Miami Files

Ricardos Tagebuch: Blood Rites 6

Es war, wie ich es mir schon dachte. Nur heftiger.

Als wir am Set ankamen, sahen wir schon von weitem einen Krankenwagen und ein Polizeiauto da stehen. Helle Aufregung bei Crew und Cast. Herumwimmelnde Menschen. Aufgeregtes Getuschel. Verletzte. Zwei Statisten und ein Pferd. Angeschossen.

Sie hatten den Shootout in der Vergangenheit drehen wollen, in die es Eric im Verlauf der Geschichte ja verschlägt. Aus der Seminolen-Ansiedlung des Romans war im Film eine Western-Stadt geworden: nicht so stilvoll und nicht ganz authentisch, aber dafür waren die Kulissen wohl von einer anderen Western-Produktion übriggeblieben und somit billig zu haben gewesen.

Natürlich waren sämtliche Waffen mit Schreckschussmunition geladen – aber trotzdem waren während des Drehs echte Kugeln geflogen. Echte Geschosse hatten die Darsteller getroffen, und die Löcher in den Häuserwänden der Kulissen waren echt – aber leere Patronenhülsen waren trotzdem keine zu finden, weder am Boden noch in den Wänden steckend.

Außerdem konnten unsere Magiebegabten – vor allem Alex mit seiner Affinität zu Toren, Grenzen und Übergängen – spüren, dass hier die Realität irgendwie dünn war, dass hier die Fantasie irgendwie real zu werden schien, sich mit unserer Welt vermischte.

Die uniformierten Cops vor Ort fanden es gar nicht lustig, dass wir plötzlich auftauchten und uns umsahen, ihre polizeilichen Untersuchungen zu stören drohten. Also hielten wir lieber etwas Abstand, ließen die ihre Fragen stellen und sahen uns anderweitig um.

Russell Means, der Darsteller des Indianer-Schamanen, des Bösewichts, stand ein Stück abseits mit zwei Männern aus der Filmcrew. Er war ziemlich biestig-spöttisch drauf, mokierte sich über die im Film perpetuierten ethnischen Klischees und all sondergleichen. Und er schien sich überhaupt nicht dessen bewusst zu sein, dass er eigentlich tot ist.

Oh. Davon habe ich ja noch gar nichts erwähnt. Und dabei hätte es eigentlich auch in die Han-Solo-Kategorie-Liste von vor ein paar Seiten gehört. Es ist uns – oder besser, Alex wieder – bei der Kick-Off-Party für den Film aufgefallen, dass da eine Präsenz anwesend war, die definitiv nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aber andererseits konnte Alex auch ganz genau sagen, dass der Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: Er sollte genau jetzt genau hier sein, sonst hätte Alex ihn ja auch weiterschicken können, wie er das sonst immer macht.

Dieses Gefühl des „der Typ ist tot, gehört aber gerade jetzt genau hierher“ hatte Alex jetzt wieder, also waren wir entsprechend vorsichtig, als wir mit ihm redeten. Aber reden wollten wir unbedingt mit ihm.
So richtig warm wurden wir allerdings nicht mit ihm – oder besser gesagt, er nicht mit mir. Er war sehr… sagen wir mal empfindlich und reizbar, und er regte sich fürchterlich über die schrecklichen Rassenklischees auf, die das Drehbuch des Films – sprich ich, hust – verzapft hatte.
Aber er hatte eben wie gesagt keine Ahnung, dass er tot war. Er wusste zwar nicht mehr genau, wer diesen Job für ihn arrangiert hatte – sein Agent wohl, meinte er – , aber genaue Details konnte er nicht mehr sagen. Nur, dass er eben zum Drehbeginn hier aufgetaucht sei. Hah. Im wahrsten Sinne des Wortes „einfach aufgetaucht“, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten.

So richtig viel brachte das Gespräch jedenfalls nicht ein, also gaben wir es nach einer Weile auf. Es war Zeit, mal mit den Hauptdarstellern persönlich zu reden. Während Edward und Roberto sich weiter auf dem Gelände umsahen, wanderten Alex, Totilas (ja, Totilas ist wieder aufgetaucht, auch wenn er sich auf dem Weg zum Studio nur extremst vage darüber ausließ, was er die ganzen Tage über getrieben hat) und ich zu Mr. Worthingtons Trailer, den Ms Sanchez, die Darstellerin der Catherine Sebastian, gerade in einiger Aufregung verließ. Sam Worthington rief ihr noch etwas hinterher von wegen „wir müssen aber darüber reden, wir können das nicht einfach ignorieren!“, aber sie stürmte davon und uns genau in die Arme.

Und irgendwie… ich weiß auch nicht. Auch Ms Sanchez fasste eine sofortige und instinktive Abneigung gegen mich, hatte ich das Gefühl. Obwohl wir uns ja bei der Party schon getroffen hatten und sie da eigentlich ziemlich freundlich wirkte. Vielleicht war es auch irgendetwas, das ich sagte, aber ich kann gar nicht mehr sagen, was es genau gewesen sein könnte. Vielleicht hatte sie in ihrem aufgeregten Gemütszustand auch einfach nur keine Lust, mit uns zu reden. Jedenfalls drückte sie mir eine Autogrammkarte in die Hand und rauschte nach wenigen gereizten Worten davon. Puh.

Das Gespräch mit Sam Worthington verlief besser, nach einigem anfänglichen um-den-heißen-Brei-Gestochere und Ablenkungsversuchen in Richtung Kaffee und den Vorzügen von kleinen Privatröstereien jedenfalls. Die seltsamen Vorgänge beim Dreh konnte Sam sich auch nicht erklären, und zuerst versuchte er, uns den Streit mit Roselyn Sanchez als Disput über die Ausgestaltung ihrer Rollen als Eric und Catherine zu verkaufen: dass sie sich nicht darüber einig seien, wieviel unterschwellige erotische Spannung in diesem ersten Teil bereits zwischen ihnen zu spüren sei. Denn zusammen kommen sie ja erst am Ende von Crying Virgin, und Sam wollte die Beziehung jetzt noch eher neutral halten, während Roselyn eine forschere Schiene fahren wollte, sagte er.

Ich konnte Sam dahingehend bestätigen, dass ein eher neutraler Ansatz auch das war, was ich selbst beim Schreiben vor Augen gehabt hatte – aber das änderte nichts daran, dass der Schauspieler uns in bezug auf den Streit nicht die Wahrheit, oder nicht die ganze Wahrheit, gesagt hatte.
Nach vorsichtigem Herantasten und weiteren Pirouetten um harmlose Themen wie Kaffee und dergleichen gab ich Mr Worthington schließlich zu verstehen, dass ich an Übernatürliches glaubte, ja, und dass mir auch schon Übernatürliches widerfahren sei. Feen zum Beispiel.

Er sah mich zwar an, als sei ich völlig wahnsinnig, aber schließlich rückte er dann doch mit der Sprache heraus und erzählte das, was wir schon vermutet hatten. Dass er und Roselyn nämlich immer wieder, und immer häufiger, mit ihren Rollen zu verschmelzen schienen; Dinge über ihre Charaktere wussten, die nirgendwo im Drehbuch oder den Romanen standen und nirgendwo auch nur angedeutet wurden. Dass Eric Albarn zum Beispiel mit einem Mädchen namens Suzie Engleton auf den Abschlussball gegangen war und zu der Gelegenheit einen grauen Anzug mit einer weißen Rose am Revers getragen habe. Und richtig, diese Szene hatte ich mir irgendwann mal im Detail ausgemalt, der zugehörige Flashback hatte es dann aber doch nicht ins Buch geschafft. Oder dass Eric eine Narbe am Knie hatte, aber dass er sich ums Zerplatzen nicht erinnern könne, woher. Und ja, auch das stimmte. Irgendwann war mir dieser Gedanke mit der Narbe am Knie mal gekommen, aber ich hatte nie genauer über deren Herkunft nachgedacht, weil sie bisher noch nicht akut wurde. Und all diese Dinge konnte Sam jetzt wissen? Escalofriante

Der Mann war mir sympathisch, und ich wollte ihn nicht anlügen. Daher ging ich so weit, ihm zu erklären, dass es eine Feenlady gebe, die ein großer Fan der Eric-Albarn-Geschichten sei, und dass diese ganzen seltsamen Begebenheiten vermutlich damit zusammenhingen. Ich konnte ihn aber zum Glück auch ein wenig beruhigen: Da Lady Fire ein Fan von Eric und Catherine ist und möchte, dass die Geschichte zu einem guten Ende kommt, sind Sam und Roselyn trotz all dieser Seltsamkeiten mit ziemlicher Sicherheit nicht in Gefahr.

Während wir mit Sam Worthington sprachen, suchten Roberto und Edward auf dem Gelände nach irgendetwas, das diese Seltsamkeiten vielleicht erklären könnte oder vielleicht sonst interessant war. Und tatsächlich fanden sie in der Requisitenkammer einen Gegenstand, der eindeutig über eine magische Aura verfügte, also ein echtes Relikt war und nicht nur irgendeine Requisite. Es war das Totem, das in der Geschichte vom Geisterschamanen benutzt wurde, um seine Zeitreisen durchzuführen und die Toten zu beherrschen. Einfach mitnehmen konnten sie es nicht, das wäre aufgefallen, weil das gute Stück ja in wenigen Tagen beim großen Showdown Verwendung finden muss, aber sie nahmen sich vor, nach Möglichkeit ein harm- und magieloses Duplikat davon herstellen zu lassen.

Auf dem Weg zurück zum Treffpunkt stießen die beiden auch noch einmal mit Ms Sanchez zusammen. Roberto fand auch einen deutlich besseren Draht zu ihr als ich, aber wirklich viel herausbekommen konnte er dennoch nicht aus der Schauspielerin. Sie erzählte ihm ebenfalls von all den seltsamen Dingen, die geschehen waren, und dass diese ihr Angst machten, aber das war es auch schon mehr oder weniger.

Der Circus Sambuca gastiert natürlich immer noch neben dem Studio, und natürlich hatten wir die Bucas als Zaungäste. Der Aufruhr auf dem Gelände war ihnen nicht entgangen, ebensowenig wie unser Besuch. O alegría.

Der Dreh des großen Finales, der eigentlich übermorgen stattfinden sollte, zögert sich jedenfalls noch mindestens einen Tag hinaus, sagte Ms Berkeley, weil die Filmarbeiten ja heute wegen der seltsamen Vorkommnisse vorzeitig abgebrochen wurden. Das ist gut, das gibt uns ein wenig Zeit, vielleicht noch ein paar Vorbereitungen zu treffen.

Aber morgen findet jetzt erst einmal dieses Straßenfest in Little Havana statt, auf das sich das ganze Viertel schon seit Wochen freut. Alejandra ist jedenfalls schon ganz aufgeregt. Und ich habe Dee gefragt, ob sie mitgehen möchte. Sie möchte, was wiederum mich in einen gewissen Zustand der unruhigen Vorfreude versetzt. Oh Mann.

Comments

Timberwere

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.