Miami Files

Ricardos Tagebuch: A Restoration of Faith 1

Immer noch im Krankenhaus. Angeblich soll ich aber in einigen Tagen entlassen werden, wenn die Verbände abgenommen werden. Ich kann es kaum erwarten, wandere hier schon seit Tagen durch die Gänge wie ein Tiger im Käfig. Zum Glück kommen die Jungs mich so ziemlich jeden Tag besuchen.

Erst vor kurzem habe ich mitbekommen, dass die Jungs teils auch stationär hier waren: Alex hatte schwere Verbrennungen an der Schulter, und auch Roberto hatte es ziemlich heftig erwischt. Edward ebenso, aber dem Himmel sei Dank schlugen dessen regenerative Fähigkeiten sofort an.
Und Totilas… der hatte sich ja im Kampf schon wieder… ähm ja. Regeneriert.

Dr. Armbruster hat mich gewarnt, dass die betroffenen Hautpartien (also mein ganzer Körper, um genau zu sein) noch einige Zeit sehr empfindlich sein werden und ich damit rechnen muss, noch eine ganze Weile regelmäßig Schmerzmittel zu nehmen. Yay.

Jack White Eagle liegt übrigens auch hier. Den hatte es auf dem Straßenfest noch übler erwischt als mich beim Filmdreh: so übel sogar, dass die Ärzte sich wunderten, wie er überhaupt überleben konnte. Auch sein Bein hätte eigentlich völlig unbrauchbar und/oder ein Fall für eine Amputation sein müssen, aber auch das stellte sich zur Überraschung der Medizinerschaft als weniger schlimm heraus als gedacht.

Meine Vermutung ist allerdings, dass Jack sehr wohl so schwer verletzt war, wie es anfangs den Anschein hatte, dass er aber ähnlich wie Edward und Totilas über irgendwelche durch seine Magie bedingten übernatürlichen Selbstheilungskräfte verfügt und deswegen überleben konnte, dem Himmel sei Dank. Wir haben ihn in diese Sache mit den Bucas hineingezogen. Schlimm genug, dass er wohl aller Voraussicht nach einen bleibenden Schaden von seinen Verletzungen davontragen und für den Rest seines Lebens hinken wird.

Er nimmt die Sache soweit gelassen. Aber arg ist es mir trotzdem.


Die Jungs waren hier. Und es war —

Mag jetzt nicht schreiben. Heute abend vielleicht.


Nächster Tag.

Das gestern war… ein Schlag in die Magengrube. Nennt es feige, Römer und Patrioten, aber ich habe mich nach dem erfolglosen Versuch, das Ganze aufzuschreiben, erst einmal in mein Bett verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen. Bis die Schwester für die Vorabendkontrolle hereinkam. Danach bin ich dann wieder durch das Krankenhaus getigert und wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken. Nachts war wieder mal, wie so oft, George in meinen Träumen und versuchte, mich aufzuheitern, aber so recht gelang ihm das nicht.

Natalya ist tot. Santísimo padre en el cielo, Natalya ist tot, das Mädchen, das Totilas auf dem Straßenfest um Hilfe angefleht hatte. Das Mädchen, das Totilas auf Gerald Raiths Order hin bei Pans Hof abgeliefert hatte. Das Mädchen, das sich selbst in einer Vision im Feuer hatte sterben sehen.

Die ganze Zeit war ich noch zu groggy, dass mir die Sache eingefallen wäre, aber heute endlich dachte ich daran und brachte das Thema zur Sprache, als die Jungs gestern nachmittag zu Besuch waren. Dass wir Natalya helfen müssten, von Pans Hof wegzukommen, ehe ihr etwas zustieß.

Und da stellte sich heraus, dass es zu spät war. Dass Totilas sich schon nach Natalya erkundigt und herausgefunden hatte, dass sie tot war. Und nicht einfach so tot. Sondern als Menschenopfer dargebracht im Ritual der Elemente, das die Feen regelmäßig zur Sommersonnenwende abhalten.
Völlig selbstverständlich. Der ganze Sommerhof wusste davon. Pan vor allen anderen, der hatte den Befehl dafür gegeben.

Und diesen… diese… Kreatur… haben wir gerade letztes Jahr noch im Amt bestätigt… O madre mia.

Aber Lady Fire an Pans Stelle hätte es auch nicht anders gemacht. So, wie die Feen laut Totilas und Alex, der ebenfalls Nachforschungen angestellt hatte, geklungen hatten, stehen sie auf dem Standpunkt, die Erde geht unter oder der Sommer kann nicht kommen oder würde ewig bleiben oder irgendwas in der Art, falls dieses Ritual nicht abgehalten wird. Das macht es bloß nicht besser. Vor allem, weil der Winterhof zur Wintersonnenwende mit ziemlicher Sicherheit genau dasselbe in die andere Richtung tut. Und das wiederum heißt 8 Opfer – 8 Morde! – jedes Jahr, seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke.

Komisch, letztes Jahr um genau diese Zeit waren wir ja mit dem Sommerhof beschäftigt. Da haben wir von irgendwelchen Opfern gar nichts mitbekommen. Naja, da hatten wir auch gerade genug damit zu tun, den Cabrón zu jagen. Dass ich meinen Geburtstag letztes Jahr nicht ebenfalls im Krankenhaus verbracht habe, war auch nur eine Sache von ein paar Stunden, fällt mir dabei auf. Bei all den Dingen, die um die Sommersonnenwende herum so abgehen, ist der 22.06. irgendwie kein gutes Datum, wenn ich mir das so überlege.

Jedenfalls, Totilas… Totilas erklärte, emotionslos wie immer, er habe seine Kräfte nicht aufteilen können, und wir, seine Freunde, hätten in diesem Moment Priorität für ihn gehabt. Deswegen konnte er sich nicht um Natalya kümmern. Was ich ihm genau genommen noch nicht mal verdenken kann. Nur besser macht es das nicht.

Und vor allem, was sagt das alles über mich aus?

Natalya ist tot. Der Sommerhof wird weiter zu jeder Sommersonnenwende vier Menschen opfern, und der Winterhof wird es weiter zu jeder Wintersonnenwende tun. Selbst, wenn wir Gerald Raith irgendwie dazu bekommen sollten, dass er dieses Geschäft unterlässt, werden die Feen andere Quellen auftun. Und wir werden weiter mit Pan und seinen Leuten und vermutlich auch mit Tanit und ihren Leuten in Kontakt kommen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Denn selbst, wenn wir es versuchen, die verdammten Feen sind einfach mächtiger als wir unwichtigen Sterblichen.

Oh Dios.


Wieder zuhause.

Ich versuche, mich in Arbeit zu vergraben. Die Vorfälle beim Filmdreh haben natürlich ihren Weg in die Presse gefunden, aber Sheila leistet großartige Arbeit darin, den gröbsten Fallout von mir fernzuhalten. Deswegen habe ich das größtenteils aus dem Kreuz und kann mich auf andere Dinge konzentrieren.

Die Salcedos sind zurück in der Stadt, und Lydia hat auch kein Bedürfnis mehr, Monica in die Obhut der Bucas zu geben. Der magie-induzierte Zwang scheint mit Feus Tod ganz gewichen zu sein. Monica hat indessen ihren Unterricht bei Ximena begonnen, was sich soweit ganz gut anlässt, bis auf die Tatsache jedenfalls, dass Alejandra wieder mal hin und weg davon ist, dass ihre beste Freundin jetzt so tolle Sachen lernt und da natürlich auch mitmachen möchte. Meine Erklärungsversuche haben da auch bislang noch nicht so richtig gefruchtet. Jandra hat es zwar akzeptiert, aber traurig, dass sie selbst sowas nicht kann, ist sie trotzdem.

Hinzu kommt, dass ich nicht so hundertprozentig sicher bin, ob Ximena mit ihrer impulsiven Ader und ihrer Söldnermentalität wirklich die richtige Lehrerin für so ein kleines Mädchen ist. Aber andererseits haben wir niemand besseren, und Ximena hat mir hoch und heilig versichert, dass sie der Kleinen nichts Illegales beibringen wird. Damit werde ich mich wohl begnügen müssen.

Ansonsten stecken wir gerade mitten in den Vorbereitungen für die Eröffnung des Jugendzentrums, das in den letzten Wochen und Monaten von einer verrückten Idee zu einem echten Plan geworden ist und nun tatsächlich kurz vor der Eröffnung steht.

Roberto hatte ja damals einen ganz ähnlichen Gedanken gefasst, und so haben wir die Idee des Jugendzentrums gemeinsam verfolgt, und die anderen haben natürlich auch nach Kräften geholfen. Ich kann es kaum glauben, dass es jetzt tatsächlich schon sehr bald soweit sein soll.


Heute war die große Eröffnungsfeier. Eigentlich ziemlich erfolgreich, so alles in allem. Hohe Prominenz war anwesend: der Bürgermeister, die Presse und noch einige andere wichtige Leute. Die Direktorin der High School ein paar Straßen weiter, von der wohl die meisten unserer Jugendlichen kommen werden, ein gewisser Pater Donovan Reilly, der ziemlich neu in der Stadt ist und in der Gegend eine kleine Gemeinde übernommen hat, und Cicerón Linares. War nicht zu ändern.

Was auch nicht zu ändern war, ist die Tatsache, dass wir das Jugendzentrum als Stiftung aufgezogen haben. Also doch, das wäre noch zu ändern gewesen, aber wenn nur Roberto und ich mit unserem Privatvermögen an die Sache herangegangen wären, dann hätte das ein deutlich kleineres Jugendzentrum ergeben, mit wesentlich weniger Möglichkeiten. Also eine Stiftung, also kann sich jeder Förderer beteiligen, der will, und das wiederum bedeutete – hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können, statt jetzt völlig davon überrascht zu werden – dass Gerald Raith das für eine wunderbare Idee hielt und eine nicht unbedeutende Summe in die Stiftung gesteckt hat.

Was mir wiederum nicht so recht schmeckt. So ziemlich gar nicht, um genau zu sein, angesichts der Vorbehalte, die ich vor allem wegen der Sache mit Natalya, aber auch wegen allem anderen, gegen ihn hege. Was hat der Kerl für Hintergedanken? Eine billige, leicht zugängliche Futterquelle für seine White Courts? Sein eigenes Image werbeträchtig aufpolieren, wenn das Zentrum als Raith-Einrichtung bekannt wird?
Nein, es passt mir nicht, aber ich konnte es nicht ändern. Sobald das Konzept als Stiftung in Angriff genommen war, konnten wir Gerald nicht ausschließen, ohne ihn auf den Tod zu beleidigen. Und Gerald Raith auch noch zum Feind… äh, nein.

Aber die Eröffnungsfeier war wenigstens ein Erfolg. Und ich habe mir mal diesen Pater Donovan gemerkt. Der war mir sympathisch.


Heute ist etwas Seltsames passiert.

Wir waren ja in den letzten paar Wochen fast jeden Tag im Jugendzentrum, um dessen Anfänge zu begleiten und zu sehen, dass alles seinen Gang geht und gut ins Rollen kommt. Bislang lässt sich auch alles soweit so gut an, das Center wird eigentlich ziemlich gut angenommen von den Jugendlichen.

Heute allerdings standen plötzlich Edwards Kollegen aus dem SID vor der Tür, das andere Detective-Gespann, Alison und Mark. Ja, genau der Mark, der notorische Skeptiker,, dem Edward für das Ritual gegen Adlene die Hasenpfote aus der Asservatenkammer des SID abluchsen musste und der sich in diesem Zusammenhang den Arm brach. Diese beiden Kollegen also tauchten im Jugendzentrum auf, weil es an der nahegelegenen High School zu einer Reihe unerklärlicher Unglücksfälle gekommen und die Sache beim SID gelandet sei.

Sie nahmen sich ganz unterschiedliche unserer jungen Besucher vor, konzentrierten sich aber vor allem auf drei Mädchen, die schon seit dem ersten Tag immer zusammenstecken und von ihren Altersgenossen gerne „die drei Grazien“ genannt werden. Das Grüppchen besteht aus Elena Linares (und ja, der Nachname sagt es schon: Sie ist eine Cousine von Cicerón und sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst, so wie sie mit seinem Namen um sich wirft), Valentina Gomez, die bei einer Pflegefamilie zu leben scheint, und Sienna Hernandez, die bislang auch noch nicht sehr viel über sich sagte.

Dee übrigens auch nicht, und das ließ mich aufhorchen. Was das mit Dee zu tun hat? Naja, ich hatte Dee zur Eröffnungsfeier eingeladen, und da waren natürlich auch etliche Jugendliche anwesend, und bei der Gelegenheit war mir aufgefallen, dass Dee und Sienna sich kannten. Als ich Dee hinterher auf ihre junge Bekannte ansprach, machte sie ihr Marshal-Gesicht, murmelte etwas davon, dass sie mit Siennas Mutter befreundet sei und wechselte dann auffällig schnell das Thema. Da es ihr wichtig zu sein schien, nicht darüber zu sprechen, hakte ich natürlich nicht weiter nach.

Jedenfalls, die drei Mädchen wurden von Detectives Townsend und Caldwell ausgiebig gefragt, und hinterher gaben die beiden Edward ein paar Infos. Sie hatten keine Beweise oder sonstige konkrete Anhaltspunkte, aber diese besagten Unglücksfälle hatten eben vor allem Personen getroffen, die mit Elena Linares aneinandergeraten waren oder die sich wie ein Arsch benommen hatten. Und all diese Dinge hätten auch auf natürlichem Weg passieren können, waren in der Häufung aber eben aufgefallen.

Ach ja, richtig: Ocean Raith ist auch ein häufiger Gast im Jugendzentrum, interessanterweise, obwohl sie mit ihrem familiären Hintergrund ja eigentlich so gar nicht die Zielgruppe bildet. Aber sie taucht beinahe jeden Tag hier auf und hängt mit allen möglichen Leuten herum, auch mit den Grazien.

Sie wechselte immer mal unauffällige Blicke mit einem Jungen namens Ciélo, und zwar wirklich sehr unauffällige. Es war wirklich reiner Zufall, dass mir das auffiel. Weniger die Blicke als zuerst die Art und Weise, wie sich Ciélos Aufmerksamkeit ganz subtil veränderte, als Ocean in den Raum kam. Auch das war sehr unauffällig, eigentlich, wie es auch der ganze Junge ist. Er sieht gut aus, aber nicht Teenie-Idol-mäßig. Er hat so eine Art und Weise, sich im Hintergrund zu halten, die ganz natürlich wirkt und sämtliche Aufmerksamkeit von sich abzulenken scheint.

Elena Linares schien auch an dem Jungen interessiert zu sein, und zwar deutlich offensichtlicher als Ocean, so wie sie um ihn herumscharwenzelte. Die Blicke zwischen Ciélo und Ocean schien sie gar nicht zu bemerken, und Ciélo ging auf ihre Avancen ein… oder tat so, was Ocean aber zu übersehen schien.

Was mich daran erinnert, dass auch Cherie Raith nach der Eröffnungsfeier, zu der Edward sie natürlich eingeladen hatte, noch ein paarmal hier war. Sie scheint irgendwie auch ein Interesse an dem Jugendzentrum zu haben, aber wem oder was genau dieses Interesse gilt, hat sie Edward wohl noch nicht erzählt, anscheinend nur angedeutet, dass Edward das vielleicht besser gar nicht wissen wolle. Daraufhin hat Edward Dee gegenüber eine Warnung ausgesprochen – immerhin arbeitet, oder arbeitete, sie für das Zeugenschutzprogramm des Marshal Service.
Dee nahm diese Warnung auch durchaus ernst, wollte aber Edward ebensowenig Näheres berichten wie mir. Verständlicherweise, eigentlich, denn ihre Arbeit ist ja geheim.

Trotzdem habe ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wenn Dees Arbeit und unser Jugendzentrum zusammenhängen… Das war nicht der Plan, eigentlich. Mierda.

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Timberwere

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