Miami Files

Ricardos Tagebuch: Dead Beat 4

Oh. Ver. Dammt.

Es ist 10:40. Um 10:00 waren wir verabredet. Und Dee ist bisher nicht aufgetaucht. Bei ihr zuhause geht niemand ans Telefon. Ihr Handy ist ausgeschaltet oder in einem Funkloch.

Ich bin so ein verdammter Idiot! Ich hätte meinen Verdacht gegenüber Pace klar aussprechen müssen, statt mich in vagen „sei vorsichtig“-Andeutungen zu ergehen, nur weil ich Angst hatte, dass Dee mich am Telefon wegen meiner Eifersucht auslachen würde oder Schlimmeres.
Und jetzt hat er sie doch erwischt…

Natürlich ist das nicht bewiesen. Sie könnte auch im Stau aufgehalten worden sein oder sonstwas. Aber ich weiß es. Ich fühle es.

Nein. Nein nein nein. Bitte, nein.

Ich gebe ihr jetzt noch genau 5 Minuten. Und wenn sie bis dahin nicht aufgetaucht ist, schlage ich Alarm.

Santísimo padre en el cielo, bitte lass Dee nicht dafür büßen, dass ich so ein verdammter, egoistischer Idiot war… Lass es ihr gutgehen, bitte…


10:49. Alex ist unterwegs. Klang völlig übermüdet, sagte etwas von einem weiteren Herzschlag. Damit muss Tessa wohl bereits tot sein. Oh verdammt.
Die anderen Jungs habe ich auch alarmiert. Treffen uns gleich alle bei Dee.


13:56. Durchatmen. Edward und Ximena führen gerade ihr Suchritual durch. Das dauert ein bisschen; lange genug, um vielleicht ein paar Worte zu schreiben. Und wenn ich mich nicht ablenke, hänge ich ihnen nur über die Schulter und störe.

Als wir bei Dees Wohnung ankamen, waren ihre Nachbarn schon ein wenig besorgt, weil es so nach Ozon roch. Sie befürchteten ein Feuer und waren schon am Debattieren, ob sie nicht vielleicht die Feuerwehr rufen sollten. Aber sie erkannten Alex als Dees Bruder, und Alex hat einen Schlüssel, und so waren die Nachbarn relativ beruhigt und verschwanden wieder in ihren Wohnungen.

Drinnen roch es tatsächlich stark nach Ozon, und im Flur, mit Abstrahlung ins Wohnzimmer, sah es aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Naja, nicht ganz so schlimm wie eine Bombe, aber Edward erkannte das als einen Ward, der ausgelöst hatte. Klar, Dee ist ja Ward-Spezialistin. Dummerweise hatte das aber offensichtlich den Eindringling nicht abgehalten, denn Dee war tatsächlich verschwunden und es gab über den ausgelösten Ward hinaus auch weitere Spuren eines Kampfes.

Natürlich nahmen wir etwas mit, anhand dessen Edward sie würde finden können. Dee ist in dieser Hinsicht zwar deutlich vorsichtiger als die arme Tessa Cumberlain, ihre Haarbürste war also sorgfältig gereinigt, aber sie durch das Auslösen ihres Wards aus dem Schlaf gerissen und dann sofort aus ihrer Wohnung entführt worden war, fand Alex doch ein, zwei Haare auf ihrem Kissen.

Übrigens, Römer und Patrioten: Ja, Edward. Der war doch gestern Abend noch mit Totilas raus zu den Sunny Places gefahren, weil er mit Jack reden wollte. Mit Jack reden… und sich etwas hust entspannen, wo er eh schon suspendiert ist. Aber er erzählte Jack auch von seinem Suchfluchproblem, und Jack meinte, es gäbe da so ein indianisches Reinigungsritual, das man mal ausprobieren könnte, um den Fluch von ihm zu nehmen. Was wieder mal eine nackige Nacht in der Schwitzhütte bedeutete, aber das kannten Edward und Totilas ja nun schon.

Das Ergebnis: Edwards ganze schöne hanfinduzierte Entspannung war wieder flöten, aber dafür hatte das Schwitzritual tatsächlich den Suchfluch von ihm genommen, und er kann wieder andere Dinge finden als nur den blöden Lagercontainer.

Ehe er das Ritual aber starten konnte, rief Ximena an und verkündete, sie habe die Person gefunden, die wir sie anhand der Haarbürste von gestern Abend hatten suchen lassen. Tessa. An die arme Tessa hatte ich ja beinahe nicht mehr gedacht. Sie – Ximena wusste ja nicht, dass die Arme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits tot war – befinde sich in diesem gerade im Bau befindlichen Einkaufszentrum in Doral.

Stellte sich nur die Frage, ob wir ohne weitere Suche gleich dorthin fuhren, in der Annahme, dass Dee auch dort sei, oder ob Edward doch nochmal unabhängig suchen sollte. Wir entschieden uns für letzteres, aber Edward alleine kam irgendwie nicht durch. Vielleicht hatte er zu wenig magischen Wumms in das Ritual gelegt, oder der Fluch hing ihm doch auf andere Weise noch nach, keine Ahnung. Jedenfalls baten wir Ximena um weitere Hilfe, die sie ein wenig grummelnd zwar, aber zusagte – und ich saß wie auf glühenden Kohlen, bis sie endlich bei uns war, auch wenn es netto gar nicht so lange dauerte. Alex natürlich auch, aber der ließ es sich nicht so sehr anmerken. Zumindest glaube ich, dass man es mir mehr anmerkte als ihm, auch wenn ich mir alle Mühe gab.

Jedenfalls ist Ximena jetzt hier, und sie und Edward haben beschlossen, sich mit ihrem Ritual diesmal mehr Zeit zu lassen, mehr Kraft hineinzupumpen, und dann sollte es mit Ximenas Unterstützung doch gehen. Aber es dauert halt. Ergo dieser Schrieb, zwecks Ablenkung.


Gut dass sie eine eigene Suche durchgeführt und sich nicht darauf verlassen haben, dass wir Dee am selben Ort finden würden wie Tessa. Denn das Ritual mit Dees Haaren führte nicht nach Doral, sondern in ein altes, zum Abriss freigegebenes Lagerhaus am Hafen. Dem näherten wir uns mit der entsprechenden und angemessenen Vorsicht, aber es schien tatsächlich niemand dort zu sein. Also rein, natürlich.

Im Keller fanden wir dann eine versperrte Tür, die mit einem Ward gesichert war, wie Edward schnell herausfand. Einem Ward, der ziemlich übel in die Luft gehen würde, wenn man ihn auslöste. Edward analysierte eine Weile daran herum, aber er ist kein Ward-Spezialist. Es gelang ihm nicht, die magische Sicherung zu deaktivieren, und es ist Vollmond. Irgendwann riss ihm schlicht die Geduld. Er knurrte etwas von “Geht in Deckung, Jungs!”, und dann hieb er einfach auf das Schloss.

Nicht mit der bloßen Hand, wohlgemerkt. Ich habe es noch gar nicht erwähnt, glaube ich, aber Edward hat sich vor ein paar Monaten einen magischen Handschuh gebaut. Und ja, ich weiß, wie das klingt. Aber er hat den wohl irgendwie so verzaubert, dass er einen Teil seiner Stärke speichert, oder ihm zusätzliche Stärke verschafft, oder irgendwie sowas. Und mit diesem Ding haute er jetzt auf das Schloss ein.

Und der Ward explodierte. Wir anderen waren ja wie befohlen in Deckung gegangen, aber Edward wurde von der Wucht des magischen Ausbruchs voll erwischt und gegen die Wand geschleudert. Ich konnte regelrecht hören, wie seine Rippen brachen.

Aber die Tür war offen, und ich achtete kaum auf Edward, der sich hinter mir schon wieder mühselig aufrappelte: schwer angeschlagen, aber noch nicht außer Gefecht. Statt dessen stürmte ich in den Raum – und hörte Dees Stimme von irgendwo außer Sicht: “Cardo, HALT!”

Irgendwie gelang es mir, sofort zum Stehen zu kommen. Aber Totilas war direkt hinter mir, und dem gelang es nicht. Er prallte also voll in mich hinein und schubste mich nach vorne – direkt in einen Ward hinein, der jetzt natürlich ebenfalls hochging. Eine magische Explosion, und ich wurde heftig durch den Raum geschleudert. Dem Himmel sei Dank prellte ich mir nur die Schulter dabei, und ich glaube, das lag auch mit an der Kevlar-Weste. Edward hatte vor dem Losfahren nämlich darauf bestanden, dass ich seine Kevlar-Weste anziehe. Er meinte, ich bräuchte sie nötiger als er, und außerdem wollte er sie nicht tragen. Er sprach es zwar nicht aus, aber ich weiß, dass Cherie ihm das Ding geschenkt hat. Und es jetzt anzuziehen, würde im Moment wohl einfach noch zu schmerzhafte Erinnerungen wecken.

¡Gracias a Dios! Dee war unversehrt. Sie hatte sich zwar trotz Vorwarnung durch den Ward an ihrer Wohnung nicht gegen ihre Entführung wehren können, und es war dem Entführer gelungen, sie zu betäuben, aber sobald sie in dem Raum zu sich gekommen war, hatte sie ihre Fesseln gelöst, einen eigenen Ward aufgebaut und sich hinter der Tür versteckt, als sie jemanden kommen hörte. Wenn wir es nicht gewesen wären, sondern der Kerl, hätte er eine böse Überraschung erlebt. Wer der Täter gewesen sei, habe sie allerdings nicht sehen können, sagte Dee. Ich weiß, wer es ist, erwiderte ich, und erklärte ihr meinen Verdacht und die Gründe dafür. Aber Dee war trotzdem nicht überzeugt. Sie war mehrere Jahre mit Pace zusammen, erklärte sie, und sie würde ihn vermutlich auch erkennen, wenn er eine Maske trüge, und der Entführer sei ihr einfach nicht wie Pace vorgekommen. Aber Edward sei es definitiv auch nicht gewesen, den hätte sie ebenfalls erkannt. Und der Kerl war ein Weißer, soviel sei sicher.

Wir halfen Edward nach draußen und riefen ihm erst einmal einen Krankenwagen. Denn sein rasselnder Atem hörte sich überhaupt nicht gut an – ich bin zwar kein Arzt, aber das klang fast so, als habe eine gebrochene Rippe seine Lunge durchbohrt.

Kurz darauf ging der Rummel los. Die Spurensicherung rückte an. Uniformierte Cops rückten an. Agent Pace rückte an. Und Dee – die mir nach der ganzen Aktion nicht mal auch nur die Hand geschüttelt hatte – flog ihm mit einem “Oh David!” förmlich um den Hals, klammerte sich regelrecht an ihn.

Grrrrrrrr. In dem Moment war ich sehr froh, dass ich kein Lykanthrop bin wie Edward.

Dee machte sich dann doch irgendwann von Pace – der bei ihrer Zurschaustellung von Zuneigung völlig überrascht geschaut hatte – los und machte ihre Aussage. Dass sie ihren Entführer eben nicht erkannt habe, aber dass sie Detective Parsen ausschließen könne, weil der Täter definitiv weiß gewesen sei. Wir anderen wurden natürlich auch verhört, einzeln und dann nochmal gemeinsam. Erstaunlicherweise tauchten Detective Caldwell und Detective Townsend die ganze Zeit über nicht auf, so dass Agent Pace der einzige Zivilbeamte vor Ort blieb. Selbst als Edward nach einer Weile wiederkam – es ist zum Glück immer noch Vollmond, das heißt, seine regenerativen Kräfte hatten sofort angeschlagen, und seine Verletzung war zwar noch vorhanden, aber nicht mehr bedrohlich – waren seine beiden Kollegen immer noch nicht da. Agent Pace erwähnte etwas davon, dass die beiden Detectives vermutlich James Vanguard auf der Spur seien, aber Edward – dem gegenüber sich Pace jetzt deutlich freundlicher und kollegialer verhielt – hatte kurz einen ganz seltsamen Ausdruck im Gesicht. So, als wolle er etwas sagen, halte sich aber zurück.

Endlich waren die Vernehmungen vorüber, und wir durften gehen. Pace fragte Dee, ob er sie irgendwo hin bringen könne, aber sie – ¡Gracias a Dios! – lehnte ab. Statt dessen fanden wir uns alle sechs zu einem Kriegsrat zusammen.

Ich weiß nicht, ob sie es sagte, weil sie ganz genau wusste, wie ich mich bei ihrer Umarmung von Pace gefühlt hatte, oder weil sie einfach sachlich Bericht erstatten wollte, aber Dee erklärte, sie habe Pace aus einem ganz bestimmten Grund umarmt. Und zwar habe sie ihren Entführer bei dem Kampf in ihrer Wohnung an der Seite verletzt, und zwar so schwer, dass er das wohl nicht so schnell abschütteln könne. Wenn Pace also eine entsprechende Verletzung gehabt hätte, hätte sie das vorhin gemerkt. Aber das hatte er nicht, und so sei sie sich jetzt eben so gut wie sicher, dass er wirklich nicht der Täter sei.

Was Edward auf seinen eigenen Verdacht brachte. Denn die Tatsache, dass Townsend und Caldwell nicht aufgetaucht waren, hatte ihn auf einen ganz neuen Gedanken gebracht: Wer kennt ihn gut und weiß, wie man ihn linken kann? Wer hat ständigen Zugang zu seinem Computer und damit auch zu dem Passwort hinter dem Bildschirm, ohne dass es auffällt, wenn er sich im Revier aufhält? Richtig. Detective Caldwell. Der gute alte skeptische Detective Caldwell mit der Hasenpfote.

Aber zuerst wollten wir uns doch noch den Ort ansehen, an dem Ximena die entführte Ms. Cumberlain gefunden hatte. Draußen bei dem Mall-Rohbau in Doral suchten wir ein wenig herum, um den Ort genauer zu lokalisieren, ehe Edwards feine Lykanthropennase tatsächlich den bekannten Geruch seines Kollegen Mark erschnupperte, der vor noch gar nicht allzu langer Zeit hier gewesen sein musste. Wir folgten der Duftspur hinunter in den Keller, wo Caldwell wieder mit Ammoniak gearbeitet hatte, um hinter sich aufzuräumen. Und dort, in einem Raum am Ende eines langen Ganges, der wohl irgendwann mal für Lagerungszwecke von Einzelhandelsgütern bestimmt sein wird (und ja, ich druckse gerade wieder einmal herum, das ist mir durchaus bewusst), fanden wir…

Madre de Dios. Ich kann die Worte kaum zu Papier bringen.

Fanden wir Tessa.

Wie den anderen Opfern war ihr das Herz herausgeschnitten worden. Wie bei allen späteren Opfern war kaum Blut zu sehen. Doch, Dios en el cielo, perdónanos, Tessa lebte. Wenn man es denn “leben” nennen kann… Sie bewegte sich, sie röchelte, sie kratzte mit den Fingernägeln schwach an der Tür. Aber sie hatte offensichtlich ihren Verstand verloren, denn sie wimmerte nur noch inkohärent, und ihre Augen stierten nur stumpf und leer vor sich hin.

Wir waren alle völlig fassungslos. Ich weiß nicht, wie lange wir nur dastanden und mit offenem Mund auf die arme Frau starrten. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, aber vermutlich waren es doch nur einige Sekunden, bis wir uns fassten und Tessa schleunigst dort heraustrugen und einen Krankenwagen riefen: hektische Aktivität angesichts des Unfassbaren. Die Sanitäter des Krankenwagens, der einige Minuten später eintraf, waren ebenso geschockt wie wir, doch Totilas trieb sie geradezu besessen zur Eile und Sorgfalt an.

Und dann war der Krankenwagen fort, und Totilas brach zusammen. Mitten auf dem Platz vor dem, was bald die neueste Mall Miamis sein wird, ging er in die Knie. Rief laut “Nein!” und “Sei ruhig!”, und erst, als er selbst sich antwortete – in seiner eigenen Stimme, aber mit einem ganz anderen Tonfall, ganz anderer Betonung und ganz anderer Wortwahl, wurde uns klar, dass Totilas gerade mit seinem Dämon kämpfte. Und am Verlieren war.

Natürlich… Natürlich war von uns allen Totilas am meisten betroffen. Von uns allen ist er der einzige, der weiß, wie es ist, das Herz herausgerissen bekommen zu haben. White Court oder nicht, Madre de Dios, so etwas zu erleiden… und nicht daran zu sterben, sondern zu überleben, um den Preis, dass die eigene Ziehmutter sich für einen opfert… Natürlich musste dieses Trauma jetzt wieder ganz akut in ihm aufbrechen.

Und natürlich machte sein verdammter Dämon sich Totilas’ Schwäche zunutze. Er redete auf seinen Wirt ein, heizte die Erinnerungen noch mehr an, tat alles, damit Totilas die Kontrolle verlieren und sich auf die ungehemmte Jagd nach Beute begeben würde…

Totilas kämpfte. Er, der sich normalerweise so eisern unter Kontrolle hat, kämpfte mit all seiner Macht, aber gegen die Stimme seines Dämons kam er in diesem Moment nicht an. Wir mussten hilflos mitansehen, wie er da kniete und zitterte und seinem Dämon mit immer brüchigerer Stimme antwortete, aber es würde nicht mehr lange gutgehen, und wir konnten nichts, rein gar nichts tun… bis Edward eben doch etwas tat. Mit einem Fluch trat er zu unserem Freund und küsste ihn, ließ sich von dem Dämon freiwillig einen Teil seiner Kraft entziehen, damit der unseren Freund endlich in Ruhe ließ.

Edward will gleich noch bei Henry anrufen, ob der vielleicht weiß, wo Mark Caldwell wohnt, aber erst muss Totilas sich noch etwas erholen, und Edward selbst sich auch. Wir sitzen gerade beim Essen, warten eben noch auf die Rechnung, und danach dann das Telefonat.


Caldwell hat Henry
sitzen im Auto, Alex fährt
¡Padre santo, socorre!


Oh Mann. Das Vorige ist ja fast ein Haiku. Aber das fällt mir auch jetzt erst auf, wo alles vorbei ist, wir alle mehr oder weniger gesund und in Sicherheit, und ich Zuhause bin und das Ganze, was ich heute tagsüber unterwegs so alles aufgeschrieben habe, nochmal nachlese.

Und ich sollte das, was nach meinem letzten hektischen Auto-Gekritzel passiert ist, noch festhalten. Damit es nicht verloren geht. Ich glaube zwar nicht, dass ich das, was da heute in den Glades passiert ist, je vergessen werde, aber trotzdem. Sicher ist sicher.

Als wir mit dem Essen fertig waren und Totilas sich wieder einigermaßen erholt hatte, machte Edward wie geplant den Anruf bei Henry. Detective Smith erklärte, er habe keine Ahnung, wo Caldwell wohne, leider, und gesehen habe er ihn auch nicht. Aber er wisse, dass Mark eine Ferienhütte habe, irgendwo in den Everglades. Und dann plötzlich hörte Edward seinen Partner überrascht sagen: “Nanu, Mark, was tust du denn hier? Wir haben gerade über dich gered…”, und dann ein überraschtes Aufkeuchen, ein Schlag, und dann Stille aus dem Telefon.

Edward rief sofort Mrs. Smith an, versuchte auch, sich nichts anmerken zu lassen, und erfuhr von Henrys Frau, dass ihr Mann zum Angeln in die Glades gefahren sei. Sie konnte auch Henrys Lieblingsangelort ungefähr beschreiben. Und Edward fiel daraufhin ein, dass etliche Polizisten in der Gegend ein Wochenendhäuschen haben, unter anderem auch Lieutenant Book, wo der SID auch schon mal gemeinsam gegrillt hat. Die Chancen standen nicht schlecht, dass Caldwells Hütte da auch irgendwo war.

Edward wusste den Weg, Alex besorgte uns das Boot. In der Gegend mit den ganzen Polizistenhütten angekommen, suchten wir eine Weile herum, ehe wir tatsächlich Caldwells Auto vor einem der Häuser stehen sahen. Von der Hütte führte ein Trampelpfad durch das Unterholz bis zu einer Lichtung – oder eigentlich war es keine Lichtung. Eigentlich war es eine Art natürliche Höhle, wo die Wipfel von Mangrovenbäumen derart eng miteinander verwachsen waren, dass sich ein dichtes Dach ergab. Es war gruselig – ich hatte kurz vor der Lichtung irgendwie das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber das vergaß ich gleich wieder, denn auf der Lichtung führte Caldwell gerade sein Ritual durch.

Ich sah Detective Townsend, geknebelt und an einen Stuhl gefesselt und mit wilden Augen, die durch ihren Knebel hindurch zu sprechen versuchte. Ich sah Detective Smith, an einen Baum gefesselt und aus einer tiefen Wunde langsam verblutend. Und ich sah Detective Caldwell, in der Mitte eines magischen Kreises, der sich gerade mit konzentrierten Bewegungen das Herz aus der Brust schnitt.

Totilas stürmte auf die Lichtung – und voll in einen Ward, den Caldwell dort offensichtlich aufgebaut hatte. Die Wucht der ausgelösten Sicherung schleuderte ihn in einen der umstehenden Bäume, wo er von einem vorstehenden Ast regelrecht aufgespießt wurde. Brrrrr. Aber Totilas kommt mit solchen Verwundungen ja glücklicherweise besser klar als unsereins. Trotzdem rannte ich sofort zu ihm und half ihm da runter, weil ich nicht sicher bin, ob er das alleine so gut geschafft hätte.

Indessen war auch Edward auf die jetzt ungeschützte Lichtung gestürmt und hatte Caldwell in die Mangel genommen, unterstützt von Totilas, sobald der konnte, während Roberto Henry losmachte und sich um dessen Wunden kümmerte. Aber das unterbrach anscheinend das von Caldwell aufrechterhaltene Ritual, denn dessen bislang völlig blutlose Wunden brachen mit einem Mal auf. Mit einem beinahe erstaunten Gesichtsausdruck ging er zu Boden, und er röchelte. “Ich liebe dich, Alison… Ich wollte dir doch nur mein Herz schenken…” Und dann war er still. Ich hatte indessen Alison befreit. Bei dessen Worten sah sie ihren Partner mit wilden Augen an, ein trockenes Schluchzen in der Stimme. „Mark… du blödes Arschloch…“

Um den Ritualkreis herum standen sieben Gefäße mit den schlagenden Herzen seiner Opfer, die Caldwell für sein Ritual benötigt hatte. Sie waren mir zutiefst verdächtig, und ich hatte das starke Bedürfnis, diesen Kreis, der mir so böse vorkam, zu unterbrechen. Also nahm ich eine der Urnen weg. Oder besser, ich wollte. Als ich danach griff, wurde das Geraschel aus dem Dickicht wieder stärker, oder vielleicht wurde mir auch jetzt erst wieder genauer bewusst. Jedenfalls flog plötzlich ein Ast aus dem Unterholz und traf mich an der Schulter – genau der Schulter, die ich mir zuvor in dem alten Lagerhaus geprellt hatte. Was die Verletzung nicht besser machte. Au. Verdammt.

Außerdem wurden jetzt immer mehr Äste und Zweige und Erdklumpen und Steine aus dem Gebüsch nach uns geworfen. Noch konnten wir dem Geschosshagel zwar größtenteils ausweichen, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis uns etwas gefährlich erwischte.

Alex sandte seine Eleggua-gegebenen Sinne aus und stellte fest, dass die Geister der ermordeten Frauen sich im Gebüsch herumtrieben; vermutlich hatten ihre Herzen sie hierher gezogen. Und sie waren alle zu Poltergeistern geworden. Allesamt. Auch Tessa. Somit hatte sie die Unterbrechung des Rituals wohl genauso wenig überlebt wie Caldwell. Die Arme – aber es war besser so…

Dank seiner Fähigkeiten war Alex eigentlich in der Lage, die Geister ins Jenseits zu befördern, und die Gefäße mit den Herzen gleich mit. Aber er wusste, wenn er jetzt ein Tor öffnen würde, dann käme er auf dieselbe Ebene wie die Poltergeister und könnte von ihnen physisch angegriffen werden, statt dass sie ihn nur mit Dingen bewerfen konnten wie uns andere auch. Deswegen zog Edward erst einen weiteren Kreis um Alex und die Herzen, um unseren Freund vor den Poltergeistern zu schützen.

Dann öffnete Alex sein Tor. Für uns sah das so aus, als würde er kurz verschwinden, als er auf die andere Ebene wechselte. Schon nach wenigen Herzschlägen wurde er wieder sichtbar, aber die Gefäße mit den Herzen waren verschwunden, und Caldwells Leiche gleich mit. Und der Beschuss aus dem Unterholz hörte natürlich auch auf.

Also, wir haben überlebt. Der Serienmörder ist gestoppt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht… Tja. Niemand weiß so recht, was aus dem SID werden wird. Mit Lieutenant Book waren sie ohnehin schon immer nur zu fünft, und jetzt ist Caldwell tot, seine Leiche auf unerklärliche Weise verschwunden, und Detective Townsend wird bestimmt für eine ganze Zeit lang dienstunfähig geschrieben bleiben nach diesem Trauma. Aber vielleicht bedeutet das ja, dass sie jetzt wenigstens Edwards und Henrys Suspendierung schneller aufheben, weil sie den Laden sonst gleich ganz dichtmachen können.

Und die andere schlechte Nachricht: Camerone Raith treibt immer noch als Geist ihr Unwesen. Und selbst wenn der Herzschlag, den Alex die ganze Zeit gehört hatte, seit der Unterbrechung des Rituals immer schwächer geworden ist, hält es doch immer noch an, die Grenzen sind immer noch dünn, und Halloween steht vor der Tür… Mierda.

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Timberwere

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