Miami Files

Ricardos Tagebuch: Blood Rites 4

Ganz anderer Plan. Oder besser: eine weitere Metamorphose des ursprünglichen Plans. Wir werden Adlene nicht weismachen können, hinter einem wie auch immer gearteten Tor befinde sich der Jungbrunnen. Aber wir können ihm vielleicht schon eher glaubhaft machen, dass Edward ein Verjüngungsritual beherrscht, oder genauer gesagt eines, das den Alterungsprozess verlangsamt. Nur dass das Ritual, das der dann abziehen wird, den Necromancer nicht langsamer altern lassen wird. Sondern ihm Pech bringen wird, und zwar genau und ausschließlich dann, wenn er wieder seine fiesen Dinger abzieht. Verhält er sich anständig, wird er auch kein Pech haben.

Mit dieser Idee, und vor allem mit dieser Wenn-Bedingung, konnten wir alle leben. Denn wir sind ja immerhin die Guten, verdammt. Edward forschte also etwas nach und fand in einem seiner Bücher zur Magie tatsächlich genau das Passende. Fehlen nur noch die Komponenten.
Deswegen haben wir uns aufgeteilt. Mir schwebt für eine Komponente da nämlich was vor.  

Der Bereich „Sehen“ muss von einem deprimierenden Bild abgedeckt werden, sagte Edward. Und in Alejandras Kindergarten ist mir schon seit längerem ein Gemälde aufgefallen, das die Kernkompetenz „deprimierend“ so ziemlich genau erfüllt. Warum das ausgerechnet in einem sonst so fröhlich eingerichteten Kindergarten hängen muss, weiß ich selbst nicht, aber das könnte echt was sein. Glücklicherweise ist gerade für heute nachmittag das Frühlingsfest angesagt. Langsam höre ich echt auf, an Zufälle zu glauben… Jedenfalls, ich muss gleich los. Drückt mir die Daumen, Römer und Patrioten, dass ich eine Gelegenheit finde, denen dieses Bild abzukaufen!


Wieder zuhause. Ohne Bild. Mierda.

Als ich am Kindergarten ankam, musste ich erst mal feststellen, dass die Leiterin gar nicht anwesend war. Hatte sie die Beschäftigung mit den potentiell nervigen Eltern einfach ihren Untergebenen überlassen.

Aber das Fest war nett: Die Kinder hatten ein kleines Theaterstück zum Thema „Frühling“ einstudiert, und Alejandra durfte die Sonne sein. Darüber war sie allerdings kreuzunglücklich, weil sie lieber einen Schmetterling gespielt hätte statt der Sonne. Ihre Freundin Monica hatte ein Schmetterling sein dürfen, und das war viel toller, fand sie. Kaum hatte ich sie mit der Erklärung, dass sie eine tolle Sonne gewesen sei und beim nächsten Mal bestimmt einen Schmetterling geben dürfe, soweit beruhigt, kam sie kurz darauf wieder weinend angerannt. Edlyn habe Monica an den Haaren gezogen und ihr die Puppe weggenommen.
Von diesem Edlyn hat Alejandra schon öfter erzählt. Ein typischer kleiner Bully, wie es scheint, und vor allem auch noch einer mit schlechtem Einfluss elternseits. Oder wo sollte er sonst wohl Schimpfwörter wie „Spic“ her haben?
Ich ging also hin und stellte Edlyn zur Rede – ganz erwachsen und mit ruhigen Worten, wohlgemerkt, ich war ein wahres Vorbild an Moderation – nur um von seinem Vater der Einschüchterung seines kostbaren Sprösslings bezichtigt zu werden und mir blöde Sprüche von wegen „Berühmtheit schafft kein Recht“ anhören zu dürfen. Ha ha.

Monica und Alejandra waren jedenfalls schnell wieder beruhigt, nachdem ’Jandra ihre Puppe wiederhatte, und auch mit Edlyn vertrugen sie sich schnell wieder und rannten zusammen davon. Bis sie wieder heulend angerannt kamen. Madre mia.

Diesmal brannte im Garten ein Busch. ’Jandras Puppe habe plötzlich Feuer gespuckt, erklärten die Kinder unter Tränen. Oder besser, ’Jandra und Edlyn erklärten unter Tränen. Monica sah eher schuldbewusst drein. Ihre Mutter nahm die Kleine eilig beiseite, und ich hörte sie streng mit ihrer Tochter tuscheln. Oh-hoh. Die Angelegenheit war schnell als spontan entzündliches Spielzeug erklärt (auch wenn diese Puppe garantiert kein Billigimport aus China war. Aber was tut man nicht alles, um die Fiktion aufrecht zu erhalten.)
Nur Mrs. Salcedo nahm ich mir unauffällig beiseite und fragte sie, ob ihre Tochter das schon länger habe und immer größere Schwierigkeiten, das unter Kontrolle zu halten. Wenig überraschend, konnte Monicas Mutter mir das bestätigen, und ich versprach ihr, mich einmal umzuhören. Vielleicht finde ich ja jemanden, der die Kleine in Sachen Magie ein wenig unterweisen kann. Wir kennen da ja so eine junge Dame, die in Sachen Feuer recht bewandert ist.

Dann kam ich jedenfalls endlich dazu, Alejandras Betreuer, einen Osteuropäer namens Gregor Kasinski, auf das Bild anzusprechen. Er bedauerte vielmals, aber das Bild sei von einem guten Freund der Chefin höchstselbst gemalt worden, einem Gönner des Kindergartens, und wenn er das Bild einfach so verkaufe, dann sei dieser Herr bestimmt zutiefst beleidigt und werde seine Gönnerschaft zurückziehen.

Seufz. Dann bekommt der Kindergarten eben einen neuen Gönner…
Und außerdem… es sei doch keinesfalls Gregors Schuld, dass das Bild in dem unglücklichen Zwischenfall mit der spontan entzündeten Puppe ebenfalls abgebrannt sei?
Hmm ja. Das sah der Kindergärtner ein – nur hätte ich wohl mal besser nicht so laut gesprochen… oder hätte die kleine Monica nicht so gute Ohren, denn kurz darauf kam das Mädchen stolz wie Oscar wieder. „Mama, Mama, das Bild ist abgebrannt!“

Seufz. Also gut. Bekommt der Kindergarten eben trotzdem seinen neuen Gönner, und muss ich eben selbst versuchen, ein so bedrückendes Bild hinzubekommen wie das verbrannte. Allzugroßes malerisches Talent dürfte es ja nicht benötigen. Allerhöchstens bin ich ein zu großer Optimist dafür, um etwas derart… deprimierendes zu malen. Ich muss daran denken, mir beim Malen trübe Gedanken zu machen, sonst klappt es vielleicht nicht.

Oh, aber eines noch. Naja, zwei Dinge. Edlyns Vater hörte ich etwas von „anderer Kindergarten. Eindeutig anderer Kindergarten“ murmeln, worüber ich mich bestimmt nicht beschweren werde. Andererseits bin ich mir gar nicht sicher, ob ich es ihm für ’Jandra nicht gleich tun sollte. Denn die erzählte mir nach hinterher ganz vertraulich, dass Gregor super-nett sei. Der tröste sie immer, wenn sie traurig sei und weinen müsse. Und dann gebe er ihr ein Taschentuch. Und dann trinke er die Tränen aus dem Taschentuch. Das habe sie jedenfalls mal gesehen.

Mierda. Ein White Court, der sich von Traurigkeit ernährt? Aber warum dann das Taschentuch leertrinken und nicht einfach die Trauer nehmen? Ich muss wissen, wem – oder besser, was – genau meine Ziehtochter da als Zögling anvertraut ist.

Aber jetzt mache ich mich erstmal an dieses verdammte Bild. Irgendwo in der Rumpelkammer habe ich doch noch Leinwand und Acryl rumliegen von der Zeit, als Yolanda ihre kreative Phase bekam und mich partout auch zum Malen animieren wollte. War sogar ganz lustig, bis mich dann die Muse überkam und ich mit Crying Virgin anfing.
Nicht vergessen. Trübe Gedanken machen.


Fertig. Ich habe mich so gut runtergezogen, wie ich nur konnte. Das fertige Machwerk ist eigentlich ganz… Hm. „Gut geworden“ kann ich jetzt wirklich nicht sagen. Aber zumindest scheint es mir für seinen Zweck halbwegs geeignet zu sein. Nicht ganz so deprimierend wie das Original, glaube ich, aber ich hoffe, für Edwards Ritual reicht es. Sehen wir dann morgen, wenn wir uns wieder treffen.


Die anderen hatten auch ziemlich, äh, skurrile Erlebnisse, wenn ich das mal so sagen darf. Aber immerhin haben wir alles zusammen, was wir für das Ritual brauchen.

Als Gegenstand für „Fühlen“ wird etwas benötigt, das Pech bringt, steht in der Anweisung. Dazu wusste Edward, dass in der Asservatenkammer des SID eine Hasenpfote aufbewahrt wurde, die als verflucht und gefährlich eingestuft war. Die zu beschaffen, war sogar leichter als befürchtet, denn als Edward dazukam, waren die übrigen SID-Beamten gerade dabei, sich wegen genau dieses Dings zu streiten. Und zwar hatte sein skeptischer Kollege Mark, der für alles immer eine rationale Erklärung sucht, sich die Hasenpfote aus der Asservatenkammer geholt, um seiner dem Übernatürlichen gegenüber aufgeschlosseneren Partnerin zu beweisen, dass das Ding eben kein Pech brachte. Einen toten Gecko in der Kaffeetasse, eine auf Marks Kopf gestürzte Rehgipsplatte aus der Decke und einen gebrochenen Arm später war der Mann zwar immer noch nicht überzeugt, dass es das Übernatürliche gibt, aber Edward immerhin im Besitz der Hasenpfote.

Die Abteilung „Geschmack“, sagt die Ritualbeschreibung im Buch, müsse über Wein von einem gesunkenen Schiff kommen. Dabei dachten wir natürlich zu allererst an eine alte spanische Galeone, aber so weit in die Vergangenheit mussten wir gar nicht. Alex hatte irgendwo gehört, dass vor wenigen Wochen ein Schnellboot namens „Presley“ vor der Küste havariert und untergegangen ist. Er fuhr also hinaus aufs Meer und zu der Stelle – nur um dort auch eine Jacht vorzufinden, bemannt vom Sohn des Jachtbesitzers und zwei anderen jungen Leuten, die Alex flüchtig kannte. Die hatten beim Tauchen nach der „Presley“ eine Kiste mit 15 kg Heroin gefunden und waren nun am Debattieren darüber, was mit dem Zeug passieren sollte. Ehe das Ganze eskalieren und in einem Blutbad enden konnte, gelang es Alex, die drei Jugendlichen davon zu überzeugen, dass die Drogen am besten gegen einen Finderlohn ihren ursprünglichen Besitzern übergeben werden sollten. Auf diese Weise die Drogenkriminalität zu unterstützen, passte Alex zwar gar nicht, aber so konnte er wenigstens das Leben der drei jungen Leute retten, und 15 kg Heroin hätte die Drogenmafia so oder so recht schnell wieder hergestellt. (Seinen Wein aus dem Bestand der „Presley“ bekam Alex übrigens auch noch. Völlig problemlos sogar: Nach all der Aufregung überließen seine jungen Freunde ihm anstandslos eine Flasche.)

Roberto wollte die Kategorie „Hören“ abdecken, weil er in der Nähe seiner Bótanica einen kleinen Laden kennt, der sich ganz auf alte Schallplatten spezialisiert hat. Und eine Schallplatte mit einem Lied, zu dessen Klängen sich jemand umgebracht hat, ist ja genau das, was Edward für sein Ritual braucht. Also wollte Roberto eine Aufnahme von Billie Holidays „Gloomy Sunday“ besorgen, die dieses Kriterium ja laut diverser urbaner Legenden erfüllt. (Ich persönlich hätte ja vermutlich eher was von Lana del Rey gewählt. Die Frau will doch irgendwie auch immer sterben.  Aber ob tatsächlich schon mal jemand Selbstmord begangen hat, während eine ihrer Schnulzen lief, oder ob ihre romanto-schaurige Todessehnsucht noch keine echten Nachahmer gefunden hat, das weiß ich natürlich nicht. Ich will es auch gar nicht wissen, ehrlich gesagt. Der Gedanke ist nämlich ziemlich fürchterlich, wenn man es genau betrachtet. Oh, und ob man deren Sachen überhaupt auf Vinyl bekommen könnte oder nur digital, weiß ich natürlich auch nicht. Und klar, einen Song von Billie Holiday zu wählen, hat viel mehr Stil. Auch wenn der nur das Remake eines ungarischen Originals war.)

In dem Laden jedenfalls kam – und warum wundert mich das bei Roberto nicht – wieder mal alles ganz anders. Ja, seine Billie-Holiday-Scheibe bekam Roberto, aber da waren zu dem Zeitpunkt auch noch ein paar andere Kunden im Laden, die sich gerade heftig um eine andere Platte stritten. Eine der Beteiligten kannte Roberto als eine Mit-Santería von Oshun namens Edelia Calderón, während einer der beiden Männer ihm einen gewissen Einfluss Titanias aufzuweisen schien. Der zweite Mann – der, der die Platte stur festhielt und behauptete, er habe sie als erster gefunden – war eigentlich mehr ein Junge, bestimmt noch keine zwanzig.

Es lag jede Menge Spannung, ja drohende Gewalt, in der Luft, so dass der Ladenbesitzer, wenig verwunderlich, sich durch die Hintertür verzog und Roberto zurief, er könne das doch bestimmt lösen. Was der auch, ähm, tat. Hust.
Er hörte sich nämlich erstmal an, worum es bei dem Ganzen überhaupt ging (das begehrte Objekt war eine unglaublich seltene Aufnahme aus den 1940ern der ganz jungen Celia Cruz, der „Königin des Salsa“, von einem Konzert in Venezuela, von dem man bisher nicht einmal gewusst hatte, dass überhaupt Aufzeichnungen davon existierten) und fragte dann, ob er die Scheibe mal sehen dürfe. Die drei Streithähne schienen ihn nach einigem Zögern tatsächlich als Schlichter zu akzeptieren, denn der Junge reichte ihm die Schallplatte.

Und was macht Roberto? Sieht sich genau an, ob auch alles seine Richtigkeit hat – und dann bricht er das verdammte Ding mitten entzwei!
Und dann… Na was sonst. Er rannte, seine eigene Platte fest in der Hand, während ihm der geballte Zorn einer Oshun-Santería und eines Sommer-Sidhe in Form von Feuerbällen und Gewitterblitzen hinterherjagte.
Oh Mann. Typisch Roberto. Muss sich neue Feinde machen, wo er auch hingeht.

Da Totilas ja noch immer für Gerald zugange ist – höchst geheimnisvoll, wir haben den seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen – kümmerte Ximena sich um die Geruchskomponente. Die sollte laut Edwards schlauem Buch aus einer Grablilie bestehen, die den Händen eines Toten entnommen werden musste. Dank ihrer guten Kontakte wusste Ximena auch von einer Beerdigung, bei der sie sich hoffentlich eine solche Lilie beschaffen konnte.
Kurzfassung: Es gelang ihr.
Langfassung: Bei der Beerdigung dieses Mannes, eines gewissen Gio Mantovani, kam es zu einigen Turbulenzen und einer Verkettung unglücklicher Umstände, bei der insgesamt vier Personen ums Leben kamen – die Tochter des Verstorbenen, dessen zweite Ehefrau, sein Neffe und ein unehelicher Sohn. Ximena sagte später, sie habe aus dem Augenwinkel gesehen, wie die zweite Ehefrau der Tochter etwas in die Seite gesteckt habe (Gift? Insulin?), dann in ihrem Auto von einem Krokodil angefallen worden sei, woraufhin sie natürlich die Kontrolle über das Fahrzeug verlor und den unehelichen Sohn überfahren habe, während der Neffe am Steuer seines eigenen Autos aus unerfindlichen Gründen von einem Stromschlag getroffen wurde. Ich will ja nichts sagen, aber da fragt man sich doch, ob der Tod des alten Mantovani natürliche Ursachen hatte…
Nur ein Gutes hatte die groteske Situation: Um Ximena und ihr Entwenden einer Lilie aus dem Sarg des Toten kümmerte sich kein Mensch mehr.

Ludwig Uhlands Ballade „Des Sängers Fluch“ für den Geist war schnell ausgedruckt, nachdem wir uns aufgrund der eher vagen Beschreibung im Ritualbuch darauf geeinigt bzw. ein klein wenig nach einem passenden Gedicht gesucht hatten. Dasselbe galt für die Seelen-Komponente, die aus nichts weiter bestand als aus einer Abschrift von 4. Mose 22, 6: „So komm nun und verfluche mir dieses Volk, denn es ist mir zu mächtig, auf dass ich es schlagen möchte und aus dem Lande vertreiben; denn ich weiß: Wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.“

Die Komponenten hatten wir also.  Jetzt blieb nur noch die Frage, wie Adlene darauf ansetzen. Gemeinsam einigten wir uns auf folgende Tarngeschichte:

Ein wohlhabender Geschäftsmann, ein gewisser Gio Mantovani, hatte uns beauftragt, ein Altersverzögerungsritual für ihn durchzuführen. Ehe wir es ausführen konnten, und vor allem auch ehe Mantovani uns hatte bezahlen können, starb der alte Mann unerwartet bei einem Autounfall. Wir hatten also nun diese Ritualkomponenten gesammelt und die ganzen Auslagen gehabt, aber nun niemanden, der uns das Ding abkaufen wollte…

Natürlich wollten wir keine echten Interessenten anlocken, sondern nur Adlene. Deswegen gingen wir in den Buchladen, wo Alex sich unauffällig umsah und feststellte, dass tatsächlich einer von Adlenes Geistern hier herumspukte und offensichtlich darauf wartete, interessante Gespräche aufzuschnappen. Also konnten wir unsere kleine Scharade, in der wir uns im Flüsterton über unser „Problem“ und darüber, was wir nun deswegen unternehmen sollten, tatsächlich vor Publikum aufführen.
Als Alex später dann nochmal nachsah, war der Geist weg.

Der Köder ist also ausgeworfen. Jetzt müssen wir nur sehen, ob der Fisch zubeißt.

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Timberwere

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