Miami Files

Ricardos Tagebuch: Blood Rites 2

Dee hat Zeit! Sie ist ohnehin gerade in Miami, sagte sie, und sie meinte, sie geht gerne mit auf die Party. Sie sagte sogar, sie werde vermutlich demnächst für permanent hierher versetzt. Erstaunlich, wie einem eine so nebensächlich mitgeteilte Neuigkeit doch tatsächlich die Laune heben kann.

Mom war ganz aufgeregt, als ich sie anrief, und meinte, das hätte sie unbedingt früher wissen müssen, dann wäre sie noch zum Friseur gegangen und sie würde ja völlig unmöglich aussehen und hätte auch nichts anzuziehen. Aber natürlich werden sie und Dad da sein. Yolanda auch. Ich hoffe nur, Mom erwartet sich nicht zu viel und Falsches von der Veranstaltung. Ich weiß ja selbst nicht so recht, was ich erwarten soll. Ich habe noch kein Buch von mir verfilmt bekommen. Nicht zu schick anziehen, sagte Sheila, es sei keine Oscar-Verleihung. Ach echt jetzt. Naja, morgen nacht wissen wir mehr.


Ein bisschen Zeit habe ich noch, ehe ich Dee für die Party abholen fahre. Daher hier noch kurz das, was heute tagsüber passiert ist.

Edward hat uns eine ziemlich beunruhigende Sache erzählt. Und zwar hat Spencer Declan ihn kontaktiert und – nennen wir das Kind ohne Umschweife beim Namen – erpresst jetzt Schutzgeld von ihm. Natürlich hat Declan das Ganze hübscher verpackt, spricht von „Ausbildungsgebühr“ oder so, weil Declan Edward ja dabei helfen werde, jetzt, wo seine magischen Fähigkeiten langsam auch von anderen Kreisen bemerkt werden, dem White Council gegenüber die Nase sauberzuhalten. Wenn er es nicht täte, dann wäre das verdächtig, und die Wardens müssten sich seiner Aktivitäten genauer annehmen. Na gut, die $50 im Monat, oder was Declan da von Edward verlangt, kann der sich gerade noch so leisten. Aber trotzdem. Es ist Schutzgelderpressung. Für einen Beitrag von einer halben Million (hah!) könnte Edward übrigens auch vollständig als Declans Lehrling angenommen werden, dann wäre er aufgrund dieses Lehrlingsstatus ein offizielles Mitglied des White Council.
Declans Lehrling? Doppel-hah.

Wir haben dann ein wenig nachgeforscht, was es mit Declans Lehrlingen so auf sich hat. Der Warden hat momentan vier von der Sorte – eine gewisse Cleo duMorne, ein gewisser Joseph Adlene und noch irgendjemand. Und seine vierte Schülerin kenne ich sogar: Stefania Steinbach, die Kirchenfunktionärin. Die hat zwar, soweit wir wissen, kein, also wirklich keinerlei, magisches Talent, aber fehlende Fähigkeiten arkaner Natur scheinen Declan nicht davon abzuhalten, Leute als Zauberlehrling anzunehmen. Vielleicht sollte ich mich um so einen Posten bewerben. Magisches Talent habe ich auch keines, und eine halbe Million kriege ich schon irgendwie zusammen. Dreifach-Hah. Garantiert nicht.

Alex hat sich mit Dee kurzgeschlossen, und sie hat in ihrer Funktion als Marshal die Gibraltar Private Bank & Trust aufgesucht und für morgen einen Termin ausgemacht, um deren Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken. Dass sie dabei auch magische Schutzvorrichtungen aufbauen wird, sagte sie den Bankleuten natürlich nicht. Aber es erschien uns sicherer, wenn man an die genauen Umstände von Caroline Harris’ Ableben denkt.


Zurück von der Party. Es war ein netter Abend – es sind nur auch ein paar ziemlich beunruhigende Dinge passiert, Dinge der Han-Solo-Klasse. Han-Solo-Klasse wie in „I have a bad feeling about this.“

Han-Solo-Klasse, Kategorie I: Lady Fire ist für die Pyrotechnik am Film verantwortlich. Natürlich nicht offiziell als sie selbst, sondern über Christine, ihre menschliche Mittelsfrau, aber das ist ja am Ende dasselbe. Lady Fire hat ihre Finger im Film zu meinem Buch. Irgendwie hätte ich es mir es ja denken können: Sie ist der selbsternannte größte Eric-Albarn-Fan auf Erden (oder sollte ich in diesem Falle besser sagen: im Nevernever), und sie ist eine Feen-Fürstin mit jeder Menge Einfluss, die es ja auch irgendwie geschafft hat, meine Romane zum Betalesen zu bekommen. Vor Veröffentlichung, wohlgemerkt.
Jedenfalls ist mir alles andere als wohl dabei, dass gerade eine Frau, die mich hasst, für Indian Summer die Pyrotechnik macht. Und hätte ich einen Zweifel daran gehegt, dass sie mich hasst, wäre der spätestens nach der Party beseitigt gewesen. Ich versuchte nämlich, ein paar Worte mit Christine zu wechseln, aber die wich mir aus. Und zwar überdeutlich. Ich habe es dann aufgegeben, habe sie nicht weiter bedrängt, aber ich sah dann später, wie Totilas sie abpasste und ihr schöne Grüße an Lady Fire ausrichtete. Wenn Blicke töten könnten, wäre unser White Court in dem Moment zu Asche zerfallen. Autsch.

Han-Solo-Klasse, Kategorie II: Direkt neben dem Studio und der Soundstage, wo gedreht werden soll, hat gerade ein Zirkus seine Zelte aufgeschlagen. Und die machen auch gewaltig in Feuer. Und etwas Nachforschen aufgrund eines unbestimmbaren aber nicht zu missachtenden Instinkts hat ergeben, dass da, wo dieser Zirkus in der Vergangenheit auftauchte, Unfälle passiert sind. Scheunen abgebrannt und so. Ich habe zwar eine entsprechende Warnung weitergegeben, aber ich habe ein ganz, ganz, ganz schlechtes Gefühl bei der Sache, Römer und Patrioten. Han-Solo-Klasse eben.

Ach ja. Dee sah traumhaft aus heute abend, das soll doch nicht unerwähnt bleiben. Und ich glaube – ich hoffe! – sie hatte auch ein bisschen Spaß. Allerdings (Han-Solo-Klasse, Kategorie… null?) irritierte mich etwas, dass sie sich den Friseur für ihre zugegebenermaßen umwerfende Frisur von Roberto hatte empfehlen lassen. Und dass die beiden ständig zusammenhingen, lachten und scherzten. Und dass das einen Nerv bei mir traf.

Bist du etwa eifersüchtig, Alcazár? Du klingst eifersüchtig.

Verdammt. Ja, verdammt, ich glaube, das bin ich tatsächlich. O Dios. Und das, obwohl Roberto eigentlich gar nichts machte, zumindest nicht direkt. Der tauchte übrigens – und das haute mich im ersten Moment auch erstmal um – mit Dallas Hinkle bei der Party auf, nicht Alex. Und das, wo ich doch eigentlich gedacht hatte, dass das mal eine gute Gelegenheit für Dallas und Alex wäre. Aber Alex erklärte mir das später: Es war sogar seine eigene Idee gewesen. Denn sowohl sie als auch Roberto stehen auf Herausputzen und Aufbretzeln, Alex jedoch gar nicht, und so dachte er, es sei eine nette Idee, wenn Dallas an Robertos Arm ihren großen Auftritt im Abendkleid hätte und Alex selbst nur den Chauffeur gab. Verstanden habe ich das zwar nicht so recht, aber wenn er meint…
Meins wäre es nicht, Roberto so den Vortritt zu lassen. Siehe meine Reaktion auf ihn und Dee. Oh Mann, darüber muss ich echt nachdenken.

Aber es ist spät. Ab ins Bett, Alcazár. Hopp.


Cólera. In der Gibraltar Private Bank & Trust wurde heute nacht eingebrochen. Bevor Dee heute ihren Termin wahrnehmen und die Sicherheitsmaßnahmen verstärken konnte. Natürlich. War ja klar.
Und es kam gestern ein weiterer Bankangestellter ums Leben, wieder in einem Autounfall, allerdings diesmal ohne Beteiligung einer roten Ampel. Der Mann war ein Stück draußen vor der Stadt an einer scharfen Kurve über eine Klippe ins Meer gestürzt.

Bei der Bank erfuhr Edward, dass der Einbruch den Schließfächern gegolten hatte, genauer einem Schließfach im ganz Speziellen. Es gehört einer Firma namens Segunda Escalera, und wie der Name schon andeutet, stellen sie Leitern her. Oder besser stellten, denn die Firma ging vor fünf Jahren pleite… während das Schließfach in ihrem Namen erst vor vier Jahren angemietet wurde. Sehr mysteriös.

Was das Fach enthalten hatte, war natürlich nicht mehr nachzuvollziehen. Schließlich ist das nur die Sache des Kunden. Aber vielleicht bekommen wir von der Bank noch einen Ansprechpartner genannt. Irgendwas muss es ja mit dem Diebstahl auf sich gehabt haben.

Anschließend fuhren wir hinaus an die Stelle, wo der Bankangestellte seinen Unfall gehabt hatte. Und tatsächlich konnte Alex seinen Geist dort noch finden und mit ihm sprechen. Der Mann trug dasselbe schwarze Band um den Hals wie Caroline Harris, und er berichtete ganz Ähnliches. Dass er die Straße als völlig gerade vor sich gesehen habe, und dann sei er plötzlich gefallen. Seine Wahrnehmung wurde also manipuliert – wie Carolines mit der vermeintlich grünen Ampel. Anders als Caroline, die in der belebten Stadt umkam, hatte der Bankangestellte vor seinem Tod einen Mann gesehen, den er Alex auch beschreiben konnte. Dunkelhäutig, bereits etwas älter, graue Haare. Etwas altmodisch, aber elegant in Anzug und Seidenschal gekleidet. Unser Verdächtiger.
Und der Tote berichtete, dass er, genau wie Caroline, die Sicherheitscodes gekannt habe. Überraschung.

Wir fragten bei unseren üblichen Quellen – lies: Jack „White Eagle“ – nach, wer der Mann im Anzug sein könnte. Er meinte, die Beschreibung passe auf einen gewissen Joseph Adlene. Richtig erinnert, Römer und Patrioten, den Namen haben wir erst vorgestern gehört. Joseph Morris Adlene ist einer von Spencer Declans Lehrlingen, und zwar, anders als Stephania Steinbach, offensichtlich einer mit magischen Fähigkeiten, wenn er diese Nekromantennummer abzieht. Na ganz toll. Sich mit Adlene anzulegen, heißt automatisch, sich mit Warden Declan anzulegen, und das wollen wir ganz sicher nicht. Zumindest nicht offen.


Jetzt sieh einer an. Ximena O’Toole, Robertos Cousine, hat uns kontaktiert. Sie könne unsere Hilfe brauchen, sagte sie. Ich wiederhole mich, aber sieh an.

Bei dem Treffen im Dora’s erzählte Ximena, auch sie müsse Schutzgeld an Spencer Declan entrichten, denselben Betrag wie Edward auch. Und es gebe da jemanden, dem sie etwas heimzuzahlen habe. Sie hat auch gesagt, warum, aber das weiß ich gar nicht mehr so ganz genau. Das „wer“ hat mich nämlich deutlich mehr aus den Socken gehauen. Es ist niemand anderes als Joseph Adlene, unser mordverdächtiger Nekromant, mit dem Ximena eine Rechnung offen hat. Oder besser, dem sie eins auswischen will. Weil er eben als Declans Lehrling eine Chance beim White Council hat und sie nicht, glaube ich. Und weil er die Million aufbringen konnte, die Declan von ihr für den Lehrlingsstatus verlangte, sie aber nicht.

Da es uns ebenfalls zupass kommt, wenn wir dem Kerl das Handwerk legen, willigten wir ein. Eine fähige Magierin von Ximenas Qualitäten kann bei der Aktion sicher nicht schaden. Jetzt müssen wir nur schauen, wie wir in Sachen Adlene am besten vorgehen.

Einfach beim White Council wegen Verletzung der Magiegesetze anklagen können wir ihn jedenfalls nicht. Denn wer vertritt den White Council in Miami? Richtig. Declan. Und bei wem ist Adlene als Lehrling unter Vertrag? Richtig. Declan. Wer wird also wohl kaum einen Finger rühren? Richtig. Declan. Schlimmer noch, vermutlich würde der Warden sogar eher anfangen, aktiv gegen uns vorzugehen, und das… äh. Wäre nicht so gut. Ganz abgesehen davon, dass wir Adlene den Verstoß gegen die Magiegesetze erst mal nachweisen müssten.

Wir überlegten also, dass wir ihn auf andere Weise drankriegen müssten. Es irgendwie schaffen, dass er sich etwas zuschulden kommen lässt, das wir ihm auch beweisen können. Wegen dem er idealerweise im Gefängnis landet. Und zwar in einem Magier-Gefängnis, denn ein normales dürfte wohl kaum ein Problem für ihn darstellen mit seinen Fähigkeiten.
Bei der Besprechung hatten wir erstmal keine brilliante Idee, aber es muss ja auch nicht gleich sofort in dieser Sekunde sein. Mal drüber schlafen – irgendwas fällt uns bestimmt noch ein.

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Timberwere

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