Miami Files

Ricardos Tagebuch: Death Masks 1

Wo sind wir da nur wieder reingeraten? Ich meine, ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass abgefahrener Kram passiert. Aber so abgefahrener Kram? Madre mia.

Eigentlich fing alles mehr oder weniger normal an. Wir saßen im Dora’s (das sich übrigens in letzter Zeit etwas verändert hat. Irgendwie ist es ‘grüner’ geworden, nur noch Bio-Zutaten, FairTrade-Kaffee, all diese Dinge, und die Klientel besteht seit einer Weile auch mehr aus Angehörigen der umweltbewussten Szene denn aus Cops. Ich kann aber nicht sagen, dass mich das stören würde. Die neuen Donuts schmecken richtig lecker, und die hausgemachten Bagels mit Rührei und Lachs erst…), als ein Kerl, der seiner Kleidung und seinem unsicheren Gebaren nach offensichtlich aus den Glades stammte, hereinkam, sich umschaute und dann relativ zielsicher an unseren Tisch kam. Ob wir die ‘schönen Männer’ seien. Grrrrrr.

Und Roberto bejahte das auch noch. Soll er doch für sich selbst sprechen, verdammt. Wie dem auch sei, der Mann hatte offensichtlich gefunden, wen er suchte, und stellte sich jetzt als Samuel Elder vor. Ja, einer von den Elders. Dem Werkrokodils-Clan aus den Glades. Cousin oder Onkel oder sowas von Selva Elder von der Waystation, dem neutralen Boden da draußen, wo damals die Auktion über die Sturmkinder abgehalten wurde.

Dieser Samuel Elder jedenfalls meinte, er hätte gehört, wir würden Leuten helfen. Was uns erst einmal gehörig blinzeln ließ. Wie und wann zum Geier ist das denn nun aufgekommen? Na, von mir aus. Es stimmt ja sogar irgendwie. Vor allem, wenn der Mensch, der da ankommt, so.. hm… hilflos wirkt wie Samuel in diesem Fall.

Seine Nichte Ilyana mache ihm Sorgen, sagte er. Die sei vor ein paar Wochen in die Stadt gegangen und nicht wiedergekommen, habe sich mit den Santo Shango eingelassen, aber sie gehöre nun mal in die Glades, die große Stadt und vor allem die Santo Shango seien nicht gut für sie. Ob wir mal versuchen könnten, mit ihr zu reden.

Na von mir aus. Versuchen konnten wir es ja tatsächlich mal, nur versprechen konnten und wollten wir nichts. … Was sich dann auch als durchaus vernünftig herausstellte, denn wir bekamen Ilyana bei den Santo Shango nicht mal zu sehen.

Wir beobachteten deren Hauptquartier eine Weile, ehe wir Aufmerksamkeit erregten und eine, jetzt hätte ich fast ‘Audienz’ gesagt, aber das Wort trifft es eigentlich gar nicht so schlecht, bei Cicerón Linares erhielten. Glücklicherweise haben wir ja bisher keinen Grund, uns mit dem anzulegen, bzw. er sich mit uns, und so verlief das Gespräch ganz friedlich. Friedlich, aber unzufriedenstellend.

Es sei unmöglich, mit Ilyana zu reden, erklärte Cicerón, denn die werde gerade zur Priesterin ausgebildet. Das Ritual, das gerade durchgeführt werde, dauere ein paar Tage und dürfe nicht unterbrochen werden. Wenn dieser Schritt abgeschlossen sei, könnten wir zu ihr. Mierda.

Der Santo Shango hatte aber noch weitere Neuigkeiten, eine so beunruhigend wie die andere. Die Masken von Yansa, Oshun und Eleggua seien aufgetaucht, erklärte er mit bedeutungsschwerer Stimme und einem mindestens ebenso bedeutungsschweren Blick zu Alex und Roberto. Den beiden sollte das also offensichtlich etwas sagen, und tat es auch, wenn ich mir deren Reaktion so ansah. Anders als mir. Okay, Oshun und Eleggua sind diese Santería-Orishas, und Oshun ist Robertos Schutzpatronin und Eleggua der ‘Auftraggeber’ von Alex. Soweit wusste ich das natürlich schon. Die Masken, erklärten sie mir später, existierten seit Jahrhunderten und erlaubten es ihrem Träger, die Macht der jeweiligen Orishas zu kanalisieren und zu nutzen, ohne es dem Orisha selbst zu erlauben, den Körper des Praktizierers zu übernehmen.

Klingt irgendwie nicht sonderlich christlich, wenn ich mir das so überlege. Ich hatte das bis dahin immer so verstanden, dass Robertos Schutzheilige die Jungfrau Maria ist, die ihn mit ihrem Geist erfüllt. Naiv, Alcazár, unfassbar naiv. Genug der Selbstverleugnung. Du hattest das so verstehen wollen. Zwei deiner Freunde betreiben Voodoo, auf die eine oder andere Weise. Gesteh es dir ein. Werd damit fertig. Ich meine, einer deiner Kumpels ist ein Vampir, um Himmels Willen. Und dein bester Freund ist eine Art Werwolf, wo wir schon mal dabei sind. Padre en el cielo, vergib uns allen unsere Sünden.

Jedenfalls. Diese Loa-Masken, die seit Jahrhunderten bei ihren jeweiligen Priesterschaften aufbewahrt wurden, und zwar hochgeheim, damit sie nicht in falsche Hände geraten sollten, sind offensichtlich entwendet worden. Oder jedenfalls aus der Versenkung aufgetaucht. Irgendwer habe seinen Mund nicht halten können über die Masken.

Linares deutete auch noch an, dass er ein großes Interesse an der Yansa-Maske habe, und wenn wir ihm die brächten, könne er sicherlich dafür sorgen, dass wir mit Ilyana reden könnten. Hah. Unglaublich mächtige Voodoo-Maske gegen ein paar Minuten Gespräch? Von wegen. Na gut, räumte Cicerón dann ein, davon sei er auch gar nicht ausgegangen, aber es könne ja nichts schaden, sein Interesse an dem Ding mal so ganz grundsätzlich zu bekunden. Doppel-Hah.

Außerdem erzählte er noch, dass die Orunmila Probleme mit dem White Court hätten. Und das, Römer und Patrioten, beunruhigte Roberto und Totilas, und per Definition somit auch uns andere, fast noch mehr als die Geschichte mit den Masken. Denn wenn die Orunmila Ärger haben, warum wusste Roberto dann nichts davon, der relativ eng mit ihnen zu tun hat? Und wenn es Probleme mit dem White Court sind, warum war Totilas dann nicht darüber im Bild? Sehr seltsam, das alles.

Es hatte sich jedenfalls nicht nur um einen Einzelfall gehandelt, berichtete Linares weiter, sondern es hatte mehrere Vorfälle gegeben, und bei allen waren Bewaffnete aufgetreten, die an ihrer Verbindung zum White Court keinen Zweifel gelassen hatten. Sie hatten schwarze, paramilitärische Uniformen getragen und waren alle an einem Armband mit einem Symbol darauf zu erkennen gewesen. So war vor einigen Tagen eine Botánica überfallen und verwüstet worden. Gestern oder vorgestern hatten dieselben Typen an einer Bushaltestelle ein paar Jugendliche aus dem Viertel verprügelt, und gerade heute hatte ein Haus gebrannt.

Wir gingen diesen Spuren natürlich nach, gar keine Frage. Zuerst kontaktierte Edward seine Dienststelle und ließ sich den Tathergang und die Täter, soweit bekannt, beschreiben. Das Symbol auf den Armbändern war Totilas bekannt: es war eine stilisierte Version des Wappens von Haus Raith.
Dann sprach Edward mit einem seiner Bekannten bei der Feuerwehr, der uns zu dem Brand folgendes sagen konnte: Das Feuer sei durch Brandstiftung entstanden; laut Zeugenaussagen habe eine rothaarige Frau Brandsätze geworfen. Oder zumindest müssten es Brandsätze gewesen sein, auch wenn noch keine Spuren von Brandbomben oder ähnlichem hätten gefunden werden können. Menschen seien bei dem Brand aber keine zu Schaden gekommen, weil die Frau vorher alle Bewohner aus dem Haus gejagt habe. Immerhin, eine Brandstifterin mit Skrupeln. Und vermutlich sogar eine magisch begabte Brandstifterin mit Skrupeln, zumindest deuteten darauf die fehlenden Spuren von Brandsätzen gleich welcher Art.

Rothaarige Flammenmagierin… Na, wer fiel dem Cardo wohl als erstes dazu ein? Nicht gut, Römer und Patrioten. Gar nicht gut. Bei der Vorstellung ging mir gehörig der Arsch auf Grundeis, wenn ich das mal so krude ausdrücken darf. Aber eine Beschreibung der Dame ergab, dass es nicht Lady Fire war. Und Christine, ihr mundanes Sprachrohr aus dem „Fiery Places“, konnte es auch nicht sein. Den Stein von meinem Herzen konnte man bestimmt noch in Orlando poltern hören. Übrigens hatte die Frau, als sie die Leute aus dem Haus scheuchte, laut und deutlich „schöne Grüße von Gerald“ bestellt. Mierda.

Totilas rief also sofort seinen Großvater an, der allerdings energisch abstritt, dass der White Court den Orunmila Ärger machen wolle, und seinen Enkel damit beauftragte, sich weiter um die Sache zu kümmern.

Als nächstes suchten wir die Jugendlichen an dieser Bushaltestelle auf und bekamen von denen bereitwillig erzählt, was sich zugetragen hatte. Einer der Jungen war gerade hinter einem Baum gewesen, als die Schlägertypen auftauchten, und war klugerweise außer Sicht und den Kerlen hinterher auf den Fersen geblieben. Er verfolgte sie bis zu einer Nobelkarosse, wo die Typen sich mit einer „umwerfend scharfen Braut“ trafen, mit dunklen, knapp schulterlangen Haaren und „coolen silberfarbenen Kontaktlinsen“, die der Junge sehen konnte, nachdem die Frau einen langen Moment mit dem Anführer der Schläger herumgeknutscht und diesem offensichtlich den Atem geraubt hatte, so sehr wie dem die Knie weich wurden. Nach dieser Zeugenaussage war für uns klar: Die scharfe Braut war eindeutig eine White-Court-Vampirin. Zum Glück hatte der Junge sich auch das Nummernschild merken können. Das zugehörige Fahrzeug, konnte Edward über seine Polizeikontakte in Erfahrung bringen, gehörte zum Fuhrpark des Raith-Clans. Eine weitere Info, die Totilas seinem Großvater zukommen lassen konnte.

Wir gingen indessen die Orunmila aufsuchen. Immerhin dreht sich diese ganze mierda um sie. Wir fanden Macaria Grijalva im Gemeindehaus des Viertels, wo diese gerade im Gespräch, oder besser heftigem Disput, mit zwei Männern war, die Roberto uns als Mit-Älteste der Santería-Gemeinschaft ausdeutete. Um was es ging, konnten wir nicht hören, aber ich vermute mal, um eben genau die jüngsten Ereignisse. Macaria selbst war recht kurz angebunden zu uns, erklärte aber, dass der White Court es wohl wegen der „Sache in Fort Lauderdale“ abgesehen habe. Was genau in Fort Lauderdale passiert sei, sagte sie nicht, irgendein Kampf, irgendeine Auseinandersetzung, und dabei seien angeblich die Orunmila den weißen Vampiren in den Rücken gefallen. Was nicht stimme, erklärte Macaria mit Nachdruck. Aber die Gerüchte gebe es eben, und seither auch die Übergriffe des White Courts. Und ja, die Orunmila haben irgendwelche Beziehungen zu den Raiths, ganz aus der Luft gegriffen ist die Verbindung also nicht. Nur eben das mit dem Verrat, sagte Macaria. Bezüglich der Loa-Masken bestätigte sie uns etwas widerwillig, dass deren Verbleib tatsächlich nicht länger im Dunklen liege. Angel Ortega, Robertos Spezialfreund von der Sache mit dem Geisterbiest, habe ausgeplaudert, dass die Masken bei den Orunmila in Verwahrung liegen. Und nun sei natürlich die ganze Welt hinter den Dingern her. Und Angel wegen dieser Indiskretion bis auf Weiteres von den Orunmila ausgeschlossen. (Was Roberto, nicht sonderlich überraschend, ein kleines, schadenfrohes Grinsen entlockte.)

Totilas wurde übrigens von den Leuten im Viertel ziemlich sofort als weißer Vampir erkannt und entsprechend finster betrachtet, und er bekam auch mehr als ein Schimpfwort ab. Nur gewalttätig wurde es nicht. Zum Glück. Aber weil es vermutlich nicht sonderlich gesund für unseren Raith-Kumpel gewesen wäre, so lange in Little Cuba herumzuhängen, bis es vielleicht doch zu Tätlichkeiten kam, traten wir lieber den Rückzug an. Alex hatte einen Kumpel, der sich unglaublich gut aufs Zeichnen verstand und der nach den Beschreibungen der Mieter des abgebrannten Hauses ein Phantombild von der feuerhaarigen Brandstifterin erstellte.

Keinem von uns sagte die Frau auf dem Bild etwas – nur Roberto. Und der kannte sie auch noch, weil sie tatsächlich eine Verwandte von ihm war. Eine Cousine, um genau zu sein, Ximena O’Toole. Deren Mutter, Robertos Tante, hatte einen Iren geheiratet, deswegen die schräge Namenskombination. Und deswegen auch die Haare, vermutlich.

Ximena O’Toole – dieser Name hatte auch auf der Liste gestanden, die Spencer Declan uns damals bei der Sache mit den Kojanthropen erstellt hatte, als es darum ging, wer in der Stadt alles mächtig genug war, um dieses Ritual abzuziehen. Wir hatten uns mit ihr nur nie beschäftigt, weil sich dann ja recht schnell herausstellte, dass Angel versehentlich das Biest gerufen hatte und wir die Liste nicht weiter abklappern mussten. Tssss. Dieser Roberto. Hätte er ja schon damals mal einen Mucks tun können, dass ihm der Name etwas sagte.

Aber jedenfalls war diese Verbindung insofern von Vorteil, als Roberto über seine Eltern leicht an Ximenas Adresse und Telefonnummer kam und dann einfach kurzerhand bei seiner Cousine anrief.
Das Gespräch das wir am Lautsprecher mitbekamen, war höchst amüsant. Es war nämlich ein klassischer Fall von Missverständnis. Roberto kam überhaupt nicht dazu, sein Anliegen vorzubringen, denn er wurde sofort mit einem „Ach, du bist bestimmt der neue Spieler! Du spielst einen Zwerg, richtig? Heute abend um acht geht’s los“ überfahren.
Roberto, völlig überfordert, sagte nur ein paarmal „ja, ja, okay, ist gut, bis dann“ und legte auf. Seiner verblüfften Miene nach hatte er noch nie Arcanos gespielt, deswegen erklärte ich erst mal ein wenig, vor allem, weil der Begriff „Rollenspiel“ ihn und Totilas zunächst in eine völlig andere Richtung denken ließ. Seufz.

Danach beschlossen wir, dass ich an Robertos Stelle am Abend zu der Session gehen würde, weil ich auf der Uni früher regelmäßig Arcanos gespielt habe und den „neuen Spieler“ glaubwürdiger würde geben können als Roberto, der ja Pen&Paper-Rollenspiel noch gar nicht kennt.

Aber bis dahin war noch etwas Zeit, und so fuhren wir erstmal raus zu Jack in der Kommune, ob der uns vielleicht etwas mehr über die ganze mierda sagen konnte. Von den Loa-Masken wusste er selbst nicht so viel, aber Voodoo ist ja auch nicht so wirklich White Eagles Spezialgebiet. Ximena O’Toole hingegen kannte er als Magie-Wirkerin, nicht ganz auf White Council-Niveau, aber auch nicht so schlecht. Eigentlich ziemlich cool drauf, meinte er, nur in letzter Zeit habe sie ziemlich abgedreht. Hm. Okay. Also mit etwas Vorsicht zu genießen, die Dame. Als ob das aufgrund ihrer letzten Tätigkeiten in Sachen Häuser anzünden nicht ohnehin schon klar gewesen wäre.

Die Spielsession fand bei einem Kommilitonen von Ximena statt. Außer mir waren da noch vier andere Spieler, Ximena die einzige Frau darunter. Es gab etwas Verwirrung, weil anscheinend ausgemacht gewesen war, dass als fünfter Mitspieler ein Mädchen rekrutiert werden sollte, und ein Mädchen bin ich ja nun mal definitiv nicht. Darüber war einer der Jungs, Cole mit Namen, ziemlich angepisst, während ein weiterer Mitspieler, Gary, mich sofort erkannte, als ich zur Tür reinkam, und fast einen Herzinfarkt bekam. Da habe ich wohl einen ziemlichen Fan von mir getroffen… Das freute mich natürlich einerseits, aber andererseits wollte Gary die ganze Zeit mit mir über meine Bücher reden. Ich versuchte, das so gut wie möglich abzublocken, immerhin waren wir für Arcanos da und nicht für Das Eric Albarn RPG, aber es ging so weit, dass der Spielleiter Gary ermahnen musste, das OT-Geblubber doch bitte auf hinterher zu verschieben.

Ximena war auch ziemlich auf Krawall gebürstet. Als sie rausbekam, wer ich bin, machte sie mir erstmal Vorwürfe, ich hätte meine gesamten Eric-Plots bei einem gewissen Grant Walton abgeschrieben. Und dabei kenne ich diesen Grant Walton noch nicht mal. Memo an mich: mal was von dem lesen und sehen, ob er meinen Sachen wirklich so sehr ähnelt. Ihre Sticheleien wurden den ganzen Abend über auch nicht viel besser, selbst nachdem wir ins in-game gegangen waren. Aber das lag vielleicht daran, dass sie eine Elfin spielte und ich eben, wie gesagt, einen Zwerg, da gehören so launige Streitigkeiten einfach dazu. Spaß gemacht hat es jedenfalls.

Als der Spielabend rum war, bot ich Ximena an, sie heimzufahren, in der Hoffnung, noch etwas mehr von ihr erfahren zu können, aber sie war mit dem Fahrrad da und wollte sich nicht unbedingt zu mir ins Auto setzen. Klar. Wenn sie so magisch begabt ist, wie sie es zu sein scheint, dann ist moderne Technik vermutlich schon ziemlich anfällig bei ihr. Und James hat ja nun mal einen Bordcomputer und auch sonst alle mögliche Elektronik in sich, die sie hätte zerschießen können.

Aber wie wir da so vor dem Haus standen, fragte sie mich rundheraus, ob ich zu den ‘schönen Männern’ gehören würde. Gah. Nicht sie auch noch. Verdammt. Naja, wirklich abstreiten konnte ich das nicht, zumindest nicht die Tatsache, dass ich mit den anderen Jungs zusammenhänge und dass irgendwie diese verdammte Bezeichnung an uns hängengeblieben ist. Jedenfalls meinte sie, als ich es ihr brummelnd bestätigt hatte, wenn wir mal Hilfe brauchen würden oder einen Auftrag vergeben wollten, sie sei da. Und gab mir ihre Karte. Dass da nicht „Mage for Hire“ draufstand, war noch alles. Auf den Hausbrand sprach ich sie noch nicht an. Erstmal mit den anderen reden und Bericht erstatten. Was ich am nächsten Morgen dann gleich tat.

Gerald Raith hatte inzwischen etwas über das Autokennzeichen herausgefunden, das Totilas ihm durchgegeben hatte. Es gehört zu der Limousine, die seine Mutter Camerone regelmäßig nutzt. Camerone Raith, die sich mit ihrem Sohn Gerald so überhaupt nicht versteht. Camerone Raith, die letztes Halloween beinahe mit Roberto rumgemacht hätte. Die Camerone Raith. Yay.

Also ab ins Biltmore Hotel, wo die Lady ja, wie fast alle anderen Raiths auch, seit über einem Jahr ihre Residenz aufgeschlagen hat. Oder besser hatte. Denn Camerone war nicht mehr da, als wir ankamen. Hatte ihre Suite zwar noch gebucht, aber war schon seit einigen Tagen nicht mehr dort gewesen. Mierda.

Nachdem wir jetzt von Camerone wussten, kontaktierte ich Ximena und bat um ein Treffen. Dabei gestand ich ihr dann, dass ich am vorigen Abend nicht ganz so zufällig zu der Spielgruppe gestoßen sei (was sie erwartungsgemäß nicht sonderlich überraschte). Sie gab zwar nicht zu, den Brand in dem Haus gelegt zu haben, noch wer ihre Auftraggeberin gewesen war, aber mit einer Reihe „wenn“ und „angenommen“ und „hypothetisch“ von beiden Seiten wurde es doch relativ klar, dass sie das Feuer zu verantworten hatte. Sie erklärte sich bereit, ihrem Auftraggeber eine Nachricht zu überbringen, war aber ansonsten sehr schweigsam und sagte nichts, fühlte sich offensichtlich ihrer Berufsehre verpflichtet. Unsere Warnung, sie solle sich nicht mit so riskanten Sprüchen wie „ich bin genauso gut wie Declan – nur billiger!“ mit dem Warden anlegen, tat sie mit einem Schulterzucken ab. Wenn Declan sich mit ihr anlegen wolle, solle er es nur versuchen. Dann werde man ja sehen, was dabei rauskäme. Hossa. Mutig. Ich meine, wir werden sie bestimmt nicht an Declan verraten, aber sowas könnte trotzdem schneller bei ihm ankommen, als ihr lieb ist.

Da wir keine Ahnung hatten, wie lange es dauern würde, bis Ximena mit Camerone redete und ob Totilas’ Urgroßmutter überhaupt mit uns würde reden wollen, wie erbeten, beschlossen wir, selbst nach ihr zu suchen. In ihrem Hotelzimmer waren ja noch die meisten ihrer Sachen, darunter auch ein Paar Schuhe, das sie offensichtlich vor kurzem getragen hatte und mit dem Edward ein Suchritual abhalten konnte, das uns zu ihr führte.

Die Spur führte in das Gemeindehaus in Little Cuba, in dem wir zuvor schon mit Macaria Grijalva gesprochen hatten. Dort geriet Roberto in ein religiöses Streitgespräch mit einem padre, der gegen die Santería wetterte und versuchte, Roberto davon zu überzeugen, dass dessen Weg der falsche war. So ganz in den Kleidern stecken blieb dem der Sermon offensichtlich nicht, denn er wirkte hinterher sehr nachdenklich. (Und ich muss dem padre ja recht geben. Christlich ist das, was Roberto da treibt, keinesfalls.)

Wir schlichen uns jedenfalls rein, um zu lauschen. Das ging nicht so lange gut: Sie erwischten uns und warfen uns hochkant raus. Aber nicht, ehe wir hörten, wie Camerone Raith den Orunmila ein Bündnis anbot. Sie erklärte den drei Ältesten, sie sei von Gerald Raith beauftragt worden, den Orunmila einzuheizen, aber sie wolle jetzt doch lieber mit den Santeríos zusammenarbeiten, weil Gerald ihr ein Dorn im Auge sei und sie ihn loswerden wolle. Macaria Grijalva sah zwar nicht besonders glücklich damit aus, aber die beiden anderen Ältesten nahmen das Angebot der Raith-Vampirin an. Und das war dann, wie gesagt, der Moment, in dem wir aufflogen. Mierda.

Wir warteten also draußen an deren Auto auf Camerone Raith, ganz offen. Irgendwann tauchte sie auch auf, anscheinend hatte sie mit den Santeríos noch die genauen Bedingungen ihrer Allianz festgezurrt. Und natürlich bekamen Edward und Camerone sich in die Haare. Seufz. Aber immerhin rutschte der Vampirin in dem Streit heraus, dass sie eine der Loa-Masken, und zwar die von Yansa, schon einmal in ihrem Besitz gehabt und genutzt hatte, und dass sie die Maske wiederhaben wolle. Vor 80 Jahren war das wohl gewesen. Warum und wieso, das bekamen wir nicht genau heraus, denn dann rauschte sie ab.

Während wir noch herumstanden und überlegten, was wir nun als nächstes tun sollten, sahen wir drüben auf der anderen Straßenseite Angel Ortega vorüberschwanken, offensichtlich betrunken. Den griffen wir uns erst einmal und fragten ihn aus, damit wir mal seine Version der Geschichte zu hören bekamen.

Angel war todunglücklich: Alle würden ihn jetzt hassen, er sei sogar aus den Orunmila ausgestoßen worden, weil er das mit den Masken ausgeplaudert habe – und dabei könne er sich daran überhaupt nicht erinnern. Aber Carlos Alveira habe im ganzen Viertel rumerzählt, dass er es gewesen sei, und nun glaubten es halt alle.

Carlos Alveira. Robertos Bruder, der auch bei den Latin Kings ist, derselben Gang, in der Enrique war, ehe er ins Gefängnis kam. Den muss ich auch mal wieder besuchen, ist schon wieder Wochen her. Beim letzten Mal hat er nach Alejandra gefragt; ich muss mir echt überlegen, ob ich sie beim nächsten Besuch mal mitnehme oder lieber nicht… Erstmal Fotos zeigen, glaube ich. Ist besser.

Wo wir das von Carlos wussten, ging Roberto natürlich mit seinem Bruder reden. Der erzählte, ja, Angel habe ihm das mit den Masken des Langen und des Breiten gesteckt. Aber Angel sei an dem Abend in der Bar stockbesoffen gewesen, und Angel ist normalerweise nie betrunken. Also außer heute natürlich. Aber das war ja vielleicht auch nicht so verwunderlich nach allem, was passiert war.

Totilas erstattete indessen seinem Großvater Bericht. Gerald stritt rundheraus ab, Camerone beauftragt zu haben, das sei ein Ränkespiel ihrerseits. Dass seine Mutter in den 1930er Jahren die Yansa-Maske mal in ihrem Besitz gehabt haben solle, davon wusste er nichts Genaues, und überhaupt hatte er es sehr eilig. Er müsse raus in die Sümpfe, sagte er, Sachen klären. Irgendwas mit dem Pot und mit den Elders. Dann legte er auch schon auf. Und Edward legte die Hände und hatte nichts gehört. Pot und so. Ähem.

Das war der Moment, in dem wir echt nicht weiter wussten. Irgendwie waren uns die Spuren ausgegangen. Und mit Samuel Elders Nichte Ilyana konnten wir auch noch nicht reden, das dauert noch ein paar Tage.

Aber Alex hatte eine Idee. Er führte ein kleines Ritual durch, konzentrierte sich und öffnete uns dann ein Tor an „irgendeinen wichtigen Ort“. Immerhin ist er der Abgesandte von Eleggua, und immerhin geht es auch um eine Eleggua-Maske. Also dürfte sein Schutzpatron ein gewisses Interesse an der Sache haben und uns an den richtigen Ort führen, hoffte Alex.

Und es wurde ein wichtiger Ort, Römer und Patrioten. Denn Alex’ Portal brachte uns direkt zu einem Schlachtfeld. Little Cuba, wieder vor dem Gemeindehaus, wo sich die Orunmila und Kerle in schwarzen paramilitärischen Uniformen, wie sie uns bereits beschrieben worden waren, einen erbitterten Kampf lieferten. Wir waren völlig verdattert und versuchten gerade noch, uns zu orientieren, da tauchte plötzlich eine Gestalt auf. Eine Gestalt, oder eine Windhose, oder beides. Wild und unbeherrschbar und grausam und erschreckend wirksam. Diese Gestalt zerfetzte einfach ihre Gegner, die paramilitärischen Kämpfer, ohne jeden Widerstand und ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Einen der Orunmila, der zufällig im Weg stand, zerriss sie auch, ohne jeden Skrupel. Yansa. Oder besser: jemand, der die Yansa-Maske trug… Oh madre mia

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Timberwere

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