walküren, nehme ich an. Falls die Zutritt haben.” Sein Gesichtsausdruck zeigte Zweifel – entweder, weil er den Einherjar eine so fortschrittliche Einstellung nicht zutraute, oder weil er selbst kein großer Freund von weiblichen Gästen in einem Club war.
“Jedenfalls soll sich der Einherjar, der die Haare gewonnen hat – Sigthor Oddson – hauptsächlich in Heorot aufhalten. Sie nennen den Ort auch ‘Sommerhalle der Einherjar’; ich vermute, im Winter müssen auch die weniger rauflustigen Krieger gegen die Jötunn antreten. Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass sie die Haare der Sonne da dringend brauchen, die Halle stand ja auch schon lange vorher – wir vom Weißen Rat jedoch liegen im Krieg mit den Rotvampiren, und ich nehme an, dass du weißt, wie schlecht diese Mistviecher auf Sonnenlicht reagieren. Deswegen wäre es sehr hilfreich, wenn du uns diese Haare bringen könntest.” Er lächelte zufrieden und trank noch einen Schluck des starken Gebräus. Dann fiel ihm etwas ein.
“Hmpf”, machte er. “Kannst du die Zeit in den Reichen beeinflussen? Gah, vermutlich nicht, niemand kann das.” Hawkins schüttelte ungeduldig den Kopf. “Also gut, Bursche… Ritter, Schriftsteller, was auch immer, gib mir dein Wort, dass du wirklich versuchst, an die Haare der Sonne zu kommen, und ich lasse deine Freunde ihr Ritual versuchen. Einverstanden?”

Ich musste nicht lange überlegen. Was wollte ich auch tun? Genau das war der Grund, warum ich hier war, quid pro quo, und Hawkins sah mir nicht so aus, als würde er sich umstimmen lassen. Immerhin hatte er gesagt ‘wirklich versuchen’ und nicht ‘unter allen Umständen bringen’.
“Einverstanden”, erwiderte ich. “Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um diese Haare der Sonne zu beschaffen dafür, dass Sie uns die Erlaubnis für das Ritual am Lochan Dubh nan Geogh geben. Ich hoffe allerdings, ich bekomme noch ein paar Informationen von Ihnen.”

Heorot. Beowulfs Halle. Natürlich hatte ich davon gehört, ich hatte mich immerhin während meines Studiums ziemlich eingehend mit dem Epos beschäftigt. “Ich nehme nicht an, dass Sie die Ruinen des Langhauses in Lejre in Dänemark meinen, wenn Sie von ‘Heorot’ sprechen”, mutmaßte ich. “Vor allem, da Sie ‘die Reiche’ erwähnen. Ich vermute mal, das ist ein britisches Synonym für das Nimmernie?” Ich überlegte kurz. Ins Nevernever bringen sollte auch George mich können, siehe die diversen Gelegenheiten, wo er das schon früher getan hatte, da musste ich Hawkins nicht danach fragen und mich noch inkompententer aussehen lassen, als er mich ohnehin schon einschätzte. “Kann man ungefähr sagen, wo im Nevernever die Halle liegt? Und weiß man irgendetwas über diesen Sigthor Oddson, außer dass er kein Anhänger von Manchester ist?”

Hawkins lehnte sich zurück und betrachtete mich nachdenklich. “Du bist wirklich sehr neu als Ritter, was?”, sagte er langsam. “Es ist eine Sommerhalle. Sie liegt im Nimmernie. Ich nehme an, sie liegt irgendwo im Sommer – die Richtung sollte dir ja vertraut sein. Wenn ich ganz genau wüsste, wo sie ist und wie man hinkommt, bräuchte ich keinen Sommerritter, der sich in dieser Gegend hoffentlich frei bewegen kann, ohne alle fünf Minuten von irgendwelchen Viechern belästigt zu werden.” Er fing wieder an, mit seiner Pfeife zu spielen, aber bedächtiger als vorher. “Die Reiche – die Feenwelten – sind ein Teil des Nimmernies, aber nicht genau dasselbe. Ich würde dir raten, nicht über die Summerhall zu gehen, es sei denn, du willst die Grüne Herrin unbedingt treffen. Die ist zwar relativ freundlich, aber auch sehr neugierig und besitzergreifend, wenn jemand auch nur einen Hauch künstlerisches Talent besitzt. Geh über den Brighton Park in der Nähe vom Portobello Beach, da sollten noch ein paar Sonnenblumen stehen.”
Er runzelte die Stirn. “Über Sigthor Oddson kann ich dir wenig sagen. Scheint gern Karten zu spielen, und nicht einmal schlecht, wenn er Loki besiegen konnte. Falls die Geschichte überhaupt stimmt und Sigthor sie nicht nur erfunden hat. Keine Ahnung, ob die in Heorot Fußball spielen, das würde ich dir überlassen.” Hawkins lehnte sich zurück. “Bist du sicher, dass du der Sache gewachsen bist? Könnte gefährlich sein, und ich will ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung, wie weit du mit Diplomatie kommst. Aber wenn du das wirklich machen willst, fein. Gib deinen Freunden die Adresse vom Old Cauldron. Ich würde sie gern treffen, bevor sie zum Lochan Dubh Nan Geogh gehen.”
Er legte seine Pfeife auf den Tisch und trank den letzten Schluck Bier. “Um das ganz klar zu sagen: Wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich und andere mit ihrem Gezaubere nur in Gefahr bringen, dann werde ich nicht zulassen, dass sie an einem der dunkelsten und gefährlichsten Orte Schottlands ein Ritual durchführen. Um mal deine Worte zu verwenden: Ich setze meine Ehre für diese Sache genauso wenig aufs Spiel wie du deine.”

‘Summerhall’. ‘Grüne Herrin’. Mierda. Ich hatte tatsächlich keinerlei Ahnung, wovon er da redete, aber ich würde den Teufel tun und das zugeben. Stattdessen hob ich auf seine Worte hin die Schultern. “Ob ich der Sache gewachsen bin oder nicht, das werde ich dann wohl sehen, wenn es soweit ist. Aber ich habe zugesagt, dass ich es nach besten Kräften versuche, also werde ich genau das tun.” Ich nickte dem Ratsmagier zu. “Und ich werde meinen Freunden bescheid geben, dass Sie mit ihnen sprechen möchten. Edward Parsen, damit Sie den Namen schon mal gehört haben.”

Während wir unser Bier austranken, fingen die Rädchen in meinem Kopf schon an, sich zu drehen, und noch viel mehr, nachdem ich mich von dem alten Zauberer verabschiedet hatte und zurück im Hotel war. Ehe ich loszog, musste ich einige Vorbereitungen treffen.

Ich rief bei den Jungs an und gab die neuesten Entwicklungen weiter. Vor allem das mit dem ‘dunkelsten Ort in Schottland’ und dass im Lochan irgendwas Fieses schlief. Und die Wegbeschreibung zum ‘Old Cauldron’. Ich rief bei Eileen Fabray an zwecks Informationen über diese ‘Summerhall’ und die ‘Grüne Herrin’ – bei meiner Mentorin in Sachen Sommerritterei hatte ich, ganz anders als bei dem ach so von sich eingenommenen Warden, keinerlei Hemmungen bezüglich meiner Unwissenheit.

Eileen nahm nach kurzem Klingeln ab. Offenbar war sie noch wach – aber zuhause war es zum Glück ja auch erst früher Abend. “Puh”, machte sie nachdenklich, als sie meine Frage hörte. “Von europäischen Fae habe ich leider nicht so viel Ahnung… Summerhall, Summerhall, das sagt mir etwas… Ist das nicht ein Kunstmuseum oder so etwas in Edinburgh? Ich glaube, ich habe mal einen schottischen Ritter getroffen, der mir davon vorgeschwärmt hat. Wer die Grüne Herrin ist, kann ich dir nicht sagen. Klingt nach einer Feenherrscherin – die sind auf den britischen Inseln etwas weniger freizügig mit Namen und verwenden eher Bezeichnungen wie ‘Friedliche Herrin’ oder ‘Ritter von der Roten Hand’ oder so. Könnte die Herrin des Sommerhofs in Edinburgh sein… Wenn du ein echter Feenritter wärst, müsstest du ihr deine Aufwartung machen, aber so – ich würde dir davon abraten. Die meisten Feenhöfe sind wesentlich intriganter als Pans, Pan ist kein Sidhe, sondern ein Faun, und dann auch noch aus Amerika? Du kannst dir auch eine Zielscheibe auf dein T-Shirt malen.” Sie lachte. “Gut, das ist alles Sommerhof, aber trotzdem. Würde ich an deiner Stelle vermeiden, wenn es geht.” Ich nickte, auch wenn Eileen das am Telefon gar nicht sehen konnte. “Davon hat Warden Hawkins mir auch abgeraten”, erklärte ich dann. “Er meinte etwas von wegen, die Grüne Herrin könne ziemlich besitzergreifend sein. Von daher muss ich das nicht so dringend haben, glaube ich.” Eileen lachte leise ins Telefon, ehe ihre Stimme wieder sachlich wurde. “Hab ich dir eigentlich schon gezeigt, wie du auch außerhalb eines Feenhofs ins Nimmernie kommst? Nein? Oh. Ist aber nicht weiter schwierig, zumindest nicht, wenn du in Richtung Sommer willst – geh einfach an einen Ort, der irgendwie nach Sommer aussieht, schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf. Das haben wir ja schon mal geübt.” Nach ein paar Tipps, wie man im herbstlichen Edinburgh einen Sommerbezug finden könnte – Treibhäuser, Blumenläden, Saunas – beendete Eileen das Gespräch mit den Worten: “Du wirst das schon schaffen. Denk daran, dass du Pans Ritter bist – was auch immer du tust, eine Fee kann dir das ansehen. Pan ist bei vielen Sidhe nicht sehr gut angesehen, aber das ist nicht immer nur ein Nachteil: Du kommst wahrscheinlich mit sehr viel mehr durch als andere.” Irgendwo im Hintergrund piepte ein technisches Gerät. “Meine Muffins! Ich muss los. Viel Glück, Cardo!”

Okay. Das war ja immerhin schon mal etwas. Zusammen mit Hawkins’ Hinweis auf die Sonnenblumen am Portobello Beach würde sich da ja wohl hoffentlich was machen lassen.

Als nächstes versuchte ich, Haley zu erreichen – wenn mir jemand etwas über Einherjaren sagen konnte, dann sie, hoffte ich. Aber dummerweise kam ich unter der Nummer, die wir letztens in Miami benutzt hatten, um mit ihr in Kontakt zu bleiben, nicht durch. Mierda. Naja, da konnte ich wohl nichts machen. Also tätigte ich einen Gute-Nacht-Anruf bei Jandra und vertrieb ich mir noch ein bisschen mit meinem Laptop und dem schottischen Fernsehen die Zeit, ehe ich schlafen ging. Und zwar mit dem festen Vorsatz, im Traum mit George zu reden – meinen kleinen Wyldfae-Kumpel würde ich drüben im Nevernever mit Sicherheit brauchen können.

Gerade, als ich mich hingelegt hatte, klingelte das Telefon. Aus dem Hörer kam zunächst ein schrilles Pfeifen, dann ein schwaches “Hallo? Hallo?”, viel elektronisches Gekrächze, schließlich “Halloooo?”, ganz laut und klar. Eine Frauenstimme. Haley.
“Geht das jetzt so?”, fragte sie genervt, wenn auch vermutlich – hoffentlich – nicht von mir. “Ich hab nicht viel Zeit, Sigbjörn kann nicht lange so stehen… was gibt es denn?”
Als ich sie nach den Einherjar fragte, lachte sie laut auf. “Schätzchen, dass sind die, die nicht zu mir kommen, weißt du? Die hocken in Walhalla und saufen und raufen – ‘bezwingen das bauchige Bierfass baldig’ und so weiter.”

Auf meine nächste Frage, die nach Heorot nämlich, reagierte sie mit einem unfreundlichen Schnauben. Kurz krächzte die Leitung wieder. “Mist”, sagte sie. “Das ist echt nicht so einfach hier… höher, Sigbjörn, höher! Okay, Heorot… Blödes Ding, früher – als es nur Walhalla gab – sind ab und zu Einherjar in Helheim aufgetaucht, weil ihnen das ständige Saufen, Kämpfen, Poppen auf die Nerven ging. Jetzt gehen sie nach Heorot, wo sie Stabreime aufsagen, Schach spielen und sich über Bücher unterhalten können. Gut, das könnten sie in Helheim auch, aber hier scheint halt nie die Sonne und das Dekor ist ein bisschen trist. Dafür haben wir demnächst Kabelfernsehen… vielleicht. Willst du dahin? Vermutlich nicht auf die gute alte Art und Weise, bei der du in der Schlacht stirbst, was?”

Jetzt war ich dran mit dem Schnauben. “Ich will nicht dahin, aber ich muss, fürchte ich. Ist eine Aufgabe im Zusammenhang mit der Sache von letztens noch. Und richtig, ich würde ganz gerne lebendig von dort zurückkommen. Ohne vorher gestorben zu sein, wenn es geht. Sagt dir ein Sigthor Oddson etwas? Den soll – muss – ich dort treffen.”

“Sigthor Oddson?” Hayley lachte. “Ja, der sagt mir was. Er hat meinen Vater im Kartenspiel besiegt, sagt er. Ich habe eine andere Geschichte gehört, was er da mit meinem Vater gemacht hat… sollte ich wohl nicht erzählen, so als getreue Tochter und so.” Man konnte ihr Grinsen förmlich durchs Telefon hören. “Aber ich kann dir versprechen: Bodenturnen war es nicht.” Die Leitung rauschte einen Moment ganz fürchterlich.
“Tut mir leid”, erklang ihre Stimme dann wieder, diesmal deutlich lauter. “Sigbjörn musste lachen. Dann mal viel Spaß in Heorot. Soll ganz lustig dort sein, und nicht sehr gefährlich, eigentlich. Die Einherjar da sind angeblich eher friedfertig, aber halt alles Veteranen. Mit denen legt sich vor Ragnarök so schnell keiner an. Eh, wenn du wissen willst, wie du dahin kommst: Folge den Stabreimen. Die sind ein untrügliches Zeichen für Einherjar. Sie nennen es auch ‘gebetteter Drachentraum’ oder ‘Klingenherd’, und die Straße nach Heorot heißt ‘Weg der Sonnendolde’. Keine Ahnung, was das heißt. Aber mach dir nichts draus, im Nimmernie laufen lauter Gestalten herum, die du fragen kannst. Lass dich nicht fressen, und wenn etwas kichert, dann trau ihm nicht.” Sie kicherte. “Wenn du willst, schicke ich dir eins meiner Geschwister vorbei, damit es dir hilft!”

Ich fing an, ihr etwas zu antworten, aber aus der Leitung kam nur ein Rauschen. Dann hörte ich doch wieder etwas. “…klar. Sigbjörn… Reise… bald… meinem Vater.”

Mierda. Dann musste ich wohl darauf verzichten, herauszufinden, welches ihrer Geschwister Haley mir hätte zur Seite stellen wollen – auch wenn es vermutlich besser so war. Fenriswolf oder Midgardschlange, wenn mich mein Wissen über die nordische Mythologie nicht im Stich ließ; da war keines von beiden eine sonderlich angenehme Alternative, was mich betraf.

Na gut. Mehr würde ich wohl nicht herausfinden können, ehe ich mich nicht selbst auf die Reise begab. Ich musste nur noch entscheiden, wo. Der Wetterbericht sagte für den nächsten Tag zwar einigermaßen trockenes Wetter voraus, aber wie Herbst oder gar wie Sommer wirkte das hier so gar nicht. Deswegen würde ich auch nicht über diesen komischen Brighton Park gehen, den Hawkins erwähnt hatte. Dass da im November noch Sonnenblumen stehen sollten, das glaubte ich dem Ratsmagier nicht so recht, und vor allem, was würden mir halb verfrorene Sonnenblumen an einem ansonsten winterlich trüben Strand helfen?

Nein. Das Tropenhaus der Royal Botanic Gardens war von 10:00 bis 15:00 Uhr geöffnet, wie mir das Internet verriet, und da musste es sich ja wohl zwischen den ganzen Palmen irgendwo eine versteckte Ecke finden lassen, wo ich unauffällig ins Nevernever hinüberwechseln konnte.

Mit diesem Vorsatz ging ich jetzt endgültig schlafen und bat George, mich am nächsten Tag zu treffen, sobald ich das Nimmernie betrat. Bis mir allerdings die Augen zufielen, grübelte ich über etwas nach, das Haley gesagt hatte. Was zum Geier meinte sie mit “folge den Stabreimen”? Sicher, was Stabreime waren, wusste ich; die waren fester Bestandteil des Kurses “Lyrik im Wandel der Zeiten” gewesen. Und außerdem gefiel mir bei Tolkien der Schlachtruf der Rohirrim immer besonders gut. Aber wie konnte man Reimen folgen? Doch eher den Leuten, die sie aussprächen? Oder meinte Haley damit, die Reime wären irgendwo aufgeschrieben? Naja, wenn ich dem ersten begegnete, würde ich hoffentlich merken, was sie gemeint hatte.

Ich weiß nicht mehr viel von dem, was ich träumte – vermutlich tat George sich in Vorbereitung auf eventuelle Strapazen gütlich daran. Oder ich erinnerte mich am nächsten Morgen einfach nicht, das kann ja auch mal sein. So oder so jedenfalls frühstückte ich ausgiebig, ehe ich mich auf dem Weg in den botanischen Garten machte. Ein Taxi brachte mich in einer Viertelstunde an mein Ziel, und dann stand ich im Zentrum des alterwürdigen Palmenhauses vor der ältesten Palme Schottlands. Schon 1834, als sie hierher verpflanzt wurde, war die Sabal Bermudana ausgewachsen, informierte mich eine Tafel neben dem Baum, auf der auch ein Bild aus eben jener Zeit zu sehen war. Schon beeindruckend – und irgendwie genau richtig für das, was ich vorhatte.

Ich trat also hinter die Palme, als wolle ich sie von allen Seiten bewundern, und so aus der Sicht eventueller anderer Besucher. Dann holte ich Jade aus der lederverstärkten Corduratasche, die ich vor einer Weile extra für diesen Zweck angeschafft hatte, und gürtete die Klinge um, ehe ich mich auf das besann, was Eileen am Telefon zu mir gesagt hatte. ‘Schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf.’ Na gut. Wenn ich dabei mit irgendeinem Besucher zusammenstieß, würde ich sehr albern aussehen, aber ich war sehr früh dran und außer mir kaum jemand hier. Das würde schon gehen.

Wie Eileen es mir erklärt hatte, schloss ich die Augen und rief die Magie des Sommers in mir nach oben. Als ich die ersten Schritte machte, legte ich zusätzlich noch die Hand an Jades Griff, und das Heft schien sich unter meinen Händen zu erwärmen, je weiter ich ging. Oder kam mir das nur so vor? Nein, denn die Wärme der Sommermagie breitete sich auch in mir selbst aus, verwob sich mit dem feuchtwarmen Klima des Tropenhauses — und dann wurde die Luft mit jedem Schritt weniger feucht, und dann veränderte sich mit einem Mal die Qualität des Lichts, das durch meine geschlossenen Augen drang, und auch die Geräusche wandelten sich. Und als ich die Augen wieder öffnete, war ich an einem anderen Ort.

Ich stand auf einer Sommerwiese – einer europäischen Sommerwiese, soweit ich das beurteilen konnte. Neben mir stand ein hellgraues Pferd, gesattelt, aber ohne Zügel. George natürlich, der die Umgebung aufmerksam beäugte und dann anfing, skeptisch an einem Grashalm zu knabbern.

Sehenswert war die Umgebung allemal: Die Wiese lag unter strahlend blauem Himmel auf einem Hochplateau. Einige Schritte vor mir lag die Kante einer steilen Klippe, und darunter rauschten die hohen Wellen eines graublauen Ozeans. Ich glaubte sogar, in der Ferne den grünen Hügel einer Insel zu erkennen. Zu meiner Rechten stand ein wilder Sommerwald voll knorriger Bäume mit ausladenden Ästen, darunter beerenbehangene Büsche und malerisches Moos. Oben, in den Wipfeln, bewegte sich etwas, und ab und zu meinte ich, rotpüschelige Schwänze sehen zu können. Eichhörnchen? Falls ja, mussten die relativ groß sein.
Hinter mir lag ein spektakulärer Sonnenuntergang, zu hell, um viel zu erkennen. Die Wiese schien sich noch lang zu strecken und in ein welliges Hügelland überzugehen, soweit ich das in der hitzeflirrenden Luft erkennen konnte. Ein warmer Wind wehte aus dieser Richtung, und in der Entfernung konnte ich einige Reiter in rostroten Roben sehen, die gemächlich auf die Sonne zuritten.
Auf der linken Seite schließlich lag ein kurioser Karneval: Zahlreiche Zelte zierten eine ausgedehnte Aue, abenteuerliche Artisten arbeiteten andauernd an allerlei Albernheiten, und mutige Maiden machten munteren Müßiggang.

…wie bitte? War das jetzt mein eigenes Hirn, das mich ständig mit Stabreimen stichelte? Oder gab mir die laue Luft gar gefährliche Gaukelreime… Was. Zum. Geier?

Warte. Wie hatte Haley gesagt? ‘Folge den Stabreimen’. Zu der Steilküste hin hatte ich nicht in Alliterationen gedacht, auch nicht in Richtung des Waldes – oder zumindest nur ansatzweise. Aber zu dem vielgestaltigen Varieté mit seinen protzigen Pavillons und seinen bewegtbunten Buden zogen mich die zahlreichen Zeilen mit alliterierenden Anfängen hin wie ein Seeman sein Schiff an einem soliden Seil.

Okay. Das war ein zweifelloses Zeichen, schien es mir sicher. Also machte ich mich wagemutig auf den Weg.
¡Mierda! ¡Esto tenía que parar!
Ich biss die Zähne zusammen, und mit Mühe machte ich mich – Cólera noch eins! – auf den Weg zu dem jauchzenden Jahrmarkt, Georges graue Gestalt an meiner Seite.

Schon von fern dünstete der Duft liebreizender Lammkeulen und deftiger Delikatessen. Gebratene Gänse gackerten… Moment, was? Gackerten? Doch, tatsächlich, die kopflosen Tiere über den Flammen gackerten laut und deutlich. “Labe dich, Liebling!” Huch.

Unschlüssig schritt ich über den begrasten Boden, sah eine taumelnde Tänzerin, einen jungen Jongleur, einen bierseligen Bären und einen quakenden Cowboy. Nein. Der quakte nicht, und er war auch kein Cowboy. Tatsächlich war er hauptsächlich beschwipst und beduselt, ein braungekleideter Barbar mit einem beidhändigen Beil. “O Walhalla Wanderhalla, wanderte ich wahnbefreit…”, krächzte er unmelodisch. Als er mich sah, kam er schwerfällig auf mich zugeschwankt. “Freundlicher Freund, ein fröhlicher… Freudengruß! Respektabel reist du, und spektabel, und vielleicht gar spendabel? Ein einsamer Einherjar eilt eilig ein… bei, um dich zum Gastgeber zu gießen. Zu kiesen. Zum Kastgeber… ach, was soll’s. Gibst du mir einen aus, Freund?” Er lächelte breit und atmete mir seinen alkoholgeschwängerten Atem ins Gesicht.
Weiter hinten kam eine gewappnete und gerüstete Kriegerin kraftvoll geschritten. Ihr Blick schweifte umher, und der bärtige Barbar bemühte sich um ein verstohlenes Versteck hinter mir. “Schweig, mein freundlicher, mein friedlicher Freund! Das wunderbare Weib dort zürnt zauberhaft… nee, die wilde Walküre säuert sonderbar… ich brauch ein Bier! Schnell!”

Oh. Aber ich schwieg doch schon sowieso stille, was wollte der Wicht? Ein Bier, bekanntermaßen. Na dann sollte er sein Bier bekommen. Ich winkte der Wirtin und bestellte gegorenen Gerstensaft für meinen struppigen Sozius.

“Prosit, Pontonier!” wünschte ich ihm wohlwollend – und fragte mich dann, wie bei allen grünen Geistern ich jetzt auf dieses Wort gekommen war. “Lasst es Euch laben. Und dann sagt, warum bangt Ihr vor der Blonden dort?”

“Bangt?!? Einem Oddson bangt vor keiner Blage… Plage… ach, was soll’s.. Prost!” Hastig hob er den bierigen Becher und schüttete den schäumenden Inhalt schnell in seinen Schlund. In der Zwischenzeit hatte die Blonde ihn allerdings entdeckt.
“Halfðan Oddson!”, rief sie rau. “Hier bist du nun und säufst, während in Heorot die Helden harren?” Irritiert runzelte sie die strenge Stirn. “Diese Reime sind echt reiz… ich meine, nervtötend. Weiche, Wicht der windigen Worte, von dieser… äh… biergeschwängerten Bank baldig!” Mit einem Fuss trat sie gegen ein Tischbein, und ein winziger Wichtel verzog sich zeternd. Natürlich in Stabreimen.

In dem Moment konnte ich spüren, wie ein gewaltiges Gewicht… eine unsichtbare Bürde von mir abfiel. Es fühlte sich an, als würden sich ein paar Gehirnwindungen entknoten, dann konnte ich wieder denken, ohne ständig in Alliterationen zu verfallen. Tío, war das eine Erleichterung.

“Astrid”, murrte Halfðan. “Was willst du denn schon wieder? Ich trinke hier mit meinem Freund … äh … na, mit meinem Freund Dingsda! Wir haben wichtige Männerdinge zu besprechen!”
Astrid sah uns beide skeptisch an.
“Sei gegrüßt, Dingsda”, sagte sie mit ironischem Unterton zu mir. “Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.”

Ich nickte der Kriegerin höflich zu. “Ricardo. Erster Ritter des Herzogs Pan. Aber ‘Dingsda’ tut es auch. Es freut mich, dich kennenzulernen, Astrid.” Interessiert betrachtete ich sie einen Moment lang – ob es das tatsächlich eine Walküre sein konnte? Eigentlich sah sie ganz normal aus – naja, so hochgewachsen und auf strenge Weise schön, wie sie war, konnte man das nicht wirklich als ‘normal’ bezeichnen, aber auf den ersten Blick jedenfalls nicht nichtmenschlich. Ehe ich sie zu lange anstarren konnte, wandte ich mich dann zu dem Krieger mit dem großen Durst. “Und Halfðan. Das freut mich ebenso.” Ich hob meinen eigenen Bierkrug und prostete ihm zu, nahm aber nur einen kleinen, vorsichtigen Schluck. Besser einen klaren Kopf bewahren. “Halfðan Oddson? Zufällig verwandt oder verschwägert mit Sigthor Oddson? Falls ja, hätte ich da eine Frage.”

Halfðan und Astrid wechselten einen Blick, den ich nicht recht deuten konnte. “Sigthor ist mein Bruder”, sagte der große Mann dann durch seinen Bierbart. “Ihr Vater.” Mit dem Daumen zeigte er auf die Walküre (wenn sie denn eine Walküre war), die die Augen verdrehte.
“Meiner, und der von ungefähr 300 anderen Leuten”, erklärte sie. “Sigthor lässt wenig anbrennen.”
“Noch weniger, seit Loki ihn verflucht hat, dass jeder, mit dem er schläft, ein Kind von ihm bekommt.” Halfðan lachte bei diesen Worten kräftig und spuckte etwas Bier durch die Gegend. Astrid schnaubte genervt.
“Mein Vater ist ziemlich speziell”, erklärte sie. “Und egal, wie viele Riesen ich erlege, wie viele Zwergenschätze ich erbeute und wie viele Maiden ich flachlege – das ist immer die allererste Geschichte, die jeder über mich erfährt.”
“Er hätte Loki die Sonnenhaare nicht abnehmen sollen”, sagte Halfðan mit einem Kopfschütteln.
“Hätte er nicht, nein”, stimmte Astrid zu. “Und dann diese Geschichte mit dem Kartenspiel… als wäre Papa in der Lage, irgendwen im Kartenspiel zu besiegen.”
“Ich hab immer gegen ihn verloren”, protestierte Halfðan empört.
“Du hast auch Bier im Gehirn.” Astrid drehte sich zu mir um. “Nun, Sir Dingsda… Ricardo, meinst du, du kannst meinen Onkel dazu überreden, mit mir nach Heorot zu reisen und seine Aufgabe zu erfüllen?”
“Meine Aufgabe?”, knurrte Halfðan. “Ich muss das Feuer hüten… das ist so langweilig, es ist ein magisches Feuer, es kann nicht ausgehen. Was soll ich denn da hüten?”
“Es ist auch nicht ausgegangen”, erwiderte Astrid spitz. “Im Gegenteil: Es ist gewachsen, kokelt alles an und wenn man ihm etwas sagt, gibt es Widerworte. Die anderen Einherjar finden, es ist deine Sache, es zu erziehen.”
“Ich… äh… also, Astrid, weißt du, ich würde ja gern, aber ich habe Sir Dings… Rikado versprochen, ihm bei seiner Queste zu helfen.” Verstohlen blinzelte Halfðan mir zu.
Astrid verschränkte die Arme und sah uns genervt an.
“Und hat das etwas mit Bier zu tun, Sir Ricardo?”

“Es hat nichts mit Bier zu tun, werte Astrid”, versicherte ich ihr. “Zumindest nicht, soweit es mich betrifft. Es hat allerdings zu tun mit diesen drei Haaren, die du erwähnt hast.”
Vielleicht war es unvernünftig, gleich so mit der Tür ins Haus zu fallen, aber wenn Hawkins List und Tücke gewollt hätte, hätte er einen White Court schicken sollen. Außerdem, wer sagte denn, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde?
Ich sah die beiden Nordländer fragend an. “Habe ich das jetzt richtig verstanden? Sigthor wurde verflucht, weil er die Sonnenhaare an sich gebracht hat? Und seit diese Sonnenhaare in Heorot sind, lässt sich das magische Feuer nicht mehr kontrollieren? Irre ich mich, oder klingt das nach einem Zusammenhang?” Astrid nickte mir ernsthaft zu. “Und genau deswegen brauchen wir Halfðan. Es ist seine angestammte und hochheilige Aufgabe, sich um das Feuer zu kümmern.”
Das magische Feuer. So langsam wunderte es mich nicht mehr, dass Hawkins einen Vertreter des Sommers geschickt hatte. “Was machen diese Haare eigentlich genau?” entgegnete ich. “Sonnenlicht?”
Die blonde Kriegerin nickte wieder. “Unter anderem. Und die Wärme dazu. Das kann ganz praktisch sein für kühle Sommernächte. Oder gegen die Eisriesen.”

Oh. Oho. Cólera. Ja klar. Wäre ja auch zu einfach, wenn sie keinerlei Motivation hätten, die Dinger hier zu behalten.
“Ich will gar nicht lange drum herum reden. Ich bin wegen dieser Haare hier. So wie ich das sehe, könnten wir alle was davon haben, wenn ich die an mich nehme. Das Feuer käme wieder unter Kontrolle, und vielleicht würde Sigthor sogar seinen Fluch los?” Ich zögerte, als mir ein sehr hässlicher Gedanke kam. “Wie funktioniert dieser Fluch eigentlich genau? Ich hätte herzlich wenig Lust, mir selbst einen einzufangen, sobald ich diese Haare an mich nähme.”

Astrid lachte auf. “Nee, den Fluch wird Sigthor nicht los – das hat was damit zu tun, wie er an die Haare gekommen ist. Ich weiß nicht, wie dein Verhätlnis zu Loki ist, aber dafür, dass er Leute so gern übers Ohr hat, hat er bemerkenswert wenig Sinn für Humor, wenn ihm selbst das passiert.”
Halfðan kicherte mit. “Hab doch schon gesagt, was der Fluch ist – jeder, der mit Sigthor schläft, kriegt ein Kind von ihm. War unglaublich lustig, als er mit Knud… Au!” Empört hielt sich Halfdan den Fuss, auf den ihm Astrid gerade getreten war.
“Wofür brauchst du die denn?”, fragt die blonde Frau hastig. “Ich weiß nicht, ob das Feuer wegen den Haaren ausser Kontrolle ist oder weil dieser Blödbommel da” – sie deutet auf Halfðan – “seine Pflichten vernachlässigt. Aber wäre vielleicht gut, wenn die weg wären. Wenn das Feuer sich wieder benimmt, hätten wir ja alle Wärme, die wir brauchen.”
“Pfff”, macht Halfdan. “Das Feuer geht mir auf die Nerven. ‘Mir ist langweilig’ hier, ‘Ich hab Hunger’ da, ‘Meine Asche muss raus’, ‘Kann ich auch mal andere Feuer treffen’ und so weiter.” Er zieht die Nase hoch. “Früher war das einfacher.”
“Jaja”, sagte Astrid und verdrehte die Augen. “Was hältest du davon, Sir Ricardo: Du kommst mit uns nach Heorot, hilfst deinem netten Freund da mit dem Feuer und dann reden wir über die Haare? Sie sehen ja schon recht hübsch aus da in der Halle…”

Ich nickte der Kriegerin zu. “So ungefähr habe ich mir das gedacht, ja. Wenn ich irgendwas tun kann, um mit dem Feuer zu helfen, tue ich das gerne.”
Astrid lächelte. “Schön. Dann komm mal mit.” Sie warf ihrem Onkel einen strengen Blick zu. “Und du auch, Halfðan Oddson. Denk nicht mal daran, hierzubleiben, während wir gen Heorot ziehen.”
Der Einherjar warf seiner Nichte einen missmutigen Blick zu, trank aber sein Bier in einem letzten langen, geräuschvollen Zug aus und erhob sich dann von seiner Bank. Ich stand ebenfalls auf und winkte George, der zu mir getrottet kam, als wir aufbrachen.

Unser Weg führte uns an dem Jahrmarkt vorbei weiter weg von den Klippen, tiefer ins Land hinein, bis schließlich in einiger Entfernung eine Struktur auftauchte, ein langgezogenes Wikingergebäude mit einem Dach wie ein Drachenboot. Heorot, die Sommerhalle.
Je näher wir kamen, desto langsamer wurde Halfðan. “Komm schon”, versuchte ich ihn aufzumuntern. “Das Feuer bekommen wir schon irgendwie gebändigt.”
Halfðan brummelte etwas herum, aber er folgte Astrid und mir in die große Halle.

Von außen mochte die Halle aussehen wie ein Wikingerlanghaus, aber innen hatte sie mehr Ähnlichkeit mit einem britischen Gentleman’s Club: Ein breiter Eingangsbereich, wo ein großer Haufen Waffen säuberlich in Regalen geordnet war, dann führten ein paar Treppenstufe nach unten in einen großen Saal. Im Raum verteilt standen kleine Sitzgruppen, mehrere Ständer mit Magazinen und Dutzende von Bücherregalen. Etliche Leute saßen auf gemütlichen Sesseln oder eleganten Bistrostühlen, spielten Schach oder Kartenspiele, diskutierten über alles mögliche und aßen Flammkuchen. Auf den Tischen stand Bier, aber nicht in großen Krügen, sondern in künstlerisch geformten Flaschen mit merkwürdigen Etiketten.

Es war warm in Heorot. Sehr warm. Die Anwesenden trugen größtenteils dünne Bademäntel, manche auch Boxershorts oder überhaupt nichts. Das war nicht immer allzu schön anzusehen – ein Großteil der Leute war männlich, nicht allzu jung und behaart wie ein Yeti. Die wenigen Frauen unter ihnen schienen sich an dem Anblick aber nicht zu stören. Einen Bikini trug trotzdem nur eine, der Rest hatte etwas mehr an.

Schuld an der Hitze war das große, wild lodernde Feuer in dem weiten Kamin. Ein paar… was waren das für Wesen? Zwerge? Gnome? “Hauselfen”, schoß es mir durch den Kopf. Dem Harry-Potter-Thema hatte ich ja schon in Edinburgh nicht entgehen können, nur waren diese Wesen hier besser gekleidet als Ms. Rowlings Hauselfen. Sie huschten durch den Raum, füllten hier ein paar Getränke auf, brachten da ein paar Pastetchen, räumten Bücher zurück in die Regale… und schleppten gerade einen halben Baumstamm, der viel zu schwer für sie war, zum Kamin.
Selbst über das Murmeln der Einherjar hinweg konnte ich die Stimme des Feuers hören: “Kssss… issst dassss etwa Eichenholz? Dasss isssst gar nicht heisssss… ich wollte doch Buche! Buche!” Ein paar missmutige Flammen schlugen nach den … Hauselfen, und die kleinen Wesen sprangen hektisch beiseite. Den Baumstamm ließen sie fallen und huschten davon.

“Holder Halfðan, willkommen zurück in Heorot”, sagte eine leise Stimme. Neben der Gruppe stand ein …wasauchimmer… Hauself mit einem geschwungenen Schnurrbart, hinter dem das alte, faltige Gesicht fast verschwand. Aus irgendeinem Grund schien er einen britischen Akzent zu haben, wie ein Butler aus einem Upper-Class-Krimi. Einer von denen, wo der Detektiv es unglaublich schwer hat, weil er reich ist und gut aussieht und das Gefühl hat, die Leute würden ihn allein darauf reduzieren. Dieser Butler-Elf hier trug sogar eine Art Anzug, und er hatte definitiv Schuhe und Socken an. Und irgendwie schaffte er es, Halfðan gleichzeitig respektvoll und missbilligend anzusehen.
Der Einherjar hatte ihn gar nicht bemerkt und zuckte bei seinen Worten zusammen.
“Hallo, Ranulf”, sagte er lahm und lächelte unsicher. “Bringst du mir bitte mal ein Bier?”
“Gewiss, holder Halfðan”, erwiderte Ranulf mit einer leichten Verbeugung. “Das wird Euch nach der Erfüllung Eurer Pflichten gewiss munden.”
Dann wandte er sich von dem stämmigen blonden Krieger ab, begrüßte Astrid mit einem aufrichtigen Lächeln und verneigte sich schließlich vor mir. “Seid gegrüßt, Fremdling. Ein Ritter des Sommers, wie ich sehe? Darf ich euch etwas abnehmen? Etwas bringen?”
Es war ja nett gemeint, aber ich lehnte dankend ab. Erstens hatte ich gerade andere Dinge im Kopf, und zweitens war das hier immer noch das Nevernever. Was mich daran erinnerte, dass ich Eileen bei Gelegenheit mal fragen muss, wie das mit Essen und Trinken hier ganz grundsätzlich läuft.

Aber erstmal das Wichtigste. Das Feuer. Es wurde ziemlich schnell deutlich, dass das es nicht nur eine Persönlichkeit besaß, sondern die Persönlichkeit eines ziemlich verzogenen Teenagers. Es konnte Halfðan sichtlich nicht ausstehen, und Astrid noch viel weniger.
Den grünhäutigen Orc – Moment. Was? Orc? Tatsächlich. Der sah aus wie der sprichwörtliche Fantasy-Orc. Eindeutig mehr Arcanos oder World of Warcraft als die Herr der Ringe-Filme – der beim Kamin saß, schien dessen flackernder Insasse hingegen tatsächlich zu mögen. Und mich erstaunlicherweise auch, denn mich blaffte es nicht an, sondern mit mir redete es ganz friedlich.

Dabei kam heraus, dass das Feuer tatsächlich ein Bewusstsein hatte und nicht einfach nur magisch animiert war. Auf mich wirkte es wie ein Kind, oder vielleicht besser wie ein Teenager; wie ein ziemlich verzogener Teenager dazu. Den blonden Krieger redete es mit „Onkel“ an und sprach von Astrid als seiner „Schwester“, was mich erst stutzen ließ und dann fieberhaft nachdenken. Wenn Sigthor Oddson jemanden geschwängert hatte – denn jeder, mit dem Sigthor Oddson schlief, wurde ja immerhin schwanger, wie ich gelernt hatte – wer zum Nether war dann die Mutter? Ich hatte da einen ganz, ganz, ganz schrecklichen Verdacht. Was, wenn es Lady Fire wäre? Oh, santísima madre.
Andererseits, das Feuer schien ja ganz nett. Wer weiß, vielleicht wäre das ein allererster Schritt zu einer möglichen Aussöhnung?

Jedenfalls stellte sich sehr schnell heraus, dass es weder in Heorot bleiben, noch die Einherjar es weiter dort sehen wollten. Astrid sprach den Gedanken aus, der mir flüchtig durch den Kopf gegangen war, den ich aber nicht zuende zu denken gewagt hatte: ob ich das Feuer vielleicht mitnehmen könne in meine eigene Welt.
Unser zickiger Halbwüchsiger war gleich – nein, ich sage jetzt nicht ‘Feuer und Flamme’, das wäre zu billig – ziemlich begeistert von der Idee. Hauptsache hier wegkommen, meinte es, und auch die diversen Umstehenden waren durchaus ebenfalls dieser Meinung.
Na gut, sagte ich, aber nicht in meine eigene Welt. Ein lebendes Feuer in mein Apartment zu holen, kam so überhaupt nicht in Frage. Nicht mit Jandra, die seit ihrem Erlebnis mit Lady Fire ohnehin auf Feuer fixiert ist, die ständig von ihrer besten Freundin Monica besucht wird, welche wiederum ganz am Anfang ihrer Magierausbildung steht – Spezialisierung Feuer, wohlgemerkt – und bei all dem Papier in der Wohnung? Lasst mich nachdenken… Ähm, nein.
Aber in Pans Palast ginge es vielleicht. Da ist dieser riesige Kamin in Pans Großer Halle, der ohnehin nie benutzt wird und wo sich ein Bewohner vielleicht ganz wohl fühlen würde.
Dieser Alternativvorschlag war für das Feuer auch in Ordnung – egal was, nur weg hier, nehme ich an. Lustigerweise wollten die anderen sich ebenfalls alle anschließen: Den Fantasy-Orc (der übrigens selbst nicht wusste, wie er hierher gekommen war, und der keinen anderen Namen kannte als Orc Nummer Vier) wollte das Feuer ja schon ganz gern dabeihaben, aber auf Halfðan und Astrid hätte es gerne verzichten können, wie es uns lautstark wissen ließ. Da war aber nichts zu machen, die beiden wollten auch mit, und wer war ich, um sie daran zu hindern? Außerdem konnte keiner der drei vermutlich ewig in Pans Palast bleiben, oder überhaupt wollen. Der Orc fragte mich schon, ob es dort viel zu kämpfen gebe. Naja, zwei Gelegenheiten zum Kämpfen im Jahr konnte ich ihm immerhin versprechen (wobei die Kämpfe zur Winter- und Sommersonnenwende bei uns ja meist auch nicht so blutig daher kommen, wie ein kriegerischer Orc das vermutlich gerne hätte), aber ich zweifelte doch immer noch ziemlich daran, dass unsere Begleiter es sonderlich lange in Pans Hofstaat aushalten würden.

Ehe wir gingen, erinnerte ich Astrid aber noch an ihr Versprechen mit den drei Sonnenhaaren. Die Kriegerin wollte sich erst etwas zieren, aber das Feuer loswerden wollte sie dann doch lieber, und den Einherjaren in der Halle war es auch lieber, die Haare und ihre wärmende Wirkung zu verlieren, als das Feuer behalten zu müssen, also bekam ich sie am Ende dann doch.
Eines meiner Bücher durfte ich dann zu dem Zweck sogar auch noch signieren. Wobei ich die Haare vermutlich auch ohne Autogramm bekommen hätte, aber der Einherjar, der es sich im warmen Licht der Haare in einem Lehnsessel gemütlich gemacht hatte, las lustigerweise gerade Cuban Ghosts, und die Tatsache, dass dessen Autor die Haare haben wollte und ihm eine ausführliche Widmung ins Buch schrieb, war der Sache sicherlich nicht ganz abträglich.

George, noch immer in Pferdegestalt, hatte die ganze Zeit über geduldig draußen vor der Halle gewartet. Jetzt bat ich ihn, uns zurück in Pans Reich zu bringen, und schwang mich in den Sattel. Warum, weiß ich gar nicht so genau; vielleicht, weil ich dachte, so könnte George uns den Weg leichter zeigen. Oder warum auch immer. Vielleicht wollte ich auch einfach nur eine vornehme Gestalt abgeben, so hoch zu Ross.

Jahaaa. Y una leche. Kaum saß ich im Sattel, galoppierte George los, und das war es dann mit meiner vornehmen Gestalt hoch zu Ross. Ich zog einige Male am Zügel, wollte meinem kleinen Wyldfae-Freund aber auch nicht zu fies im Maul herumzerren, ganz abgesehen davon, dass ich alle Mühe hatte, mich oben zu halten. Ich rief George zu, er solle anhalten, aber der dachte gar nicht daran, und sehr schnell waren die anderen hinter uns verschwunden. Und zwar nicht einfach nur hinter uns, weil George so schnell galoppierte. Sondern die Landschaft veränderte sich rapide, und dann waren wir schon wieder an einem ganz anderen Ort. Und ich fiel unsanft zu Boden, weil da nämlich plötzlich kein Pferd mehr unter mir war. Überhaupt kein George, egal in welcher Gestalt. Ich war wieder in meiner eigenen Welt.

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Ricardos Tagebuch: White Night 6

Na das lief doch ganz gut. Aber genau für sowas gibt es ja neutralen Boden. Sancía und Richard waren beide fürchterlich nervös und froh über die Anwesenheit einiger Unparteiischer, sprich uns. Sancía merkte nicht mal, dass es bei der Begrüßung beinahe zu Handgreiflichkeiten zwischen Roberto und einem der Red Courts gekommen wäre, so angespannt war sie. Roberto und der Anführer des Schlägertrupps, Pablo, lächelten einander nämlich an, worauf ein weiterer Vampir Roberto finster anstarrte. Dann schenkte unser Kumpel diesem Red Court ein besonders freundliches Lächeln, woraufhin dieser zischte und beinahe auf Roberto losgegangen wäre, wenn Pablo ihn nicht festgehalten hätte. Und mir ging prompt wieder dieser fiese Schauer durch Mark und Bein, nicht um einen Deut abgeschwächt. Irgendwas stimmt da ganz und gar nicht.
Aber wie gesagt: Sancía bekam von all dem gar nichts mit vor lauter Nervosität, und auch Totilas war zur Salzsäule erstarrt, sobald seine Mutter den Buchladen betreten hatte.

Es wurde ein steifes, sehr formelles Gespräch. Richard hätte es fast geschafft, dass seine Frau die Beherrschung verlor, weil er anfing, ihr zu erklären, was sie in Sachen Ritual alles nicht tun dürfe, aber Totilas stellte gerade noch rechtzeitig eine Frage, die Richard aus seinem Redefluss riss.
Es kristallisierte sich dann heraus, dass dieses eine Treffen nicht reichen würde, dass es irgendwann ein weiteres geben muss. Am besten wieder hier im Buchladen, immerhin ist der neutraler Boden. Kontaktieren kann Sancía Richard über uns, wenn nötig, und wir sie über Orféa Baez. Ach nein, besser über Pablo. War ja klar. Der redete übrigens gerade mit Oliver. Daraus, wie der Vampir immer mal zu uns rüber sah und vermeintlich unauffällig deutete, war klar ersichtlich, dass es um uns ging. Na super.

Jedenfalls ging sie dann, nachdem sie uns noch grummelnd zugestanden hatte, den Dauerbefehl gegen Richard erst einmal auszusetzen. Beim Gehen warfen sie und ihr Mann sich einen tiefen Blick zu, der von all den Komplikationen zwischen ihnen sprach.
„Gut, dass es hier keine unsichtbaren Geigenspieler gibt“, murmelte Edward, was ihm einen bösen Blick von Richard einbrachte. „Das wäre jetzt so ein Moment gewesen.“ Diesmal kam der strafende Blick von Roberto. „Edward!“ „Was denn?“

Das Sancía-Problem ist also mal für’s Erste soweit gelöst, jedenfalls bis Richard etwas Konkretes vorweisen kann und es an das eigentliche Ritual geht. Vorausgesetzt, Ms. Canché hält sich an den Deal, versteht sich.

Ahalphu ist eine offene Baustelle – aber da konnten wir gerade noch nichts machen, oder besser, eine andere Baustelle schien uns drängender. Da stand nämlich ja immer noch die Frage im Raum, wer Geralds Nachfolge antreten solle. Marshall oder Totilas, eine andere Möglichkeit sahen wir nicht.
Totilas schaute zweifelnd drein. Er wisse nicht, ob er die Kompetenzen habe, den White Court einer Stadt zu führen, und Marshall müsste man auf den Zahn fühlen. Aber wie ich Marshall einschätzte, bleibe der ohnehin lieber der Ratgeber im Hintergrund, gab ich noch zu bedenken. Und Totilas würde ja nicht alleine dastehen, machten wir unserem Freund Mut.

Ideal wäre es, wenn wir Anabel Raith noch irgendwas anhängen könnten, damit sie die Stadt verlässt und Totilas sich nicht länger mit ihr herumschlagen muss. Nur wie, ist die Frage.
Okay… Was will Anabel Raith? Vor allem will sie unter der Fuchtel ihres Vaters weg, und hier in Miami sieht sie eine Chance dazu. Nur hilft uns dieses Wissen dabei, ihr etwas anzuhängen?
Gäbe es in den Panama Papers, mit denen Marshall sich gerade beschäftigt, vielleicht einen Hebel?
Ähm, nein. Da war sehr schnell klar, dass wir mit einem Hebel aus den Panama Papers nicht Anabel Raith, sondern dem Weißen König höchstselbst ans Bein pinkeln würden, und das wollte keiner von uns.

Totilas hatte dann die Idee, Miami für Anabel zu verderben, es ihr zu verleiden und unschmackhaft zu machen. Aber auch hier wieder die Frage: Wie? Denn Miami ist nun mal eine attraktive Stadt, da wird das mit dem Verleiden gar nicht so leicht. Ihr vielleicht die ganzen Probleme zeigen, die wir hier haben?, schlug Alex vor, aber die Idee gefiel Totilas gar nicht. Damit würden wir ihr Schwachstellen aufzeigen, an denen sie ansetzen könnte, und damit hatte unser White Court-Kumpel natürlich nicht unrecht. Ganz abgesehen davon, dass Totilas sich dazu erstmal bei Anabel einschmeicheln müsste, um überhaupt in der Lage zu sein, ihr Dinge zu erzählen.

Edward überlegte, ob es einen Grund gebe, Anabel zu verhaften, aber dummerweise fiel weder ihm noch uns so richtig einer ein. Das mit den Drogen an der Feier war ja nur im Scherz gesagt, haha.

Wir könnten Spencer Declan gegen sie aufbringen, warf Roberto in den Raum, und das war eine Idee, die bei uns allen Anklang fand. Auch und vor allem bei Richard, der meinte, Declan wolle ohnehin keinen anderen White Court, der hier in der Stadt das Sagen habe, denn Gerald kenne seine Geheimnisse, aber mit Gerald habe Declan seit der White Night damals einen Deal. Sie lassen einander in Frieden, und die weißen Vampire verraten dem Magierrat nicht, wie diplomatisch ihr hiesiger Warden mit dem Red Court umgeht.

Totilas überlegte, dass er zu Declan gehen könne und bei dem auf gut Wetter machen, andeuten, dass er an Geralds Stuhl säge, aber nicht vorhabe, es sich mit dem Ratsmagier zu verscherzen. Das wäre doch schon mal ein Ansatz.
Aber, hmmm… vielleicht hätte Gerald selbst ja noch eine Idee, wie man Anabel anschwärzen oder Declan gegen Anabel aufbringen könnte?

Also statteten wir Gerald einen Besuch ab. Richard ging nicht mit, der wollte nach Haley sehen bzw. sich um Cleo kümmern gehen. Als wir in Raith Manor ankamen, empörte dessen Herr sich am Telefon gerade künstlich, aber höchst überzeugend, über den Aufschub, den er Mashall Raith wegen des Duells gewähren müsse. Sobald er aufgelegt hatte, führte er uns in ein Privatzimmer, wo wir ungestört reden konnten.
„Ihr wollt also Anabel an den Karren fahren.“

Edward wurde von Gerald erst einmal aus dem Zimmer komplimentiert, eine rauchen gehen – Edward raucht gar nicht, aber trotzdem, eine rauchen gehen – oder sich die Beine vertreten oder so. Was Gerald zu erzählen hatte, war nämlich nicht für seine Polizistenohren bestimmt. Okay, ich hätte das jetzt auch nicht so dringend hören müssen – ja, ja, ja, ich weiß. Naiv, Alcazár. Es ist ja nun nicht so, als ob ich nicht gewusst hätte, dass Miamis Vampire in Drogen unterwegs sind – aber ich bin wenigstens nicht dazu verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen. Denn Gerald erzählte uns, was es mit diesem Deal zwischen ihm selbst und Orféa Baez auf sich hat, der schon mal erwähnt wurde. Das war nichts weiter als ein Tausch, eigentlich, aber ein für beide Seiten profitabler.
Das Geschäft mit dem Ecstasy für die Touristen hatte Raith im Zuge dieses Deals jedenfalls an den Red Court abgegeben, während die Drogen in der Pornobranche an den White Court gingen.
Gerald habe gewusst, dass der White King kommen bzw. jemanden schicken würde, sagte er, und dann habe er in der Lage sein wollen, etwas vorzuweisen, das dem Weißen Hof einen Vorteil brächte. Was das genau für ein Vorteil sei, darauf ging er nicht näher ein.

Ob und inwieweit das Wissen um dieses Geschäft uns jetzt dabei hilft, Anabel Miami zu verleiden oder nicht, bin ich mir noch nicht ganz sicher. Aber es ist vielleicht schon mal gut, es zu haben. Als Edward aber dann wieder im Raum war, wandten wir uns weiteren Möglichkeiten zu, die junge Dame aus der Stadt zu ekeln.
Unsere Idee, Spencer Declan auf sie anzusetzen, fand der ältere Raith gar nicht übel. Der Warden sollte vielleicht von Geralds designiertem Nachfolger, sprich Totilas, erfahren, dass Anabel in dieser Stadt eine ganz schlechte Idee wäre.

Totilas’ Großvater wusste außerdem, dass Anabel mit Cicerón Linares gesprochen hat. Ohooo. Und die Erwähnung von Linares brachte mich auf einen Gedanken. Dass es interessant wäre zu wissen, ob Anabel am Coral Castle mit Camerone gesprochen hat, nämlich.
Unwahrscheinlich, befand Gerald, oder wenn, dann vermutlich nicht sonderlich erfolgreich. Camerones Ziel im Leben wie im Geistertum sei es, ihm selbst das Leben schwer zu machen, aber für Totilas habe sie schon immer eine kleine Schwäche gehabt. Den würde sie vermutlich sogar gegen Anabel unterstützen, wenn er sie darum bäte, Geister schicken, um Anabel Steine in den Weg zu legen und dergleichen.
Ob es wirklich so schlau ist, bzw. wieviel es schaden kann, wenn Totilas sich bei seiner Urgroßmutter wirklich auf diese Weise in Schuld bringt, das ließen wir mal dahingestellt.

Wann sollte es eigentlich bekannt werden, dass es im White Court von Miami einen Führungswechsel gegeben hat, überlegten wir dann. Spätestens, wenn das Duell nicht stattfindet, weil Gerald verschwunden ist, passiert das ganz von selbst. Wobei das Duell vielleicht doch stattfindet, weil die Champions ja erscheinen werden und ihre Kämpfe auch in Abwesenheit des Hauptbeteiligten austragen können. Aber vielleicht können wir Cherie ja auch davon überzeugen, eben nicht anwesend zu sein. Das darf dann aber nur ganz kurz vorher passieren, sonst stellt die noch eine Dummheit an. Wie Anabel erschießen zu wollen, zum Beispiel.

Ich weiß gar nicht mehr, wie es genau kam, aber plötzlich waren wir beim Herrn der Ringe. Ich glaube, wir hatten es gerade nochmal von Spencer Declan und dem White Council, und mit einem Mal fing Gerald an, laut darüber nachzugrübeln, ob der Weiße Rat im Herrn der Ringe oder der Magierrat in Edinburgh zuerst da gewesen sei. Ach was, korrigierte er sich sofort, den Rat der Magier gebe es ja schon seit Jahrhunderten. Aber vielleicht hatte J.R.R. Tolkien Verbindungen zu einem Ratsmagier, warf ich ein, und kam auf diese Weise an die Inspiration für den Namen?

Vom Weißen Rat und Tolkien landeten wir bei Gandalf, der erst der Graue war, ehe er zum Weißen wurde. Ob White Court-Virgins dann erst als „grau“ zählen, ehe sie zu echten White Courts werden? Hey, warte, ging es von da aus weiter. Dann wäre ja unser Versuch, Gerald wieder zum Menschen zu machen, eine Art ‘Operation Gandalf’? Nein, das passte nicht so recht. Gandalf wurde ja erst zum Weißen. Lieber ‘Operation Saruman’. Der wurde vom Weißen zum Nichts.

Okay, dann wäre die Sache mit Anabel vielleicht ‘Operation Gollum’?, schlug Totilas vor. Dem (zumindest innen) hässlichen Gegenspieler etwas abjagen/verweigern, das dieser haben möchte? Und Ahalphu zurück nach Xibalba zu schicken, könnte man ‘Operation Valinor’ nennen, fiel uns ziemlich schnell ein. Ein nicht-menschliches Wesen nachhause bringen und so. Nur was wäre dann die Aktion mit dem Ritual für Sancía? ‘Operation Kankra’, warf Totilas in den Raum, aber da war ich nicht so überzeugt von. Klar, man könnte sagen, Sancía hat ihre Finger im Red Court wie ein Spinne im Netz, aber… hmmm. Nein. Nicht so richtig.

Gerald hörte sich unser Gefrotzel eine Weile mit zunehmender Belustigung an, bis er schließlich in gespielter Verzweiflung den Kopf schüttelte. „Ihr seid so schlimme Nerds!“
Hey, ich bin Schriftsteller! Ich schreibe Fantasy-Romane! Was erwartet er? Ganz abgesehen davon, dass Gerald selbst lustig – und durchaus sachbewandert – mitmischte, so ist es ja nun nicht.
Das Nerd-Spielchen setzten wir dann noch ein bisschen fort, indem wir über Ringe der Macht philosophierten, bis Gerald genug davon hatte, seufzte und mit Anabel reden ging.

Während wir auf Gerald warteten, stellten wir auch fest, dass Roberto den Herrn der Ringe noch gar nicht kennt. Edward grinste und meinte, er hätte nie gedacht, dass er das mal sagen würde, aber vielleicht sollten wir Roberto zum Geburtstag das Buch schenken? Hmmm, brummelte Roberto, dann doch lieber eine lange Filmnacht. Aber erst, wenn unsere derzeitigen akuten Baustellen einigermaßen geklärt sind. Alles klar, kann er haben – Totilas’ Bildungslücke in Sachen Star Wars haben wir ja auch gestopft!

Im Zusammenhang mit unseren diversen Baustellen brachte unser White Court-Kumpel dann noch eine andere Idee ins Spiel. Wir wollen doch im Red Court von Miami in nächster Zeit grundlegend etwas verändern – wäre das vielleicht ein Argument, um Anabel die Stadt zu verleiden? Hmmm. Mal ein ganz anderer Gedanke, aber keiner, mit dem wir anderen uns so recht anfreunden konnten, aus mehreren Gründen. Erstens: Das ist ein sehr langfristiger Plan; Richard wird bestimmt nicht morgen oder auch nächste Woche mit seinen Forschungen erfolgreich sein. Zweitens: Der Plan ist streng geheim. Wenn bekannt würde, dass man aus Vampiren einfach so ihre Dämonen herausholen – oder es zumindest versuchen – kann, dann könnte das Konsequenzen haben, die wir jetzt so noch gar nicht in ihrer vollen Tragweite absehen können. Machtkämpfe, die darüber ausgetragen werden, dass man dem Gegner gewaltsam den Dämon entfernt… aber, nein, das ginge schonmal nicht, denn den Dämonen herausholen kann man ja anscheinend nur, wenn das Versuchsobjekt auch willig mitmacht. Aber trotzdem. Das ist garantiert nichts, von dem ich wollte, dass Anabel Raith – und somit auch der Weiße König – es erfährt. Und der Weiße König würde das mit ziemlicher Sicherheit als Gefährdung ansehen und Schritte unternehmen. Ähm… nein.

Irgendwann kam Gerald wieder, erstaunlich guter Laune und ein Grinsen unterdrückend. “Sie hatte genug von mir”, erzählte er amüsiert, ehe sich sein Grinsen doch Bahn brach. “Sie wird keinerlei Ahnung haben, was ihr von ihr wollt – und das wird sie wahnsinnig machen!”

Mehr konnten wir dann erstmal nicht tun, also trennten wir uns; es war ja auch schon ziemlich spät. Totilas kontaktierte noch Declans Telefondienst, dass er gerne mit ihm sprechen wolle. Wir haben keine Ahnung, wie lange der Warden brauchen wird, um sich zurückzumelden, also haben wir beschlossen, morgen erst einmal Operation Valinor anzugehen. Für mich ist es jetzt auch langsam Zeit ins Bett zu gehen, es war ja doch ein langer Tag.


Ha! Hahaa! Wir wollen dafür sorgen, dass Sancía ihre Seele wiederbekommt – ist doch klar, wie die Sache heißen muss. Operation Théoden, ganz eindeutig!
So, jetzt aber. Gute Nacht!


07. November

Römer und Patrioten, ich berichte voller Stolz: Operation Valinor ist geglückt!

Als wir uns heute vormittag trafen, gingen wir ernsthaft das Problem an, was wir mit Ahalphu denn nun genau tun sollten, welcher Sport ihn wohl dazu verleiten würde, nach Hause zurückzukehren. Alex schlug vor, eine mechanische Rennbahn zu bauen. Mechanisch deswegen, weil es in Xibalba ja keinerlei Technik gibt, sogar Dampftechnologie sollte schon zu modern sein. Aber Kettcars zum Beispiel werden ja nur von Muskelkraft angetrieben, und die zu besorgen, sollte kein Problem sein.

Irgendwer (Roberto?) hatte noch den Gedanken, ob man Ahalphu vielleicht diverse Kartenspiele beibringen sollte, aber der Gedanke an Skelette mit Karten in den Knochenhänden ließ uns von dieser Idee dann doch Abstand nehmen. Also Kettcar-Rennbahn, alles klar.

Ich stiftete ein bisschen Kapital, Alex ließ seine Kontakte spielen, und so dauerte es gar nicht lange, bis wir einen überaus ansehnlichen Haufen an Rennbahnmaterial zusammen hatten. Fehlten nur noch die Ritualzutaten, um Ahalphu auch zu uns zu rufen. Die waren ziemlich ekelhaft, wenn ich das mal so sagen darf, immerhin reden wir hier von einem Seuchendämon.
Irgendwelche garstigen Bilder, die ich mir gar nicht genau anschauen wollte, von rotten.com. Das Geräusch eines Otto-Motors. Verdorbenes Hundefutter für das Schmecken und medizinische Abfälle zum Riechen – und ja, beides ist so widerlich, wie es klingt. Roberto brachte noch etwas esoterisches Räucherwerk für die Seeele und die kleine Statue eines Maya-Dämons zum Berühren, und ein alter Maya-Text war für den Geist.

Mit all diesen Sachen fuhren wir hinaus zu der Grotte, die Haley entdeckt hatte. Sie war auch schon dort, zusammen mit Eleggua. Der sah gerade sehr jung und vital aus und erklärte, sie würden eigentlich bestimmt auch zu zweit mit so einem Eiterdämon fertig, aber besser, sie müssten es nicht. Nein, setzte Haley noch hinzu, das wäre nicht so gut. Denn lauter Totengötter, die sich da prügelten, das täte der Landschaft sicherlich nicht so gut.

Ääääähm. Das war dann wieder mal so ein Moment, wo dem imaginären Comic-Cardo die Kinnlade runtergeklappt wäre. Also eigentlich hätte ich es mir ja denken können. Dass Haley kein normaler Mensch ist, war mir ja klar. Aber ich hatte eben so in Richtung Emissary gedacht, so wie Alex etwa, nur halt… ich weiß nicht. Übernatürlicher. Aber irgendwie machte es da jetzt erst ‘klick’. Haley, Hel, natürlich! Totengötter. Seufz.

Es war also besser, dass wir auch da waren, um mit Ahalphu fertig zu werden. Aber erst einmal mussten wir ihn überhaupt herbekommen.
Das Ritual war gar nicht so leicht. Beinahe wäre es Edward entglitten, hatte ich den Eindruck, aber mit Robertos Unterstützung bekam er es dann doch unter Kontrolle.
Irgendwann erschien der Eiterdämon, aber er ließ sich Zeit, damit es bloß nicht so aussähe, als springe er sofort, wenn man nach ihm pfeife, schaute vermutlich erst sein Autorennen zuende oder so. Sonderlich begeistert war er nicht, dass wir ihn gerufen hatten, aber doch einigermaßen höflich. Was wir denn von ihm wollten?

Alex erklärte ihm unsere Idee von den Rennen mit den mechanischen Kettcars. Ach nein, befand der alte Maya, das sei ja langweilig, wenn alles nur an den Kämpfern selbst hinge und die gar keine Hilfsmittel zur Verfügung hätten! Aber gerade das mache es doch gerade so spannend, erwiderte Alex: Es komme eben ganz allein auf die Wettkämpfer an, auf deren Muskelkraft und deren Ausdauer und deren Durchhaltewillen! Und Hilfsmittel hätten sie ja in den Tretautos, nur eben keine so schnellen wie in der Formel 1.

Tatsächlich ließ Ahalphu sich überzeugen. Er fing sogar leicht an zu grinsen, als Alex von ‚nicht so schnell‘ sprach. In Xibalba gebe es so viel Magie, da ließe sich schon was machen.
„Ihr habt mich beeindruckt“, sagte er schließlich. „Ihr habt mir einen Gefallen getan, und das passiert nicht allzu oft. Wenn ihr je mal einen alten Eiterdämon brauchen solltet…“ Und mit diesen Worten überreichte er Alex einen Ring. Dann steckte er die ganzen Materialien in die Jackentasche – und ja, ich weiß, dass ich das gerade geschrieben habe. Er steckte die ganzen Materialien, Kettcars, Holz, Nägel, Werkzeuge, das ganze Programm, in seine Jackentasche. Fragt mich einfach nicht, wie – und sah uns erwartungsvoll an.

Haley und Eleggua legten ihr menschliches Aussehen ab. Beide wurden größer, präsenter, beeindruckender, Eleggua tiefschwarz und Haley – Hel – knochenbleich, ehe sie ein vollkommen präzises Tor öffneten. Ahalphu ging hindurch, das Tor schloss sich, die beiden Totengötter nahmen ihre Menschengestalt wieder an, und damit war Operation Valinor beendet.

Bis auf die Frotzeleien, die unweigerlich folgten. Bei uns folgen immer Frotzeleien. Ich glaube, wir haben sogar in Ruiz‘ Kerker damals blöde Witze gemacht. Wobei, nein. Da vielleicht nicht.
Aber diesmal jedenfalls fingen wir an, zu sinnieren, dass, wenn die Tretautos in Xibalba ein Erfolg werden, vielleicht irgendwann alle Unterwelten welche haben wollen. „Martin’s Kettcars – We take you (N)Everywhere!” Nur im Hades wäre das mit den Kettcars vermutlich etwas schwierig. Aber hey, Tretboote für den Styx!

Haley fragte dann sogar durchaus ernsthaft, ob Alex ihr sowas für Helheim bauen würde, und unser Kumpel versprach ihr, sich darum kümmern zu wollen. Aus Konkursmassen von Sportgeschäften und ähnlichem sollten sich ja wohl genug Tretautos auftreiben lassen, um das hinzubekommen!

Oh, und von meinen komischen Wallungen, wenn ich diesen Pablo sehe oder nur an ihn denke, habe ich den Jungs auch erzählt. Die wussten, dass es wohl irgendwas mit dem Speichel der Rotvampire auf sich hat. Brrrr. Gut zu wissen. Aber irgendwann habe ich das Zeug ja dann hoffentlich auch mal wieder aus mir raus.

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Ricardos Tagebuch: White Night 5

05. November. Soll ich wirklich anfangen, einen Countdown zu setzen bis zum Duell? Oder einen Count-Up? Dann wären wir bei Tag 4.

Mamá hat angerufen. Die hatten am Wochenende eine kleine spontane Fiesta im Viertel, nachdem die Orunmila einen Schutzkreis darum gezogen hatten. Schön, freut mich ja für sie. Aber Mamá wollte natürlich gleich wissen, was los sei, sie hätte bei der Feier meinen Freund Roberto mit meiner Freundin Dee gesehen? Ob er mir etwa die Freundin ausgespannt hätte? Aaaarg. Sie war nie meine Freundin. Jedenfalls nie richtig. Genau das war ja das Problem. Das mit dem Ausspannen habe ich schon ganz alleine geschafft, vielen herzlichen Dank. Danke auch für die Erinnerung, Mamá. Und ja, ich bin jetzt dreißig. Ja, du hättest gern einen weiteren Enkel. Ich weiß. Einen Schritt nach dem anderen, okay?

Wie dem auch sei. Es gibt auch ein paar gute Nachrichten, oder wenigstens für den Fall relevante. Haley hat sich gemeldet, sie habe einen Ort gefunden, von dem aus man Ahalphu gut nach Hause schicken könnte. Und Richard Raith hat sich gemeldet. Der würde sich gerne mit uns treffen. Alles klar, heute nachmittag im Behind the Cover.


Kurz ein paar Notizen, während wir bei Oliver ein Sandwich essen. Richard hatte eine Idee für Gerald. Man könnte mit ihm dasselbe Ritual vollführen, das er, Richard, selbst damals an sich durchgeführt hat, um seinen Hungerdämon loszuwerden. Dann wäre Gerald wieder ein normaler Mensch und könnte neu anfangen, ohne die ganze White Court-Bürde.

Die Frage wäre nur, was mit dem herausgetrennten Dämon passieren würde – den müsste man sofort verbannen, damit der nicht frei herumstreift und ein Massaker anrichtet. Und natürlich können wir Gerald nicht dazu zwingen. Sowas müsste rein freiwillig passieren, und da ist dann die Frage, ob er das überhaupt will. Und falls er es will, wo man ein solches Ritual am besten abhält. Die White Court-Dämonen kamen ja ursprünglich aus Schottland, erzählte Richard, vielleicht müsste man das tatsächlich dort in Schottland machen. Und Gerald könnte dann gar nicht erst mehr mit zurückkommen, der müsste verschwunden bleiben, eben des kompletten Neuanfangs wegen.

Wir saßen noch mit Richard zusammen, da tauchte eine ziemlich unsicher wirkende junge Frau auf. Sehr nett und freundlich, aber scheu wie ein Reh. Und vor allem sehr auf Richard bezogen. Sie freute sich riesig, ihn zu sehen. Dass der ihr Mentor und Ratgeber war und sie sich in allen Dingen an seine Führung hielt, war unverkennbar. Wie ich mir schon fast gedacht hatte, war das Cleo duMorne. Wir hätten sie sprechen wollen, hier sei sie. Was es denn gebe?

Wir fragten sie nach Lafayettes Aufzeichnungen, erzählten, dass Sancía die suche und an sich bringen wolle. Sofort blickte Cleo fragend zu Richard, der den Kopf schüttelte: Nein, Sancía solle die Aufzeichnungen nicht in die Hände bekommen. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Wir sind sind diejenigen, die uns die Texte mal anschauen wollen, ob wir Informationen über dieses Dämonenentfernungsritual finden können. Und vor allem den Namen dieses Lochs in Schottland, wo das am besten stattfinden sollte.

Cleo fragte jedenfalls, ob sie die Bücher mal holen solle, und wir baten sie darum – wirklich los ging sie aber erst, als auch Richard zustimmend nickte. Ich dachte, sie müsse jetzt sonstwo hin, aber sie verschwand direkt hier im Laden hinter einem Regal und brachte gleich darauf aus einer verborgenen – sehr gut verborgenen, da muss ein magischer Schleier drauf liegen, denn ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass hinter dem Regal überhaupt noch irgendwie Platz für irgendwas sein könnte – Ecke eine Kiste zurück.

Ehe wir uns dran machen, die Sachen durchzuschauen, essen wir aber erstmal unsere Sandwiches fertig. Nicht dass die Bücher noch Flecken bekommen.


Okay. Das ist nicht gut. Wir haben die Bücher durchgesucht – das hat ziemlich gedauert (ich habe mich von Lafayette duMornes Tagebuchaufzeichnungen ablenken lassen, seine Beschreibungen des Lebens in den 1920ern sind unglaublich faszinierend; aber Edward war auch nicht besser, der hat ein Ritualbuch gefunden, das ihn fesselte, natürlich), wir haben dann aber doch gefunden, was wir suchten. Totilas brach auf, um mit Gerald reden zu gehen, kam aber keine Minute später wieder rein. Draußen steht ein Auto, dessen Insassen den Buchladen im Blick haben und ziemlich eindeutig auf etwas lauern. Im Zweifel auf uns. Raubtier-Aura, sagt Totilas. Eine schwarze Limousine. Klar. Es ist inzwischen dunkel draußen. Das ist der Red Court. Mierda.

Totilas ist gerade wieder raus, der wollte nur so tun, als habe er etwas vergessen. Cleo bringt eben noch die Bücher zurück in ihr Versteck – das mit den Ritualen hat Richard aber Edward mitgegeben – und dann raus hier. Cleo sagte, sie kann Richard unter einen Schleier packen, damit die beiden unbemerkt wegkommen.


Später. Eben heimgekommen, nach kleinem Umweg über den Arzt. Wie heißt es so schön? Bloody and battered, but alive? Irgendwie so. Padre en el cielo, ich danke dir. Das hätte viel, viel schlimmer ausgehen können. Zum Glück ist Jandra nicht aufgewacht, als ich eben reingewankt bin. In einer Dreiviertelstunde ist Aufstehenszeit. Solange noch durchzuhalten, sollte ich hinbekommen.


06. November

So. Wieder einigermaßen kohärent. Sobald Jandra Richtung Schule losgezogen war – meine ganzen Blessuren hat sie beim Frühstück zum Glück nicht bemerkt – habe ich mich endlich hingelegt und ein paar Stunden geschlafen. Jetzt fühle ich mich erst so richtig steif. Au. Mierda. Aber alles in allem bleibe ich bei dem, was ich sagte: Das hätte viel, viel schlimmer ausgehen können. Memo an mich, dringend: Nicht. Mit. Acht. Red. Courts. Gleichzeitig. Anlegen.

Cleo und Richard verschwanden unter Cleos Schleier. Wir rechneten damit, dass die schwarze Limousine weiter auf uns warten würde, aber die fuhren los, sobald sie den Laden verlassen hatten. Die mussten irgendeine Möglichkeit haben, den beiden zu folgen. Mierda!
Natürlich hängten wir uns an sie.
Nach ziemlich kurzer Zeit schon hielt die Limousine an, und vier Red Court-Vampire stiegen aus und rannten in eine Seitengasse. Edward sprang aus dem Auto und folgte ihnen, während Alex sein Auto eilig um die Ecke fuhr, wir dann von der anderen Seite in die Gasse liefen.
Die vier Vampire rannten geradewegs auf etwas zu – vermutlich Richard und Cleo, noch immer verschleiert. Es sah so aus, als würden weder Edward noch Alex rechtzeitig bei ihnen sein, und wenn die Roten ihre Opfer trotz Unsichtbarkeit so leicht finden konnten…
Ich war zwar ziemlich weit weg, aber vielleicht konnte ich trotzdem etwas tun. Ich rief die Rittermagie nach oben und formte sie zu dem einen Zauber, der erstens so einfach ist, dass ich ihn inzwischen beinahe instinktiv hinbekomme und sich zweitens nun schon mehrfach bewährt hat. Sonnenlicht durchflutete die Gasse, und die vier Red Courts kamen nicht schnell genug aus dem hellen Bereich weg. Ein vage angekokelter Geruch stieg von ihnen auf, und sie sahen zu, dass sie abhauten. Hossa. Das hatte ja besser geklappt, als ich mir zu träumen gewagt hätte!

Dummerweise half das nur nicht viel, denn von draußen war Reifenquietschen zu hören, dann kamen vier neue Vampire in die Seitengasse gerannt. Und vom anderen Ende der Gasse gleich nochmal vier. Acht?! Was zum?
Aber okay. Es hatte ja eben schon so gut funktioniert, also gleich nochmal. Und wenn mein Sonnenlicht vier Red Courts vertreiben konnte, warum nicht auch acht? Da war nur das klitzekleine Problem, dass die acht Angreifer aus zwei unterschiedlichen Richtungen auf uns zugerannt kamen. Hinter der zweiten Gruppe folgte Totilas, konnte ich sehen. Also konzentrierte ich mich auf die erste Gruppe, die uns schon näher war, und sammelte wieder die Magie in mir, ließ sie in dem patentierten Sonnenlichtzauber aus mir herausfließen. Aber woran es auch liegen mochte – an der Eile vielleicht, mit der ich die Magie versuchte, oder daran, dass es mein zweiter Zauber innerhalb weniger Sekunden war – diesmal kam der Effekt ein wenig anders, als ich ihn geplant hatte: kein langanhaltender Lichtkegel, sondern ein kurzer, greller Blitz, der sofort wieder verschwand. Und dem die Vampire mühelos ausweichen konnten. Mierda.
Schon horchte ich in mich hinein, um den Zauber ein drittes Mal zu rufen, da waren sie auch schon bei mir mit ihrer unmenschlichen Schnelligkeit. Alle vier auf einmal. Und die zweite Gruppe gleich mit. Denn ich befand mich zwar hinter den anderen, aber offensichtlich empfanden die Roten mich als die größte Bedrohung. Okay, ich war ja auch der Typ, der gerade tödliches Sonnenlicht gerufen hatte…

Jedenfalls. Ehe ich irgendwas machen konnte, ehe die Jungs irgendwie eingreifen konnten, waren die Red Courts bei mir. Es waren wohl nur wenige Sekunden, in denen sie mit voller Wucht auf mich einprügelten, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ich war beinahe dankbar, als die Lichter endlich ausgingen, auch wenn mein letzter Gedanke ein Stoßgebet war und die Gewissheit, dass ich nicht mehr aufwachen würde. Das, und im Moment des Untergehens ein ganz seltsamer, sinnlich-lüsterner Schauder, der irgendwie von meiner Kehle auszugehen und meinen ganzen Körper zu durchdringen schien. Wenn das der Tod war, dann war der Tod vielleicht nicht so schlecht.

Ich wachte natürlich doch wieder auf. Offensichtlich, duh. Es war noch nicht mal sonderlich viel Zeit vergangen. Ich befand mich noch immer in dieser Gasse, und alles tat mir weh. Der Geschmack von Blut in meinem Mund. Roberto gerade dabei, mich notdürftig zu verbinden. Und immer noch diese merkwürdige Erregung. Hatte ich mir die also nicht nur eingebildet. Über der ganzen Szenerie blitzten bunt-schillernde Farben auf: eine magische Ablenkung seitens Cleo. Totilas und Edward in einen heftigen Kampf mit den Vampiren verwickelt. Alex war nirgendwo zu sehen, aber eine Sekunde später dröhnte draußen vor der Gasse laut eine Hupe los, ehe wieder etwas später Alex’ Van mit quietschenden Reifen und bereits offener Seitentür um die Ecke bog. Edward und Totilas deckten uns den Rücken, bis Richard und Cleo eingestiegen waren und Roberto mir ins Auto geholfen hatte, dann sprangen auch sie in den Innenraum. Nur weg hier!

Aber wohin? Zur Waystation draußen in den Glades, fiel uns ein, das ist neutraler Boden. Das eine ihrer Autos hatte Alex sabotiert, aber in dem anderen folgten uns die Vampire bis zu unserem Ziel. Dank der Fahrkünste unseres Freundes hatten wir gerade genug Vorsprung, dass wir unbehelligt in die Waystation hineinkamen, auch wenn die Jungs mich stützen mussten und ich sie ganz entschieden verlangsamte.

Wie gesagt, viel Vorsprung hatten wir nicht. Kaum hatten wir drinnen einen Tisch besetzt, hielt draußen auch die Limousine der Vampire. Die kamen ebenfalls herein, starrten uns herausfordernd an und ließen sich dann auch an einem Tisch nieder. Die würden uns natürlich jetzt nicht mehr aus den Augen lassen. War ja klar. Aber das waren nur Handlanger. Einer von ihnen zückte sein Telefon und tätigte einen Anruf – der sagte garantiert Sancía Canché bescheid, wo sie hinkommen sollte. Also gut. Dann würden wir eben warten.

Während wir warteten, ging Roberto, frech wie Oskar, zu dem Tisch der Red Courts hinüber, spendierte ihnen ein Bier und flirtete etwas mit deren Anführer. Irgendwann tauchte dann tatsächlich Sancia auf, als Roberto noch drüben am Red Court-Tisch stand. Dem warf Selva Elder einen missmutigen Blick zu – sie erinnerte sich nur zu gut daran, was bei Sancías letztem Besuch hier passiert war – aber diesmal blieb Totilas’ Mutter friedlich. Sie wolle Richard und sie wolle Lafayettes Unterlagen, erklärte sie. Roberto nickte und bat sie um einen Moment, kam dann wieder zu uns an den Tisch, damit wir beratschlagen konnten. Irgendeinen Kompromiss mussten wir finden, irgendwas mussten wir ihr geben, nur was? Irgendwas, das sie erstmal soweit zufriedenstellt, das ihr aber auch nicht zu viel weiterhilft. Denn, bekräftigte Richard, Sancía sei so ungeduldig (als ob wir das nicht gewusst hätten) und das Ritual noch nicht fertig. Wenn sie jetzt auf eigene Faust damit experimentierte, würde sie das mit gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit umbringen.

Mit Alex und Roberto ging ich hinüber an Sancías Tisch. Totilas war noch blasser um die Nase als sonst und schüttelte nur stumm den Kopf, als wir aufstanden, und auch Edward wollte den roten Vampiren lieber nicht zu nahe kommen. Ich hätte vielleicht auch besser nicht mitgehen sollen, denn der Anführer des Schlägertrupps – Pablo, wie Roberto ihn nannte – warf mir einen hungrigen Blick zu und leckte sich aufreizend langsam über die Lippen. Klar, fiel mir dummerweise erst in genau diesem Moment ein: angeschlagen und blutig geprügelt, wie ich war, musste ich ja für einen Vampir geradezu nach Festmahl riechen. Schlau, Alcazar. Echt schlau. Aber da war noch etwas anderes. Dieses seltsame, beinahe wollüstige Erschauern, das sich während der Autofahrt zum Glück wieder gelegt hatte, durchfuhr mich bei Pablos Blick von neuem, und ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn der Vampir seine Fänge in mich schlüge, und ich stellte mir vor, wie unglaublich gut es sich anfühlen würde, langsam und genüsslich von ihm ausgesaugt zu werden, mich ihm ganz und gar hinzuge - waah! Einfach nur jetzt daran zu denken, bringt dieses verdammte Gefühl schon wieder hoch. Das ist doch nicht normal!

Okay. Tief durchatmen. Denk an was anderes, Alcazar. Kaffee, genau. Kaffee ist gut jetzt.

Jedenfalls ließ ich also größtenteils Roberto reden, warf nur hier und da einen Kommentar ein, um ihn ein bisschen zu unterstützen. Und am Ende hatten wir uns tatsächlich mit Sancía auf einen Kompromiss geeinigt. Richard hatte uns ja gesagt, welche Unterlagen seine Frau gefahrlos bekommen bzw. um welchen Teil des Rituals sie sich kümmern könnte.

Alex warf als Teil des Handels noch ein, Sancía solle den an ihre Leute ausgegebenen Dauerbefehl zur Jagd nach Richard aufheben oder zumindest aussetzen, aber dazu war sie nicht bereit. Zumindest nicht sofort. Wir sollen ihn heute abend mit in den Buchladen bringen, damit sie mit ihm reden und von uns die Bücher bekommen kann – und wenn wir nicht kämen, dann wisse sie ja auch, woran sie sei. Aber wir sollten uns keine falschen Hoffnungen machen, sie wisse schon, wo sie uns finde. Und sie sich keine Sorgen, schoss Roberto zurück, wir hätten nicht vor, die Stadt zu verlassen.

Dann war das Treffen vorüber, und nachdem die Vampire abgezogen waren, gingen Edward und ich erstmal zum Arzt. Edward hatte es bei dem Kampf in der Gasse nämlich auch etwas gebeutelt, während er und Totilas uns anderen den Rückzug deckten. Und dank der Anwesenheit von Lieutenant Parsen musste ich nicht mal irgendwelche unangenehmen Fragen zur Herkunft meiner Verwundungen beantworten. Hurra.

Und jetzt, wo ich wieder einigermaßen wach bin, muss ich dringend mit Marshall Raith reden, dass der Sir Anders die Anweisung gibt, sich im Duell nicht umbringen zu lassen.


Seufz. Marshall und ich waren gemeinsam bei Sir Anders, und es wurde genauso schwierig, wie ich das befürchtet hatte. Der gute Anders ist nun mal ein Feenritter, und die kenne ich inzwischen einfach ein kleines bisschen. Der kapierte erst einfach nicht, was wir da von ihm wollten, denn in der Feenwelt gibt es klare Regeln, und ein Duell auf Leben und Tod ist ja nun wohl ganz eindeutig ein Duell auf Leben und Tod.
Erst mit einiger Mühe bekamen wir ihn dazu, einzugestehen, dass auch eine schwere Verletzung generell unter gewissen Umständen ein akzeptabler Ausgang für ein Duell auf Leben und Tod sein könne; dann nämlich, wenn der Verlierer in ein Koma falle und seine wahre Liebe ihn dann wachküsse. Also gut, gestand er uns dann zu, er werde zusehen, dass er die junge Dame nur in ein Koma schlage, der wahren Liebe wegen. Aber immerhin freute er sich, dass ich mir solche Sorgen um sein Wohlergehen machte. Wie gesagt: Seufz. Nicht so ganz das, was ich erhofft hatte, aber vermutlich das beste Ergebnis, das ich kriegen konnte.


Im Buchladen. Bis zum Treffen mit Sancía ist noch ein bisschen Zeit. Genug, um kurz zusammenzufassen, was im Laufe des Nachmittags so passiert ist.

Totilas hat in der Zwischenzeit seinen Großvater besucht und war erfolgreicher, als er selbst gedacht hätte, wie er sagte. Er sieht auch tatsächlich deutlich gelöster aus als die ganze Zeit vorher.
Unser White Court-Freund hat es anscheinend wirklich geschafft, Gerald neuen Mut zu machen und ihn von Richards Idee zu überzeugen, zumal Gerald selbst wohl nie zum Vampir werden wollte. Nachdem Totilas Geralds Bedenken in Sachen Gefährlichkeit und Dämon-unter-Kontrolle-halten-sobald-er-freigesetzt-ist etwas zerstreuen konnte, erklärte der ältere White Court, Marshall solle beweisen, dass er es ernst meint, indem er für das Duell einen Aufschub verlange. Am besten zwei bis drei Monate gleich, aber das werde sich wohl kaum durchsetzen lassen, aber dann wenigstens so zwei Wochen vielleicht. Und er müsse unbedingt auf dem Recht des ersten Duells beharren, so dass auch Anabel von dem Aufschub betroffen wäre. Wenn er das tue, dann sei Gerald bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Marshall vielleicht doch nicht für den Weißen König arbeite.

Alles klar. Dazu sollten wir Marshall ja wohl problemlos kriegen können. Also ging ich gleich nochmal mit Marshall reden. Der klang dankbar und erleichtert und war sofort bereit, auf Geralds Bedingungen einzugehen. Eine plausible Ausrede, die er zur Begründung angeben könnt, fiel ihm auch gleich ein; diese ganze Aufregung um die Panama Papers bedeutet nämlich, dass er als Anwalt für Steuerrecht gerade alle Hände voll zu tun hat. Eine Gegenbedingung stellte er auch: Das Hansen-Konto, was auch immer das ist, müsse unbedingt geschlossen werden. Damit klinge es so, als sei Marshall nur für eine Gegenleistung bereit, auf Geralds Forderung einzugehen, aber in Wahrheit sei die Schließung des Kontos sogar ein Gefallen für Gerald, auch wenn der nichts davon wisse.

Marshalls Gegenforderung gab ich nach dem Gespräch an Totilas weiter, der wiederum sagte, er werde Gerald entsprechend informieren. Na dann hoffen wir mal.

Die anderen haben in der Zeit ihr Google-Fu bemüht und im Netz nach Auftritten oder Spuren von Ahalphu gesucht. Es gab einige Krankheitsfälle in Monaco, aber nichts Definitives. Alles in allem scheint der Eiterdämon von Autorennen zu Autorennen gehüpft zu sein.

Cleo und Richard sind inzwischen auch zu uns gestoßen, haben die Unterlagen für Sancía mitgebracht, und Totilas erzählte seinem Vater auch nochmal, was er bei Gerald erreicht hat. Richard brachte erstmal seinen Stolz auf seinen Sprössling zum Ausdruck („Ich wusste doch, dass du das hinbekommst!“, woraufhin Totilas prompt antwortete „Ich wusste das nicht, aber gut“), hat aber eben auch eine sehr interessante Frage in den Raum gestellt, nämlich ob wir schon wüssten, wer den White Court führen werde, wenn Gerald erstmal wieder ein normaler Mensch sei.

Oho. Red Court im Anmarsch. Nachher mehr.

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Ricardos Tagebuch: White Night 4

Richard Raith saß ja auch noch bei uns. Dem sagte Edward rundheraus, er interessiere sich für seine Forschungsergebnisse und dafür, wie er damals seinen Dämon losgeworden sei. Und warum er meine, dass dieselbe Vorgehensweise auch auf einen Red Court-Dämon Wirkung zeigen könne. Und vor allem, warum er glaube, dass Sancia ebenfalls ein Interesse daran habe, ihren Dämon loszuwerden.

Als voller Red Court-Vampir könne Sancia nicht mehr lieben, erklärte Richard. Sie wisse aber, dass ihr etwas fehle, und sie vermisse es und wolle es gerne zurückhaben. Und ja, er glaube ihr schon, dass sie darunter leide. Sancia ihre Seele zurückzugeben, würde den Red Court-Dämon nicht sofort vollständig aus ihr vertreiben, fuhr Richard dann fort, sondern sie eher wieder mehr wie zu einer Infected werden lassen.

Ursprünglich hatte Sancia ihren Mann ja gefangengenommen und ihn tatsächlich auch gefoltert, wie Richard jetzt in knappen Worten erzählte. Er habe sie aber überreden, oder überzeugen, oder beides, können, dass es anders besser sei, und so habe sie ihn freigelassen. Die Idee, ihr die Seele wiederzugeben, habe er nach seinen eigenen Erfahrungen mehr oder weniger improvisiert. Und ja, er hätte Sancia tatsächlich gerne wieder, seine Frau, wie sie früher gewesen war.

Nun gab Richard auch zu, wo seine Aufzeichnungen versteckt seien. Die bewahre nämlich Cleo duMorne zusammen mit Lafayettes eigenen Unterlagen auf. Und Cleo sei gut im Verstecken – sei ihr ganzes Leben lang schon auf der Flucht, mehr oder weniger. Ihr Vater habe sie anscheinend nur gezeugt, weil er irgendwelche magischen Experimente mit ihr habe anstellen wollen oder so etwas in der Art, und ihre Mutter sei dann mit dem Mädchen geflohen.

Ob Richard Spencer Declan kenne, wollte Alex dann wissen. Da wurde sein Gesicht grimmig. “Oh ja.”
“Was müssen wir über ihn wissen?”
“Er ist ein Arsch.”
“Das wissen wir. Was noch?”
Ich wurde genauer. “Wir haben gehört, Declan könne die Gesetze der Magie ungestraft brechen.”
Richard schüttelte den Kopf. “Das geht nicht. Es ist ein kosmisches Gesetz, dass das nicht geht.”
“Man hat uns aber davor gewarnt”, hakte ich nach.
Das brachte Richard zum Überlegen, und er erzählte uns, dass es im White Council Gerüchten zufolge jemanden gebe, der das könne. Zumindest habe der Magierrat vor einer Weile einen ganzen Satelliten auf eine Ansiedlung des Red Court niedergehen lassen, was garantiert mit Magie erfolgt sein müsse, und dabei ebenso garantiert auch Menschen getötet worden seien.

Beunruhigend, aber es brachte uns im Moment nicht weiter, vor allem nicht in bezug auf unser aktuell drängendstes Problem. Also stellten wir diese Frage fürs Erste hinten an und befassten uns mit dem Seuchendämon aus Xibalba. Die Eingänge in die Maya-Unterwelt befinden sich traditionell in Höhlen. Okay. Wo gibt es Höhlen in Miami?
Alex wusste da ein paar. Etliche unterseeisch – da würden wir Ahalphu vermutlich nur schwer hinlotsen können. Der Camp Owaissa Bauer-Campingplatz hat eine Höhle, aber ein Campingplatz klang uns zu belebt. Dann noch das Salt Cave Medical Spa – vermutlich auch zu belebt – und die Lost Lake Caverns, ein Felsloch in einem See. Alles nicht so wirklich vielversprechend. Zumal letztere vor einer Weile gesprengt wurden und man wohl gar nicht mehr reinkommt. Mierda.

Aber gut. Angenommen, wir nehmen eine der beiden belebten Höhlen für unser Tor zurück nach Xibalba. Wie können wir Ahalphu besiegen? Was ist seine Schwachstelle? Was will er? Er sucht Anhänger, will angebetet werden, waren wir uns alle einig.
“Wir könnten ihm Anhänger versprechen”, schlug Totilas vor. “Eine Sekte für ihn gründen.”
Ich bin mir nicht sicher, wie ernst er das wirklich meinte, aber ich fürchte fast, ziemlich. Aber auch wenn es ein Scherz gewesen sein sollte, konnte ich das nicht witzig finden. Dass irgendwelche alten Wesen, die früher als Gottheiten angebetet wurden, überhaupt existieren, fällt mir schwer genug zu akzeptieren. Aber die auch noch aktiv zu unterstützen? Da mache ich nicht mit, und das sagte ich den Jungs auch.
“Schön, keine Sekte”, knurrte Edward. “Aber können wir bitte irgendwas tun?! Es sterben uns Menschen weg hier!”

Wir beschlossen also, Ahalphu erstmal zu finden und mit ihm zu reden. Vielleicht wollte er ja, E.T.-Style, einfach nur nach Hause und würde anstandslos durch das Tor gehen? Immerhin wurde er gegen seinen Willen hergerufen. Okay, nicht sonderlich wahrscheinlich, aber versuchen mussten wir es.

Die Spur, die sich für Edward nach seinem üblichen Finderitual auftat, führte nach South Beach. Dort saß auf einer Bank ein älterer Mann, Typ südamerikanischer Ureinwohner, einen Gehstock neben sich und eine Pfeife in der Hand, der sich völlig entspannt und zufrieden die Gegend und vor allem die vorübergehenden Menschen anschaute. Zum Baden war es etwas zu kühl, aber es herrschte doch reichlich Leben am Strand. Der Pfeifenrauch rieche seltsam, befand Edward, ziemlich ungesund, deswegen hielten er und ich uns sorgfältig abseits davon und in sicherer Entfernung, aber in Hörweite, während Alex und Totilas auf den Eiterdämon zugingen. Die beiden sind einfach seuchenresistenter als Edward und ich.

Als sie vor ihm anhielten, sah der alte Indio zu ihnen und betrachtete beide interessiert.
„Schönen Tag“, grüßte Alex.
„Es ist wirklich ein schöner Tag, das stimmt“, erwiderte Ahalphu. Er hatte einen undefinierbaren Akzent, sprach ansonsten aber einwandfreies Englisch.
„Sie sind nicht von hier“, sagte Alex ihm auf den Kopf zu.
„Ich bin … gereist. Ein Tourist.“
„Und?“
„Es gefällt mir gut hier. Sehr gut sogar.“
„Was denn besonders?“, griff nun auch Totilas in das Gespräch ein.
„So viel Leben“, war Ahalphus Antwort. „So viele kleine Leben. So wirklich. Kleine Leben, jedes ein Funken. So viele Funken. Die kann man alle einfangen. Sie laden einen dazu ein, sie einzufangen, so hell sind sie. Na gut, dann sind sie weg, aber das macht ja nichts. Es sind noch andere da. So viele andere.“
Und mit diesen Worten breitete der alte Mann die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umarmen.
„Was genau wollt Ihr denn hier?“, fragte Alex.
Der Seuchendämon winkte ab. „Ach, dass ich hier bin, war gar nicht geplant. Aber es ist schön hier. Und jetzt lasse ich mir die Sonne auf den Bauch scheinen und genieße die Funken. Es gibt so viele Menschen und andere Wesen hier, da falle ich gar nicht ins Gewicht. Ich glaube, ich bleibe eine Weile hier.“
„Ein Tourist reist aber weiter“, gab Totilas zu bedenken.
„Das stimmt“, lächelte der Dämon ihn überrascht an, als sei das ein völlig neuer Gedanke. „Die Welt ist ja eigentlich ziemlich groß, nicht wahr? Ich habe viel von New York gehört, da soll ziemlich viel Leben herrschen.“

Er sei doch eine Gottheit, warf Totilas ein, und Ahalphu nickte gemessen. Wie sei es denn dann mit Anhängern, fragte Totilas weiter. Das komme schon noch, winkte der Maya ab. Wenn die Leute die Wahl hätten, ihn anzubeten oder krank zu werden, dann würden sie ihn schon anbeten. Aber ganz ehrlich, immer dieses Anbeten, das sei doch auch anstrengend. Und rein optional.
„Du könntest mich anbeten!“, schlug er Totilas dann vor. Ahalphus Stimme klang dabei ganz beiläufig, plaudernd, aber Totilas stutzte und sah tatsächlich so aus, als denke er ernsthaft darüber nach.
„Was bietest du deinen Anhängern denn?“ wollte er wissen.
„Na dass sie nicht krank werden eben“, kam die Antwort.
„Das ist ganz schön schwach“, erwiderte Totilas.
Ahalphu lächelte. „Ach wirklich? Gib mir doch mal die Hand, Junge.“
Das wollte Totilas dann aber doch nicht. „Okay, vielleicht ist es doch nicht so schwach.“

Dort, in Xibalba, sei alles so anstrengend, klagte der Dämon. Immer diese Prüfungen. Das ewige Ballspiel. Hier scheine die Sonne. Und dann und wann… dann und wann sehe er jemanden an… nehme er jemandes Funken… und lasse ihn wieder los.
Bei diesen Worten blickte er zu einer jungen Frau, die am Strand Volleyball spielte. Hübsch, aktiv… vital. Sie schnaufte plötzlich durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mierda.

Ob es gebe, das ihn davon überzeugen könnte, wieder nach Hause zu gehen, fragte Alex. Ahalphu überlegte einen Moment, legte dann den Kopf schief. Neue Leute in Xibalba. Getränke mit Schirmchen drin. Wenn Xibalba generell mehr wie hier wäre. Neue Spiele.
Da hakte Totilas ein. Wenn Ahalphu ein neues Spiel mit nach Xibalba brächte, wäre er dort der Held, erklärte er überzeugt.
Das ließ den Dämon tatsächlich einen Moment lang stutzen, aber dann schüttelte er den Kopf. Es gebe so viele interessante Spiele hier, die müsse er erst mal alle kennenlernen.

Alex bot an, er könne ihm Material nach Xibalba bringen und helfen, dort ein Sportzentrum aufzubauen. Er würde gerne anschließend wieder nach Hause, aber er wäre bereit, so lange dort zu bleiben, wie der Bau des Sportzentrums eben dauern würde.

„Ich mache euch einen Vorschlag“, sagte Ahalphu gutgelaunt. „Ihr zeigt mir Spiele. Und wenn mich eines davon überzeugt, dann machen wir das so.“
„Und solange nimmst du keine Funken?“ fragte Totilas.
„Wenn du solange auch keine nimmst?“, schoss der Seuchendämon zurück. „Ich werde nicht hungern und darben.“
Darauf erwiderte unser White Court-Kumpel nichts, aber es war klar, dass Ahalphu bei ihm einen Nerv getroffen hatte. Hungern und darben würde Totilas seinen eigenen Dämon wohl auch nicht lassen.

Das war der Moment, in dem die Volleyballspielerin zusammenbrach. Aufregung, Krankenwagen, das CDC kam auch. Dann wurde die Frau abtransportiert, und am Strand wurde es wieder einigermaßen ruhig. Oder eben so ruhig, wie es vorher gewesen war.

Während all dem hatte Ahalphu ruhig auf seiner Bank gesessen und das Schauspiel interessiert beobachtet. Nun klopfte er seine Pfeife aus, griff nach seinem Spazierstock und lächelte uns alle vier an. Ihm sei nach einem kleinen Spaziergang. Ob wir mitkommen wollten?

Was blieb uns anderes übrig?

Alex suchte uns eine Sportbar, die so früh am Nachmittag noch geschlossen hatte, deren Besitzer er aber kannte (natürlich!), deutete Ahalphu einen der Sitzplätze in guter Sichtweite eines der Bildschirme an der Wand aus und fing dann an, für den Dämon durch die Kanäle zu zappen.

Ahalphu mochte Snooker. Und Baseball. Eishockey schien ihn auch ziemlich zu faszinieren – aber dann schaltete Alex zur Formel 1, und davon geriet der Seuchendämon völlig aus dem Häuschen. Wettrennen! Rasende, pferdelose Kuschen, die im Kreis fahren! Er klatschte in die Hände und starrte auf den Fernsehschirm wie ein Kind bei seiner Lieblings-Zeichentrickserie, ehe er erklärte, das müsse er in echt sehen.

Und dann war Ahalphu mit einem Mal verschwunden, und als die Kamera über die Zuschauertribünen an der Rennstrecke schwenkte, war dort die unverkennbare Gestalt des alten Dämons zu sehen.
Cólera. Aber tun konnten wir erst einmal nichts deswegen.

Kurz darauf rief mich Yolanda zurück. Die war immer noch nicht wieder in der Stadt; ihr Richterjob hatte sie aufgehalten. Aber Marshall habe mit ihr gesprochen wegen des Duells, und sie hätte ihm Sir Anders als Champion besorgt. Ähm. Ah. Ahja.
Ich warnte sie dann noch vor dem Eiterdämon, ehe ich nachdenklich auflegte. Sir Anders. Cólera.

Während ich mit Landa telefonierte, hatte Edward mit dem CDC gesprochen. Die eingelieferten Kranken seien mit Entzündungshemmern und Gabe von viel Flüssigkeit einigermaßen gut zu behandeln, hatte er erfahren. Die Lage der meisten Patienten sei kritisch, aber größtenteils stabil, und es sei durchaus möglich, dass sie überleben würden, der modernen Medizin sei Dank. Es ist wohl auch tatsächlich nur eine einzige Krankheit, die Ahalphu da verbreitet, nicht mehrere und unterschiedliche.
Das war doch immerhin schon mal ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Als nächstes ließ ich mir von Totilas Marshall Raiths Nummer geben und bat den um ein Treffen. Er stimmte zu, und wir trafen uns in einem Café in der Nähe seiner Kanzlei.

Anfangs war Marshall zwar ziemlich angespannt, dann aber taute er allmählich doch auf und sprach erstaunlich offen über seine Beweggründe – oder zumindest tat er so. Das weiß man bei den Raiths ja nie so genau.

Jedenfalls erzählte er, er habe früher für Lord Raith und seine älteste Tochter Lara gearbeitet, habe dann aber seine Stellung dort – sein ganzes Leben, eigentlich – aufgegeben und sei nach Miami übergesiedelt, weil er hier neu anfangen wollte. Vor einem Jahr, als er herkam, sei es Gerald auch schon nicht so gut gegangen, also habe Marshall nach besten Kräften versucht, ihn zu unterstützen. Vielleicht sei er dabei nicht immer so diplomatisch gewesen, aber Geralds ganzer Hof habe immer so formlos gewirkt, da habe Marshall gedacht, sein Input sei willkommen. Er habe gedacht, vielleicht könne er die Stadt ein wenig mitgestalten, und der Gedanke habe ihm gefallen. Aber nicht, um an Geralds Stuhl zu sägen, sondern weil er einfach die Möglichkeit, ein wenig gestaltend mitzuarbeiten, als eine interessante Herausforderung empfunden hätte.
Er könne aber verstehen, dass Gerald glaube, Marshall wolle ihn im Auftrag des Weißen Königs absetzen. Das sei ja nur zu erwarten, immerhin sei der Ruf der Raiths ja bekannt.

Bei diesem ganzen Sermon klang Marshall völlig aufrichtig. Das Problem ist nur, aufrichtig oder lügend würde er genau dasselbe erzählen. Und zwar in genau diesem Tonfall. Immerhin machte er einen durchaus freundlichen Eindruck, und als er Yolanda erwähnte, hatte ich das Gefühl, dass ihm ihr Wohlergehen ernsthaft am Herzen lag. Er klang ihr auch aufrichtig dankbar, dass sie sich bei Sir Anders für ihn verwendet hatte.

Apopos Duell. Sollte das nicht zugunsten Geralds ausgehen, sei Marshall bereit, alles mögliche von Gerald zu akzeptieren, auch eine reine Geldsumme zum Beispiel, irgendetwas, das den Anführer des White Court von Miami nicht das Gesicht verlieren lassen würde. Er habe wirklich keine Absichten, die Führung hier zu übernehmen, und das sollte Gerald möglichst erfahren. Das konnte ich ihm zwar nicht versprechen, aber ich sagte, ich werde sehen, was sich tun ließe.

Er habe auch gar keine Veranlassung, sich einen Machtwechsel zu wünschen, erklärte der Anwalt noch. Denn ein Machtwechsel würde bedeuten, dass Anabel Raith die Zügel in die Hand nähme, und das wiederum würde eine Rückkehr zu genau den Machenschaften bedeuten, denen Marshall habe entkommen wollen.

Wer Anabel Raith eigentlich genau sei, fragte ich daraufhin. Was sie seiner Meinung nach wolle. Das sei eine der Töchter von Lord Raith, antwortete Marshall, die der Weiße König bislang an der sehr kurzen Leine gehalten habe. Eine eigene Stadt habe sie bislang nicht geführt, weil das ja bedeutet hätte, unter der Fuchtel ihres Vaters wegzukommen, und das habe der nie zugelassen. Lord Raith sei – bedeutungsschwere Pause – beeindruckend. Sehr beeindruckend. Und er habe seine Töchter gerne in seiner Nähe. Zum Glück sei der Lord strikt auf Frauen geeicht, fuhr Marshall trocken fort, und ich muss gestehen, dass das eine Information war, auf die ich gerne hätte verzichten können. Denn wenn das stimmt, was Marshall da andeutete – brrrr.

Jedenfalls, beendete Marshall seinen vorigen Gedanken, scheine Anabel wohl zu glauben, dass Lord Raith ihr die Stadt lassen werde, wenn sie Gerald stürzen könne. Ob sie damit recht habe und sich nicht selbst nur etwas vormache, bezweifle er allerdings – vermutlich werde der Weiße König stattdessen Anabel zurückbeordern und jemand anderen in Miami als Anführer einsetzen: ihn selbst, Marshall, vielleicht, oder Lord Raiths Sohn. Aber, betonte Marshall noch einmal, er selbst habe keinerlei Interesse an dem Posten, und es wäre ihm wesentlich lieber, der Status Quo bleibe bestehen.

Nach dem Gespräch ging ich dann erstmal heim, denn ehrlich gesagt bin ich nach der kurzen Nacht gestern ziemlich fertig. So früh ist es inzwischen auch schon nicht mehr, und deswegen gehe ich jetzt auch schlafen. Alles andere hat bis morgen Zeit. Nacht.


04. November

Während ich gestern mit Marshall geredet habe, war Totilas übrigens bei Gerald. Auf die Details ist er nicht eingegangen, aber er hat es wohl tatsächlich geschafft, ein paar nette Stunden mit seinem Großvater zu verbringen. Als er hinkam, saß Gerald anscheinend in einem komplett leeren Zimmer auf einer Kiste und starrte ins Leere: ein ziemlich klares Zeichen von Burnout. Totilas hatte ein Lego Architecture-Set mitgebracht, und während sie das aufbauten, konnten sie sich ein bisschen unterhalten. Irgendwann habe Gerald seinen Enkel dann einen Auftrag gegeben. Nur zur Sicherheit, falls es mit dem Deal schiefgehen solle, solle Totilas Orféa Baez an den Deal erinnern. Was für einen Deal, wollte Totilas daraufhin natürlich sofort wissen. Das werde Orféa – äh, das werde er, Gerald – ihm dann sagen. Aber falls etwas schiefgehen sollte, solle Totilas sich unbedingt vor Lord Raith hüten. Der habe sich lange genug nicht für Miami interessiert, aber das habe sich jetzt geändert.

Nachdem wir von unseren jeweiligen Gesprächen erzählt hatten, überlegten wir, dass sowohl Sir Anders als auch Cherie wissen sollten, gegen wen sie jeweils anzutreten haben. Und vor allem Sir Anders sollte erfahren, dass “Leben und Tod” eben doch Verhandlungssache ist. Ein Duell zu verlieren, ist als solches übrigens erst einmal kein Gesichtsverlust, sagte Totilas. Dem Duell komplett auszuweichen, wäre hingegen schon einer.

Wir waren übrigens nur zu zweit heute vormittag. Roberto war noch mit seinem Ritual beschäftigt – oder vermutlich eher am Ausschlafen nach den Anstrengungen -, Edward arbeitete, und Alex war, kaum dass wir uns getroffen hatten, von Hayley angerufen worden, die meinte, sie hätte einen Ort für das Tor nach Xibalba gefunden, und Alex und Eleggua sollten doch möglichst mal vorbeikommen. Das ließ unser Kumpel sich natürlich nicht zweimal sagen. Ich hoffe ja sehr, der Ort taugt was.

Nach unserem gegenseitigen auf-Stand-bringen trennten Totilas und ich uns, weil er mit Cherie reden gehen wollte und ich mit Sir Anders. Der versuchte sein Entsetzen zu verbergen, wurde aber dennoch bleich, als ihm klar wurde, dass seine Gegnerin im Kampf Eisen einsetzen kann. Aber er habe sein Versprechen gegeben, jetzt einen Rückzieher zu machen, stehe völlig außer Frage. Und das Konzept “aufgeben” kennt er überhaupt nicht. Mierda. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich Anders in meiner Funktion als Sommerritter befehlen sollte, nicht an dem Duell teilzunehmen, aber das schlug ich mir ganz schnell aus dem Kopf. Dann hätte er den Befehl zwar von mir und könnte sich nicht widersetzen, aber sein Gesicht hätte er trotzdem verloren, weil er ja dennoch sein Versprechen brechen müsste. Und damit wäre er dann doppelt gestraft. Memo an mich: Marshall muss Anders dringend dahingehend instruieren, dass der als sein Champion nicht bis zum Letzten kämpfen soll.


Habe gerade wieder mit Totilas gesprochen. Cherie war die über die Info, gegen einen Fae antreten zu dürfen, ziemlich erfreut. Eisen und so.

Mit Gerald hat Totilas auch nochmal geredet. Der glaube immer noch nicht, dass Marshall hier wirklich nur seine Ruhe wolle. Immerhin sei er am Hof des Weißen Königs eine Art interner Cop gewesen, und das sei ja nun nicht so unwichtig. Der sei schon gut in seinem Job, und Lord Raith werde sicherlich nicht Anabel über Miami setzen, sondern Marshal. Der sei ja schon eine ganze Weile hier und kenne die internen Strukturen.

Totilas habe dann gefragt, wie er Gerald am besten unterstützen könne, woraufhin er zur Antwort bekam, er solle auf sich aufpassen und auf der Hut sein, vor allem vor den Verwandten. Trotz dieser Worte hatte Totilas aber dennoch das Gefühl, dass Gerald irgendeinen Plan habe. Immerhin passiere in Sachen White Court nichts in der Stadt, was Gerald nicht geplant hat. Na, es hilft ja alles nichts. Wir können wohl nur abwarten, fürchte ich.

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Ricardos Tagebuch: White Night 3

02. November

Der Día de los Muertos ist wohl vergleichsweise ruhig verlaufen, sagte Alex. Außer dass bei diesem Zombie Walk beinahe Dinge schiefgegangen wären, als er gerade woanders nach dem Rechten sah. Es sei aber gerade nochmal alles gut gegangen. Aber wer zum Geier veranstaltet auch einen Zombie Walk am Día de los Muertos?

Aber immerhin hat Richard schon auf Totilas’ PM geantwortet. Dummerweise bestand sie aus nicht viel mehr als einem Fluch und einem knappen „bin unterwegs, müssen reden“, aber immerhin, er hat geantwortet. Und immerhin, er ist unterwegs.

Roberto hatte deutlich beunruhigendere Neuigkeiten, die er sofort auf uns losließ, nachdem Alex und Totilas ihre Informationen abgeworfen hatten. Kurz vor Sonnenaufgang rief nämlich Lucia bei ihm an. Sie habe ihm nur sagen wollen, dass das Ritual ein bisschen schiefgegangen sei und nun ein Maya-Eiterdämon frei in der Stadt herumlaufe. Einer der Herren von Xibalba, der Unterwelt der Maya. Ääääh. ¿Como demonios? Im wahrsten Sinne.
Auf Robertos Nachfragen habe Lucia dann noch erzählt, dass der Dämon Ahalphu heiße, in den Everglades beschworen worden sei und Krankheiten verteile.
„Wir sollten uns umbenennen von ‘Ritter’ in ’Kammerjäger’“, knurrte Edward, als er das hörte. Gute Idee. Mierda.

Als erstes riefen wir in der Waystation an, um Selva Elder zu warnen, dass ein Krankheitsdämon in den Glades herumstreunt. Dann durchsuchten wir das Internet nach Informationen über das Pantheon der Maya. Wir fanden heraus, dass laut den Überlieferungen der Maya deren Götter die Dämonen in einem Ballspiel besiegt und daraufhin in deren Unterwelt verbannt hatten. Genauer gesagt, Roberto, Totilas und ich suchten. Edward hielt sich lieber fern, weil nicht sein wassergekühlter Spezialrechner, und Alex war in eine Art Trance verfallen. Wir beobachteten das erst mit ein wenig Sorge, aber er atmete ganz normal, also hofften wir mal, dass er schon irgendwann wieder zu sich kommen würde.

Das tat er dann nach ein paar Minuten auch. In seiner Trance war Eleggua ihm erschienen und hatte ungewöhnlich ernsthaft mit Alex geredet. Dieser Ahalphu sei eine Totengottheit der Maya, einer von der Sorte ‘guckt dich an, und du fällst um’, und wir seien völlig unvorbereitet auf eine Bedrohung von diesem Kaliber. Und der Dämon müsse wieder zurück in die Unterwelt gebracht werden, dringend, der gehöre keinesfalls in die Welt der Lebenden. Körperlich gegen ihn zu kämpfen wäre theoretisch möglich, dazu würde Eleggua aber nicht raten, dazu sei der Kerl zu mächtig.

Super. Einfach grandios. Und das, wo die Grenzen zum Nevernever wegen des Día de los Muertos ohnehin gerade schwach sind. Oder vielleicht eben deswegen.

Wie dem auch sei, wir überlegten natürlich des Langen und des Breiten, was wir nun tun konnten. Wir könnten ein Ritual durchführen, um den Kerl zu orten. Und wir könnten ein Ritual durchführen, das vor Krankheiten schützen würde. Aber wir brauchten Hilfe, soviel war klar.

Wir beschlossen, so ziemlich jeden unserer übernatürlichen Kontakte zu informieren, damit die wenigstens gewarnt wären und vielleicht im besten Falle schlaue Ideen hätten. Jack White Eagle. Pan. Das Coral Castle. Macaria Grijalva. Die Santo Shango. Sogar Spencer Declan. Immerhin ist der der Warden der Stadt und sollte zumindest informiert sein, wenn er es schon nicht für nötig halten würde, einzugreifen. Wobei, vielleicht würde er uns ja überraschen und doch etwas tun. Zeichen und Wunder soll es ja bekanntlich immer mal wieder geben.

Macaria Grijalva klang sehr beunruhigt bei der Nachricht, vor allem aufgrund der Tatsache, dass Eleggua höchstselbst es für nötig gehalten hatte, sich einzumischen.
Jack White Eagle sagte, er werde die übrigen Elders informieren und schauen, ob er irgendwelche Maya-Nachfahren in der Stadt finden könne.
Spencer Declan war nicht zu erreichen, dem hinterließ Roberto eine harmlos klingende Mitteilung über dessen Telefondienst.
Cicerón Linares wiederum erklärte, die Santo Shango hätten ja noch immer die Yansa-Maske, falls diese gebraucht werde. Stimmt. Gut zu wissen.

Ich rief dann bei Yolanda an, um sie zu warnen und auch, damit sie vielleicht Alejandra und die Eltern aus der Stadt bringen könnte, aber ich erreichte sie nicht in Miami, sondern mitten in einem Richterauftrag, irgendwo in Connecticut. Mierda!

Na gut. Ich rief also bei Lidia an, immerhin wollten Alejandra und Monica heute nachmittag zusammen spielen, aber die Mädels seien noch in der Schule, sagte sie. Und Lidia selbst sei noch bei der Arbeit und könne nicht einfach so frei nehmen oder die Mädchen aus der Schule holen, selbst dann nicht, wenn ein Terrorist unterwegs sei. Seufz. Wenigstens nahm ich ihr das Versprechen ab, vorsichtig zu sein und größere Menschenansammlungen zu vermeiden, wenn sie die Mädels nachher von der Schule abholen gehe.

Während ich telefonierte, hatte Roberto ein kleines Ritual begonnen, um den Eiterdämon zu lokalisieren. Für uns sah das vor allem so aus, als habe er eine Statue seiner Orisha vor sich hingestellt und Kräuter drumherum gestreut, aber als er zu sich kam, erklärte er, er habe von Erinle, der Orisha der Heilung, erfahren, wo dieser Ahalphu sei: An einem Ort voller Wasser und Palmen. Das Bild, das ihm vor Augen trat, erkannte Roberto als Coral Gables, einer edlen Luxusgegend, wo auch der Red Court residiert.

Lucia konnte Roberto nicht erreichen, weil es ja inzwischen Tag war, aber er rief nochmal bei Macaria an, um ihr die neue Lage in Sachen Coral Gables mitzuteilen und sie zu bitten, zum Anwesen des Red Court zu kommen. Aber die Santería-Älteste meinte, als Orunmila könnten sie nicht viel tun, und verwies an Eleggua.

Alex bat Edward, der solle Suki Sasamoto beauftragen, die Eleggua-Maske für ihn hochzutauchen (die hat Alex ja zur Sicherheit sehr, sehr tief unten im Meer versenkt).
Als Edward dann mit seiner Kollegin telefonierte, berichtete die, nahe Coral Gables sei ein Mann aus unerfindlichen Gründen zusammengebrochen und liege jetzt in kritischem Zustand im Krankenhaus. Mierda.

Kurz überlegten wir, ob Edward vielleicht in der Gegend eine Durchsage wie „es ist ein Gasleck aufgetreten, bitte halten Sie Türen und Fenster geschlossen“ veranlassen könnte, aber den Gedanken mussten wir leider ziemlich sofort wieder verwerfen. Es gab einfach keine Beweise in der Richtung; eine solche Warnung wäre einfach nicht plausibel und würde die guten Bewohner von Coral Gables (reich und von ihren Rechten überzeugt allesamt) nicht sonderlich lange in ihren vier Wänden halten, selbst wenn man das Umweltamt irgendwie davon überzeugen könnte, sie auszugeben.

Inzwischen traten immer weitere Krankheitsfälle auf, überall da, wo sich üblicherweise viele Leute aufhalten: South Beach, Lincoln Street, und so weiter. Unser Eiterdämon bewegte sich offensichtlich recht zügig in der Gegend herum.

Henry Smith, den Edward damit beauftragte, die Situation im Auge zu behalten, meldete sich irgendwann mit der Nachricht zurück, in der Nähe einer der Erkrankten sei ein auffälliger Typ gesehen und fotografiert worden. Das Bild schickte er uns. Es war ein wenig verwackelt, aber darauf war ein älterer Indio mit zerfurchtem Gesicht und mittellangem Haar zu sehen.

Wir sahen uns die Liste der bisherigen Krankheitsfälle an, um festzustellen, ob sich vielleicht ein erkennbares Muster ergab. Aber wenn dem so war, dann konnten wir es nicht finden. Aber es gab bisher auch noch gar nicht so viele Fälle, dass es irgendwie relevant gewesen wäre.


Gegen Abend klingelte Totilas’ Telefon. Richard war dran, gerade in der Stadt angekommen. Totilas wollte seinen Vater gleich vor dem Eiterdämon warnen, aber der meinte, Totilas – gerne auch mit seinen Freunden – solle vorbeikommen und es ihm von Angesicht zu Angesicht erzählen. Oh, und er solle sich nicht wundern: Richard sei der Typ im Zylinder.

Richard trug tatsächlich einen Zylinder, stellten wir im Dora’s fest. Das, und ein Goth-Outfit. Begleitet wurde er von einer ganz ähnlich gekleideten Dame, ebenfalls im Zylinder, die er als Hayley vorstellte. Der ältere Raith umarmte seinen Sohn zwar, löste sich dann aber sehr schnell. Ich erinnerte mich daran, dass er ja von Sancia infiziert worden war. Vermutlich war das der Grund, warum er körperliche Nähe zu vermeiden suchte.

Wir erzählten den beiden, was wir von Lucia erfahren hatten. Dass durch das Ritual der Red Courts wohl anscheinend ein Tor in die Unterwelt geöffnet werden sollte, da aber etwas gründlich schiefgegangen sei. Und dass der Eiterdämon dringend zurück nach Xibalba müsse.

Richard hörte zu, nickte verstehend und meinte dann, er könne sich ungefähr vorstellen, was Sancia geplant habe. Mit den Red Courts sei das so, erklärte er: Man werde ja nicht als Red Court geboren, sondern infiziert. Und wenn ein Infizierter dann zum Vampir werde, übernehme dessen Dämon die ehemalige Person vollständig. Deren Seele müsse bei der Übernahme ja irgendwohin verschwinden, und zwar vermutlich eben ins Totenreich, in einen ganz bestimmten Teil des Totenreichs. Diese Seele könne man aber eben nicht so einfach zurückbeschwören. Ergo das komplizierte Ritual, das aber fehlgeschlagen war. Ja klar, das klang plausibel!

Bei der Linie der Canchés sei es jedenfalls schon immer so gewesen, dass deren Dämonen schwächer seien, dass auch nach der Übernahme ein wenig mehr Geist, mehr Seele, in der Person übrig bliebe.
Während seiner Gefangenschaft habe er mit einiger Mühe Sancia davon überzeugen können, dass es doch gut sei, ihre Seele oder wenigstens einen größere Teil ihrer Seele wiederzubekommen. Das würde sie zwar schwächen, aber diese Schwächung könnte sie mit anderen Vorteilen kompensieren.

Richards Langzeitplan sei es gewesen, Sancias Dämon ganz loszuwerden. Das habe er aber natürlich nicht laut gesagt. Jedenfalls hätten seine Frau und er lange geforscht und wüssten nun, in welcher Ecke des Totenreichs die Seelen genau zu finden seien. Nur sie zurückzuholen sei eben schwer.

Nach Lafayettes Unterlagen fragten wir Richard natürlich auch. Die seien bei … in Sicherheit, erwiderte er. Er wisse, wo sie seien, aber er habe sie nicht.

Dann ließen wir die Bomben platzen. Nummer eins: Camerone Raith sei jetzt der Geist des Coral Castle. Der Lette sei verschwunden, vernichtet worden von Cicerón Linares. Diese Nachricht schockte Richard schon gehörig.
Als Totilas dann herumzudrucksen begann, fragte Alex: „Soll ich dir eine schöne Überleitung geben, oder schaffst du’s alleine?“
Totilas sah zu Hayley. „Ist sie vertrauenswürdig?“
Richard erklärte, er vertraue ihr so halbwegs, während Hayley protestierte. „Hey, ich bin total vertrauenswürdig!“
„Es geht um Familienangelegenheiten“, zögerte Totilas weiter, und er wolle nicht, dass das allzuweite Kreise ziehe, und…
„Nun fang endlich an!“

Also erzählte Totilas von der Halloween-Feier, von Gerald und seiner Duellforderung, seiner Aussage, er „hätte Richard und Totilas geliebt“ und der daraus hergeleiteten Befürchtung, er könne Selbstmord begehen wollen.
„Was sagt er denn?“ fragte Richard.
„Er redet ja eben nicht mit mir“, seufzte Totilas.
„Er redet schon mit dir“, hielt Richard ihm prompt entgegen, „du verstehst ihn nur nicht.“

Und dann zog Richard los, um sich selbst mal mit seinem Vater zu unterhalten. Aber vorher theoretisierte er noch, dass Cherie zwar sein Champion sein möge, dass er aber bestimmt einen zweiten Champion als Ersatz in der Hinterhand habe. Oder dass, falls er sich wirklich umbringen wolle, selbst in das Duell gehen könnte, das sei sogar nicht mal so unwahrscheinlich. Der Sieger eines Duells auf Leben und Tod müsse dem Verlierer die Option lassen aufzugeben, aber wenn der Verlierer dies nicht tue, dann müsse der Sieger den Todesstoß setzen.
Und er gab Totilas seine Telefonnummer. Er hat so ein Einweg-Prepaid-Ding, weil Sancia ja noch immer nach ihm sucht. Die beiden sind ja auch tatsächlich noch immer verheiratet, haben sich nie scheiden lassen.

Nachdem Richard gegangen war, blieb Hayley noch im Dora’s und gab uns einige weitere Informationen.
Xibalba sei eine der Domänen im Nevernever, die Unterwelt der Maya. Dort sei heute nicht mehr allzuviel los, weil es eben kaum noch Leute gibt, die der Maya-Religion angehören. Es gebe zwölf Herren von Xibalba, zwei oberste und zehn untere, zu denen Ahalphu gehöre, die eben irgendwann besiegt und in diese Unterwelt verbannt wurden.
Die Unterwelt der Maya bestehe aus neun Stufen, wo man sich in Kämpfen und Prüfungen beweisen müsse – mit der Ausnahme von Selbstmördern, Opfern und im Kindbett Gestorbenen, die würden sofort in den Maya-Pantheon aufgenommen. Aber auch alle anderen Seelen müssten sich nicht auf ewig in Xibalba aufhalten, sondern müssten eben die diversen Prüfungen bestehen, wonach sie auch in den Pantheon aufgenommen würden.

Die Eingänge nach Xibalba befänden sich traditionell in Höhlen, und ja, theoretisch könnte man dort auch als Lebender herumlaufen, wenn man den Weg finde. Man brauche aber Affinität zur Kultur der Maya, sonst käme man einfach anderswo hin, wenn man es versuche.

Ahalphu grundsätzlich loszuwerden, sei eigentlich ganz einfach, befand Hayley: „Tor auf, Ahalphu rein, Tor zu.“
Das Tor zu öffnen, sei nun nicht so das Problem. Das Problem sei eher, Ahalphu dahin zu bringen, wo das Tor sei, und eben, das Tor genau am richtigen Ort zu öffnen. Oh, und den Eiterdämon hindurchzubugsieren. Denn der werde sich vermutlich wehren.

Dann wandte Hayley sich direkt an Alex. „Dein Boss ist ein Scherzkeks. Sag’ dem bloß, ich will ihn nicht bei mir haben!“
Was auch immer sie damit meinte. Aber Alex erklärte uns später, als sie weg war, er habe an ihr irgendwas gespürt, eine Art Verwandtschaft zu sich selbst, aber mit einem anderen Schirmherrn, und wir sollten ein bisschen vorsichtig sein. Sprich mit irgendeiner anderen Totengottheit als Patron? Oh Freude. So richtig wie ein Mensch ist sie Alex auch nicht vorgekommen. Doppelfreude.

Als wir uns dann trennten, stöberte ich zuhause noch ein bisschen in den Tiefen des Internets. Aber außer, dass es jetzt schon wieder halb drei Uhr morgens ist und mir die Augen brennen, habe ich nicht sonderlich viel herausgefunden. Zahllose Verweise auf Bücher, Artikel, Professoren, sonstigen Maya-Experten. Nichts, was sich nachts weiter verfolgen ließe. Oh, und die Idee, dass Eric es im nächsten oder übernächsten Band vielleicht irgendwie mit den Maya zu tun bekommen könnte, falls sich das einigermaßen gescheit einbauen lässt.

Viel Zeit für Schlaf ist heute nacht jedenfalls nicht mehr. Mierda.


03. November

Über Nacht sind es mehr Opfer geworden. Es ist noch keine Epidemie, aber der Anstieg an Kranken macht sich inzwischen deutlich bemerkbar. Es gab auch bereits den ersten Todesfall. Das CDC ist auch schon in der Stadt, das war ja zu erwarten. Edward hat Kontakt mit denen und ist daher über deren Stand der Anstrengungen informiert. Dem CDC ist noch nicht so klar, was das überhaupt für eine Krankheit ist, die sich da gerade ausbreitet. Aber immerhin ist es wirklich nur eine Krankheit, nicht mehrere. Die Inkubationszeit muss relativ hoch sein, denken die Experten. Bezüglich des Übertragungsvektors sind sie sich unsicher, aber es könnte sich um Luftübertragung handeln. Die Betroffenen fallen mitten in Menschenansammlungen um – das heißt, entweder, viele Leute sind immun oder sie sind Überträger oder die Inkubationszeit ist tatsächlich richtig hoch, und alle sind schon angesteckt, aber die Krankheit ist einfach noch nicht ausgebrochen. Und das wäre natürlich der absolute GAU.
Aber eine Sache ließ uns aufhorchen. Alle bisherigen Opfer sind Leute, die hervorstechen, auffallen, irgendwie interessant wirken.

Roberto kam gar nicht zu dem Treffen am Vormittag; er hinterließ uns aber eine Nachricht, dass er den Orunmila helfe, die einen Schutzkreis gegen die Seuche um Little Havana ziehen wollten. Gut so. Das beruhigt mich, auch und gerade in bezug auf Mamá und Papá.

Suki Sasamoto schlug kurz bei uns auf und lieferte die Maske bei Alex ab, und kurze Zeit später stieß Richard Raith zu uns. Sein Gespräch mit Gerald gab er folgendermaßen wieder:

Zwischen den Zeilen gelesen, habe Gerald extrem urlaubsreif, wenn nicht gar lebensmüde auf ihn gewirkt. Er wirke, als sei er am Ende seiner Kräfte, und alle, die er liebt, stürben, litten, gerieten in Schwierigkeiten. Aber um Hilfe bitten könne er ja auch niemanden. Nichts davon habe Gerald, wie erwähnt, laut gesagt, aber das sei der Eindruck, den Richard von ihm gewonnen habe.
Seiner Meinung nach sei Gerald auch aufrichtig davon überzeugt, dass Marshall Raith ein Verräter sei.
Cherie werde Geralds erster Champion gegen Marshall sein; gegen Anabel habe er auch einen Champion, habe er erklärt, aber nicht sagen wollen, wer das sei. Das klinge beinahe, als wolle er es selbst machen, sage Richard, und ja, irgendwie tut es das. Richard war sich allerdings nicht ganz sicher, ob Gerald ihm nicht nur eine grandiose Show geliefert habe, um ihn zu täuschen.

Hmmm. Falls es wirklich ein Täuschungsmanöver sein sollte, überlegten wir gemeinsam, dann hätte Gerald Miami mit einem Sieg über Anabel eine Menge Luft verschafft, und wenn er dann wollte, könnte er die Leitung des White Court in der Stadt immer noch an Totilas abgeben.

Wir wüssten zu wenig über Marshall, befand ich. Wenn wir uns sicher sein könnten, dass er unschuldig sei, wäre es vielleicht einfacher, einen Weg zu finden, wie er unbeschadet aus der Duellsache rauskommt. Und wenn er wirklich unschuldig ist, dann verdient er auch einen guten Champion.
Totilas erwähnte nochmal das Gespräch zwischen Anabel und Marshall, das er belauscht hatte, wo Marshall seine Cousine förmlich um Hilfe angefleht, diese ihn aber am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen.
Es könnte ja auch sein, dass Marshall es tatsächlich ehrlich meint, dass er aber trotzdem benutzt wird, weil man – sprich der Weiße König oder sonstige Raiths vom Weißen Hof – einfach weiß, welche Knöpfe man bei ihm drücken muss.

„Biete du dich ihm doch als Champion an“, schlug Alex Totilas trocken vor. „Damit würde zumindest mal niemand rechnen.“
Da schüttelte unser White Court-Kumpel aber sehr schnell. „Das kann ich Gerald nicht antun. Über die Kante schubse ich ihn nicht.“
Sein unglücklicher Gesichtsausdruck, während er das sagte, ließ aber durchscheinen, dass Totilas den Eindruck hatte, das habe er bereits getan.

Ich könnte Yolanda mal fragen, ob sie seit der Party nochmal mit Marshall über das Duell und seinen Champion gesprochen habe, fiel mir ein.
Als ich ihren Namen erwähnte, horchte Totilas auf. „Vielleicht wäre Yolanda als Richterin ja geeignet.“
Ich sah ihn entgeistert an. Als Champion? In einem Duell auf Leben und Tod? Meine Schwester? Keine Chance, Junge!

Dann rief ich auch nochmal bei meinen Eltern an, um sie vor der grassierenden Krankheit zu warnen. Dass sie für ein paar Tage vielleicht möglichst wenig aus dem Haus gehen sollten. Und dass ich Alejandra, die ja ohnehin gerade bei ihnen war, vermutlich über Nacht bei ihnen lassen würde. Lidia warnte ich dann ebenfalls.
Am liebsten hätte ich auch auch Dee angerufen, hatte sogar die ersten Ziffern ihrer Nummer schon gewählt, aber dann legte ich auf. Das wäre vermutlich nicht so gut gekommen. Stattdessen bat ich Alex, seine Schwester zu warnen. Das tat er auch, wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn Dee war mit Roberto in Little Havana und half bei dem Ritual. Hätte ich mir ja denken können, immerhin ist sie Spezialistin für Schutzzauber. Sie war da natürlich schwer eingespannt, aber sie versprach Alex noch, dass sie Edward Zugang zu dem Netzwerk der Task Force verschaffen werde.

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