Miami Files

Ricardos Tagebuch: Dead Beat 1

Dead Beat, Teil 1

Seltsam. Wenn George mich in letzter Zeit im Traum besucht, erzählt er immer wieder etwas von einem stetigen Herzschlag, der durch das Nevernever pocht. Und interessanterweise hat Alex letztens auch davon gesprochen, dass er einen Alptraum hatte, in dem es um das Schlagen eines Herzens ging. Ich hoffe ja, dass es sich dabei nur um einen Zufall handelt, aber angesichts der Tatsache, dass bald Halloween ist – und dass Halloween, ähnlich wie Mittsommer, übernatürlichen Ärger geradezu magisch, ha, anzuziehen scheint – behalte ich mir das Recht auf gesunde Skepsis vor.

Ansonsten habe ich einige erste, ganz ganz vage Ideen für Band 5. Nur mit dem Schreiben angefangen habe ich noch nicht, denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob Lady Fire meine Bücher nicht immer noch liest. Wenn sie es tut, dann sicherlich aus Rachelust heraus, und wenn wir uns daran erinnern, wie sie eine von mir frei erfundene Gegebenheit beim letzten Mal schon in einen Fakt verwandelt hat, weil sie Fiktion und Wirklichkeit nicht so recht voneinander unterscheiden kann, dann will ich ihr jetzt, wo sie mir feindlich gesonnen ist, nicht womöglich noch mehr Munition an die Hand geben.

Andererseits… ich weigere mich, meine Kreativität von einer hitzköpfigen Fee, und sei sie auch noch so mächtig, in Geiselhaft nehmen zu lassen. Also werde ich mich einfach hinsetzen und anfangen, und wenn ich ihr damit mehr Munition liefern sollte, was ja noch lange nicht gesagt ist, sei es drum.


Großmundige Vorsätze, aber weit gekommen bin ich bisher nicht. Es ist nämlich etwas passiert. Eine ganze Menge sogar, und es ist noch nicht vorbei. Oh [i]mierda[/i].

Es geht ein Serienmörder um. Dass das SID ins Spiel kam, wo die doch üblicherweise für „normale“ Morde nicht zuständig sind, liegt daran, dass das FBI den Fall übernommen hat und die beiden Agenten – bzw. ein Agent und ein ziviler Profiler – aus dem örtlichen Police Department ausgerechnet den SID zur Unterstützung angefordert haben. Nicht Edward allerdings: Seine beiden Kollegen Caldwell und Townsend waren schneller beim Melden.

Dass es sich überhaupt um eine Mordserie handelt, war den Behörden anfangs gar nicht so klar, denn die einzelnen Fälle unterschieden sich zu sehr. Erst beim siebten Opfer – das, zu dessen Tatort man Edward rief – wurde das Muster langsam deutlich.
Die junge Frau – Mitte zwanzig, dunkelhaarig, braunäugig – war vollkommen ausgeblutet, aber es waren am Fundort keine Blutspuren zu finden. Dafür aber Ritualkerzen auf dem Boden. Sie war in eine Lage aus Zellophan eingewickelt worden, das Herz fehlte ihr, und auf der Leiche lag ein Zettel mit einem Liedertitel: „Kenny Loggins – Heartlight“. Heh. Wie poetisch.

Edward erzählte, dass die beiden FBI-Leute sich wohl mit dem Übernatürlichen auskennen mussten, denn sie redeten wie selbverständlich davon, dass es der Red Court nicht gewesen sein könne. Aber der Profiler – Rollins – fragte nach dem örtlichen White Court und wandte sich an Edward mit der Bitte um eine Kontaktperson. Edward nannte ihm den Club in der Innenstadt, der vom White Court betrieben wird, die Tantra Lounge, und warnte gleichzeitig Totilas vor. Der wiederum meldete sich bei seinen Cousins und erklärte, falls dieser FBI-Mensch im Club auftauchen solle, werde er, Totilas, sich seiner „annehmen“.

Das war jedenfalls gestern.

Heute haben wir uns dann getroffen und die Sache beredet. Und natürlich war sehr schnell klar, dass Alex mit seinen Fähigkeiten vielleicht an einem der Tatorte noch den einen oder anderen Geist finden und so mehr über die Morde herausfinden kann.

Es waren übrigens bislang sieben, und wenn man es erst einmal weiß, tritt das Muster wirklich hervor. Aber ich kann schon auch verstehen, dass es eine Weile dauerte, bis die Fälle miteinander in Verbindung gebracht wurden.
Alle Mordopfer waren Frauen, weiß und jung (Teenager bis Endzwanziger), dunkelhaarig und braunäugig. Jedes Opfer wurde nicht auf der Straße überfallen, sondern direkt aus seiner Wohnung entführt und daraufhin einige Tage an einem unbekannten Ort gefangengehalten, ehe der Mörder sie im Keller eines leerstehenden Hauses – teils Neubauten, teils Abrissgebäude – umbrachte. Und bei allen fand man einen Zettel, auf dem in der jeweils eigenen Handschrift der Frauen der Titel eines „Herz“-Liedes stand. Jedes Opfer hatte eine Polizeiakte wegen kleinerer Vergehen, für die allerdings keine der Frauen ins Gefängnis gegangen war. Die Strafe bestand immer in Sozialstunden oder ähnlichem. Außerdem waren alle Tatorte fachmännisch gesäubert und gründlich mit Ammoniak getränkt worden.

Die Unterschiede finden sich in der Ernährung während dieser Zeit (das erste Opfer erhielt gar keine Nahrung, das zweite Fast Food, das dritte Hundefutter, das vierte und fünfte Essensreste, das sechste Insekten und das siebte Steroidcocktails), im Grad der Misshandlung vor dem Tode (verprügelt wurden sie alle, aber mit unterschiedlichen Gegenständen, und im letzten Fall mit der bloßen Faust), die Zeit, die der Mörder sich für die Tötung nahm und die er die Frauen vorher festhielt, der Art und Weise, wie sie zur Bewegungslosigkeit gebracht wurden und in der immer weiter zunehmenden Kunstfertigkeit des Schnittes, mit dem ihnen das Herz entfernt wurde. Einem der Opfer wurde das Herz auch gar nicht herausgeschnitten; stattdessen starb diese Frau an dem Drogencocktail, der ihr verabreicht wurde.

Uns stellt es sich so dar, als habe der Kerl geübt, nach der „idealen“ Methode gesucht. So wurden die Frauen anfangs festgebunden, aber später gelang es ihm irgendwie, sie zu lähmen, ohne sie zu fesseln. Außerdem floss anfangs jede Menge Blut, aber später waren die Opfer zunehmend blutleer. Die an den Drogen gestorbene Frau scheint ein „Ausreißer“ gewesen zu sein, bei der sein Plan fehlschlug, da sie starb, ehe er ihr das Herz entnehmen konnte und er mit einem toten Herzen nichts anfangen konnte. Deswegen war es bei ihr auch noch vorhanden, als man sie fand.

Was wiederum bedeutet, dass er den anderen Opfern das Herz bei lebendigem Leibe herausgeschnitten haben muss. Ob sie währenddessen bei Bewusstsein waren? Oh, [i]Padre en el cielo[/i], ich will es gar nicht wissen.

Aufgrund all dieser Informationen erstellte der FBI-Mann Rollins ein Profil des Täters: ein männlicher Weißer in den Dreißigern, der nur schwer mit Gefühlen klar kommt und zwischen eiserner Beherrschung und gelegentlichen heftigen Wutausbrüchen schwankt, als Kind extrem streng aufgezogen oder vermutlich sogar misshandelt wurde und eine gespaltene Beziehung zu Frauen hat, die er einerseits verachtet, aber anderseits auch begehrt. Er hat einen Beruf, der ihm Autorität gibt, Polizist oder Soldat oder etwas in der Art, aber er ist nicht zufrieden in seinem Job und mit dem, was er darin erreicht hat. Die ermordeten Frauen stehen alle für eine bestimmte Person, der sie ähnlich sehen und nach deren Aufmerksamkeit der Mörder sich sehnt: Wenn er nicht aufgehalten wird, dann wird er weiter morden, und zwar bald.

Edward hatte – höchst illegal natürlich – Kopien der ganzen Unterlagen mitgebracht, und wir beschlossen, uns als erstes den ältesten der Tatorte anzusehen. Ehe wir aber losfahren konnten, bekam Totilas einen Anruf von seinen Verwandten in der Tantra-Lounge, dass der angekündigte Kunde eingetroffen sei. Totilas trennte sich also von uns und fuhr zu dem Treffen mit Rollins, statt uns zum Tatort zu begleiten.

In dem Abrissgebäude und in seiner Umgebung war kein Geist zu finden. Also nicht nur nicht derjenige der Ermordeten, sondern [i]überhaupt[/i] kein Geist, und das fand Alex eindeutig seltsam. Lebewesen irgendwelcher Art – Kakerlaken, Würmer, Ratten, Mäuse – gab es auch nicht, und auch das war definitiv ungewöhnlich. Edward suchte nach Magie, fand aber, weil der Mord schon so lange her war, nur noch allerletzte Restspuren. Immerhin reichten diese aus, um ihm zu sagen, dass das Ritual von einem Menschen durchgeführt worden sein musste, nicht von einem übernatürlichen Wesen wie einer Fee oder einem Vampir oder ähnlichem.

Daraufhin erklärte Roberto, er werde sein Drittes Auge öffnen. Der Gedanke passte ihm gar nicht, weil er ja die Dinge, die er darüber sieht, nie wieder vergessen kann, die Bilder auch nie wieder verblassen, aber er meinte, es das müsse jetzt sein. Für uns Außenstehende weiteten sich Robertos Augen kurz, und er starrte in den Raum, ehe er sich mit sichtlicher Mühe wieder von dem Anblick losriss.

Vor seiner [i]Sicht[/i] sei der gesamte Raum voll blutiger Fäden gewesen, sagte Roberto, und von diesen Fäden sei eine starke Aura der Hasses, der Angst und des Zorns ausgegangen. Er habe laute Herzschläge gehört – die, von denen Alex sprach und die George in meinen Träumen erwähnte? Vermutlich. Auf dem Boden lag die Ermordete, und als Roberto sie da liegen sah, wurde plötzlich auch er von überwältigendem Zorn auf sie erfüllt – weil sie es wagte, die Falsche zu sein, und diese Falsche musste weg.

Als Roberto sein inneres Auge wieder geschlossen und sich etwas gefasst hatte, kam Alex mit dem Gedanken, dass doch vielleicht die Frau, deren Herz nicht entfernt worden war, zu einem Geist geworden sein könnte. Also fuhren wir an deren Tatort, ein Neubau diesmal, und dem Schild vor dem Gelände zufolge eine Schule im Werden. Auch hier keinerlei Spuren von Tierleben, keine anderen Geister – natürlich nicht, es war ein Rohbau, wo außer diesem einen Fall noch niemand zu Tode gekommen war. Aber den Geist der Ermordeten fanden wir tatsächlich. Als Poltergeist. Völlig unansprechbar. Und mehr als nur unansprechbar. Von der jungen Frau war nur noch Wut und Angst und Hass übrig, und sie griff uns sofort und mit aller Wildheit an, so dass uns nichts anderes übrigblieb, als den Rückzug anzutreten. Aber selbst wenn wir vorhin nichts machen konnten, müssen wir irgendwann vor der Eröffnung der Schule nochmal wiederkommen und den Geist bannen, irgendwie. Denn ein Gebäude voller Kinder und Jugendlicher mit einem derart mörderischen Zaungast… nicht auszumalen. Edward sagte irgendwas von ‘Geisterstaub’, der in solchen Fällen helfen soll, was auch immer das sein mag. Er erwähnte ausgebranntes Uran als eine der Zutaten, aber das kann er nicht ernst gemeint haben… oder?!

Jedenfalls. Da der Poltergeist nicht in dem Keller umging, in dem der eigentliche Mord stattgefunden hatte, sondern in einem der Räume im Erdgeschoss, konnten wir uns den Tatort aber trotzdem noch ansehen. Nur brachte das nicht sonderlich viel, weil er ebenso gründlich gesäubert worden war wie der erste und weil Roberto sich hütete, sein inneres Auge hier nochmal aufzumachen.

Also fuhren wir, aller guten Dinge sind drei, auch noch zum jüngsten Tatort. Hier konzentrierte sich Edward besonders auf die Überreste der Magie, die hier noch zu spüren waren, und stellte fest, dass es sich um ein Ritual aus einer der europäischen Magietraditionen gehandelt haben dürfte, ganz ähnlich wie die, die er selbst auch anwendet. Das Ritual umfasste ein Menschenopfer, deswegen wurde außerordentlich viel Energie dabei freigesetzt, die aber nicht vollständig von dem und für das Ritual selbst verwendet wurde. Ein Teil davon muss übrig geblieben sein, und diesen Teil könnte der Mörder vielleicht für zukünftige Verwendung aufbewahrt haben. Und wenn er das bei jedem Mord getan hat, und wenn er diese geballte Energie dann vielleicht irgendwann alle auf einmal loslässt… [i]Cielo.[/i] Auch das ist nichts, über das ich gerne nachdenke.

Alex erwähnte dann noch etwas, das uns alle ziemlich beunruhigte. Er sagte, das die Herzschläge, die er inzwischen ununterbrochen hört, stärker zu werden scheinen. Und dass das ein Teufelskreis sei: Je dünner die Grenze zwischen unserer Welt und dem Nevernever, desto kräftiger die Herztöne, und je kräftiger die Herztöne, desto mehr schwächen sie die Grenze zwischen uns und dem Nevernever. Und zu allem Überfluss steht Halloween vor der Tür, wo die Membran ja ohnehin durchlässiger ist als sonst.

Von Roberto erfuhren wir, dass es in der Nacht zum Dia de los Muertos ein Santería-Ritual gibt, in dem am Coral Castle der Durchgang ins Nevernever kontrolliert geöffnet wird, damit die Toten herauskommen können. Am Abend des 1. November wird das Tor dann wieder geschlossen und die Geister wieder in ihre eigene Domäne getrieben – bzw. manche, die sonst nur Probleme machen würden, gar nicht erst hinausgelassen. Bislang wurde dieses Ritual immer von den Orunmila durchgeführt, aber dieses Jahr werden zum ersten Mal die Santo Shango das Privileg haben. Cicerón Linares will sich ja mehr Status innerhalb der Santería verschaffen, und das war sein Preis für die Oshun-Maske.

Edward hatte dann noch die Idee, ein Ritual zu wirken, mit dessen Hilfe er eines der Herzen aufspüren kann. Aber nicht sofort. Wir haben erst einmal beschlossen, uns gegen Abend wieder zu treffen; dann kann auch Totilas wieder zu uns stoßen und uns von seinem Gespräch mit dem FBI-Mann berichten.


Abends. Oder besser nachts. Ich bin zu müde, um ins Bett zu gehen. Zu aufgekratzt, um genau zu sein. Da schreibe ich doch lieber noch schnell auf, was vorhin los war. War ja genug.

Totilas erzählte kurz von seinem Treffen mit Rollins. Interessanterweise wollte der Profiler gar nichts über den Fall in Erfahrung bringen, sondern er ist schlicht und ergreifend süchtig nach den Zuwendungen des White Court, seit er vor ein paar Jahren seine erste einschlägige Erfahrung in dieser Richtung hatte. Totilas fragte also ihn seinerseits ein wenig aus, während – oder wohl besser ehe – er dem Mann seinen Fix verschaffte und seinen eigenen Hunger stillte. Anschließend gab er Rollins noch seine Visitenkarte – es kann bestimmt nicht schaden, einen Kontakt beim FBI zu haben, der Totilas wohlgesonnen ist.

Außerdem erzählte uns unser White-Court-Freund, dass es im Biltmore Hotel spuke: Er habe gehört, wie Gerald mit einer Frau sprach, doch als Totilas das Zimmer betrat, war Gerald allein. Und auch Totilas selbst hört ständig die Stimme des Mädchens, das er damals tötete, um zum White Court zu werden.

Also fuhren wir ins Biltmore. In Totilas’ Suite hörte er wieder die Stimme, und Alex nahm mit dem Mädchen Kontakt auf, ließ sie in seinen Körper, wie er das eben so macht, damit sie mit uns reden konnte.
Béa hieß sie. Béantrice irgendwas. Und das, was sich in dem Gespräch herauskristallisierte… [i]Oh santissima madre[/i]. Ich meine, Totilas ist ein White Court. Dass er dafür jemanden getötet haben muss, das war uns allen klar, und das hatte er uns ja auch schon erzählt, das war kein Geheimnis. Wir hatten auch schon mitbekommen, dass er dieses erste Opfer in voller Absicht und mit dessen Einverständnis getötet hatte. Das hatte ich nie verstehen können. Wie kann ein Mensch, und Totilas war damals noch ein Mensch, schlafender Dämon in sich hin oder her, so verdammt [i]kalt[/i] sein, dachte ich immer.

Aber… Totilas war sechzehn. [i]Sechzehn[/i], verdammt! Und da trifft er dieses junge Mädchen, das von zuhause weggelaufen ist und auf der Straße lebt, sich als Hure verkauft, um irgendwie über die Runden zu kommen. Das als Kind vermutlich misshandelt wurde, seelisch oder körperlich oder beides, und das alle Hoffnung verloren hat. Das Selbstmord begehen will. Sich nur noch danach sehnt, dass es [i]aufhört[/i]. Und das stattdessen Totilas die Erlaubnis gibt, ihr Leben zu nehmen, um ihn damit stark zu machen und ihn in die Lage zu versetzen, Gutes zu tun.

Er war [i]sechzehn[/i]! Jung und idealistisch und voll romantischer, jugendlich-verdrehter Vorstellungen. Oh [i]Madre[/i]. Das zu wissen, trägt doch so einiges zur Erklärung bei.

Béa hatte nach ihrem Tod keinen Frieden gefunden, wie sie sich das ersehnt und Totilas für sie erhofft hatte. Stattdessen litt sie als Geist ebenso wie als Lebende, und Alex konnte sehen, wie sich vom Weinen tiefe, silbrige Rillen in ihr Gesicht gegraben hatten. Ein bisschen klingt das wie bei den Opfern von Richard Raiths Dämon, fällt mir dabei ein, vorletztes Halloween, als es Totilas’ Vater gelungen war, sich von seinem Dämon zu lösen und wieder ein normaler Mensch zu werden, während sein Dämon munter auf eigene Faust herumstreifte und Leute umbrachte. Die hatten ähnliche Tränengräben im Gesicht, wenn man sie sich durch das Dritte Auge ansah.

Dass wir Béa helfen wollten, wenn wir es irgendwie konnten, verstand sich von selbst. Im Gespräch mit dem Geist fanden wir heraus, dass sie aus einem ultrareligiös-fanatischen Elternhaus kam und ihre Eltern sie mit allen möglichen kranken und mit dem christlichen Glauben eigentlich völlig unvereinbaren Horrorgeschichten indoktriniert hatten. So war das Mädchen völlig überzeugt davon, dass sie in den tiefsten Tiefen der Hölle schmoren würde, weil sie unverheiratet mit Männern geschlafen hatte.

Nun halte ich mich ja für einigermaßen firm in der Heiligen Schrift, und mir fielen auf Anhieb etliche Bibelzitate ein, die sich zum Widerlegen oder wenigstens Abmildern ihrer Ängste eigneten. Aber irgendwie drang ich nicht so recht zu ihr durch, blieb die junge Frau zu sehr in ihren Schuldgefühlen gefangen. Es war ausgerechnet Totilas, der kurzerhand ein paar Bibelstellen dazuerfand und Béa sehr überzeugend versicherte, dass sie keine Schuld träfe, sondern einzig die Männer, die sich an ihr versündigt hätten. Roberto schließlich gab ihr den letzten Schubser der Überzeugung, dass sie ihren Frieden finden werde, dann ließ sie zu, dass Alex sie weiter schickte.

Aber im Biltmore schienen ja noch mehr Geister umzugehen als nur dieser eine. Also suchten wir nach ihnen. Und fanden Totilas Cousin Vin, einen passionierten Computerspieler und Hacker, der sich fürchterlich darüber aufregte, dass es in seinem Zimmer ständig zu Kurzschlüssen kam, die ihm den Rechner abschmieren ließen. Grund für die technischen Störungen war der Geist eines jungen Mannes in Punkerkleidung. Nachdem der sich von seiner Überraschung erholt hatte, dass Alex ihn sehen konnte, erwies er sich als ziemlich redselig.

Er sei in der Nähe des Biltmore gestorben, erzählte Kyle, auf der Straße von einem Bus überfahren worden. Dort habe er bisher gespukt und sich ziemlich gelangweilt – bis ihn eine „heiße schwarzhaarige Schnitte“ angesprochen und ihn angeheuert habe, doch hier im Hotel Schabernack zu treiben.

Mehr erzählen wollte er uns nicht, sondern verlangte eine Gegenleistung. Er sei als Jungfrau gestorben, rückte er heraus, und er würde ja so gerne mal… Also wie wäre es, wenn Alex ihn ans Steuer ließe, während er…? Die Leute hier würden so scharfe Parties feiern.

Da war bei Alex aber nichts zu machen. Der hatte ja noch nicht einmal Lust, den jungen Geist mit auf eine Sauftour zu nehmen, weil der mit 20 gestorben war und sich deswegen auch noch nie so richtig betrunken hatte. Roberto oder Totilas hätten vermutlich weniger Skrupel gezeigt, aber diese Fähigkeit, Geister in sich reiten zu lassen, kann Alex ja nun mal nicht auf andere übertragen.

Aber als Kyle mich dann als den Autor von [i]Indian Summer[/i] erkannte, kam das Gespräch auf das Schreiben und dass Kyle auch mal eine Story verfasst habe. Die würde vielleicht sogar was taugen, meinte er, aber er sei ums Leben gekommen, ehe er sich dazu aufraffen konnte, die Geschichte bei einem Verlag einzureichen. Ich bot ihm an, mir das Manuskript einmal anzusehen, wenn er mir sagen könnte, wo es liege, und es in seinem Namen veröffentlichen, falls mein Verlag zustimme. Nur versprechen könne ich nichts. Dieses Angebot reichte Kyle aber schon, und so antwortete er uns doch noch auf unsere Fragen.

Mit Hilfe eines Phantomzeichnungsprogramms auf Vins Rechner fertigte Kyle ein Bild von der „dunkelhaarigen Schnitte“ an. Und das Gesicht in dem Bild erkannten wir alle: Es war niemand anderes als Camerone Raith. Die seit der Sache mit den Masken nachweislich tot ist. Aber tot zu sein, hindert sie offensichtlich nicht daran, bei ihren Verwandten Ärger zu machen. Juhu.

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Timberwere

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