Miami Files

Ricardos Tagebuch: Dead Beat 3

Mierda. Es ist wieder eine Frau verschwunden. Und sie passt wieder ins Schema. Natürlich. Und es scheint, als wolle der verdammte Mistkerl es so aussehen lassen, als sei Edward der Täter. Cabrón.

Aber der Reihe nach.

Ich war massiv erleichtert, als sowohl Totilas als auch Edward heute Vormittag unversehrt, nur ein wenig übermüdet, im Dora’s auftauchten. Edward hat wenig Erinnerungen an die vergangene Nacht, sagte er, nur an seine unbändige Wut und daran, unablässig gerannt zu sein, irgendwas verfolgt zu haben. Lustigerweise fand sich im Miami Herald eine kleine Meldung über den Vorfall: Vandalen seien nachts unterwegs gewesen und hätten in der Vorstadt Mülltonnen umgeworfen, vermutlich Jugendliche.

Als ich den Jungs dann von meinem Verdacht in Sachen Pace erzählte, hielten die mich zum Glück nicht für paranoid, mahnten aber zur Vorsicht. Totilas zum Beispiel warf ein, wenn es Pace wegen Dee sein könne, habe er ebensogute Gründe, warum Edward der Mörder sein müsse – immerhin sähen die Frauen vom Typ her auch Cherie ähnlich, die Edward kurz vor Beginn der Morde verlassen hat, und der Rest des Profils trifft (bis auf die Tatsache, dass er schwarz ist) ebenfalls auf Edward zu.

Wir kamen auf die Idee, Henry die Flugdaten der Zeiten kurz vor den Morden überprüfen zu lassen, ob vielleicht ein David Pace öfter mal in die Stadt gekommen ist. Falls Pace einen falschen Namen verwendet hätte, wäre das zwar keine Hilfe, aber immerhin mal ein Anfang.

Ehe Edward aber bei Henry anrufen konnte, rief der Edward an: Es sei eine weitere Frau verschwunden. Und ob Edward ihm vielleicht etwas zu sagen habe: Auch dieses neue potentielle Opfer habe nämlich einen polizeilichen Eintrag gehabt (wieder wegen irgendeiner vergleichsweisen Kleinigkeit, das Auto ihres Ex-Freundes demoliert oder etwas in der Art), und der Aufruf der Akte in der Polizeidatenbank sei von Edward gekommen. ¿Que demonios?

Nachdem Edward seinem Partner erstmal erklärt hatte, dass er das nicht gewesen sei, rückte Henry damit heraus, er habe Edwards Passwort öfter mal benutzt, um vorzugeben, dass Edward aktiv gewesen sei; außerdem habe er dessen Passwort regelmäßig alle drei Monate geändert, damit es nicht verfalle. Und er habe es hinter den Bildschirm gepappt, wo Edward es finden könne, wenn er es brauche. Dummerweise konnte es dort halt nicht nur Edward finden, sondern auch jeder andere, der davon wusste. Und dass es da hing, war ja nun nicht so schwer herauszufinden. Super. Wirklich super. Da musste Henry sich eigentlich auch nicht wundern, dass sich jemand anderes Zugang zu Edwards Account verschafft hatte.

Aber das muss er in Persona erklären. Henry ließ Edward von ihrem Chef ausrichten, er solle gefälligst seinen Hintern aufs Revier bewegen, und das klang nach einem Befehl, dem unser Kumpel besser sofort nachkommen sollte. Wir wollen uns nachher wieder treffen, wenn Edward genauer weiß, was Sache ist.


Coléra. Lieutenant Book hat ihn bis auf Weiteres suspendiert. Alle beide sogar, Edward und Henry, wegen der Nachlässigkeit mit dem Passwort. Denn die Akten aller Opfer wurden kurz vor den jeweiligen Taten von „Edward“ abgerufen.
Auch Agent Pace war anwesend, und der hat Edward sehr eindringlich verhört. So, als sei der ein Verdächtiger in den Mordfällen. Oder als wolle Pace von sich selbst ablenken. Wobei, verdammt. Agent Pace kommt so leicht nicht an Edwards Passwort ran. Es wäre zwar nicht unmöglich, weil das Revier kein ausweisgesicherter Bereich ist, sondern man einfach reinmarschieren kann, aber Pace müsste sich schon sehr unauffällig reingeschlichen haben, wenn gerade niemand sonst da war. Nachts oder so. Aber trotzdem. So ganz aus dem Auge verlieren sollten wir Pace trotzdem nicht.

Aber dieser neue Vermisstenfall war erstmal wichtiger. Suspendierter Kumpel oder nicht, wir mussten da hin. Normalerweise gelten ja die bekannten 48 Stunden, die jemand verschwunden sein muss, aber weil ein Serienmörder umgeht und die Vermisste ins Schema passt, wurde diesmal sofort gehandelt. Am Haus des mutmaßlichen Opfers war also schon ein großes Polizeiaufgebot anmarschiert: Die Detectives Townsend und Caldwell, die Agents Pace und Rollins, Uniformierte, Spurensicherung. Da wollten wir uns lieber außer Reichweite halten, weil Edward ja gar nicht mehr offiziell hier sein durfte.

Aber in der Nähe des Hauses befand sich ein kleiner Park, wo Alex jemanden kannte. War ja klar. Aber hey. Es ist Alex. Sein Bekannter war natürlich ein Geist: ein alter Gärtner, der nach seinem Tod einfach weiterarbeitete. Mit diesem Geist redete Alex, fand aber auch nicht groß viel weiter heraus, als dass immer mal ein grauer Lieferwagen mit Vanguard-Logo in der Gegend herumfuhr. Wobei das natürlich auch keinen echten Hinweis darstellte: Auf jedem beliebigen grauen Lieferwagen lässt sich mit Leichtigkeit ein entsprechender Aufkleber befestigen, und andersherum gibt es da in der Gegend mit Sicherheit genug Objekte, die von Vanguard Security bewacht werden, so dass deren Wagen jedes Recht haben, dort herumzufahren.

Wie gesagt, wir blieben vorsichtshalber eher etwas weg von dem Haus, sondern beobachteten nur aus einiger Entfernung. Aber Edward ging mit seinen Kollegen reden und bekam immerhin heraus, dass die Spurensicherung am Tatort einige Haare von James Vanguard gefunden habe. Hah. Der Täter soll sich mal entscheiden, ob er Edward in die mierda reiten will oder Vanguard. Oder vielleicht denkt er sich auch nur, zwei Verdächtige sind besser als einer…

Da wir dort am Tatort nicht mehr wirklich viel tun konnten, fuhren wir ins Biltmore zu Totilas’ Cousin Vin, dem Hacker. Der war, als wir ankamen, gerade mit irgendeinem Multiplayer-Spiel beschäftigt, aber allzu lange mussten wir zum Glück nicht warten, bis er Zeit für uns fand. Dummerweise wollte Vin nicht ohne jede Gegenleistung für uns herausfinden, ob Edwards Account gehackt worden ist und von wo aus die ganzen Zugriffe auf die Polizeidatenbank erfolgten. Er sei hungrig, erklärte er, und er könne sich nicht konzentrieren, bis er nicht etwas ‘gegessen’ habe. White Courts eben… Ich schlug vor, ihn mit Rollins, dem süchtigen FBI-Profiler, zusammenzubringen, aber so lange wollte Vin nicht warten, also erklärte Roberto sich schließlich dazu bereit.

Ich muss aber gestehen, ich sah nicht hin, als Vin Raith Roberto abknutschte. Oder war es andersherum? Jedenfalls sagte Vin hinterher zu, er würde sich an die Arbeit machen und uns informieren, sobald er Infos für uns hätte.

Natürlich wollen wir aber auch die Verschwundene finden. Das können wir nur nicht, solange alle Finderituale auf dieses blöde Lagerhaus deuteten. Wobei wir ja noch nicht mal wissen, wie das genau wirkt. Ob der Suchfluch wirklich alle Finderituale in der Stadt betrifft oder nur diejenigen, die sich auf die Morde beziehen, oder vielleicht nur all diejenigen, die von Edward gewirkt werden.
Aber wir kennen ja noch jemand anderen, der uns eventuell mit einem Suchzauber helfen könnte…

Also suchte Edward seinen Schlüssel per Ritual, bekam aber wieder nur die Lagereinrichtung zum Ergebnis. Daraufhin rief ich Ximena an und bat sie um Hilfe. Sie ist zwar keine Ritualspezialistin, aber dafür, dieselbe Suche noch einmal durchzuführen, würde es gerade noch reichen, meinte sie.

Kurze Zeit später rief Ximena zurück: Sie hatte zuerst ihre Rollenspielwürfel wiedergefunden und danach, bei einer zweiten Suche, Edwards Schlüssel. Also betrifft der Fluch wohl wirklich nur Edward, und so bat ich Ximena, uns auch bei der Suche nach der Verschwundenen zu helfen. Da wurde das Telefonat dann etwas seltsam, weil es mir so vorkam, als wolle Ximena in meinem Privatleben herumkramen. Aber was und wie zwischen mir und Dee läuft, das geht sie nun mal nichts an, verdammt. Und wenn sie findet, ich sei verklemmt… Grrrr. Soll sie doch. Egal. Es änderte nichts an der Tatsache, dass sie sich bereiterklärte, uns zu helfen, falls wir ihr irgendwas von der Vermissten beschaffen könnten. Was natürlich nicht legal wäre. Weswegen sie also gar nicht wissen wolle, wie.

Aber wir müssen dieser Tessa Cunningham helfen, oder wie sie heißt. Cumberlane. Dings. Also brauchen wir etwas von ihr. Also ist es nicht von Belang, ob es legal ist oder nicht. Ximena wird ihre Haare bekommen.

Nur zuerst rufe ich Dee an. Das wollte ich schon den ganzen Tag, kam aber vor lauter Aufregung nicht dazu.


So. Mit Dee geredet und für morgen zum Frühstück verabredet. Ich wollte ihr aber nicht am Telefon sagen, dass ich Agent Pace verdächtige, irgendwie brachte ich das nicht über mich. Denn dazu möchte ich ihr lieber gegenübersitzen. Ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wie sie reagieren wird, und falls sie mich der grundlosen Eifersucht bezichtigt, möchte ich das doch bitte in Persona von ihr hören und in Persona reagieren können. Aber ich habe Dee gesagt, sie solle vorsichtig sein. Das sei sie doch immer, erwiderte sie. Besonders vorsichtig, meinte ich. Und da hatte sie dieses Lächeln in der Stimme, als sie „mach ich“ sagte.


Zurück von unserem kleinen Ausflug zu Tessa Cumberlains Haus. Mit Tessas Haaren. Es hat geklappt, aber ganz leicht war es nicht. Naja, zugegeben, es hätte leichter sein können, wenn wir gleich so schlau gewesen wären, wie wir am Ende waren. Aber es war auch sehr, sehr seltsam. Ich glaube, es wäre mir wesentlich lieber gewesen, wenn die erste Aktion geklappt hätte…

Wir – sprich Alex, Roberto und ich; Edward und Totilas wollten währenddessen mit Jack White Eagle reden – stellten sehr schnell fest, dass das Haus auch nachts von zwei Cops in einem Zivilfahrzeug beobachtet wurde. Und das Gelände war mit Band abgesperrt, also tatsächlich nicht legal zu betreten.

Aber ich war tagsüber Rhoda begegnet, Rhoda Waterson von dem Autorentreff auf der Con. Sie wohnt ein paar Straßen von Ms. Cumberlain entfernt, und sie war nachmittags schon ganz aufgekratzt wegen des Vorfalls. Jetzt rief ich sie an und bat sie um ein Treffen im nahegelegenen Park. Unauffällig. Dass sie das verdächtig finden könnte, das kam mir gar nicht in den Sinn.

Ich erklärte Rhoda, es gehe darum, die arme Ms. Cumberlain zu retten, und schlug vor, dass sie die beiden Cops ablenken könne, wenn sie ihnen Kakao brächte oder sowas. Rhoda meinte zwar, Mrs. Myers von nebenan habe den beiden früher am Abend schon mal Donuts bringen wollen, und die hätten sie abgelehnt, weil sie sowas nicht annehmen dürften, aber es würde ja schon reichen, wenn die beiden Beamten den Kakao nicht annähmen, aber durch das Gespräch mit Rhoda dennoch abgelenkt seien. Wir einigten uns auch darauf, dass sie unverrichteter Dinge kehrt machen würde, wenn die Dinge irgendwie brenzlig würden oder es so aussähe, als klappe das mit dem Aufmerksamkeit-Heischen nicht. Immerhin ist Rhoda eine ältere Lady, und ich wollte ihr keinesfalls irgendwelche Probleme machen. Nicht nur lese ich ihre Geschichten um die Miss Marple-artige Ermittlerin mit den übernatürlichen Fällen viel zu gerne, sondern Rhoda selbst ist einfach auch viel zu nett, um sie in Schwierigkeiten gleich welcher Natur zu bringen.

Dummerweise nur kam es tatsächlich so, wie Rhoda es schon befürchtet hatte. Die beiden Polizisten lehnten ihren Kakao ab, und Roberto, der an einem geparkten Auto weiter hinten in der Straße für zusätzliche Ablenkung sorgen wollte, indem er dessen Alarmanlage auslöste, versagte bei dem Vorhaben. Alex hätte sofort gewusst, wo er draufhauen muss, damit der Alarm losgeht, aber der war der einzige von uns dreien, der wenigstens einigermaßen schleichen konnte, und so stand der parat, um Tessa Cumberlains Auto zu öffnen und dort einen persönlichen Gegenstand von ihr zu entwenden.

Mierda. Auf diese Weise ging es also schon mal nicht. Aber wir hatten… nein. Ich sage jetzt nicht ‘zum Glück’. Dazu war das Ganze einfach zu seltsam. Aber es kam uns noch eine andere Idee. Oder genauer, Alex hatte die Idee. Er meinte, wenn Roberto sich als Frau verkleiden und mit einem von uns die Straße entlangflanieren würde, dann könnte das die beiden Polizisten vielleicht auch ablenken.

Ich will jetzt nicht wissen, wo Roberto auf die Schnelle die Frauenklamotten herhatte. Ich will vor allem nicht wissen, warum er sie auf unserem kleinen Ausflug mitgeschleppt hat, denn das hatte er mit Sicherheit nicht im Voraus geplant. Aber er kramte aus seiner Tasche eine Stola und einen Rock und ein paar hochhackige Schuhe heraus und war im Nu wie verwandelt. Und zwar wirklich verwandelt. Er war nicht einfach nur Roberto, der tat wie eine Frau, sondern es änderte sich wirklich alles: seine Haltung, seine Bewegungen, sein Mienenspiel. Nicht einfach ‘tuckig’, sondern weiblich. Völlig glaubhaft. Und richtig, richtig seltsam.

Alex ließ einen launigen Spruch los von wegen ‘Roberta’, aber Roberto erwiderte völlig ernsthaft: „Carmen“. Und es war wirklich so. Als ich da auf der Straße mit <s>Ro</s> Carmen entlangschlenderte, als seien wir ein verliebtes Pärchen, war ich nicht mit meinem Kumpel unterwegs, sondern mit einer fremden, attraktiven Frau. Madre mia, war das seltsam! Beinahe verstörend, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten.

Aber all dieser Seltsamkeit zum Trotz klappte diese Aktion perfekt. Die beiden Polizisten waren von Carmen derart fasziniert, dass sie ihr minutenlang nachstarrten und Alex problemlos durch Ms Cumberlains Garten und in ihr Haus gelangen konnte und kurze Zeit später mit einer Haarbürste zurückkehrte. Den Diebstahl rechtfertigten wir unseren Gewissen über damit, dass die Spurensicherung mit ihrer Arbeit schon fertig war und wir den Einbruch für die gute Sache begangen hatten.

Dann brachten wir trotz der späten Stunde unsere Beute noch zu Ximena, die zwar erklärte, heute Abend nichts mehr damit anfangen zu wollen, aber versprach, sich gleich morgen früh daran zu machen.
Damit müssen wir wohl leben müssen, denn wenn Ximena sich übermüdet an die Suche setzen würde, käme vermutlich auch nichts Gescheites dabei heraus.

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Timberwere

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